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Nachhaltige Mode: Mit diesen Tipps finden Sie sich im Fairtrade-Dschungel zurecht

Umweltsiegel, Second Hand und Capsule Wardrobe: Fairtrade-Mode kann überfordern. Dabei helfen schon kleine Tricks beim nachhaltigen Kleiderschrank.

Wie viele Kleidungsstücke besitze ich eigentlich? Diese Frage stellte ich mir vor ein paar Wochen, als ich mit der frisch gefalteten Wäsche vor meiner Kommode stand und erfolglos versuchte, alle Klamotten darin zu verstauen. Egal, wie sehr ich versuchte, zu quetschen und zu puzzeln: Meine Kommode ging nicht mehr zu. Der Stapel mit Pullis passte einfach nicht hinein.

5,8 Millionen Tonnen Kleidung landen im Müll

Etwa 60 neue Kleidungsstücke kaufen wir hierzulande jährlich, sagt die Umweltorganisation Greenpeace. Ich würde mich in Sachen Kleidung eigentlich als eher sparsam bezeichnen, und trotzdem haben sich in meinem Schrank 116 Teile angesammelt, von denen ich die Hälfte im letzten Jahr nicht einmal getragen habe. Nimmt man Socken und Unterwäsche dazu, wird die Zahl noch viel größer. 5,8 Millionen Tonnen Kleidung landen in Europa im Müll – pro Jahr. Nur ein kleiner Teil davon wird recycelt, weil die Fasern für die Wiederaufbereitung nicht geeignet sind oder die Kleidungsstücke aus Fasergemischen bestehen, die sich nicht sauber voneinander trennen lassen. Das meiste landet deshalb auf der Müllkippe oder wird verbrannt.

Wie genau es in der Fashion-Industrie aussieht, habe ich bei Sandra Dusch Silva erfragt. Sie ist Expertin für nachhaltige Lieferketten bei der Christlichen Initiative Romero (CIR), einem Verein, der sich mit Kampagnen- und Bildungsarbeit für ein gerechtes Wirtschaftssystem engagiert. Die Zahlen sind gigantisch: Die Fashion-Industrie verbraucht weltweit pro Jahr 98 Millionen Tonnen Erdöl, 79 Milliarden Kubikmeter Wasser – etwa anderthalb Mal so viel, wie der Bodensee fasst – und stößt fast 1.500 Tonnen CO2 aus. Zudem werden mehrere Millionen Tonnen umweltschädlicher Materialien produziert.

Die Angestellten seien diesen Chemikalien oft ohne ausreichende Schutzkleidung ausgesetzt, ihre Löhne reichten kaum zur Existenzsicherung und wer sich für bessere Arbeitsbedingungen in Gewerkschaften organisieren wolle, verlöre leicht seinen Job, erzählt Sandra Dusch Silva. Und in der Coronazeit habe sich diese Situation noch verschärft: „Es zeichnet sich ab, dass viele während der Pandemie dort nicht arbeiten konnten und damit auch nicht entlohnt wurden. Das hat die ökonomische Abhängigkeit noch verstärkt – die Schere zwischen Arm und Reich geht so global immer weiter auseinander.“

Welches Nachhaltigkeitssiegel ist passend?

Wenn ich das so höre, vergeht mir die Lust auf neue Kleidung. Aber gar nichts zu kaufen, ist natürlich keine Lösung, schließlich sind Kleidungsstücke Verbrauchsgegenstände – irgendwann gehen sie kaputt und müssen ersetzt werden. Auch wenn das bei meiner vollen Kommode womöglich noch ein Weilchen dauert. Was aber kann ich tun, um meinen Kauf möglichst nachhaltig zu gestalten? Weil ich als Endverbraucherin kaum selbst herausfinden kann, wo und wie Kleidung produziert wurde, sind Siegel eine gute Hilfe. Sie werden von Prüforganisationen vergeben, die die Herstellungsbedingungen der Kleidung überwachen.

Meist konzentriert sich ein Siegel nur auf einen Aspekt der Herstellung, zum Beispiel die Herkunft der Rohstoffe oder die faire Bezahlung. „Ein Siegel bedeutet nicht, dass es gar keine Probleme mehr in der Wertschöpfungskette gibt“, sagt Sandra Dusch Silva, „aber es stellt sicher, dass einige soziale oder ökologische Knackpunkte angegangen werden und dort nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht wird.“ Deshalb hält sie Siegel grundsätzlich für einen guten Hinweis auf fairere Mode. Allerdings gibt es viele verschiedene und nicht alle sind gleich aussagekräftig.

„Einige Unternehmen setzen sie ein, haben aber nicht wirklich ein Interesse an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen im globalen Süden“, gibt Sandra Dusch Silva zu bedenken. Manchmal gehe es nur darum, Imageschäden zu reduzieren oder den Ruf aufzuhübschen. „Da fließt dann viel Geld, aber am Ende verspricht so ein Siegel dann nur die Einhaltung nationaler Gesetze – was ja eigentlich ohnehin Standard sein sollte“, findet sie und gibt mir ein paar Tipps mit auf den Weg, woran ich gute Siegel erkenne. Um einen Blick auf die jeweiligen Webseiten komme ich nicht herum: „Wichtig ist die Transparenz. Wenn mir nicht gesagt wird, wie man die Einhaltung der Kriterien überprüft und durch wen, dann sollte man das Siegel mit Vorsicht genießen.“ Außerdem sei die Frage wichtig: Wer setzt den Standard, den das Siegel vorgibt? Wer trifft die Entscheidungen dafür?

Webseiten helfen bei der Siegel-Suche

Sandra Dusch Silva wirbt für Siegel-Initiativen, bei denen verschiedene Akteure mit am Tisch sitzen und Probleme in der Wertschöpfungskette aus verschiedenen Perspektiven angehen. Auf Webseiten wie siegelklarheit.de und labelchecker.org werden die wichtigsten Siegel erklärt und eingeordnet. Dort kann man auch nach bestimmten Initiativen suchen.

Wer sich neben den Siegeln für die allgemeine Nachhaltigkeitsbilanz einzelner Modemarken interessiert, kann einen Blick auf das Projekt „Good on You” werfen: Dort werden Marken aufgrund ihrer ökologischen und sozialen Produktionsbedingungen bewertet. Die zugehörige App funktioniert gut, um im Laden kurz einzelne Marken abzuchecken. Allerdings stammt sie aus den USA, die erklärenden Texte gibt es nur auf Englisch und nicht jede deutsche Marke findet sich dort. Ein Angebot zum Checken der Löhne ist fashionchecker.org. Dort wird erklärt, welche Bekleidungsunternehmen existenzsichernde Löhne zahlen und wo produziert wird. Auch wer nach fair produzierenden Marken sucht, wird auf diesen Seiten fündig.

Wie sinnvoll ist der „Grüne Knopf“?

Schon lange haben Umweltorganisationen die Einführung eines umfassenden Siegels gefordert. Mit dem „Grünen Knopf” existiert nun seit zwei Jahren das erste staatliche deutsche Textilsiegel, das sowohl Unternehmen als auch deren Produkte auf ihre soziale und ökologische Nachhaltigkeit überprüft. Allerdings gibt es auch Kritik: „Der Grüne Knopf ist nicht weitreichend genug“, findet Sandra Dusch Silva. „Zum Beispiel werden existenzsichernde Löhne und das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen nicht aktiv gefördert. Außerdem sind die Prüfverfahren viel zu intransparent – gerade bei einem staatlichen Siegel sollte es eigentlich das absolute Minimum sein, Kontrollberichte und Ähnliches zu veröffentlichen.“

Wie nachhaltig ist meine Jeans?

Neben Siegeln helfen auch ein paar Grundregeln beim Einkauf. Zum Beispiel sind natürliche Stoffe wie Baumwolle umweltfreundlicher als synthetische Materialien wie Polyester, bei denen sich beim Waschen Mikrofasern lösen und in den Wasserkreislauf gelangen. Aber auch Baumwolle ist nicht gleich Baumwolle: Genetisch veränderte Monokulturen gefährden die natürlichen Ökosysteme und brauchen deutlich mehr Wasser als Pflanzen aus biologischem Anbau. Deshalb ist Bio-Baumwolle immer die bessere Wahl.

Bei Jeansstoffen gilt die Faustregel: Je heller, desto schlechter. Denn für die Bleichvorgänge kommen häufig umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien zum Einsatz. Das gilt nicht für alle Marken, ist aber eine gute Orientierung für Jeansartikel, bei denen über die Herkunft nicht viel bekannt ist.

Diese Regeln helfen beim Kleiderkauf

Ganz grundlegend muss sich aber vor allem unsere Einstellung zu Kleidung ändern. Denn egal, ob bio oder nicht, ausgebeutet oder fair bezahlt: Die Masse an Kleidung, die wir konsumieren, ist einfach zu groß. Unser Planet ist überfordert mit den Ressourcen, die wir für unseren aktuellen Lebensstil verbrauchen und dem Müll, den wir hinterlassen. Deshalb sollten wir einen anderen Weg einschlagen, weg von Fast Fashion und hin zu einem bewussteren Modekonsum. Ein erster Schritt könnte zum Beispiel sein: keine Impulskäufe mehr. Bevor ein Teil an der Kasse landet, stelle ich mir die Fragen: Brauche ich das wirklich? Welchen Mehrwert bringt es in meinen Kleiderschrank? Welches Kleidungsstück erfüllt die Rolle dieses Neuzugangs momentan? Manchmal hilft es auch, den Laden nach der Anprobe wieder zu verlassen und erst später zurückzukommen und über den Kauf zu entscheiden. Oder – wie beim Wocheneinkauf im Supermarkt – vorher festzulegen, was ich eigentlich brauche und mich dann von Schnäppchen und Trends nicht beirren zu lassen.

