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Tearfund will den Müllbergen in Pakistan die Stirn bieten. Foto: Tearfund

Pakistan: Innovatives Projekt verwandelt Abfall in Dünger

In den Slums von Karachi sorgen Müllberge für Krankheiten. Das Hilfswerk Tearfund will dem Problem mit einer ungewöhnlichen Idee ein Ende bereiten.

Kommt der leere Pizzakarton in den Papiermüll oder in den Restmüll? Und muss ich meinen Joghurtbecher ausspülen, bevor ich ihn entsorge? Vor diesen Fragen stehen wir hierzulande gelegentlich, seitdem Anfang der 90er-Jahre die Mülltrennung eingeführt wurde. Zehn Anbieter regeln heute Abtransport und Verwertung von Verkaufsverpackungen. Die gesetzlich vorgeschriebenen Recycling-Quoten steigen regelmäßig.

Nicht so in Pakistan. Rubina ist 25 und lebt in einem Slum. Sie arbeitet hart, um genug Geld für sich und ihre drei Kinder zu verdienen. Der neunjährige Javed ist Rubinas ältester Sohn und mit einer Behinderung zur Welt gekommen. Seine Atmung macht ihm Probleme. Obwohl Rubina Mühe hat, die zusätzlichen Rechnungen zu bezahlen, muss sie ihn regelmäßig mit dem Taxi ins Krankenhaus bringen. Einer der Gründe: Müll.

Müllberge vor der Haustür

Da es in ihrem Slum keine Müllabfuhr gibt, sammelt sich der Müll auch vor Rubinas Haustür und verbreitet Krankheiten wie Cholera. Die Müllberge werden regelmäßig verbrannt, wobei giftige Dämpfe freigesetzt werden, die zu Lungenproblemen führen. Rubina macht sich große Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder. Als ihr jüngerer Sohn drei Jahre alt war, hat er sich beim Spielen im Müll schwer verletzt.

Für Menschen, die ohnehin bereits in Armut leben, stellen die Müllberge ein unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zu einem Leben in Würde dar. Nach öffentlichen Angaben werden nur 50 bis 60 Prozent der Müllabfälle auf offiziellen Halden gelagert. Moderne Deponietechnik? Fehlanzeige. Und das bei jährlich etwa 20 Millionen Tonnen Haushaltsmüll, der die Straßen Pakistans zur Müllhalde werden lässt. Sondermüll wird selten separat gesammelt, geschweige denn fachgerecht entsorgt. Die Entsorgungswirtschaft steht buchstäblich in den Kinderschuhen: In dem Land, in dem das Durchschnittsalter bei 22,5 Jahren liegt und fast ein Drittel der Bevölkerung in Armut lebt, sammeln in erster Linie Kinder wiederverwertbare Gegenstände wie Glas, Plastikflaschen, Dosen oder Metall, um sie an Schrotthändler oder Firmen weiterzuverkaufen.

Überschwemmungen sind Nährboden für Ungeziefer

Gigantische Mengen an Müll übersäen in Pakistan nicht nur ganze Landschaften, sondern auch Teile des Meeres. Müll wird häufig einfach in den nahegelegenen Fluss geworfen. Von dort aus bahnt er sich seinen Weg ins Meer, blockiert unterwegs Flussmündungen und sorgt somit für Überschwemmungen. Die wiederum sind Nährboden für Fliegen, Mücken und Ratten, durch die sich Krankheitserreger ausbreiten. Was nicht verrottet, landet meist als Plastikmüll im Meer, wo es sich über die Jahre zu Mikroplastik zersetzt und von Fischen und anderen Meeresbewohnern aufgenommen wird.

Was also tun?

Weniger Müll, mehr Jobs

Damit besonders die Menschen in Slums nicht im Müll versinken, wird in Karachi, der zweitgrößten Stadt Pakistans, an einer innovativen Lösung gearbeitet. Das große Ziel: den Müll zu Dünger verwandeln. Das Projekt „Hariyali Hub“ (übersetzt: Grünes Zentrum) ging im Januar an den Start. Neben einem lokalen Partner der Abfallwirtschaft ist auch das Hilfswerk Tearfund beteiligt. „Hariyali Hub“ und seine geplanten Ableger in verschiedenen Städten sollen neben dem Müllproblem auch die Armut bekämpfen. Jedes Zentrum schafft 25 neue Arbeitsplätze für Menschen aus den Slums. Sie sammeln Nass- und Trockenmüll, der anschließend mithilfe von Maschinen verarbeitet und recycelt wird.

Vorläuferprojekte haben gezeigt, dass auf diese Weise 80 bis 90 Prozent der Abfälle recycelt und dabei unter anderem zu fruchtbarem Dünger umgewandelt werden können. Durch seinen Verkauf kann sich ein Projekt nach kürzester Zeit wirtschaftlich selbst tragen. Was nicht wiederverwertet werden kann, wird zu einer regulären Mülldeponie außerhalb der Stadt gebracht. Menschen wie Rubina erhalten auf diese Weise eine Zukunftsperspektive und ihre Kinder eine sauberere und sicherere Umgebung zum Aufwachsen.

Videos zeigen Lösungen auf

Aber ist das auch mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein? Klar ist: Um das riesige Müllproblem in einzelnen Slums und Stadtteilen Pakistans in den Griff zu bekommen, braucht es mehr als kleine, innovative Recyclingzentren allein. Nötig ist ein langfristiges Umdenken vieler Menschen. Es braucht das Bewusstsein, dass Müll und seine Verbrennung Menschenleben bedroht und die Natur zerstört.

Als christliches Hilfswerk setzt Tearfund dabei auf die Zusammenarbeit mit den Kirchen vor Ort. Ehrenamtliche und Pastoren erhalten Fortbildungen zum Müllproblem. Pastor Amir Shahzad hat in seiner St.-Lukas-Kirche in Karachi schon die kleinen animierten Videos gezeigt, die für diesen Zweck probeweise produziert wurden. Er berichtet begeistert von den positiven Reaktionen der Gemeindemitglieder – und möchte diese Erklärvideos nun auch außerhalb des Gottesdienstes verwenden, um noch mehr Menschen aufmerksam zu machen auf das Problem und vor allem auf die Lösungen, zu denen sie durch Mülltrennung und ordnungsgemäße Entsorgung beitragen können.

Jelena Scharnowski ist Theologin und leitet die Kommunikationsabteilung des christlichen Hilfswerks Tearfund Deutschland e. V. (tearfund.de).

Der aktuelle Hof der Lebensgemeinschaft. Foto: VieCo

Diese Gruppe hilft psychisch kranken Menschen – mit einem ungewöhnlichen Modell

Sie zogen aus Berlin aufs hessische Land, versprachen sich lebenslange Gemeinschaft und kümmern sich um Menschen in Not. Stefan Kleinknecht hat die Lebensgemeinschaft VieCo besucht.

