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Nach US‑Ausstieg und steigenden Emissionen: Kann das Pariser Abkommen noch funktionieren?

Mit dem erneuten Austritt der USA bekommt das globale Klimaabkommen einen schweren Schlag. Gleichzeitig wächst die Kritik an den großen Klimakonferenzen. Stefanie Tornow zeigt, warum das Abkommen dennoch unverzichtbar bleibt – und welche Länder jetzt liefern müssen.

12. Dezember 2015 in Paris, auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Le Bourget. Das Bild ging um die Welt: Ban Ki-moon, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen, Christiana Figueres, damalige Exekutivsekretärin der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), und Laurent Fabius, Präsident der Klimakonferenz COP21, reckten die Hände in die Luft – das Pariser Klimaabkommen und damit das 1,5-Grad-Ziel waren beschlossen. Den Verhandlern fiel sichtlich ein Stein vom Herzen, nach Jahren war es geglückt, über 190 Länder zu einem Abkommen zu bringen.

Zehn Jahre danach ist die Freude einer großen Ernüchterung gewichen. Die Emissionen und Temperaturen steigen immer weiter an. Viele Länder haben die Fristen für ihre Klimapläne gerissen. Und jedes Jahr wird die Frage immer lauter, ob sich Klimakonferenzen in dieser Form überhaupt noch lohnen. Eine gute Gelegenheit, sich noch mal mit dem Pariser Klimaabkommen auseinanderzusetzen. Wie steht es um das Abkommen und das 1,5-Grad-Ziel? Wie zielführend waren seitdem die Klimakonferenzen? Und: Wie kann das Abkommen noch sein Ziel erfüllen?

Für mich persönlich war die COP21 im Jahr 2015 meine allererste Klimakonferenz, die ich für den World YMCA als Beobachterin mit begleiten durfte – also nicht selbst mitverhandeln konnte, aber gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen sicherstellen durfte, dass bestimmte Themen genügend Aufmerksamkeit bekamen und somit die Verhandlungen auch in eine gewisse Richtung gelenkt wurden.

Insgesamt war ich auf sechs Klimakonferenzen und auch bei einigen Zwischenverhandlungen dabei und habe in dieser Zeit viel über die Positionen der Staaten, die Verhandlungen selbst und die Auswirkungen der COP lernen können.

Beschlüsse treffen auf Realität

Wie steht es um das Abkommen und das 1,5-Grad-Ziel? Die ehrliche Antwort: nicht ganz so gut. 2015 hatte sich das Pariser Klimaabkommen folgende Hauptziele gesetzt. Erstens: Die Beschränkung des Anstiegs der weltweiten Durchschnittstemperatur. Zweitens: Die Senkung der Emissionen und Anpassung an den Klimawandel. Und drittens: Die Lenkung von Finanzmitteln im Einklang mit den Klimaschutzzielen.

2024 lag die globale Durchschnittstemperatur erstmalig über der 1,5-Grad-Marke und wird sich höchstwahrscheinlich in den nächsten Jahren weiter steigern. Auch die Emissionen sind in den letzten zehn Jahren vor allem im fossilen Verbrauch gestiegen, so das Global Carbon Project (GCP), das alljährlich das Emissionsbudget betrachtet. Und wie das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) erklärt, „gibt es genügend globales Kapital, um die globalen Investitionslücken zu schließen … aber es gibt Hindernisse für die Umlenkung von Kapital in den Klimaschutz“. Artikel 2.1(c) des internationalen Pariser Abkommens zum Klimawandel zielt darauf ab, genau das zu tun, aber acht Jahre, nachdem praktisch alle Länder das Pariser Abkommen unterzeichnet haben, sind sie immer noch uneins über den Geltungsbereich von Artikel 2.1(c) und wie er umgesetzt werden soll.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Thema Klimawandel stark in der internationalen Politik etabliert. Aufgrund des Pariser Klimaabkommens konnte der Ausbau Erneuerbarer Energien massiv beschleunigt werden sowie derjenige von Batterien, Wärmepumpen und der Elektromobilität. Fast alle großen Volkswirtschaften setzen auf Sonne, Wind und Wasserkraft. Und auch in Entwicklungsländern führt der Boom der Erneuerbaren zu neuen Möglichkeiten.