Ein beliebtes Konzept ist die sogenannte „Capsule Wardrobe“. Die Londoner Boutiquenbesitzerin Susie Faux prägte den Begriff in den 1970er Jahren, als sie einige klassische Basics zusammenstellte, die bewusst zeitlos gehalten waren und mit einigen jahreszeitlichen Stücken ergänzt werden konnten. Heute suchen sich viele für eine bestimmte Zeit aus ihrer eigenen Kleidung eine Anzahl an Teilen aus, die sich gut kombinieren lassen. Die restliche Kleidung wird für diese Zeit weggepackt. Die christliche Social Media Managerin und Sinnfluencerin Larissa McMahon organisiert ihre Garderobe schon seit mehreren Jahren auf diese Weise. Sie findet, dieser bewusste Minimalismus kann das eigene Verhältnis zu Mode verändern: „Eine Capsule Wardrobe kann helfen, den eigenen Stil zu finden und entspannter mit Kleidung umzugehen.“ Sie hat gute Erfahrungen damit gemacht, ein Board bei Pinterest anzulegen und dort Kleidungsstücke zu pinnen, die ihr gefallen. „Daran konnte ich meinen eigenen Stil ganz klar erkennen und daran orientiere ich mich nun. Denn auch, wenn ich das ein oder andere Trendteil toll finde, oder den Stil von anderen, fühle ich mich doch in meinem Stil am wohlsten. Und das sind die Kleidungsstücke, die wir am Ende wirklich tragen.“

Wo kann ich nachhaltig einkaufen?

Soll der Kleiderschrank aber doch mal erweitert werden, lassen sich Jeans oder T-Shirts sehr gut in Second-Hand-Läden, über Ebay oder die Plattform vinted.de finden. Je länger Kleidung getragen wird, umso besser, denn das spart Material, Wasser und Energie. Dass gebrauchte Stücke meist auch günstiger sind, ist da ein netter Nebeneffekt.

Durch unsere Kaufentscheidungen nehmen wir Einfluss darauf, dass sich in der Modeindustrie etwas wandelt: Wenn Billigmodemarken auf ihren Klamotten sitzenbleiben, müssen sie etwas ändern. Häufig haben nachhaltig produzierte Kleidungsstücke aber ein großes Manko: Sie kosten deutlich mehr als die Konkurrenzprodukte aus der Fast-Fashion-Industrie. Nicht für alle ist es eine Option, 40 Euro für ein T-Shirt oder 120 Euro für eine Jeans auszugeben. Deshalb muss das langfristige Ziel sein, faire Kleidung zum normalen Standard und damit für alle zugänglich zu machen. T-Shirts für zwei und Hosen für acht Euro werden aber zu umweltverträglichen Bedingungen und fairen Löhnen nicht zu machen sein.

Diese Schwachstellen hat das Lieferkettengesetz

Die Arbeit in den Nähereien der Kleidungsindustrie bildet für einen Großteil der Bevölkerung von Bangladesch und benachbarten Ländern die Lebensgrundlage. Gleiches gilt für diejenigen, die auf den Baumwollfarmen schuften, Garne spinnen, Stoffe färben und Reißverschlüsse einsetzen. All diese Menschen sind auf eine sozial und ökologisch faire und vor allem transparente Lieferkette angewiesen. Mit dem neuen Lieferkettengesetz ist dafür ein erster Grundstein gelegt. In den Augen von Sandra Dusch Silva hat das Gesetz allerdings noch erhebliche Schwachstellen. „Es ist toll, dass Unternehmen jetzt für Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung in gewissem Maße haftbar gemacht werden können, dass das jetzt kein gesetzesfreier wilder Westen mehr ist. Allerdings hat die Wirtschaft dafür gesorgt, dass es Abschwächungen gibt, zum Beispiel Ausnahmeregelungen bei Sorgfaltspflichten. Deshalb greift das Gesetz am Ende nicht weit genug.“

Die Entscheidungen zum Lieferkettengesetz haben gezeigt, dass der Einsatz vieler Initiativen und Einzelpersonen gewirkt hat, aber auch, dass der Druck auf die Wirtschaft größer werden muss. Kritische Nachfragen an der Kasse oder – noch besser – in einem Brief ans Unternehmen machen klar, dass Produktionsbedingungen für uns als Kunden und Kundinnen ein wichtiges Thema sind. „Von Betriebsräten aus größeren Modeunternehmen bekommen wir die Rückmeldung, dass solche Fragen nochmal auf einer ganz anderen Ebene auf das Unternehmen wirken“, sagt Sandra Dusch Silva.

Außerdem gibt es immer wieder Aktionen, um auf Probleme in der Kleidungsindustrie aufmerksam zu machen, zum Beispiel von der Kampagne für saubere Kleidung. Der oder dem Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises zu schreiben, ist zum Beispiel ein leichter Weg, Anliegen direkt in die tagesaktuelle Politik einzubringen. Auf jeden Fall gilt: hartnäckig bleiben. Die Modeindustrie ist riesig und die aktuellen Profiteure haben kaum Gründe, ihr Verhalten zu ändern. Deshalb müssen wir unsere Chance nutzen, ihnen diese Gründe zu liefern. Und Sandra Dusch Silva ermutigt, auch das eigene Umfeld für das Thema zu sensibilisieren – durch Gespräche oder auch Aktionen wie eine Kleidertauschparty, bei der alle ausrangierte Kleidung mitbringen, tauschen und über Probleme der Modeindustrie nachdenken – und darüber, wie sie nachhaltiger werden kann.

Marie Gundlach studiert Wissenschaftsjournalismus in Dortmund und liebt Second-Hand-Onlineshopping.

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Kommentar: Paradoxe Querdenker – Die Demokratie ist nicht in Gefahr

Jetzt das Ende der Demokratie zu verkünden, ist absurd. Trotzdem dürfen wir gegen Entscheidungen aufbegehren, sagt Uwe Heimowski, politischer Beauftragter der Evangelischen Allianz im Bundestag.

Mein Berliner Büro als politischer Beauftragter der Evangelischen Allianz in Deutschland hat eine exponierte Lage. Unser direkter Nachbar ist die US-Botschaft, wir sind knapp drei Minuten vom Brandenburger Tor und fünf Minuten vom Reichstagsgebäude entfernt. Wir arbeiten direkt am Puls der Republik, könnte man sagen.

Wenn in der Bundeshauptstadt demonstriert wird, sitzen wir buchstäblich in der ersten Reihe. Und demonstriert wird fast immer. Seien es stille Mahnwachen, bei denen Lebenslichter an die Opfer der Staatsgewalt in Belarus erinnern. Oder seien es große Demonstrationszüge wie der von Fridays for Future im Herbst 2019, bei dem Zehntausende vor allem junge Menschen mehrere Stunden friedlich die Straße unter unserem Fenster entlangliefen.

Querdenker vor der Haustüre

Auch die Querdenker demonstrierten rund um das Regierungsviertel. Ich musste nur zur Tür hinaustreten, um mir ein eigenes Bild zu machen. Das tat ich bei einigen Gelegenheiten (als einer von wenigen, die einen Mundschutz trugen, was mir eine Reihe spitzer Bemerkungen eintrug). Über die Querdenker-Demos wurde viel berichtet. Die Bilder von Aktivisten, die mit Reichskriegsflaggen in den Händen die Treppenstufen zum Reichstagsgebäude hinaufstürmten, gingen um die Welt. Ein unvergleichlicher Vorgang in unserer jüngeren Geschichte.

Manche wiegeln ab: Es sei nur eine Handvoll Leute gewesen, und zu wirklicher Gewalt ist es nicht gekommen. Ich war vor Ort an diesem Wochenende. Mein Eindruck: Es gab Tausende friedliche Demonstranten. Einige schräge Vögel sicher, ein paar Sektierer, die meisten waren ziemlich ungefährlich. Aber: Die Reichstagsstürmer waren nur der Gipfel des Eisbergs. Viele fragwürdige Gestalten tummelten sich gemeinsam mit friedlichen Kritikern der Corona-Maßnahmen auf den Straßen. Ich sah Ehepaare in QAnon-Shirts und kahlrasierte Männer mit spärlich verborgenen Runentattoos. Ich hörte einen Mann in sein Megafon brüllen, dass es den Abgeordneten „jetzt endlich an den Kragen“ gehe. Plakate sprachen der Bundesrepublik ihr Existenzrecht ab. Mehrere Redner behaupteten, die Meinungsfreiheit sei in Deutschland faktisch abgeschafft. Andere sprachen von „Corona-Diktatur“.

Die Demonstration ist Beweis für die Demokratie

Ironischerweise geschah das alles auf einer durch das Demonstrationsrecht geschützten Veranstaltung. Das Verwaltungsgericht hatte noch am Vortag entschieden, dass der Berliner Senat die Demo nicht verbieten dürfe. Den offensichtlichen Widerspruch nahmen die Querdenker nicht wahr: In welcher Diktatur wäre es möglich gewesen, dass ein Gericht gegen die Regierung entscheidet? Damit singen gerade die Verächter der Demokratie, ohne es zu merken, unserem Rechtstaat ein (paradoxes) Loblied.

Tief eingeprägt hat sich mir ein Interview aus dem Jahr 2014. Eine griechische Boulevardzeitung hatte eine Karikatur veröffentlicht, in welcher die Kanzlerin eine Armbinde mit einem Hakenkreuz trug. Darauf angesprochen antwortete Merkel sinngemäß: „Wissen Sie, ich komme aus der ehemaligen DDR, Sie können sich gar nicht vorstellen, was es mir bedeutet, dass wir heute Meinungsfreiheit haben. Da gehören solche Karikaturen wohl mit dazu.“

Paradoxe Populisten

Populisten (von lateinisch populus, das Volk) betonen oft: Demokratie ist die Herrschaft des Volkes. Das ist in der Tat ein wesentlicher Aspekt! Nur: Sie, die Populisten, geben vor, im Namen dieses Volkes zu sprechen. Was für eine Hybris, für die eigene Position eine angebliche (schweigende) Mehrheit zu reklamieren! Und: Demokratie ist viel mehr als nur „Volksherrschaft“.