Es ist Dienstag, kurz vor eins. Mittagszeit. Auf dem großen Hofgelände in der Nähe von Marburg sitzen rund 30 Menschen jeden Alters auf Bierbänken zusammen und lassen sich das Mittagessen schmecken – eine leckere Gemüsesuppe und selbst gebackenes Brot. Zwischen den Bierbänken liegt Spike, einer der Hofhunde, und beobachtet seelenruhig das Geschehen um sich herum. Es wird sich angeregt unterhalten, Kinder lachen. Es herrscht eine fröhliche und entspannte Stimmung. Dass man hier willkommen ist, spüre ich bei meinem Besuch schnell.

Den Hof kennt im Dorf Kernbach jeder. Gut, das ist nicht schwer, bei gerade einmal 200 Einwohnern. Doch der Hof der VieCo Lebensgemeinschaft ist kein gewöhnlicher Bauernhof, wie es viele andere im Dorf gibt. Neben den 13 Erwachsenen und 14 Kindern der Gemeinschaft wohnen hier noch bis zu weitere elf Personen. Sie sind Teil des sozialen Wohnprojektes Kernbach für psychisch kranke Menschen. Sie werden professionell pädagogisch betreut – zum Teil von Leuten der VieCo-Gemeinschaft, zum Teil von weiteren pädagogischen Kräften, die außerhalb wohnen. Vor allem aber sind die elf Menschen einfach Mitbewohnerinnen und Mitbewohner und gehören mit zur Hofgemeinschaft.

Visionäre lernen sich auf Hochzeit kennen

Begonnen hat alles vor über 15 Jahren auf einer Hochzeit in Marburg. Die beiden Paare Paco und Tschul sowie Andi und Mareike sind gerade neu nach Berlin gezogen – lernen sich jedoch nicht dort, sondern auf einer Hochzeit gemeinsamer Freunde in Marburg kennen. „Wir fanden uns gleich sympathisch und haben uns anschließend in Berlin mehrmals getroffen – und dann schnell kennen und lieben gelernt“, erzählt Mareike. Sie ziehen als WG in Berlin zusammen, erste Kinder werden geboren. Sie merken, dass beide Familien ein Wunsch, eine Vision verbindet: Leben, Glauben und Gemeinschaft zu teilen und dabei immer eine offene Tür für Menschen in Not zu haben. Länger suchen sie nach dem passenden Ort. Über einen alten Schulkollegen landen sie schließlich 2012 im hessischen Kernbach. Der ehemalige Schweinestall war schon vor vielen Jahren zu Wohnungen ausgebaut worden, sodass die beiden Familien im mittleren Wohnhaus eines Dreiseitenhofes einziehen können.

Anfängliche Skepsis auf dem Land

„Braucht ihr frische Kartoffeln? Wir haben noch viele übrig“, fragt ein Gast am Nebentisch und streichelt Spike. Er ist heute zu Besuch, um die Gemeinschaft und das Wohnprojekt kennenzulernen und um seine Unterstützung anzubieten. Paco erzählt uns von den ersten Jahren in der Dorfgemeinschaft: „Anfangs war es nicht so leicht. Da kommen Leute aus der Großstadt ins Dorf, mieten einen Hof, leben dort als Gemeinschaft. Dazu kommen noch Menschen in seelischer Not.“ Für Landwirte aus traditionsreichen Höfen erst einmal ungewohnt. Doch die meisten Kernbacher ließen relativ schnell ihre Bedenken hinter sich, erinnert sich Tschul: „Wir haben gleich gezeigt: Wir haben nichts zu verbergen. Wir haben ein großes Hoffest gefeiert, Aktionen mit dem Dorf veranstaltet und immer wieder Gäste und Nachbarn zu unseren HofCafés eingeladen. Wir lebten von Anfang an eine große Willkommenskultur.“ Paco lacht und ergänzt: „Wir kamen von der Stadt aufs Land und hatten kaum einen Plan von Landwirtschaft und Tieren. Viele Kernbacher und Kernbacherinnen waren uns echt eine große Hilfe.“

Nach fast zehn Jahren ist nicht nur das landwirtschaftliche Wissen stark gewachsen – auch die VieCo-Lebensgemeinschaft an sich. Doro und Henning haben sich verbindlich angeschlossen und auch Steffi und Thorsten mit vier und Antje und Simon mit zwei Kindern gehören zur Gemeinschaft. Eva wohnt zudem seit 2020 als Gast in einem kleinen „Backhäuschen“ direkt gegenüber des Hofes. Doro und Matthias befinden sich mit ihren beiden Kindern noch im Besucherstatus und leben im Nachbardorf. Sie lernen VieCo und das Projekt Kernbach ganz intensiv vor Ort kennen und prüfen für sich, ob sie sich eine lebenslange Verbindung vorstellen können und sich einreihen wollen in den Schulterschluss der Gemeinschaft.

Lebenslang, wie bei einer Hochzeit

Die Entscheidung, ein Leben lang zusammenzubleiben, empfinden die VieCos als Geschenk. Paco beschreibt es als vergleichbar mit einer Hochzeit: „Da verspreche ich, ein Leben lang mit einer Person mein Leben zu teilen, aber gleichzeitig ist es ganz schwer, das Gefühl dieser besonderen Verbindung zu beschreiben. Genauso ist es auch bei unserer Gemeinschaft. Es ist ein Lebensmodell, sich freiwillig für eine lebenslange Gemeinschaft zu versprechen.“

Eine solche Entscheidung erfordere bestimmt Mut, frage ich nach. Ich fand schon den Schritt in die Ehe gewaltig … Mareike lächelt: „Bei mir war es definitiv eher Überzeugung als Mut. Denn ich würde mich nicht gerade als mutigen Menschen beschreiben. Ja, es war vor allem die Überzeugung, das Vertrauen: Wir stehen zusammen, egal, was kommt im Leben.“ Tschul nickt bestätigend: „Wenn wir andere in unser Leben lassen, dann profitieren wir alle so viel voneinander, können lernen und wachsen. Und klar, es ist nicht immer nur schön und einfach. Aber trotzdem ist es für mich und uns zu einer festen Überzeugung geworden, dass es die allerbeste Lebensweise ist, die zu uns passt.“

Paco erinnert sich: „Alles hinter sich zu lassen, von der Großstadt aufs Dorf ziehen, um dich herum überall nur Natur – schon ein ordentlicher Schritt! Aber sobald wir uns als VieCo diese lebenslange Gemeinschaft versprochen hatten, war auch klar: Hey, das ist fix, die Entscheidung getroffen. Wir stehen gemeinsam für ein größeres Ganzes. Wir möchten den Menschen in unserem Umfeld dienen und das geht gemeinsam deutlich einfacher als allein. Natürlich sind wir keine Sekte, alles ist freiwillig. Dieser Schulterschluss gibt uns viel Kraft: Wir sind eins, gehören zusammen. Da ruckelt so leicht nichts dran.“ Paco strahlt bei den Worten und es ist allen anzumerken, wie viel Sicherheit die Gemeinschaft gibt.

