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Nicht untergehen: Wie du der Flut schlechter Nachrichten standhältst

Schlechte Nachrichten prasseln auf uns ein. Wie können wir damit umgehen, ohne völlig die Nerven zu verlieren? Lina Krauß gibt Antworten.

Hier ein Newsletter, da eine Eilmeldung und dort eine Notification – und schon greift man zum Handy. Und was erscheint auf dem Bildschirm? Kriege, Klimakrise, Wahlen – die negativen Nachrichten überschlagen sich. Kurz mal abschalten? Kaum möglich. Stattdessen scrollen wir immer weiter durch Nachrichtenportale, gefangen in einer Spirale aus schlechten Nachrichten.

Das Phänomen dahinter nennt sich Doomscrolling. Das Wort setzt sich zusammen aus dem englischen Begriff „doom“ (Untergang, Verderben) und dem eingedeutschten „scrollen“. Gemeint ist das endlose Durchstöbern negativer Schlagzeilen – selbst dann, wenn uns längst bewusst ist, dass dieses zwanghafte Wischen auf dem Bildschirm kein Happy End findet.

Negativbias versus gute Nachrichten

Dahinter steckt ein psychologischer Mechanismus – der sogenannte Negativitätsbias. Unser Gehirn ist evolutionär darauf trainiert, Gefahren und schlechte Nachrichten intensiver wahrzunehmen als positive. Sie prägen sich besser ein und beeinflussen unser Denken und Verhalten nachhaltiger. Früher war es überlebenswichtig, potenzielle Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren. Auch heute noch versucht unser Gehirn, Unsicherheit durch Information zu kontrollieren. In einer unsicheren und unübersichtlichen Welt führt das dazu, vermehrt negative Nachrichten zu konsumieren – in der Hoffnung, auf Gefahren besser vorbereitet zu sein. Doch während diese Strategie in der Wildnis möglicherweise das Überleben sicherte, ist sie im digitalen Zeitalter mit endlosen Nachrichtenfeeds oft eher belastend als hilfreich.

Man mag sich dabei zurecht fragen: Gibt es denn überhaupt gute Nachrichten? Die Antwort darauf lautet: Ja, die gibt es. Auf dem Instagram-Kanal der ZEIT beispielsweise findet sich regelmäßig das Format „Zeit für … gute Nachrichten“. Dort wird unter anderem von Meeresschutzgebieten, Wirkung von Live-Musik, Erleichterungen im Bahnverkehr durch Europa oder mehr Sicherheit im Straßenverkehr berichtet. Doch ist die Wahrnehmung schon richtig, dass es in den Medien mehr negative Nachrichten gibt. Grund dafür sind Kriterien, die für die journalistische Auswahl relevant sind – die sogenannten Nachrichtenfaktoren: Ist ein Ereignis überraschend? Emotional? Nah oder fern? Positiv oder negativ? Es gibt rund 20 solcher Merkmale.

Je nachdem wie stark sie in einem Ereignis vorhanden sind, bestimmt sich dessen Nachrichtenwert. Und dieser beeinflusst wiederum, ob ein Ereignis von Journalisten aufgegriffen wird. Medienschaffende sind sich also durchaus bewusst, welche Inhalte Aufmerksamkeit erzeugen. Wegen des schon beschriebenen Negativitätsbias sind das eben insbesondere schlechte Nachrichten.

Erholung gönnen

Zu wissen, wie dieser Mechanismus funktioniert, kann helfen, die Flut einzuordnen. Eine Studie der American Psychological Association belegt jedoch, dass ständiger Nachrichtenkonsum zu Stress, Angst und Erschöpfung führen kann. Genau dann hilft es, einfach mal auf die Stopp-Taste zu drücken – das Handy wegzulegen oder den Fernseher auszuschalten. Nicht, um die Augen vor der Realität zu verschließen, sondern um sich bewusst Erholung zu gönnen. In solchen Momenten helfen auch Bewegung oder Unternehmungen mit anderen Menschen. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Wer sich regelmäßig bewusst erholt, zwischendurch tief durchatmet und Pausen einplant, kann Stress abbauen, klarer denken – und bleibt mental stabiler.

Diese innere Stabilität nennt sich Resilienz. Das ist die Fähigkeit, wieder aufzustehen, wenn einen Stress und Belastung ins Straucheln bringen. Sie ist nicht angeboren und kann auch nicht wie Muskeln im Fitnessstudio trainiert werden. Resilienz entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit schwierigen Situationen. Menschen müssen dabei über verlässliche innere oder äußere Ressourcen verfügen. Das kann ein unterstützendes soziales Umfeld, ein klarer Lebensrhythmus oder auch eine tief verwurzelte Überzeugung sein, dass das Leben einen Sinn hat.

Glaube hilft

Hier kommt der Glaube ins Spiel. Menschen, die an Gott glauben oder eine spirituelle oder religiöse Praxis haben, können in herausfordernden Situationen Halt in Ritualen, Gebeten oder Texten finden. Die Theologin und Resilienzforscherin Cornelia Richter sagt im Podcast „vertikal horizontal“: „Religion eröffnet eine Perspektive, die über die Krise hinausweist.“ Glaube sei kein Garant für Resilienz – könne aber dazu beitragen, die Erfahrung von Leid und Kontrollverlust besser einzuordnen. Die Katastrophe sei nicht das Ende – denn die Beziehung zwischen Gott und Mensch gehe immer weiter.

Biblische Texte wie die Psalmen finden zudem Formulierungen, die das Gefühl des Ausgeliefertseins oder die Wucht der Verzweiflung ausdrücken. Die Krise wird dort nicht verleugnet, sondern durchlebt – in dem Beisein von Gott. Gerade die Klimakrise führt vielen Menschen ihre eigene Ohnmacht deutlich vor Augen. Die täglichen Schlagzeilen über Extremwetter wie Hitze oder Überschwemmungen und Menschen, die unter den Bedingungen leiden, verstärken das Gefühl, dass alles aus dem Ruder läuft. Die sogenannte Klimaangst beschreibt eine oft lähmende Sorge um die Zukunft des Planeten und der kommenden Generationen sowie ein Gefühl der Ohnmacht.

Es gibt Handlungsspielräume

Doch gerade in dieser Krise gilt: Wir sind ihr nicht völlig ausgeliefert. Es gibt Handlungsspielräume – im Kleinen wie im Großen. Ob durch einen nachhaltigen Lebensstil, politisches Engagement oder gemeinschaftliche Initiativen: Wer aktiv wird, durchbricht das Ohnmachtsgefühl. Die Welt bleibt unruhig. Doch es gibt eine gute Nachricht: Wir können lernen, in dieser Unruhe nicht unterzugehen. Mit regelmäßiger Erholung, tragenden Beziehungen, kleinen alltäglichen Taten – und dem Vertrauen, dass es Hoffnung gibt. Selbst mitten in der Krise.

Lina Krauß studiert Journalismus in Stuttgart