„Wir sind das Volk“ war 1989 der richtige Ruf auf den Straßen in Leipzig oder Plauen. Er erinnerte die Führung eines Unrechtsstaat an die (Freiheits-)Rechte der Bürger. Dass ich eine solche friedliche Revolution (wenn auch aus Westperspektive) miterleben durfte, wird mich mein Leben lang zum Staunen bringen. Umso mehr erschüttert mich, wenn Menschen heute beklagen, dass die Zustände schlimmer seien „als in der DDR oder in Kuba“.

Zum Glück ein Rechtsstaat

Das Wesensmerkmal einer modernen Demokratie ist eine starke Verfassung, eine Demokratie ist nicht nur ein Mehrheits-, sondern vor allem ein Rechtsstaat. Eine Volksherrschaft ohne die Basis des Rechts wäre Anarchie oder „Demokratur“ – die dann zu einer Diktatur führen kann. Das haben wir Deutschen in unserer Geschichte leidvoll erfahren müssen, als die Weimarer Verfassung von Adolf Hitler mit „demokratischen“ Mitteln ausgehebelt wurde. In jüngster Vergangenheit haben wir das beim „arabischen Frühling“ gesehen, der so hoffnungsvoll begann, und dann etwa in Ägypten die Muslimbruderschaft an die Macht gespült hat.

Rechtstaatlichkeit ist zentral für Demokratien. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland spiegelt sich die Erfahrung der Naziherrschaft. Gleich zu Beginn schließt es aus, dass es in Zukunft wieder eine überlegene „Rasse“ geben dürfe, Menschenrechte gelten allen. Danach wird die Verantwortung für den Frieden in der Welt betont: „(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ (Grundgesetz, Artikel 1). Ähnlich sind andere Europäische Verfassungen aufgebaut, etwa in Österreich und der Schweiz: Die Freiheitsrechte des Einzelnen werden gesichert, das schließt die Verantwortung für das Ganze der eigenen Gesellschaft und der übrigen Welt mit ein. Die Rechte des Einzelnen erreichen da ihre Grenze, wo sie die Rechte eines anderen einschränken.

Demokratie muss wehrhaft sein

Auf dieser Rechtsgrundlage fußt die Demokratie. Sie bindet den einzelnen Bürger ebenso wie die Regierungen. Wo eine Regierung gegen die eigene Verfassung verstößt, hat der Bürger das Recht, dagegen aufzubegehren. Um es mit einem alten Graffiti-Spruch zu sagen: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Wenn der Staat Menschenrechte verletzt, dann gilt es dem Gewissen zu folgen, und sich dem Staat zu widersetzen.

Aber ist das die heutige Situation? Die Querdenker dürfen ihre Inhalte verbreiten, sie dürfen für Veranstaltungen werben und Demonstrationen anmelden. Das ist ihr demokratisches Recht. Wenn auf der Demo aber Menschen gefährdet sind, weil Auflagen zum Gesundheitsschutz nicht eingehalten werden oder wenn zu Gewalt aufgerufen wird, dann muss die Versammlung aufgehoben werden. Das ist nicht etwa ein Angriff auf die Demokratie selbst, sondern ein Ausdruck davon, dass die Demokratie auch wehrhaft sein muss und sein kann. Es geht in diesen Zeiten um nicht weniger als um die Demokratie selbst. Wir müssen sie verteidigen gegen ihre Verächter.

Es braucht Vertrauen in die Demokratie

Dafür müssen wir der Demokratie vertrauen. Vertrauen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Vertrauen setzt Mut frei. Gerade in einer Krise. Als Vertreter der Evangelischen Allianz behaupte ich außerdem, dass gerade Christen angehalten sind, als verantwortliche Bürger alles zu tun, um das Vertrauen in unsere Verfassungs-Demokratie zu stärken. Gerade jetzt gilt es, unsere Institutionen zu stärken, die unabhängige Justiz und die Leitmedien zu unterstützen, statt sie abzuwerten.

Dazu gehört natürlich, dass wir uns kritisch zu Wort melden. Demokraten sind eben gerade keine Schlafschafe. Als politischer Beauftragter der Evangelischen Allianz habe ich in der Pandemie früh darauf hingewiesen, dass eine Einschränkung der Versammlungsfreiheit (und damit der Religionsausübungsfreiheit) immer nur vorübergehend sein darf. Ich habe an die einsamen alten Menschen in Pflegeheimen erinnert, auf die Missstände in Schulen und Universitäten hingewiesen, die Korruptionsaffäre um Schutzmasken öffentlich angeprangert – gerade weil ich nicht bereit bin zu resignieren, sondern dieser Demokratie so sehr vertraue, dass ich mich an ihr beteilige.

Nicht beim allgemeinen Politiker-Bashing mitspielen

Genauso gilt es, denen entgegenzutreten, die mit einfachen Parolen versuchen, die Regierenden in ein falsches Licht zu stellen, den Staat und seine Organe zu schwächen und das Recht umzudeuten. Es gilt Fake-News zu entlarven und nicht beim allgemeinen Politiker-Bashing mitzuspielen. Wenn wir kritisieren, dann nicht pauschal, sondern konkret, konstruktiv und ohne persönliche Angriffe.

Ein Beispiel: Eine Politikerin hat ihren Lebenslauf ungenau veröffentlicht und den Bezug von Weihnachtsgeld zu spät dem Bundestag gemeldet. Das sind Fehler. Es ist richtig, sie als solche zu benennen. Man kann auch über einen Rücktritt diskutieren (den ich persönlich nicht für angemessen hielte). Populistisch ist, nun Halbwahrheiten in die Welt zu setzen und die Politikerin persönlich anzugreifen. Das hat mit einem politischen Diskurs nicht das Geringste zu tun. Es ist menschenverachtend und demokratiefeindlich. Als Christ möchte ich mich daran nicht beteiligen.

Etwas anders ist die Situation bei Parlamentariern, die über ihre Firmen mehrere Hunderttausend Euro an Provisionen für Corona-Schutzmasken eingestrichen haben. Angesichts der Schwere der Vorwürfe waren Rücktritte notwendig. Strafrechtliches Fehlverhalten und auch die Vorteilsnahme von Politikern dürfen nicht folgenlos bleiben. Doch auch in diesem Fall schießen persönliche Beleidigungen über das Ziel hinaus.

Demokratie heißt mitgestalten

Demokratie lebt vor allem davon, dass wir sie (mit-)gestalten. Dafür gibt es unzählige Möglichkeiten (um die uns übrigens viele Menschen rund um den Erdball beneiden). Wir können an Debatten teilnehmen, in den neuen Medien oder mit dem „altmodischen“ Leserbrief. Wir können im sogenannten „vorpolitischen Raum“ als Elternsprecher und in Vereinen aktiv werden. Wir können in Parteien eintreten und allein schon durch unsere Mitgliedschaft ein Zeichen setzen. Und wem es möglich ist, der kann dort Inhalte prägen und dafür arbeiten, dass uns Meinungsfreiheit, Recht und Gerechtigkeit erhalten bleiben.

In unserer Gesellschaft ist das möglich. In Freiheit. Wir alle sind am Puls der Demokratie. Ein Hoch auf uns. Nutzen wir die Chancen.

Uwe Heimowski ist Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz am Sitz des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung in Berlin.

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Ein Kraftwerk im eigenen Haus? Ingenieur erzählt, wie das geht

Heizöl ist zu kostbar, um damit nur zu heizen, fand Tom Schmieder vor 15 Jahren – und lässt seither sein kleines Kraftwerk im Keller gleichzeitig Strom und Wärme produzieren.

Wer ein neues, innovatives Haus baut, braucht auch eine neue, innovative, klimafreundliche Heizanlage. Das war mein Grundgedanke damals. Ich entschied mich für ein Mini-Blockheizkraftwerk (BHKW) und habe gute Erfahrungen gemacht: Immer hatte ich eine optimale effiziente Brennstoffnutzung, Wärme und eine Stromausbeute, die meinen Strombedarf umweltfreundlich deckte.

Wie funktioniert ein Blockheizkraftwerk?

Ein BHKW ist eine Heizungsanlage, in der ein Motor einen elektrischen Generator antreibt. Wertvoller Brennstoff wie Gas oder Öl wird nicht nur in Wärme, sondern durch Kraft-Wärme-Kopplung in Wärme und Strom zugleich umgewandelt. Der Strom wird mit einem hohen Wirkungsgrad erzeugt und vorwiegend vor Ort verbraucht. Mit der (Ab-)Wärme wird die eigene Immobilie beheizt. BHKWs werden meist „wärmegeführt“ betrieben. Das heißt: Ist ein Wärmebedarf vorhanden, startet die Anlage und liefert Wärme und Strom. Denkbar wäre auch, allein mit einer Wärmepumpe ohne Kraft-Wärme-Kopplung zu heizen. Doch das hat den Nachteil, dass der dafür verwendete Strom beim jetzigen Energiemix überwiegend aus Kohle stammt und damit einen hohen CO2-Ausstoß verursacht. Auch in einem Kohlekraftwerk entsteht Abwärme. Doch die wird durch den Kühlturm des Kohlekraftwerks geblasen. Die Kraft-Wärme-Kopplung nutzt die Abwärme ideal vor Ort zum Heizen.