Der Garten hilft bei psychischen Krisen

Das Mittagessen ist beendet. Ein Teil der Hofgemeinschaft macht sich an den Abwasch. Wir schauen uns das Gelände an. Paco, Tschul und Mareike zeigen uns die „Rote Rübe“, den Garten auf der anderen Seite der Straße. Hier bauen sie zusammen mit den Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern Obst und Gemüse an. Das wird in der Hofgemeinschaft aufgeteilt oder für die wöchentlich stattfindenden Mittagessen am Dienstag verwendet. „Es tut den Menschen in psychischen Krisen meist richtig gut, sich um etwas zu kümmern, wie hier zum Beispiel um den Garten“, berichtet Paco, der theologisch wie auch pädagogisch ausgebildet ist und wie Mareike, Andi und Tschul eine Anstellung im Wohnprojekt Kernbach hat. Alle anderen aus der Lebensgemeinschaft arbeiten ehrenamtlich im Projekt mit. Träger des ambulanten Wohnprojektes ist der St. Elisabeth-Verein e. V. Marburg, der zur evangelischen Diakonie gehört.

Auf dem Weg über den Hof kommen wir an den Tieren vorbei, an Hühnern, Hasen, Schafen und Ziegen. Mareike erzählt, das Ziel ihrer pädagogischen Arbeit sei immer, dass die Menschen in ihrer seelischen Not erst einmal auf dem Hof zur Ruhe kommen können und möglichst stabil werden. Bei einem großen Teil gelinge das auch. „Wir sehen unsere Arbeit so: Wir bestimmen nicht, sondern wir ermöglichen“, erklärt Paco. „Wir fragen die Leute, was sie brauchen, was ihr Ziel ist. Und dann unterstützen wir sie, so gut es nur irgendwie geht, auf ihrem Weg dahin.“ Tschul weiß, dass die Mitwohnenden auch andere Erfahrungen gemacht haben: „Vorher wurden viele nicht gefragt, was sie denn selbst wollen. Hier sollen sie erfahren: Ich darf mitreden, ein Teil der Gemeinschaft sein. Ich kann etwas. Andere sehen mich, schätzen mich und unterstützen mich. Das ist so viel wert. Nur so ist das Ziel, eines Tages wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen, überhaupt möglich.“

Es ist nicht alles Bullerbü

Wir laufen nun durch das Dorf. Sie wollen mir noch etwas zeigen. Einen großen Schritt, den sie als VieCo Lebensgemeinschaft gegangen seien. Ich bin gespannt, was das wohl sein wird. Mich erinnert die ländliche Idylle hier jedenfalls ein wenig an Bullerbü. Alle lachen. „Ja, im ersten Moment sieht es vielleicht danach aus“, sagt Paco, „doch die Gemeinschaft bedeutet jede Menge Arbeit – sowohl praktisch als auch inhaltlich.“

Mareike nickt: „Und wenn man Leben teilt, dann geht man sich auch mal auf die Nerven, reibt sich aneinander. Da bedeutet es, immer wieder Kompromisse zu finden. Zu schauen, dass niemand auf der Strecke bleibt.“ Tschul ergänzt: „Auch die richtige Balance ist ein Dauerthema. Balance zwischen Job und Ehrenamt, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Gemeinschaft und Zeit für sich selbst, für die Familie.“ Für Paco hat das Leben hier auch viel mit persönlicher Entwicklung zu tun: „Wir sehen uns als Lernende. Und Jesus als unseren Lehrer. Wir wollen immer besser im Umgang miteinander werden, wollen Konflikte ansprechen und Lösungen suchen. Wir wollen uns die Füße waschen, nicht die Köpfe.“

Ein neues Projekt entsteht – vor allem durch Spendengelder

„Da sind wir!“, sagt Tschul, als wir auf einem weiteren Hof angekommen sind. „Das ist unser nächster großer Meilenstein!“ Auf rund 2500 Quadratmetern Fläche stehen hier neben einem Wohnhaus zwei aneinander gebaute alte Scheunen. Dachziegel fehlen, ganze Wandteile sind eingestürzt. „Erst vor ein paar Tagen haben wir den Hof hier gekauft“, sagt Tschul mit leuchtenden Augen, „aber wie du siehst: es gibt noch unglaublich viel zu tun! Wir sind noch ganz am Anfang.“ Sie erzählen, dass sie schon lange zu wenig Räumlichkeiten haben, immerzu am Limit sind. Vor allem im Winter bekämen sie nicht einmal mehr die ganze Hofgemeinschaft in einem Raum unter, wie etwa dienstags zum gemeinsamen Mittagessen. Paco sprüht nur so vor Ideen: „Hier soll etwas ganz Tolles entstehen: Ein schöner, großer Aufenthaltsraum. Viele Räume für Gäste. Für Menschen mit Hilfebedarf. Ein schönes Café wäre noch ein Traum, eine große Küche und vielleicht auch eine Werkstatt. Auf jeden Fall viel Raum für Begegnungen.“

Auf dem Rückweg erzählen sie, dass sie lange gesucht und lange überlegt und gebetet hätten, ob der Kauf der richtige Schritt sei. Jetzt seien aber alle richtig froh, den mutigen Schritt gegangen zu sein. Für die insgesamt 2,5 Millionen Euro Investitionskosten werden sie hauptsächlich auf Spenden angewiesen sein. „Alleine würden wir den großen Betrag nicht stemmen können“, sagt Mareike, „aber wir sind voller Vertrauen: Es wird Menschen geben, die uns durch Spenden unterstützen werden. Die uns helfen, dass wir weiterhin unsere Türen für Menschen öffnen dürfen.“ Schon jetzt haben sie einen großen Freundeskreis, den sie regelmäßig mit Newslettern in ihre Geschichte und ihre Ideen hineinnehmen.

Gemeinsame Kindererziehung

Zurück auf dem Hof setzen wir uns in den Raum der Stille. Antje kommt mit ihrer kleinen Tochter Maartje hinzu, die noch etwas wackelig auf den Füßen unterwegs ist: „Es gibt den Spruch, dass man ein ganzes Dorf brauche, um ein Kind zu erziehen – das erlebe ich hier täglich“, erzählt Antje. „Unsere Kinder wachsen in der Gemeinschaft auf, haben immer viele unterschiedliche Kinder und Erwachsene um sich herum. Sie lernen das soziale Miteinander von klein auf.“ Schließlich lassen mich die VieCos noch teilhaben an der Liturgie, die sie als Gemeinschaft durch die wöchentlichen Treffen führt. Besonders hängen bleibt mir ein jüdisches Gemeinschaftsgebet. Es beschreibt sehr schön den Wert der Gemeinschaft, der hier auf dem Hof bei allen Begegnungen deutlich zu spüren ist. Wir stellen uns in den Kreis, halten die Hände und sprechen uns einen Segen zu. Und da ist sie wieder zum Greifen nah: die Kraft der Gemeinschaft, der Verbundenheit und des gemeinsamen Glaubens.

Stefan Kleinknecht ist Redakteur bei der Stiftung Marburger Medien und wohnt mit seiner Familie in Mittelhessen. Die Lebensgemeinschaft ist zu finden unter vieco.org

Der Co-Working-Space "Kairos13", Foto: Kairos13 / Evangelische Kirche in Karlsruhe

Kirchen eröffnen Co-Working-Spaces: Wie passt das zusammen?