Erfolge und Niederlagen

Ein großer Zwischenerfolg war 2022 der Beschluss zum Klima­katastrophen­fonds (Loss and Damage Fund) im Rahmen der COP27 im ägyptischen Sharm-el-Sheik und die rasante Umsetzung direkt am ersten Tag der COP28 in Dubai das Jahr darauf. Seit rund 30 Jahren fordern Länder des globalen Südens einen Fonds, in den reiche Staaten einzahlen – vor allem, weil sie auch für die meisten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Das Geld soll dann an ärmere Staaten nach klimabedingten Katas­trophen und Schäden gezahlt werden, um ihnen dabei zu helfen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. Viele hatten lange Verhandlungen erwartet – dass es dann schneller ging, wurde als Erfolg gewertet.

Eine große Niederlage ist der Austritt der Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Pariser Klimaabkommen, nicht nur einmal, sondern nun auch zum zweiten Mal unter Donald Trump. Damit fällt ein wichtiger Emittent, aber auch Finanzierer wichtiger Klimaprojekte weg und verlangsamt somit die Umsetzung des Klimaabkommens. Der Rückzug der USA birgt zudem die Gefahr, dass andere Länder dem Beispiel folgen könnten – und damit das Momentum des Abkommens vollends verloren geht.

Kleine Schritte in die Zukunft

Jedes Jahr aufs Neue werden Stimmen laut, die Klimakonferenzen abzuschaffen oder aber in einer anderen Form stattfinden zu lassen. Und wenn man sich die Quote der erfolgreichen Klimakonferenzen ansieht, ist manche Kritik durchaus berechtigt – nur drei der 29 Konferenzen hatten erhebliche Auswirkungen auf die Klimapolitik der Länder (COP3 in Kyoto, COP21 in Paris und COP28 in Dubai). Viele führende Stimmen in der Klimapolitik bezeichnen die Konferenzen als ineffizient und zu groß – und mit den bisher nur erreichten Absichtserklärungen ließe sich kaum das Klima retten. Klimaforscher wie beispielsweise Mojib Latif fordern daher eine engere Zusammenarbeit einzelner Staaten – wie etwa zwischen USA und China – sowie kleinere, regionale Konferenzen.

Allerdings muss man sich immer wieder vor Augen führen, wie so eine internationale Klimakonferenz aufgebaut ist. 195 Länder entsenden ihre Delegationen zu Verhandlungen. Jedes Land oder jeder Staatenverbund verfolgt eigene Interessen, seien es wirtschaftliche oder politische Ziele. Hinzu kommen starke Lobbygruppen, die die Staaten ebenfalls beeinflussen wollen. Die Öl-Lobby ist hier besonders hervorzuheben. Industriestaaten haben generell andere Interessen als Entwicklungsländer. Und diese unterschiedlichen Perspektiven gilt es nun unter einen Hut zu bekommen und einen Kompromiss zu erzielen, der für alle Länder akzeptierbar ist.

Die Länder machen also einen kleinen Schritt nach vorn und wieder zwei zurück – und das jedes Jahr aufs Neue. Das ist auf jeden Fall frustrierend und dennoch möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für die Klimakonferenzen brechen. Ich verfolge jetzt seit zehn Jahren diese Verhandlungen und habe auch durchaus meine Phasen, in denen ich mich über die Prozesse aufrege. Wenn tagelang darüber diskutiert wird, ob man den Bericht des IPCC „willkommen heißt“ oder „anerkennt“, dann fragt man sich schon, ob die Staaten die Dringlichkeit des Klimawandels nicht begriffen haben. Klimakonferenzen sind aber trotzdem sinnvoll, weil sie eine Plattform bieten, auf der die fast 200 Länder gemeinsam Lösungen finden können. Sie haben den Vorteil, dass sie globalen Druck erzeugen und alle Länder dazu zwingen, sich mit Klimaschutzmaßnahmen auseinanderzusetzen. Besonders kleinere Inselstaaten, die durch den Klimawandel bedroht sind, aber auch Aktivistinnen und Aktivisten erhalten durch die mediale Berichterstattung während dieser Konferenzen weltweite Aufmerksamkeit.