Mit welchen Brennstoffen arbeitet ein Blockheizkraftwerk?

Mini-Blockheizkraftwerke gibt es heute für verschiedene Brennstoffe. Aus Klimasicht kommen vor allem Holz-Pellets, Pflanzenöl und Gas in Betracht.

Öl: Da es in meinem Baugebiet vor 15 Jahren keine Gasversorgung gab, entschied ich mich für einen Dieselmotor in Verbindung mit Heizöl. Ich plane gerade, ihn auf Pflanzenöl aufzurüsten. Das ist ein nachwachsender Rohstoff und gilt damit als CO2-neutral: Bei der Verbrennung wird so viel CO2 ausgestoßen, wie die Pflanzen beim Wachstum gespeichert haben. Zwar schmälern Dünger und Pestizide den Effekt und man kann darüber diskutieren, ob landwirtschaftliche Flächen für die Produktion von Kraftstoff genutzt werden sollten, aber unterm Strich erscheint es mir für meine ölbetriebene Anlage eine sinnvolle, weil klimafreundlichere Alternative zu sein.

Holz: Auch Holz-Pellets verbrennen CO2-neutral. Allerdings stößt eine Pellet-Heizung mehr Feinstaub aus als etwa eine Ölheizung. Zudem kann der Pellet-Bedarf nicht mehr durch Holzabfälle allein gedeckt werden und Wälder werden dafür abgeholzt. Wer sich für Holzpellets entscheidet, sollte deshalb auf Siegel wie den „Blauen Engel“ achten, die für eine nachhaltige Forstwirtschaft stehen.

Gas: Von den fossilen Brennstoffen ist Gas der effizienteste, deshalb gilt der Erdgasbetrieb als empfehlenswerte Überbrückungstechnologie.

Brennstoffzellen-Heizung wird gefördert

Besonders hervorheben muss man die Technik der Brennstoffzellen-Heizung, die stark gefördert wird und sehr umweltfreundlich ist. Brennstoffzellen werden entweder direkt mit Wasserstoff oder mit Erdgas betrieben. Bei der Verbrennung von Wasserstoff wird kein CO2 ausgestoßen, das Abfallprodukt ist Wasserdampf. Energieseitig erzeuge ich wie beim motorischen BHKW Strom und Wärme.

Wasserstoff kann man bis zu einem gewissen Prozentsatz (heute etwa zehn Prozent) auch dem Erdgasnetz zuführen. Wird der Wasserstoff mithilfe von Kohlenstoffdioxid zu Biomethan (sogenanntem „grünen Gas“) aufbereitet, kann es unbegrenzt ins Erdgasnetz eingespeist werden. Das Gas aus dem Erdgasnetz wird dann für die Variante motorisches BHKW (Otto-Motor) oder in der Brennstoffzelle verbrannt.

In jedem Fall ist es sinnvoll, die Kraft-Wärme-Kopplung eines BHKWs einzusetzen, um den wertvollen Brennstoff mit hohem Wirkungsgrad zu nutzen. Seit Anfang des Jahres gilt in Deutschland die CO2-Bepreisung. Pro Tonne CO2, die fossile Brennstoffe im Verbrauch verursachen werden, fallen derzeit 25 Euro an, bis 2025 soll der Preis auf 55 Euro steigen. Durch diese Mehrkosten werden die Weichen für die Art der Brennstoffnutzung neu gestellt.

Sparen beim Strom

Mini-BHKWs sind aus meiner Sicht eine gute Investition gegen steigende Energiekosten. Mit einer ergänzenden Akku-Anlage lassen sich die über den Tag verteilten Heizpausen, in denen kein Strom erzeugt wird, überbrücken. Diese Kombination bringt die größte Kosteneinsparung, weil einem als Selbsterzeuger der hohe Strompreis der Anbieter erspart bleibt. Die Stromausbeute ist für einen normalen Haushalt gut ausreichend.

Der Sommer-Strom-Bedarf kann natürlich über eine Fotovoltaik Anlage ergänzt werden, die selbstverständlich den gleichen Akku nutzt. So erreicht man über das Jahr betrachtet einen Autarkiegrad von rund 90 Prozent. Die letzten Prozente bezieht man sinnvollerweise vom Energieversorger, da es sich weder wirtschaftlich noch ökologisch lohnt, dafür einen größeren Akku anzuschaffen.

Anschaffung nie bereut

In meinen Augen sind BHKWs eine tolle Technik, die sich ökologisch auszahlt, weil Strom im Winter, wenn der Solarstrom rar ist, deutlich effizienter erzeugt wird. Der Wartungsaufwand ist zugegebenermaßen etwas höher als bei einer konventionellen Heizung, aber es kommt durch die Strom-Eigennutzung und -Einspeisung auch viel mehr rein.

Mein Resümee: Ich habe zu keinem Moment die Anschaffung meines Mini-BHKWs bereut. Es ist so ein gutes Gefühl, den wertvollen Brennstoff in der kalten Jahreszeit Kraft-Wärme-gekoppelt zu nutzen und damit einen Beitrag zur CO2-Minderung zu leisten.

Text: Tom Schmieder, ist Elektroingenieur, verheiratet und seit Jahrzehnten interessiert an regenerativen Energien und nachhaltiger Umwelttechnik.

Thomas und Mirjam Junginger, Foto: Privat

Nachhaltigkeit: Dieses Paar betreibt eine Foodsharing-Station im Keller

In ihrem NachhaltigkeitsNetzwerk wollen Mirjam und Thomas Junginger nicht nur Lebensmittel teilen, sondern auch Ideen und Know-How. 350 Kilogramm an Essen geben sie jede Woche ab.

Angefangen hat alles mit einer kleinen Frage im Bioladen: „Habt ihr Salat, der sich nicht mehr verkaufen lässt?“ Mirjam und Thomas Junginger suchten ihn ursprünglich als Futter für ihre Kaninchen und Hühner. Zum Salat bekamen sie nach und nach Heidelbeeren, Spargel und anderes, das sich nicht mehr verkaufen ließ. Einige Gespräche und Anfragen später stand die Familie mit Bergen von Obst und Gemüse da.

Foodsharing-Station im Keller

Zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel wandern jedes Jahr in Deutschlands Mülltonnen. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft stammen davon mehr als die Hälfte aus unseren privaten Haushalten. Aber auch im Handel wird eine halbe Million Tonnen vernichtet: Lebensmittel, die noch genießbar wären, sich aber nicht mehr verkaufen lassen – wie Gemüse und Obst mit Druckstellen, verpackte Lebensmittel mit ablaufendem Mindesthaltbarkeitsdatum oder scheinbaren Mängeln.

Solche Lebensmittel landen nun bei Thomas und Mirjam in einem kleinen Dorf in der Nähe von Stuttgart, in dem ich sie für ein Gespräch besuche. Als sie privat so viele Lebensmittel erhielten, dass sie mit dem Verarbeiten nicht mehr hinterherkamen, stolperten sie über die Internetplattform Foodsharing.de, über die mittlerweile 200.000 registrierte Ehrenamtliche noch genießbare Lebensmittel retten und verteilen. Jungingers fanden: Das ist die Lösung! 2016 schlossen sie sich der Foodsharing-Community an und aus ihrem kleinen Kellerraum wurde ein sogenannter Fairteiler. In diese Stationen können gerettete Lebensmittel gebracht und von allen kostenlos mitgenommen werden.

350 Kilogramm Essen pro Woche

Mittlerweile ist aus ihrem Fairteiler der „NetzwerkLaden“ geworden. Rund 350 Kilogramm Lebensmittel geben sie von dort pro Woche weiter. Dahinter steht zudem ein Netzwerk, das noch mehr will als Lebensmittel retten: „Wir wollen Menschen verbinden“, erzählt Thomas. „Nachhaltigkeit ist uns wichtig, aber es geht uns auch darum, mit dem Laden einen Raum zu schaffen, in dem Menschen sich begegnen können.“ Und auch ihr Glaube an Gott ist ihnen wichtig. So wichtig, dass sie letztendlich nicht mehr zur religions- und werteneutralen Foodsharing-Plattform passten. Hinter dem Konzept stehen sie nach wie vor, doch sie möchten auch über den Glauben ins Gespräch kommen. „Wir sind Christen, das ist unsere Motivation und das möchten wir auch kommunizieren“, sagt Mirjam.

Wer Teil der Gruppe ist, packt mit an

Neben dem Laden starten sie immer wieder verschiedene Aktionen, die die Menschen miteinander verbinden und auf das Thema Nachhaltigkeit aufmerksam machen. Es gibt Arbeits- und Ideengruppen, aber normalerweise auch ein monatliches Feierabendgrillen und Flohmärkte im April und Juni.

Das alles bedeutet eine Menge Arbeit: Lebensmittel müssen abgeholt, verarbeitet und sortiert, der Laden muss sauber gehalten werden. Deshalb gilt der Grundsatz: Alle helfen mit! Wer fester Teil des Netzwerkes ist und regelmäßig über Lebensmittellieferungen informiert werden will, ist auch Teil einer Arbeitsgruppe, die beispielsweise den Transport der Lebensmittel oder das Putzen übernimmt. „Manchmal sitzen wir auch zusammen und sortieren körbeweise Erdbeeren oder verarbeiten gerettete Lebensmittel“, erzählt Thomas. Arbeiten und Gemeinschaft, beides gehört hier zusammen.