Immer öfter erproben Kirchen, wie sie New Work anbieten können. Was wie ein Widerspruch klingt, ist eigentlich keiner.

Zwischen Shishabar und Parkhaus, keine fünf Minuten zu Fuß vom Karlsruher Schloss entfernt, liegt das Kairos13. Die Evangelische Kirche hat hier 2020 einen Social Co-Working-Space eröffnet für Menschen, die in einem Start-Up oder freischaffend an nachhaltigen und sozialen Themen oder Projekten arbeiten.

Große Teppiche liegen auf dem Betonfußboden des hellen Arbeitsraums, der mit viel Holz und Schwarz eingerichtet ist. Neben Schreibtischen dürfen Wohnzimmerecke und Kaffeebar nicht fehlen, denn Vernetzung ist ein wichtiges Anliegen. Aus der reduzierten Überhangsfläche eines Gemeindehauses soll ein Innovationscampus werden, der zwei Ziele verfolgt: sozialnachhaltiges Engagement fördern und einen kirchlichen Ort schaffen für Menschen, die sonst kaum oder keine Kontaktflächen zu Kirche haben. „Das geschieht sehr niederschwellig und ganz automatisch darüber, dass Co-Working unter dem Dach von Kirche stattfindet und ich als kirchlicher Mitarbeiter vor Ort und selbst Teil der Community bin“, erklärt der Leiter Daniel Paulus.

New Work passt zur Kirche

Die sich rasant verändernde Arbeitswelt, die immer globaler, digitaler und mobiler wird, wird gern mit dem Stichwort „New Work“ beschrieben. Das Konzept entwickelte in den 1970er-Jahren der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann. Er beschrieb die konventionelle Arbeit damals als eine Krankheit, die man aushalte bis zur Rente, und er prognostizierte stattdessen für die Zukunft eine positive Entwicklung: gemischte Teams statt homogener Abteilungen, Projektarbeit, Innovation statt Tradition und Kontrolle. Sein menschenfreundliches Zukunftsbild aus Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft passt gut zur biblischen Ethik.

Zu den wichtigen Formen neuer Arbeit zählt das Co-Working: Menschen, die ihren Arbeitsort frei wählen können, etwa Freelancer oder Gründerinnen, bilden eine Bürogemeinschaft und nutzen das Inventar gemeinsam. Als in der Pandemiezeit klar wurde, dass Arbeiten auch außerhalb des betrieblichen Büros gut funktionieren kann, erhöhte sich auch die Zahl derjenigen, für die ein solcher öffentlicher Arbeitsort infrage kommt.

Work-Life-Balance ist Hauptargument

Zu Beginn vor allem in wenigen Metropolen bekannt, breitet sich das Konzept nun weltweit aus. Rund 18.700 Co-Working Spaces nennt Statista für 2018. Etwa 1,65 Millionen Menschen haben sie genutzt.

Danach befragt, welche Vorteile sich Arbeitnehmende von neuen Arbeitsplatzkonzepten erhofften, stand die bessere Work-Life-Balance ganz oben. Es zeigte sich: Viele Menschen lieben ihre Freiheit und würden gern zeitlich und örtlich ungebundener, selbstbestimmter und vernetzter arbeiten.

Laut einer Umfrage des Online-Magazins Deskmag schätzen Menschen am Co-Working-Space vor allem die angenehme Arbeitsatmosphäre (59 %), die Kommunikation mit anderen (56 %) und das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein (55 %).

Der Grad der Verbindlichkeit allerdings ist sehr unterschiedlich. Während manche Anbieter sich schlicht als Schreibtischvermieter verstehen, entsteht anderswo eine enge Gemeinschaft mit hoher Verbindlichkeit und gemeinsamen Werten und Anliegen. Dort entstehen Synergieeffekte, die häufig zu neuen Projekten führen.

Co-Working existierte bereits in Klöstern

Soziologen ordnen Co-Working-Spaces wie Cafés, Bibliotheken oder Kirchen den „dritten Orten“ zu, als wichtige Lebensmittelpunkte neben dem eigenen Zuhause und dem klassischen Arbeitsplatz im Betrieb. Auch Kirchen haben mittlerweile verschiedene Co-Working-Konzepte entwickelt. Die Theologin und Innovationsforscherin Maria Herrmann wirbt dafür, sich bewusst zu werden, dass Co-Working einerseits etwa in den Klöstern eine lange kirchliche Tradition hat und andererseits auch große Chancen bietet für die Zukunft.

Klöster mögen in der allgemeinen Wahrnehmung nicht mehr als Orte der Innovation präsent sein. Doch lange Zeit waren sie die Räume, in denen nicht allein für Einzelne, für eine Institution oder aus rein wirtschaftlichem Interesse geforscht und gearbeitet wurde. Auch Gemeinschaft und Ästhetik spielten wichtige Rollen. Genau das kann heute auch Co-Working-Spaces von anderen Kontexten der Arbeit unterscheiden: die Entdeckung und Erfahrung, dass es sowohl für ein gutes Arbeitsleben als auch für das Neue Verbündete und eine angemessene Atmosphäre braucht. Dass man nicht alleine an Innovationen arbeiten kann. Dass verschiedene Perspektiven, Fähigkeiten und Ressourcen notwendig sind. Dass Schönheit und Ästhetik Einfluss haben.

Alter Gemäuer, neuer Geist

Warum aber sollen sich Kirchen und Gemeinden mit dem Thema Co-Working-Space beschäftigen? Hansjörg Kopp, Generalsekretär des CVJM Deutschland, nennt dazu Folgendes: „Kirche hat den Auftrag, nah bei den Menschen zu sein. Und damit auch mitten in einer agilen Gesellschaft mit zunehmend mobilem Arbeitsverhalten. Wie wunderbar, wenn der Schatz unserer alten Gemäuer Neuland und Freiraum bietet.“

Mittlerweile haben etliche Gründer und Gründerinnen auch mit kirchlichem Hintergrund oder aus ihrem Glauben als Motivation Projekte rund um das Co-Working entwickelt. Für sie und ihre Generation ist das Thema New Work und im Speziellen das Arbeiten und Leben in den Co-Working-Spaces eine angemessene Form von Gemeinschaftserleben. Letztlich sehnt sich jeder Mensch nach einem Kreis von Verbündeten, einer tragenden Verbindung. Vor allem in einer Zeit, in der die Familienverbände kleiner werden und oftmals nicht durch Nähe verbunden sind. Um dieses Community-Building geht es den Pionieren und Pionierinnen in diesem Bereich.