Nachhaltigkeit heißt Wertschätzung

Nachhaltig leben kostet viel Zeit und bedeutet einen Mehraufwand, da sind sich Mirjam und Thomas einig – aber auch darin, dass es sich lohnt: „Nachhaltigkeit hat ganz viel mit dem Thema Wertschätzung zu tun“, meint Thomas. „Wir haben kein Verhältnis mehr zum Aufwand, der hinter den Dingen steckt.“ Es gehe darum, hinzuschauen und den Preis zu sehen, den andere Menschen und die Umwelt für unseren Konsum zahlen. Wir wollen heute alle Produkte möglichst billig und dauerhaft verfügbar haben. „Wenn man das wahrgenommen hat, kann man schrittweise nach einer Alternative suchen, die den Menschen und den Schöpfer in seiner Arbeit wertschätzt und damit auch ehrt“, sagt Thomas. Lebensmittel nicht einfach wegzuwerfen, sondern so gut es geht weiterzuverwenden, ist für ihn einer dieser praktischen Schritte.

Das Paar stößt an Grenzen

Eine besondere Idee waren ihre Monats-Challenges, die sie in einem Jahr angeboten haben. Was sie als kleine Familienaktion begonnen hatten, sprang aufs Netzwerk über: kleine Anregungen, von denen man sich jeweils einen Monat lang herausfordern lassen kann, nachhaltiger zu leben.

Dass Mirjam und Thomas dabei auch schnell an ihre Grenzen stoßen, geben sie gerne zu. Gerade auf Plastik und Verpackungsmüll zu verzichten, ist mit geretteten Lebensmitteln schwer. Aber das nehmen sie gelassen: „Wenn nur Nachhaltigkeit unser Ding, unsere Ideologie, wäre, würden wir an unseren Grenzen verzweifeln“, sagt Thomas. Immer wieder würden sie ihrem eigenen Maßstab nicht gerecht oder rutschten zurück in alte Gewohnheiten. Das kenne ich auch gut. Trotz aller vorbildlicher Vorsätze kaufe ich dann doch immer wieder mal billig und schnell ein, einfach aus Bequemlichkeit, obwohl ich weiß, dass Umwelt oder Menschen darunter leiden. Für Mirjam wird an dieser Stelle ihr Glaube lebendig: „Wir müssen uns für Rückschläge oder eigene Grenzen nicht selbst fertig machen, sondern können damit in aller Freiheit zu Gott kommen und sagen: Ich habe es nicht geschafft.“ Bei aller Motivation für den Einsatz im Alltag ist bei ihnen so auch ganz viel Platz für Gnade. Als ich am Mittag den Hof des Netzwerkladens verlasse, gehe ich voll bepackt und reich beschenkt: Gerettete Schokolade, eine Packung Feldsalat, eingemachte Ananas und selbst gebackenen Brotpudding packe ich in mein Auto. Außerdem nehme ich praktische Ideen und vor allem die Motivation mit, kleine Dinge nach und nach zu verändern.

Mirjam und Thomas vergleichen das Nachhaltigkeitsnetzwerk gerne mit einem Büfett: „Es deckt einen Tisch mit leckeren Ideen, die Lust machen auf Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Glaube!“ Alle packen sich auf den Teller, was sie möchten – und dann wird gemeinsam gegessen und gefeiert.

Anne Gorges ist Theologin, Schrebergärtnerin, Mama und Bloggerin (kleineweggedanken.de).

Zwei Vertreter des Yanesha-Volkes, das seit Jahrtausenden das Land bewohnt, aber nun mehrere Generationen lang verdrängt und versklavt wurde. Jens Bergmann und sein Verein Chance e. V. haben mit mehreren Yanesha-Gemeinschaften Kooperationen begonnen. Foto: Chance e. V.

Wie ein deutscher Verein den Regenwald und Indigene schützt

Der Verein Chance e. V. unterhält eines der größten privaten Naturschutzgebiete in Peru. Dort kämpft die Organisation gegen Monokulturen und die Ausrottung indigener Völker.

Wenn Jens Bergmann von seiner Reise in die südliche Amazonasregion Madre de Dios erzählt, hört man noch sein Entsetzen: „Es war so schrecklich, was wir dort gesehen haben. Ich war schon vorher dort gewesen und damals war es noch ein unberührter, artenreicher Teil Amazoniens – heute ist diese Gegend von mafiamäßig organisierten Goldgräbern völlig zerstört worden.“

Peru ist der größte Goldproduzent in Lateinamerika. Neben den legalen Minen sind hier schon seit Langem auch illegale Goldgräbertrupps am Werk. Mithilfe von hochgiftigem Quecksilber wird das Gold vom Gestein getrennt. Zurück bleiben vergiftete Schlammlöcher und abgeholzte Mondlandschaften, von denen sich die Ökosysteme ein Menschenleben lang nicht erholen werden. „Allein in dieser Gegend gibt es 20.000 Quadratkilometer quecksilberverseuchte Sandflächen, wo vor 15 Jahren noch Primärregenwald war“, erzählt Jens Bergmann, Gründer und erster Vorsitzender des Vereins Chance e. V. mit Sitz in Köln.

Waldhüter mit Satellitentechnik

Er und Elizabeth Luque, die Leiterin der peruanischen Partnerorganisation, waren 2013 in Peru unterwegs, um neue Einsatzmöglichkeiten für ihren Verein zu finden, den sie 2003 gegründet hatten. Nach dieser Reise beschlossen sie, sich in Amazonien für den Schutz von Regenwald zu engagieren und ließen sich fortbilden vom ehemaligen Leiter dreier großer Naturschutzgebiete.

Heute überwacht der Verein mit einer staatlichen Lizenz und 25 Mitarbeitenden wahrscheinlich das größte von einer christlichen Organisation betriebene Naturschutzgebiet der Welt. Mit Waldhütern, Kontrollposten und Satellitentechnik sichern sie ein 200 Quadratkilometer großes Gebiet vor Wilderern und Landräubern. Eine halb so große Fläche steht nochmals in Aussicht. „Mittlerweile haben wir eine sehr gute Arbeitsbeziehung zur Forstbehörde“, sagt Jens Bergmann. „Wenn sie von freien Flächen erfährt, weist sie uns darauf hin.“

20 Prozent des Landes soll Wildnis bleiben

Fast die gesamte Landesfläche in Peru ist konzessioniert: Der Staat bleibt immer Eigentümer, vergibt aber verschiedene Nutzungsrechte – für Erdöl, Erdgas, Tourismus, Bergbau, Landwirtschaft und auch für den Naturschutz. Mindestens zwanzig Prozent der Landesfläche will die Regierung auch langfristig als Wildnis erhalten. Zum Vergleich: In Deutschland sollen in Zukunft zwei Prozent unbewirtschaftet bleiben, nicht einmal das wird aber aktuell erreicht.

Damit eine Naturschutzkonzession beantragt werden kann, müssen Bedingungen erfüllt sein: Keine indigene Bevölkerung darf dort leben, kein Bergbau darf betrieben werden. Eine Konzession wird für vierzig Jahre übertragen und kann bei gutem Management verlängert werden.

Im Behördendschungel

Für die Antragstellung war viel Ausdauer erforderlich. Als Jens Bergmann und sein Verein von einem freien Stück Regenwald erfahren hatten, begannen zweieinhalb Jahre schwieriger Verhandlungen. Die Mitarbeitenden der Forstbehörde gelten als schlecht ausgebildet, sind fast immer unterbezahlt und nicht selten korrupt. Hinzu kommt in Peru ein Zuständigkeitswirrwarr: Gesetze und Verordnungen widersprechen sich mitunter, selbst die Mitarbeitenden steigen oft nicht durch. Nachdem der Verein den ersten Antrag mit allen Unterlagen und Unterschriften für die Naturschutzkonzession gestellt hatte, wurde ein neues Forstgesetz verabschiedet. Nun war zusätzlich ein Dekret des Staatspräsidenten notwendig und konnte erst nach dem Zusammenschluss mit anderen NGOs erwirkt werden. „Dann wurde plötzlich der Leiter der Behörde in einer Nacht- und Nebel-Aktion festgenommen, weil er Chef einer illegalen Holzmafia war“, erinnert sich Jens Bergmann, „und daraufhin lag der Antrag erstmal rum.“ Der Verein schaltete bekannte Umweltanwälte aus Lima ein. Sie arrangierten ein Treffen mit der Chefin der nationalen Forstbehörde, drohten mit juristischen Schritten – und erhielten zwei Tage später die unterzeichneten Verträge.

Die Regenwaldfläche wurde auf die peruanische Partnerorganisation übertragen und die Arbeiten konnten beginnen: Die Grenzen des Gebiets mussten markiert und Bestandsaufnahmen gemacht werden. Lokale Waldhüter wurden ausgebildet, Kontrollposten an den Zugangswegen eingerichtet. Überwacht wird alles von der gut finanzierten Kontrollbehörde der Forstbehörde.

Ananas in der Monokulturwüste

Im Süden grenzt das Regenwaldgebiet an das staatliche Waldschutzgebiet Pui Pui, auf der anderen Seite an ein kleineres privates Schutzgebiet. So beschirmen sie sich nicht nur gegenseitig, sondern vergrößern auch den biologischen Korridor für die Tier- und Pflanzenarten.

Im Norden und Nordwesten liegen zehn Walddörfer, die vom Kaffeeanbau leben. Jenseits dieses Grüngürtels beginnt die Ananaszone: Monokulturwüste, wo vor dreißig Jahren noch dichter Regenwald wuchs. Ananas brauchen Vollsonne und reagieren sehr empfindlich auf Schädlinge und Nährstoffmangel. Deshalb wird der Dschungel bis auf den nackten Boden brandgerodet, der Lebensraum der Pflanzen und Tiere vernichtet. Die endlosen Reihen stachliger Gewächse werden mit Kunstdünger vollgepumpt und mit Pestiziden behandelt, die durch die häufigen Regenfälle weggespült werden und das Trink- und Grundwasser der umliegenden Region vergiften. Gegen die Fruchtfliege werden sie zudem in weiße Plastikfolie verpackt. „Das sind apokalyptische Landschaften“, sagt Jens Bergmann.