„Hirschengraben“ in Luzern: Innovation in konservativer Stadt

Der Architekt Sandro Schmid nennt seinen „Hirschengraben“ ein „Kollektiv von Weltveränderern, ein Sparringspartner für deine Träume und ein Spielplatz für Unternehmen“. Zum Start hat er seine Mitstreiter gefragt: „Was hat Luzern davon, dass es euch gibt?“ Seine Frage zeigte Wirkung: Bislang haben die 35 Mitglieder 21 Projekte und Start-ups gegründet: Von der Wäscherei über Wertefinder bis zur Business-Community ist die Spanne groß. In einer Stadt, die eher konservativ geprägt ist, tragen sie zu einer Reformation der Arbeit bei. Sandro Schmid bringt dabei gern auch seinen christlichen Glauben ins Spiel: „Mein Vertrauen auf Gott gibt Menschen etwas. Gott hat mich versorgt, mich Geschichten erleben lassen, die mir als ein Wunder entgegenkommen.“

Gründergeist in Frankfurt: Villa in der Innenstadt

Als die Idee der Villa Gründergeist vor vier Jahren entstand, kämpfte das Bistum Limburg nicht nur mit den Folgen des schleppenden Umgangs mit den Missbrauchsskandalen, Relevanzverlusten und einem prognostizierten Einbruch der Kirchensteuereinnahmen. Man zweifelte auch an der eigenen Berufung. Das Bistum steckte nach dem durch den Papst angenommenen Rücktritt von Bischof Franz-Peter Tebartz von Elst in einer Leitungskrise. Nicht der beste Nährboden für gemeinsam getragene pastorale Ziele oder gar für kirchliche Innovationen. Oder vielleicht gerade doch?

Im Dezernat Kinder, Jugend und Familie wurde überlegt, was mit einer rund 100 Jahre alten Villa mit rund 600 Quadratmetern Fläche mitten in der Frankfurter Innenstadt passieren könnte. In einem kleinen Projektteam über verschiedene Hierarchieebenen hinweg entstand die Idee einer Plattform für Zukunftsfragen. Nicht die kirchlichen Mitarbeitenden sollten das Haus allein von sich aus mit Leben füllen, sondern Pioniere und Macherinnen aus möglichst vielen Bereichen. So entwickelten sich mit Gründer David Schulke mutige Ziele: die Welt täglich besser machen durch die Förderung von Social Entrepreneurship und Sozialinnovation. Die Learnings aus dieser Reise nutzbar machen für Menschen, die Kirche neu gründen und Glauben anders leben wollen – im Umfeld einer sinnstiftenden und durch das Villa-Team gut begleiteten Community.

Kaffeebar „Effinger“ wird zum Modell für andere

Der Bildungscoach und Entrepreneur Marco Jakob hat 2015 in Bern den Co-Working-Space mit Kaffeebar „Effinger“ mitgegründet, der ein Modell für viele andere geworden ist. Er sieht kirchlich orientiertes Co-Working allerdings auch kritisch. Die Kirche einfach zu einem Co-Working-Space umzubauen und zu meinen, dann kämen die Leute schon von selbst, sei ein fataler Irrtum. Wer beruflich die Möglichkeit dazu hat, den ermutigt er vielmehr dazu, einen bestehenden Co-Working-Space in der eigenen Umgebung aufzusuchen und selbst regelmäßiger Co-Worker zu werden, zuzuhören, wahrzunehmen, was Leute bewegt und ihre Träume und Projekte kennenzulernen.

Wer Herausforderungen wahrnimmt, kann überlegen, wie er mit den eigenen Fähigkeiten, Netzwerken und Ressourcen etwas zur Lösung beitragen kann. „Rechne mit Gottes Hilfe. Und wenn dein Beitrag mehr als zehn Prozent deiner Zeit beansprucht, so mache dich selbstständig und verlange einen angemessenen Preis für das, was du tust“, rät der Christ. „Falls es etwas ist, das die anderen nicht direkt bezahlen können, so suche mit ihnen nach einem Weg, wie es finanziert werden kann. So ist das, was du tust, wirksam, authentisch und nachhaltig.“

Byro Aarau: Mehr als Cappuccino-Beziehungen

Gründungen, die ein inhaltliches Ziel verfolgen und durch Projekte und Veranstaltungen auch positiv in ihre lokale Umgebung hineinwirken oder global etwas bewegen wollen, sind meist vom Gedanken einer engeren Community getragen, der man sich verbindlicher anschließt.

Daniel Hediger, Co-Gründer vom „Byro Aarau“ stellt fest, dass das nicht immer einfach ist und spricht von Beziehungsfähigkeit, die jemand mitbringen muss. „Das sind nicht nur lustige Cappuccino-Beziehungen. Community geht nur dann, wenn du bereit bist, dich auf Beziehungen einzulassen.“ Verbindliche Beziehungen müssten da wachsen und der Wille zur Veränderung vorhanden sein. „Hier beginnt die schwer quantifizierbare Wirkung eines Co-Working-Spaces.“ Es gelte, Vertrauenskultur aufzubauen auf und der Versuchung zu widerstehen, in alte, hierarchische Strukturen zurückzufallen.

Bei all diesen faszinierenden Projekten wird deutlich, dass es kein Grundmuster für den Start, den Aufbau und den Betrieb eines Co-Working-Spaces gibt. Sowohl bei der Ausrichtung auf die jeweilige Zielgruppe als auch in Bezug auf Kirchennähe gibt es verschiedene Ansätze. Es wird noch viel experimentiert werden – und den Königsweg vielleicht nie geben. Die Tendenz ist aber klar: Für viele Menschen und Milieus sind die klassischen Kirchen nicht attraktiv. Sie sehnen sich zutiefst nach Gemeinschaft, aber ohne Gemeindeordnung. Nach sinngebenden Angeboten, aber ohne Gottesdienstliturgie. Arbeit und Freizeit werden nicht mehr scharf getrennt. Und in diese Sehnsucht hinein lohnt es sich, Angebote zu setzen.

Jürgen Jakob Kehrer ist Referent der Evangelischen Landeskirche Württemberg und freiberuflicher Organisationsentwickler. Dorothea Gebauer betreibt ein eigenes Co-Working-Space, hat mehrere Gründungen begleitet und arbeitet im Bereich innovativer Bildung, PR und Fundraising.
In diesen Wochen erscheint ihr gemeinsames Buch: „Co-Working: aufbrechen, anpacken, anders leben – Herausforderung und Chance für Gemeinden und Organisationen“ (Vandenhoek und Ruprecht).

Hannah Brencher, Foto: Taylor Zorzi / Zorzi Creative

Hunderttausende handgeschriebene Mutmacher: Das ist die Geschichte hinter dem Brief-Wunder

Hannah Brencher zieht für ihren vermeintlichen Traumjob nach New York, aber die Einsamkeit der Großstadt erschlägt sie fast. Dann fängt sie an, Briefe zu schreiben …

Hannah wächst mit einer Mutter auf, die nicht mit dem Trend geht, wenn es um virtuelle Kommunikation geht. Ihre Mutter liebt das Briefeschreiben. Und als Hannah nach dem Studium ins große New York City zieht, ertappt sie sich oft dabei, wie sie hoffend am Briefkasten steht. Gibt es heute Post von daheim?