Umso wichtiger ist es, mit den Kaffee-Kleinbauern zusammenzuarbeiten, ihnen den Wert des Regenwaldes zu zeigen und sie darin zu bestärken, ihn zu schützen. Ein eigener Kaffeespezialist des Vereins schult sie zudem in nachhaltigem und hochqualitativem Anbau von Bio-Kaffee, für den geringere Anbauflächen nötig sind und der dennoch ein höheres Einkommen erzielt als eine konventionelle Erzeugung.

Indigene Gemeinschaften drohen auszusterben

Gute Kontakte unterhält der Verein auch zu etlichen indigenen Gemeinschaften des Yanesha-Volkes, die rund 50 Kilometer entfernt leben. Nachdem sie Generationen lang vertrieben, entrechtet, vergewaltigt und versklavt worden sind, drohen Kultur und Sprache dieses Volkes nun auszusterben. Noch etwa 40 Gemeinschaften gibt es, nur in etwa zehn wird die Sprache noch an die Kinder weitergegeben. Manche Gemeinschaften sind dem Drogenhandel erlegen. Es gibt große Zerfallserscheinungen. Die Zusammenarbeit von Chance e. V. mit den indigenen Gemeinschaften unterscheidet sich mittlerweile von der Arbeit anderer NGOs. „Wir wollen indigene Gemeinschaften von innen stark machen“, erklärt Jens Bergmann, „also nicht Straßen, Schulen oder Spitäler bauen, sondern die Menschen begleiten, die in eine Welt geworfen sind, die sie gar nicht verstehen.“

Die Vereinten Nationen haben 2007 eine Erklärung über die Rechte indigener Völker verabschiedet, der sich Peru angeschlossen hat. Dazu gehört das Recht, eigene Institutionen, Kulturen und Traditionen zu bewahren und sich an allen Angelegenheiten, von denen sie betroffen sind, wirksam zu beteiligen. „Die Autonomie, die ihnen zugesprochen wird, ist erstaunlich groß. Die Regierung muss den indigenen Gemeinschaften beispielsweise zweisprachige Lehrer zur Verfügung stellen, tut das aber nicht“, erläutert Jens Bergmann.

Kampf für die Rechte der Indigenen

Doch eigene Rechte kann nur einfordern, wer sie kennt – nicht selbstverständlich für eine Kultur, die sich schon darin unterscheidet, dass sie nicht schriftbasiert ist. In diese Lücke springt der Verein durch Kooperationen mit jenen indigenen Gemeinschaften, die dafür offen sind. „Das ist eine komplizierte Arbeit, die langen Atem erfordert. Viele Workshops und Gespräche sind dafür nötig“, beschreibt Jens Bergmann. Sie feiern Feste der kulturellen Identität, veranstalten Kochwettbewerbe mit einheimischem Essen und starten Arbeitsgruppen, etwa zum Thema Schule oder Dorfgesetze. „Wir begleiten diese Gemeinschaften dabei, sich selbst eine politische Verfassung zu geben, um sich nach innen und außen zu definieren und zu festigen und ihre Rechte verteidigen zu können. Und wir geben viel Geld für Anwälte aus, die die Indigenen befähigen, ihre Territorialrechte zu verteidigen. Und in der zweiten Phase unserer Begleitung entwickelt jede Gemeinschaft für sich einen nachhaltigen Entwicklungsplan.“

Und da schließt sich der Kreis: Denn wenn die indigenen Gemeinschaften ihre Territorien schützen, verstärken sie damit auch den Schutz für die großen staatlichen Regenwaldgebiete, die an ihre Gebiete grenzen.

Mit Gott im Regenwald

In Deutschland ist der Verein eng mit Kirchen und Gemeinden aus ganz verschiedenen Richtungen verbunden, bietet Workshops und Predigten in Gottesdiensten an, etwa zum Thema „Schutz der Schöpfung in der Bibel“. „Unser christlicher Glaube steht im Zentrum unserer Motivation und auch unserer Identität als Organisation“, sagt Jens Bergmann. „Was unsere Methoden angeht, spielt das eine weniger große Rolle. Wenn ein Christ Mathelehrer ist, ändert sich der Matheunterricht dadurch nicht. Der muss einfach fachlich gut sein. Und so sehen wir das für unsere Arbeit auch.“

Durch spanische Missionarsmönche, die im Lauf der Kolonialgeschichte nach Peru kamen, und auch pfingstchristliche Missionare, die seit den 70er Jahren aktiv waren, sind viele Yanesha christlich geprägt. „Aber da wurde nicht immer das positive und im ganzheitlichen Sinne erlösende Potenzial gepredigt“, formuliert Jens Bergmann vorsichtig. „Wenn wir mit ihnen Gottesdienste feiern, versuchen wir, das ganz anders zu machen, stärker in ihrer Kultur verortet. Und man muss ja auch nicht zwingend Kirchen bauen, sondern kann im Wald Gottesdienst feiern – der wurde schon von Gott gemacht.“ Alles hängt zusammen: Das Bewusstsein für die Schöpfung, Bildung, Gemeinschaft und ein gelingendes Leben. „Wir versuchen, in unserem ganzen Arbeiten, die Adlerperspektive einzunehmen“, sagt Jens Bergmann deshalb. Es geht darum, dass Menschen innerlich gestärkt werden und Verantwortung übernehmen können für sich selbst, für ihre Familien und für einen intakten, geschützten Lebensraum, der wiederum die Grundlage ist für das Wohlergehen aller Menschen – nicht zuletzt von uns, auf der anderen Seite der Erdkugel.

Text: Anja Schäfer

Der Verein
Mit Freunden aus Deutschland und Peru gründete Jens Bergmann 2003 den Verein Chance e. V. Nach Projekten in Peru kamen 2010 Projekte in abgelegenen Maasai-Dörfern in Kenia hinzu. 2013 wurde die Arbeit in Peru nach Amazonien verlagert, um Regenwald und damit die Lebensgrundlage für Menschen und Dorfgemeinschaften zu schützen. Der Verein bietet die Möglichkeit, Waldpatenschaften zu übernehmen. Auch ein Patenkinderprogramm wurde aufgebaut, in dem die Kinder nicht nur praktisch unterstützt werden, sondern in Waldprojekten und bei Ausflügen lernen, soziale und ökologische Verantwortung zu übernehmen.
Infos:
mein-regenwald.de
chance-international.org
Der Kaffee aus der Region ist erhältlich über: kuuna-kaffee.de

Symbolbild: Getty Images / E+ / Bartosz Hadyniak

Großprojekt: „Afrikas grüne Mauer“ soll Fluchtursachen und Klimaerwärmung bekämpfen

Mitten in Afrika entsteht gerade ein riesiger Grünstreifen. Seine Wirkung wäre enorm. Das Projekt kommt jedoch nur schleppend vorwärts.

Quer durch den afrikanischen Kontinent soll über eine Länge von 8.000 Kilometern ein Grünstreifen durch die gesamte Sahelzone gepflanzt werden: die „Great Green Wall“, auf deutsch auch „Afrikas grüne Mauer“ genannt.

Perspektive für viele

2005 wurde das Projekt von der Afrikanischen Union beschlossen und elf Nationen starteten damit. Inzwischen ist die Unterstützung auf 21 afrikanische Staaten angewachsen, zusätzlich fördern es unter anderem Weltbank, UN und EU.

Wenn dieses Menschheitsprojekt verwirklicht wird, kommt es dem Klima des ganzen Planeten zu Gute. Vor allem aber soll es die Ausbreitung der Sahara nach Süden stoppen und damit den Verlust fruchtbarer Böden. Vor Ort entstehen Arbeitsplätze, Landwirtschaft wird möglich und die ganze Region stabilisiert. Rund 50 Prozent der Bevölkerung in der Sahelzone sind unter 15 Jahre alt. 60 Millionen von ihnen könnten laut Schätzungen bis 2045 aus mangelnder Zukunftsperspektive die Flucht nach Europa antreten. Viel besser wäre es, ihnen zu Hause eine Perspektive zu verschaffen. Aufforstung, Bodenverbesserung, Arbeitsplätze vor Ort sind dafür entscheidende Mittel.

Bisher ein Mosaik

Soweit die Vision. Oder der Traum? Denn die Erfolge sind bisher bescheiden. Gerade einmal 15 bis 20 Prozent der angedachten Fläche sind nach nunmehr 15 Jahren bepflanzt worden. Sichtbare Aufforstung gibt es bisher vor allem im Senegal, dem ganz im Westen am Atlantik gelegenen Start des gedachten gigantischen Grünstreifens. Grüner wird es zudem in Burkina Faso, Nigeria und in Äthiopien, das der Aufforstung politisch große Priorität einräumt. In anderen Staaten hindern unter anderem Terrorismus und Korruption die Fortschritte.

Verantwortliche sprechen daher zurzeit weniger von einer Mauer, sondern lieber von einem großen grünen Mosaik. Und das mag in der Verwirklichung einer großartigen Vision auch sinnvoll sein: An vielen verschiedenen Stellen das Machbare tun, damit es sich stabilisiert und entwickelt. Zudem könnte eine durchgehende Mauer an solchen Orten gar nicht sinnvoll sein, wo niemand lebt, der die Bäume pflegt. Diese und weitere Lernerfahrungen gehören auch zu einem Mammutprojekt wie diesem dazu.

Text: Johannes Fähndrich. Weitere Infos: greatgreenwall.org 

Symbolbild: Getty Images / The Image Bank / Joos Mind

Bio oder Fairtrade? Veronika verzweifelt beim nachhaltigen Einkauf

Für Veronika Smoor ist der Wocheneinkauf eine Qual. Denn die beste Lösung gibt es beim Thema Nachhaltigkeit oft nicht.