Sie durchlebt eine harte Zeit, ist überwältigt von der Großstadt-Mentalität, wird depressiv. Als sich eines Tages in der U-Bahn eine Frau ihr gegenübersetzt, hat sie den Drang, ihren Block herauszuholen und ihr einen Brief zu schreiben. Doch als sie wieder hochblickt, ist die Frau bereits ausgestiegen. Und Hannah ist überrascht: Zum ersten Mal seit langem fühlt sie sich nicht mehr einsam und traurig. Sie beschließt, weiterhin zu schreiben, weil es ihr selbst guttut. Sie schreibt Briefe an Fremde und versteckt sie in ganz New York City: in der Umkleidekabine, in der Metro, in Cafés – und erzählt davon auf ihrem Blog.

Wer will, bekommt einen Brief

Brief für Brief beginnt sie, endlich wieder Licht zu sehen. Sie wird beschenkt mit einem Sinn fürs eigene Leben, indem sie etwas von sich hergibt. Und sie begegnet auch Gott dadurch, dass sie seine Liebe zu den Menschen zu Papier bringt. Liebe, die nichts fordert, sondern dazu da ist, verschenkt zu werden.

Als sie auf ihrem Blog anbietet, jedem, der es braucht, einen Brief zu schreiben, wird sie überraschend überhäuft mit Anfragen. In den folgenden Wochen schreibt sie 400 Briefe. Mehr, als ihr Spaß gemacht hätten. Aber sie will ihr Versprechen halten. Das soll es dann aber auch gewesen sein. Doch ihre Familie und Freunde widersprechen: Was sie da angefangen habe, sei dringend nötig!

Alle können mitmachen

Schließlich willigt sie ein und startet das Projekt More Love Letters. Jeder weltweit kann mitmachen, der daheim ein Blatt Papier und einen Stift hat. Aus vielen über die Webseite eingereichten Vorschlägen werden jeden Monat fünf bis sechs Personen ausgesucht, die einen Stapel liebevoller Briefe bekommen sollen. Ein Monat lang ist Zeit zu schreiben, freiwillige Helfer und Helferinnen sichten und sortieren die Post und schließlich bekommen die Personen ihre Päckchen voller Ermutigungen zugeschickt. Mehrere Hunderttausend Briefe sind es inzwischen, die Hannah Brenchers Engagement initiiert hat. Am Ende war es der Entschluss, nicht in der eigenen Einsamkeit zu verharren, sondern andere zu ermutigen.

Constanze Bohg ist Autorin des Buches „Viereinhalb Wochen“ (Pattloch).

Wer bei More Love Letters mitmachen will, findet hier alle Infos (auf Englisch) unter moreloveletters.com. Auf YouTube ist außerdem ein berührender TED-Talk von Hannah Brencher zu sehen.

Familie Völkner, Foto: Gerdi Schlagner

Diese vierköpfige Familie kommt auf dem Land (fast) ohne Auto zurecht

Familie Völkner ist fast ausschließlich mit dem E-Bike unterwegs. Und das klappt auch außerhalb der Stadt erstaunlich gut.

Mit meinem Fahrrad und dem Anhänger dazu bin ich in unserem Ort eine Seltenheit. Wenn ich auf den Straßen und Feldwegen unterwegs bin, werden mir immer wieder überraschte Blicke und Kommentare zugerufen. Denn wir sind als vierköpfige Familie nahezu autofrei unterwegs. Wir glauben, dass das Leben auch anders geht. Dass vieles möglich ist. Dass es Wege gibt, wo es einen Willen gibt. Um es jedoch gleich vorweg zu nehmen: Ganz autofrei leben wir nicht. Wir wohnen neben meinen Schwiegereltern und können uns bei Bedarf ihr Auto leihen. Und falls sich für große Fahrten mal die Termine überschneiden, können wir immer noch ein Auto mieten. Allerdings ist das für uns eher die Ausnahme, nicht der Alltag.

Schneller als mit dem Auto

Das autofreie Leben begann eigentlich schon in unserer Ausbildung. Als mein heutiger Mann Michael und ich zusammenkamen, lebte er in der Schweiz und ich in Rostock. Neun Monate führten wir eine Fernbeziehung und verbrachten regelmäßig zehn bis zwölf Stunden in Zügen und auf Bahnhöfen. Die meisten Fahrten verliefen wirklich gut. Kurz nach unserer Hochzeit zogen wir dann nach Braunschweig, eine flache Stadt ohne Hügel und mit gut ausgebauten Fahrradwegen. So beschlossen wir schnell, auch weiterhin aufs Auto zu verzichten, als sich unser erster Nachwuchs ankündigte. In Braunschweig war alles sehr gut mit dem Fahrrad zu erreichen – teils sogar schneller als mit dem Auto. Wir kauften uns einen Fahrradwagen und entschieden uns für einen Einsitzer, weil wir den Wagen stets in den Keller verfrachten mussten. Schwieriger wurde das Thema, als wir nach Hessen zogen. Hier ist die Landschaft zwar nicht bergig, aber doch deutlich hügeliger. Außerdem kündigte sich unser zweites Kind bei unserem Umzug schon sehr deutlich an. Also fragten wir uns: Kann man als vierköpfige Familie auf dem Land autofrei leben? Wie aufwendig ist das? Und lohnt sich dieser Aufwand finanziell überhaupt?

Essensplan umfasst 16 Wochen

Das hessische Dorf, in dem wir wohnen, hat alles, was man zum täglichen Leben braucht, vor Ort: Kindergarten, Schule, Bahnhof, Einkaufsmöglichkeiten – alles ist vorhanden. Mein Mann arbeitet zehn Kilometer von unserem Wohnort entfernt als Allgemeinmediziner. Ich bin gelernte Erzieherin und Religions- und Gemeindepädagogin und arbeite zurzeit zu Hause mit unseren beiden Jungs. Michael fährt morgens mit dem Rad zur Arbeit und ich bringe normalerweise unseren Großen im Anhänger – mittlerweile ein Zweisitzer – zum Kindergarten. Der Kleine kommt dabei natürlich mit. Ein- bis zweimal die Woche holen wir meinen Mann von der Arbeit ab. Einfach aus Spaß. Ich bekomme Bewegung, die Jungs frische Luft. Bisher haben die Kinder das auch genossen, einträchtig nebeneinandergesessen und die vorbeiziehende Landschaft beobachtet. Aber natürlich gibt es auch mal Streitigkeiten auf dem Rücksitz.

Unseren Einkauf versuchen wir einmal in der Woche zu erledigen. Wir haben einen Essensplan über 16 Wochen festgelegt, der sich drei- bis viermal im Jahr wiederholt. So weiß ich sehr genau, was ich einkaufen muss, und kann planen, ob ich nur den Rucksack, zusätzlich die Fahrradtaschen oder sogar noch einen Anhänger zum Einkaufen mitnehmen sollte. Für größere Feiern, bei denen wir viele Getränke brauchen, leihen wir uns das Auto meiner Schwiegereltern. Liefern lassen ist auch eine Option, die wir bisher aber nur selten nutzen.