Gerade bricht im Obstgang die Welt eines Zweijährigen zusammen. Tim, so heißt er. Das erfahre ich aus der gepressten Stimme der Mutter: „Tim, nein, ich kaufe keine Ananas! Die kommt aus Südafrika. Das ist ganz schlecht für unser Klima.“ Tim ist nicht überzeugt und heult und schreit, was das Zeug hält. Die einheimischen Äpfel, mit der die Mutter ihn locken will, entschärfen die Situation keineswegs. Tim liegt nun auf dem Boden. Ich mache einen Bogen um ihn und lächle der Mutter aufmunternd zu. Es ist noch nicht lange her, da lagen meine Töchter auch auf Supermarktböden rum, weil ich ihnen gezuckertes Müsli verweigert hatte.

Wer ist wichtiger: Umwelt oder Bauer?

Auf meiner Einkaufsliste steht unter anderem: Bananen, Birnen, Salat, Zwiebeln und Möhren. Letztere gibt es in vier Variationen und die Wahl wird mich drei Minuten meines Lebens kosten: Bio, in Plastik verpackt. Die Krummen Dinger, nicht Bio, unverpackt. Möhren mit Möhrengrün, nicht bio, unverpackt. Konventionelle Möhren im Plastiksack. Letztendlich entscheide ich mich aus Mitleid für die Krummen Dinger. Niemand will euch, nur weil ihr etwas zu kurz oder lang geraten seid und die hier hat sogar zwei Beine. Wie niedlich. Kommt her zu Mama! 

Nun auf zu den Bananen, wobei ich wieder einen Bogen um Tim mache, der den Apfelstreik auf dem Boden fortführt. Ich widme mich dem Bananendilemma: Fairtrade-Banane in Plastik verpackt, unfaire Bio-Bananen unverpackt, konventionelle Bananen unverpackt. Ich wäge ab. Ist mir der Bauer in Lateinamerika wichtiger oder die Umwelt? Ich will mich für das kleinere Übel entscheiden, wenn ich nur wüsste, welches das ist. Am liebsten möchte ich mich schreiend neben Tim auf den Boden legen. Ich greife nach den Fair-Trade-Bananen. Die Zwiebeln lassen mich fast in Tränen ausbrechen, denn meine Lieblingssorte (rot, klein, süß) gibt es weder in Bio noch unverpackt. Die einzige Variante, die noch in Frage käme, sind die Zwiebeln eines Bio-Lebensmittel-Anbieters, deren Preis man mit Gold aufwiegen könnte. Seit wann sind Zwiebeln bitteschön Luxusartikel? Beim Salat und den Birnen gebe ich auf und greife nach plastikverpackter konventioneller Ware. Energisch schiebe ich den Wagen zum nächsten Schlachtfeld: der Wursttheke. Die inneren Gewissenskämpfe erspare ich dir an dieser Stelle. Es sei nur soviel gesagt: Ich habe heute viel Plastik gespart, aber dafür keine Bio-Wurst im Wagen.

Wir können es nie ganz richtig machen

An der Kasse treffe ich Tim und seine Mutter wieder. Seine Hand steckt in einer Tüte Erdnussflips, die er Richtung rotfleckiges, verquollenes Gesicht wandern lässt. Die Mutter hat im Snackgang kapitulieren müssen.

Sacht lege ich meine Einkäufe aufs Band und bin wie so oft unglücklich. So gerne würde ich bewusst einkaufen, dabei aber auch meinen Geldbeutel nicht überstrapazieren und mit einem Gefühl von moralischer Überlegenheit nach Hause fahren. Aber solange es noch keine verbindlichen Standards für Supermärkte hinsichtlich von Plastikvermeidung und Bioprodukten und Zweite-Wahl-Ware gibt, wird unserem Gewissen viel Flexibilität abverlangt. Wir können es momentan nie ganz richtig machen. Aber es ist die Annäherung, die so wichtig ist. Vielleicht können wir im Wechsel eine Woche lang Plastik vermeiden, in der anderen nur Bio kaufen? Und Supermarktketten mit Protestmails fluten! Oder wir steigen um auf die Ökokiste, welche bereits in vielen Regionen von Biohöfen angeboten wird.

Ein bisschen was möchte ich aber auch von Tims Mama lernen. Zu den einheimischen Äpfeln greifen und mir öfter mal die Bananen verkneifen.

Text: Veronika Smoor

Sarah mit einem der Hühner, Foto: privat

Sarah erzählt: So kann man Hühner in der Großstadt halten

Obwohl sie in Hamburg lebt, hat sich Sarah Keshtkaran Hühner zugelegt. Drei Dinge musste sie dabei allerdings erst lernen.

Letztes Jahr bin ich mit meinem Mann und unseren Kindern zu meinen Eltern nach Hamburg, in das Zuhause meiner Kindheit mit Garten gezogen. Dort hat mich direkt der Hühnerstall unserer Zwerghühner, die wir als Kinder hatten, angelacht. „Der steht doch leer“, dachte ich. Und jeden Tag ein paar Körner gegen ein paar Eier zu tauschen, hielt ich für einen guten Deal. Mitte des Jahres war auch die beste Zeit, um Junghennen zu bekommen, und so suchte ich auf Ebay-Kleinanzeigen nach ein paar hübschen Hennen für meinen Garten. Ohne zu ahnen, was für Herausforderungen, Glücksmomente und neue Erkenntnisse ich mir damit in mein Leben holte.

Wenig Ahnung, aber viel Euphorie

Ich sprach mit meiner (Groß-)Familie und brauchte etwas Überzeugungskraft für meinen Mann und sehr wenig für meine Eltern und Kinder. Mein Vater ließ es sich nicht nehmen, nach ein, zwei Hundeblicken meinerseits den Stall etwas herzurichten. Ich streute ein, fand alte Näpfe und fuhr mit den Kindern zu einer privaten Hühnerzüchterin. Ich hatte einen großen Umzugskarton und jede Menge Euphorie im Gepäck. Meine Kinder scheuchten aufgeregt die Hühnerherde hin und her und ich suchte die fünf hübschesten Hennen aus. Alles unterschiedliche Rassen. Ich hatte einfach noch zu wenig Ahnung und mein Sinn für Ästhetik machte auch vor dem Hühnerstall nicht halt: Sie sollten alle grau sein. (Für die Kenner unter uns: Heute weiß ich, dass ich mir zwei nicht reinrassige Grünleger, zwei deutsche Sperber, ein Vorwerk- und ein Königsbergerhuhn einhandelte.) Ich kaufte gleich noch einen Sack Futter dazu und schüttelte innerlich kurz den Kopf, als die Züchterin mir empfahl, den Hühnern Spielzeug zu kaufen. Körner gegen Eier, das war mein Deal.

Die Hühner zogen in ihren Stall ein und fanden abends auch gleich ihre Stange für die Nacht. Man empfiehlt nämlich, Hühner abends in den Stall zu bringen, nachdem es dunkel wird – so ist es weniger stressig für die nachts schlafenden Hennen. Am Morgen öffnete ich die Hühnerklappe und fünf wilde Junghennen stürmten in ihren Auslauf. Wild hackten sie aufeinander ein, sprangen sich an und gackerten wie verrückt. Nicht alle von ihnen hatten bisher einen Auslauf geteilt und so musste in den nächsten Wochen die Hackordnung festgelegt werden. Heute weiß ich: Hennen, die einen Hahn haben, kommen als Gesamtgruppe schneller zur Ruhe. Da steht der Chef schonmal fest.

Zwei wichtige Lektionen

Und dann hatte ich einige Lektionen zu lernen. Die erste lautete: Hühner sind Vögel. Und je nach Rasse fliegen sie mehr oder weniger hoch. Zwei meiner Hühner fliegen sehr hoch und alle fliegen höher als zur Zaunoberkante des Zwerghuhn-Geheges. Schnell sammelte ich die Hennen also aus den Gärten der Nachbarn wieder zusammen und suchte im Schuppen ein Netz, das ich über den Auslauf spannte.

Meine zweite Lektion: Bei Hühnern ist man am besten nicht schwach. Einige Tage nach der Ankunft begann Hennelore, das kleinste Huhn, zu humpeln. Zusätzlich wurde sie von den anderen Hennen so gehackt, dass sie nach wenigen Tagen nur noch traurig auf der Stange saß. Ich hatte gedacht, das wäre einfach Federvieh – aber nun kauerte da diese kleine hilflose Henne und schon schloss ich sie in mein Herz. Ich baute ihr einen eigenen Auslauf und päppelte sie mit Zusatzfutter auf. Sie hörte zwar nicht auf zu humpeln, war aber glücklich. Eines Tages sprang ein Hund gegen ihr Gehege und sie erschrak sich so sehr, dass ihre vermutlich zuvor ausgekugelte Hüfte wieder einrenkte. Allerdings blieb Hennelore so traumatisiert von ihren Artgenossen, dass sie panische Angst bekam, sobald ich sie ins gemeinsame Gehege setzte. Ich brachte sie also auf einen anderen Hof mit netteren Hühnern.

Doch noch Hühnerspielzeug

Durch Hennelore und den traurigen Abschied begann ich, die Hühner in mein Herz zu schließen. Ich lernte: Hühner haben Bedürfnisse und Persönlichkeiten. Ich konnte mir erst gar nicht erklären, warum meine hübschen Hennen Federn verloren, bis ich sah, dass sie sie gegenseitig aßen. Durch Federpicken zeigten mir die Hühner, dass es ihnen nicht gut ging. Also tat ich das, was ich unbedingt schon vor Anschaffung der Hühner hätte tun sollen: Ich las eine Menge über Rassen und Gehegegrößen, über Sandbäder, Futter und Tierwohl, über Hühnerglück und auch übers Federpicken. Daraufhin baute ich einen größeren Auslauf mit einem höheren Zaun, kaufte einen Hahn und Hühnerspielzeug. Eine Portion Demut bekam ich gratis dazu.