Bahnreisen ohne Pipi- oder Stillpausen

Für Reisen haben wir beide eine Bahncard 50. Unsere Kinder fahren kostenlos mit. Wir planen unsere Reisen immer sehr frühzeitig, da bei Reisen mit Kindern eine Reservierung mit Zugbindung gewünscht ist. Mittlerweile geht auch das Packen sehr gut. Für eine zweiwöchige Urlaubsreise nehmen wir einen Koffer, eine Kraxe (Anm.: ein Rückentragekorb für Kinder), einen großen Rucksack, einen Kinderwagen und je einen kleinen Rucksack für die Kinder und für Reiseproviant mit. So hat jeder von uns eine Rückenbeladung, Michael schiebt den Wagen, ich ziehe den Koffer. Beim Umsteigen werden Kinder und kleine Rucksäcke in den Wagen verfrachtet. Was das Reisen betrifft, sind wir Fans der Deutschen Bahn. Wir buchen uns häufig das Kleinkindabteil und sind beispielsweise mit nur zweimal Umsteigen an unserem Zielort in der Schweiz. Dabei müssen wir keine Pipi- oder Stillpausen machen und können uns beide um die Kinder kümmern.

Ohne Vorüberlegungen geht es nicht

Natürlich erfordert das Reisen mit der Bahn etwas Planung. Ich muss rechtzeitig Tickets besorgen und bin abhängig davon, dass die Züge pünktlich kommen. Außerdem muss ich klären, wie ich vom Bahnhof zum Zielort komme, falls es – wie bei meinen Eltern – keinen Bahnhof direkt im Ort gibt. Auch beim Packen muss ich sehr genau darauf achten, was ich mitnehme und ob wir das wirklich brauchen. Andererseits machen sich auch Autofahrer viele Gedanken: Parkplätze, Parktickets, Tanken, Versicherungen, TÜV, Werkstatt, Reifenwechsel. Um all das brauchen wir uns nicht zu kümmern. Wer Auto fährt, macht sich das häufig nur gar nicht mehr bewusst, weil es eben dazugehört. An manchen Stellen müssen andere unseren Lebensstil mittragen. Meine Eltern beispielsweise müssen uns vom Bahnhof abholen, wenn wir sie besuchen. Und meine Schwiegereltern müssen ab und an ein bis zwei Wochen auf ihr Auto verzichten, wenn wir es ausleihen. Ich betrachte mich mittlerweile als Vegetarierin der Mobilität. Auch da muss das Umfeld mitziehen. Wenn manche Familienmitglieder da sind, kocht meine Mutter beispielsweise vegetarisch. Dann macht sie sich Gedanken über mögliche Rezepte und Essenspläne. Und bei uns überlegt sie eben, wie sie uns vom Bahnhof nach Hause bekommt.

Natürlich haben wir mit der Bahn auch schon abenteuerliche Fahrten erlebt. Aber die hatten wir mit dem Auto auch. Nur lässt sich vom „im Stau stehen, während die Kinder schreien“ nicht so gut erzählen wie von der Bahnfahrt, bei der ein Laster in die Oberleitung gekracht ist und wir von Bahnhof zu Bahnhof schauen mussten, ob wir an dem Tag noch nach Hause kamen.

Auto vs. E-Bike: Die Kosten im Vergleich

Als wir umgezogen sind und entscheiden mussten, ob wir uns ein Auto kaufen oder uns zwei E-Bikes zulegen, um unsere Wege zurückzulegen, haben wir eine Tabelle aufgestellt. Diese Tabelle ist natürlich nur ein Modell. Wir haben lange hin und her überlegt, wie man die Kosten für beide Lebensweisen möglichst realistisch aufzeigen kann. Ein Blick in Rechnungsbeispiele vom ADAC sowie auf greenstorm.eu ergeben, dass eine Kilometer-Pauschale für die laufenden Kosten sinnvoll ist. Dabei wird für das Auto mit 40 Cent pro Kilometer gerechnet, die E-Bikes mit 10 Cent. Darin sind enthalten: Anschaffungskosten, Werkstattkosten, Kraftstoff/Strom, Wertverlust, Versicherung, etc. Als Beispiel wurde hier mit einem Skoda Octavia Combi gerechnet. Gegenüber diesem Modell sparen wir im Jahr über 2.000 Euro. Und wir haben entschieden, dass sich das für uns momentan durchaus lohnt. Bei einem VW Touran läge die Pauschale bei 56 statt 40 Cent und unsere Ersparnis schon bei über 4.000 Euro. Insofern ist diese Rechnung nicht ganz eindeutig, da man je nach Automodell und Versicherung zu verschiedenen Ergebnissen kommen kann. Hinzukommt, dass wir die E-Bikes über Michaels Arbeit leasen können und dadurch steuerliche Vergünstigungen haben. Somit kosten uns die Räder faktisch sogar deutlich weniger.

Ökologisch sinnvoll

Was ich gerne zugebe: Im Winter kostet es mich manchmal wirklich Überwindung, aufs Fahrrad zu steigen und loszuradeln. Aber wenn wir mitten im Regen zurückfahren und ich die ganze Schlange an Autos überhole, in denen jeweils ein einzelner Mensch im Feierabendverkehr feststeckt, fühlt sich das wiederum ziemlich gut an. Und auch ökologisch ist es natürlich sinnvoll, aufs Auto zu verzichten. Bei oben genannter Kilometerleistung sparen wir je nach Automodell rund 1,5 Tonnen CO2 pro Jahr ein.

Es ist, wie vieles im Leben, eine Frage des Wollens: Will ich diesen Lebensstil führen? Will ich die Spontaneität und Freiheit, die ein Auto bieten kann, aufgeben? Wir jedenfalls vermissen sie momentan nicht. Für uns ist der Aufwand sehr überschaubar und wir genießen dafür andere Vorteile, wie zum Beispiel die Bewegungsfreiheit in den Zügen. Das bedeutet nicht, dass sich unsere Lebensumstände nicht ändern könnten und wir uns dann möglicherweise doch irgendwann ein Auto zulegen. Doch bis dahin leben wir mit unserem Modell sehr gut.

Almut Völkner ist gelernte Erzieherin und Religions- und Gemeindepädagogin, arbeitet zurzeit zu Hause mit ihren beiden Jungs und veröffentlicht Texte unter almut-wortkunst.de

Sarah mit einem der Hühner, Foto: privat

Sarah erzählt: So kann man Hühner in der Großstadt halten

Obwohl sie in Hamburg lebt, hat sich Sarah Keshtkaran Hühner zugelegt. Drei Dinge musste sie dabei allerdings erst lernen.

Letztes Jahr bin ich mit meinem Mann und unseren Kindern zu meinen Eltern nach Hamburg, in das Zuhause meiner Kindheit mit Garten gezogen. Dort hat mich direkt der Hühnerstall unserer Zwerghühner, die wir als Kinder hatten, angelacht. „Der steht doch leer“, dachte ich. Und jeden Tag ein paar Körner gegen ein paar Eier zu tauschen, hielt ich für einen guten Deal. Mitte des Jahres war auch die beste Zeit, um Junghennen zu bekommen, und so suchte ich auf Ebay-Kleinanzeigen nach ein paar hübschen Hennen für meinen Garten. Ohne zu ahnen, was für Herausforderungen, Glücksmomente und neue Erkenntnisse ich mir damit in mein Leben holte.