Bevor der Hahn einzog, informierte ich unsere Nachbarn und brachte ihnen ein paar unglaublich leckere Eier vorbei. Diesmal hatte ich mich informiert und wusste, dass man laut unserer Baunutzungsverordnung selbst in einem reinen Wohngebiet einen Hahn mit bis zu sieben Hennen halten darf. Denn Hühner gelten als „Kleintiere“ wie Meerschweinchen und Kaninchen. Also zog unser Hahn Herr Paul bei uns ein.

Hühner mit Persönlichkeit

Nun genieße ich das Glück zufriedener Stadthühner und Frühstückseier aus dem eigenen Garten. Am liebsten beobachte ich die Hühner und staune über ihre ganz eigene Persönlichkeit. Jeden Morgen schlüpfe ich noch im Schlafanzug in meine Gummistiefel und öffne den Hühnern die Klappe. Ich sehe, wie die rastlose Chickaletta wieder einmal nach morgendlichem Eierlegen nervös gackert, als hätte sie ein Wunderwerk vollbracht. Wie die kleine Brütney, statt sich geltender Hackordnung gemäß hintenanzustellen, immer wieder versucht, die besten Körner zu picken und sich dafür immer und immer wieder Ärger einfängt. Und wie die unzertrennlichen Freundinnen Scharrlotte und Eilee sich wieder gemeinsam unter die Büsche zurückziehen.

Wenn ich Freunde besuche, bringe ich keine Blumen und Pralinen mehr mit, sondern Eier. Den Erzieherinnen und Erziehern im Kindergarten meiner Kinder habe ich vor Weihnachten eine Schachtel geschenkt und sie mit „Frohe (F)Eiertage“ beschriftet und damit für strahlende Augen gesorgt. Dank Feedback weiß ich, dass ich es mir nicht einbilde: Diese Eier schmecken besser als andere! Ist ja auch klar, denn in ihnen steckt viel mehr als nur Körnerfutter. In diesen Eiern steckt die Liebe zum Huhn, das Verständnis für seine Bedürfnisse und die Bereitschaft dazuzulernen – und aus diesen Zutaten ist, so glaube ich, das perfekte Frühstücksei gemach

Sarah Keshtkaran ist Autorin, Bloggerin, Mutter und Idealistin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Mehr von ihr findet man unter @honigdusche, auf honigdusche.de oder in ihrem Podcast „Unterwegs zu uns“.

Symbolbild: Pixabay / Markus Distelrath

Die Stromer sind da? Doch wie grün sind E-Autos?

E-Mobilität wird immer mehr zum Alltag in Deutschland. Aber sind die Stromer auch der richtige Schritt Richtung Klimawende?

Um es gleich vorweg zu sagen: Am freundlichsten für die Natur ist und bleibt es, zu Fuß zu gehen. E-Autos wie Verbrenner verbrauchen Ressourcen und Energie und hinterlassen damit einen ökologischen Fußabdruck. Die Frage, um die es hier geht, lautet: Schaden Stromer der Umwelt weniger als Verbrenner?

Aktuellen Studien zufolge lautet die Antwort: Ja. Zwar sind die CO2-Ausstöße wegen der Batterie bei der Herstellung höher. Einer Studie des Fraunhofer Instituts von 2020 zufolge sind sie bei kleinen Fahrzeugen aber ab 18.000 Kilometern Laufleistung wieder ausgeglichen, bei großen Wagen und besonders CO2-intensiver Produktion kann es deutlich länger dauern. Ob die CO2-Bilanz noch besser wird, hängt vor allem von zukünftigen Entwicklungen ab. Zum Beispiel vom Strommix. Wenn der Akku zu Hause an einer Wallbox (siehe Kasten nächste Seite) mit eigenem Solar-Strom vom Dach geladen wird, ist das ziemlich nachhaltig. Wird er mit Kohlestrom betrieben, eher nicht. Wie gut wir die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien hinkriegen, beeinflusst daher die Umweltbilanz von E-Autos stark.

Umweltfeind Batterien?

Zweifel an der Sinnhaftigkeit von E-Mobilität werfen regelmäßig die Batterien auf. Die Gewinnung notwendiger Rohstoffe wie Lithium und Kobalt ist problematisch. Im Kongo beispielsweise wird das Kobalt unter gefährlichen Bedingungen und zum Teil von Kindern abgebaut. In der südamerikanischen Atacama-Wüste leiden Natur und einheimische Bevölkerung stark unter dem Lithiumabbau, für den extrem viel Wasser nötig ist. Auch Arbeits- und Gesundheitsschutz der größtenteils noch in China gebauten Batterien sind oft mangelhaft. Bei alldem gilt es hinzugucken und faire Bedingungen in der gesamten Lieferkette zu fordern – das aber gilt ebenso für Akkus in Smartphones, Laptops und allen anderen Geräten. Nicht vergessen darf man bei der ganzen Rechnung, dass auch die Ölförderung seit Jahrzehnten schwerwiegende Eingriffe in die Natur bedeutet und durch Öl-Katastrophen Meerwasser verseucht und ungezählte Tiere getötet wurden. Im Oktober erst hat ein Tankschiff im Nord-Ostsee-Kanal einen 60 Kilometer langen Ölfilm verursacht. Öl wird zudem verbrannt und damit vernichtet, die Batterie-Rohstoffe aber werden nur verbaut, bleiben erhalten und können recycelt werden. 

Wiederaufbereitung

Weil es bislang noch wenige ausgediente E-Auto-Batterien gibt, wird ein Recycling-Kreislauf erst noch aufgebaut, gilt aber technisch als machbar. EU-Richtlinien sollen die Wiederaufbereitung in Zukunft fördern, sodass sie rentabel sein kann. Das schwedische Start-up Northvolt, 2016 von zwei ehemaligen Tesla-Managern gegründet und mitfinanziert auch von deutschen Unternehmen, baut derzeit nicht nur große Produktionskapazitäten für Batteriezellen in Europa auf, sondern plant auch die größte Recyclinganlage für Kobalt, Nickel, Mangan und Lithium. 

Das alles soll die problematischen Seiten der Batterieherstellung nicht kleinreden, aber zeigen: Es ist viel in Bewegung. Auch die Forschung schreitet voran. Tesla beispielsweise will schon bald Kobalt-reduzierte Hochenergie-Akkus bauen. Samsung setzt auf Feststoffbatterien ohne Lithium. Das Fraunhofer Institut hat eine Natrium-Nickelchlorid-Batterie aus heimischen Rohstoffen wie Tonerde und Kochsalz entwickelt. Weltweit forschen viele Unternehmen und Einrichtungen an alternativen Akku-Konzepten.

Zweites Leben

Derweil hat man festgestellt, dass die E-Auto-Batterien länger halten als anfangs erwartet: Nach manchen Erfahrungen bis zu zwölf, nach anderen bis zu 18 Jahre. Auch danach müssen sie nicht gleich verschrottet werden, sondern können noch als stationäre Stromspeicher für erneuerbare Energien dienen. In Leipzig etwa nutzt BMW bereits einen solchen Speicher aus etwa 700 Batterien. Im Stadion von Ajax Amsterdam werden mithilfe von knapp 600 alten Auto-Akkus Fußballspiele beleuchtet. Recycling und die großflächige Weiternutzung der Akkus sind noch Zukunftsmusik, doch die Chancen stehen gut, dass der Ressourcenverbrauch weiter sinken wird.

Größer als bei Verbrennern ist laut einer Studie des Bundesumweltministeriums von 2019 bei E-Autos das Problem von gesundheitsgefährdendem Feinstaub, der bei der Motorproduktion entsteht. Sowohl der Einsatz von Filtern in den Produktionsanlagen als auch von alternativen Materialien im Elektromotor sind in Zukunft denkbar. Hinzukommt der Feinstaub durch Reifenabrieb, der wegen des batteriebedingten höheren Gewichts bei Elektroautos größer ist. Sollten nächste Batterie-Generationen leichter werden, verringert sich das Problem. Und es hilft natürlich insgesamt, wenn statt Riesen-SUV möglichst kleine Autos mit wenig Gewicht und schmaleren Reifen gefahren werden. 

Weitere Entwicklung

Die E-Mobilität ist angekommen – und gleichzeitig erleben wir auch aktuell nur einen Zwischenstand in der Entwicklung. Parallel wird an alternativen Kraftstoffen und Brennstoffzellen auf Wasserstoffbasis geforscht. Für die Herstellung synthetischer Kraftstoffe beispielsweise wird der Luft CO2 entzogen, bevor es bei der Verbrennung wieder freigesetzt wird, sodass ein Kreislauf entsteht. 

Welche Durchbrüche in Zukunft erzielt werden und welche Antriebe sich durchsetzen, muss sich zeigen. Manches können wir selbst tun: uns in der Politik für die Energiewende starkmachen, bei Herstellern auf CO2-neutrale Produktion und faire Lieferketten drängen und nicht

zuletzt unser Fahrverhalten anpassen. Statt weiterhin auf Individualverkehr zu setzen, ist es im Hinblick aufs Klima weitaus schlauer, Gedanken und Ressourcen in alternative Transportkonzepte zu stecken und beispielsweise öffentliche Verkehrsmittel, Sammeltaxi- und Radwege-Systeme stärker auszubauen. Wer nicht aufs Auto verzichten kann, fährt aber auf die gesamte Nutzungsdauer gerechnet mit Stromern schon jetzt nachhaltiger als mit Verbrennern.

Text: Anja Schäfer