Wenig Ahnung, aber viel Euphorie

Ich sprach mit meiner (Groß-)Familie und brauchte etwas Überzeugungskraft für meinen Mann und sehr wenig für meine Eltern und Kinder. Mein Vater ließ es sich nicht nehmen, nach ein, zwei Hundeblicken meinerseits den Stall etwas herzurichten. Ich streute ein, fand alte Näpfe und fuhr mit den Kindern zu einer privaten Hühnerzüchterin. Ich hatte einen großen Umzugskarton und jede Menge Euphorie im Gepäck. Meine Kinder scheuchten aufgeregt die Hühnerherde hin und her und ich suchte die fünf hübschesten Hennen aus. Alles unterschiedliche Rassen. Ich hatte einfach noch zu wenig Ahnung und mein Sinn für Ästhetik machte auch vor dem Hühnerstall nicht halt: Sie sollten alle grau sein. (Für die Kenner unter uns: Heute weiß ich, dass ich mir zwei nicht reinrassige Grünleger, zwei deutsche Sperber, ein Vorwerk- und ein Königsbergerhuhn einhandelte.) Ich kaufte gleich noch einen Sack Futter dazu und schüttelte innerlich kurz den Kopf, als die Züchterin mir empfahl, den Hühnern Spielzeug zu kaufen. Körner gegen Eier, das war mein Deal.

Die Hühner zogen in ihren Stall ein und fanden abends auch gleich ihre Stange für die Nacht. Man empfiehlt nämlich, Hühner abends in den Stall zu bringen, nachdem es dunkel wird – so ist es weniger stressig für die nachts schlafenden Hennen. Am Morgen öffnete ich die Hühnerklappe und fünf wilde Junghennen stürmten in ihren Auslauf. Wild hackten sie aufeinander ein, sprangen sich an und gackerten wie verrückt. Nicht alle von ihnen hatten bisher einen Auslauf geteilt und so musste in den nächsten Wochen die Hackordnung festgelegt werden. Heute weiß ich: Hennen, die einen Hahn haben, kommen als Gesamtgruppe schneller zur Ruhe. Da steht der Chef schonmal fest.

Zwei wichtige Lektionen

Und dann hatte ich einige Lektionen zu lernen. Die erste lautete: Hühner sind Vögel. Und je nach Rasse fliegen sie mehr oder weniger hoch. Zwei meiner Hühner fliegen sehr hoch und alle fliegen höher als zur Zaunoberkante des Zwerghuhn-Geheges. Schnell sammelte ich die Hennen also aus den Gärten der Nachbarn wieder zusammen und suchte im Schuppen ein Netz, das ich über den Auslauf spannte.

Meine zweite Lektion: Bei Hühnern ist man am besten nicht schwach. Einige Tage nach der Ankunft begann Hennelore, das kleinste Huhn, zu humpeln. Zusätzlich wurde sie von den anderen Hennen so gehackt, dass sie nach wenigen Tagen nur noch traurig auf der Stange saß. Ich hatte gedacht, das wäre einfach Federvieh – aber nun kauerte da diese kleine hilflose Henne und schon schloss ich sie in mein Herz. Ich baute ihr einen eigenen Auslauf und päppelte sie mit Zusatzfutter auf. Sie hörte zwar nicht auf zu humpeln, war aber glücklich. Eines Tages sprang ein Hund gegen ihr Gehege und sie erschrak sich so sehr, dass ihre vermutlich zuvor ausgekugelte Hüfte wieder einrenkte. Allerdings blieb Hennelore so traumatisiert von ihren Artgenossen, dass sie panische Angst bekam, sobald ich sie ins gemeinsame Gehege setzte. Ich brachte sie also auf einen anderen Hof mit netteren Hühnern.

Doch noch Hühnerspielzeug

Durch Hennelore und den traurigen Abschied begann ich, die Hühner in mein Herz zu schließen. Ich lernte: Hühner haben Bedürfnisse und Persönlichkeiten. Ich konnte mir erst gar nicht erklären, warum meine hübschen Hennen Federn verloren, bis ich sah, dass sie sie gegenseitig aßen. Durch Federpicken zeigten mir die Hühner, dass es ihnen nicht gut ging. Also tat ich das, was ich unbedingt schon vor Anschaffung der Hühner hätte tun sollen: Ich las eine Menge über Rassen und Gehegegrößen, über Sandbäder, Futter und Tierwohl, über Hühnerglück und auch übers Federpicken. Daraufhin baute ich einen größeren Auslauf mit einem höheren Zaun, kaufte einen Hahn und Hühnerspielzeug. Eine Portion Demut bekam ich gratis dazu.

Bevor der Hahn einzog, informierte ich unsere Nachbarn und brachte ihnen ein paar unglaublich leckere Eier vorbei. Diesmal hatte ich mich informiert und wusste, dass man laut unserer Baunutzungsverordnung selbst in einem reinen Wohngebiet einen Hahn mit bis zu sieben Hennen halten darf. Denn Hühner gelten als „Kleintiere“ wie Meerschweinchen und Kaninchen. Also zog unser Hahn Herr Paul bei uns ein.

Hühner mit Persönlichkeit

Nun genieße ich das Glück zufriedener Stadthühner und Frühstückseier aus dem eigenen Garten. Am liebsten beobachte ich die Hühner und staune über ihre ganz eigene Persönlichkeit. Jeden Morgen schlüpfe ich noch im Schlafanzug in meine Gummistiefel und öffne den Hühnern die Klappe. Ich sehe, wie die rastlose Chickaletta wieder einmal nach morgendlichem Eierlegen nervös gackert, als hätte sie ein Wunderwerk vollbracht. Wie die kleine Brütney, statt sich geltender Hackordnung gemäß hintenanzustellen, immer wieder versucht, die besten Körner zu picken und sich dafür immer und immer wieder Ärger einfängt. Und wie die unzertrennlichen Freundinnen Scharrlotte und Eilee sich wieder gemeinsam unter die Büsche zurückziehen.

Wenn ich Freunde besuche, bringe ich keine Blumen und Pralinen mehr mit, sondern Eier. Den Erzieherinnen und Erziehern im Kindergarten meiner Kinder habe ich vor Weihnachten eine Schachtel geschenkt und sie mit „Frohe (F)Eiertage“ beschriftet und damit für strahlende Augen gesorgt. Dank Feedback weiß ich, dass ich es mir nicht einbilde: Diese Eier schmecken besser als andere! Ist ja auch klar, denn in ihnen steckt viel mehr als nur Körnerfutter. In diesen Eiern steckt die Liebe zum Huhn, das Verständnis für seine Bedürfnisse und die Bereitschaft dazuzulernen – und aus diesen Zutaten ist, so glaube ich, das perfekte Frühstücksei gemach

Sarah Keshtkaran ist Autorin, Bloggerin, Mutter und Idealistin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Mehr von ihr findet man unter @honigdusche, auf honigdusche.de oder in ihrem Podcast „Unterwegs zu uns“.