Und um direkt mal das Argument zu entkräften, dass man diese ganzen Konferenzen doch auch digital abhalten könnte: Die Corona-Pandemie hat uns drastisch vor Augen geführt, dass internationale Verhandlungen nur gleichberechtigt stattfinden können, wenn man sich face-to-face gegenübersitzt. Während der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass gerade die vulnerabelsten Staaten nicht die Möglichkeit haben, sich an der Diskussion zu beteiligen, weil beispielsweise die Infrastruktur aus Internet, Kabeln und Hardware fehlt. Um gleiche Chancen für alle zu bieten, müssen Verhandlungen in Präsenz stattfinden. Und zwar alle an einem Ort, um zu vermeiden, dass Staaten aufgrund der Zeitverschiebung in wichtigen Diskussionen nicht beteiligt sind.

Gemeinsam zum Erfolg

Das Pariser Abkommen ist noch nicht gescheitert. Es bedarf einer starken Gemeinschaft, die sich zusammenrauft, um die Ziele des Abkommens zu erreichen, gerade nach dem Austritt der USA. Dazu gehören nicht nur die Länder, die das Abkommen unterzeichnet haben, sondern auch viele andere Gruppierungen aus der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Wissenschaft – nur gemeinsam kann das Abkommen noch Erfolg haben. Die Politik muss dazu ambitionierter werden, vor allem die Industriestaaten sind hier in der Pflicht. Sie müssen mehr Gelder in den Klimaschutz, sei es national oder international, investieren. Und sie müssen Allianzen untereinander schmieden, um den Markt der Zukunftstechnologien nicht an China zu verlieren. Die letzten Jahre haben uns gezeigt, dass der Klimawandel nicht vor Grenzen Halt macht – er ist schon längst auch bei uns angekommen.

Stefanie Tornow ist ehrenamtlich im Umweltbereich des World YMCA aktiv und setzt sich seit 2015 dafür ein, dass junge Menschen in die Klimaverhandlungen mit eingebunden werden.

Natürliche Ressourcen: Alle Menschen könnten gut auf der Erde leben

Der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen beginnt bei jedem Einzelnen. Die Berechnung des persönlichen ökologischen Fußabdrucks ist da ein Anfang, erklärt der Experte Johannes Küstner von Brot für die Welt.

Ein CO2-Rechner erklärt mir, für wie viel CO2-Ausstoß ich verantwortlich bin. Ihr bei „Brot für die Welt „messt den ökologischen Fußabdruck. Welcher Gedanke steckt dahinter?

Die Wissenschaftler Mathis Wackernagel und William Rees sind in den 1990er-Jahren aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive rangegangen. Sie haben gesagt: „Jedes Unternehmen hat doch eine Einnahmen- und eine Ausgabenrechnung. Man guckt, wie viel Geld man einnimmt und kann in der Regel auch nur so viel ausgeben. Wie seltsam ist es, dass wir für die ökologischen Ressourcen, die unsere Lebensgrundlagen sind, so eine Einnahmen- und Ausgabenrechnung nicht machen, sondern einfach verbrauchen, als wäre unendlich viel davon da und damit auch Substanz zerstören. Und dann haben sie so eine Einnahmen- und Ausgabenrechnung erstellt, eine Ökobilanz.

Wie kann man eine solche Bilanz für den ganzen Planeten errechnen?

Man stellt die Frage: Was gibt es eigentlich auf der Welt für Flächen, die uns Umweltdienstleistungen zur Verfügung stellen? Eine Ackerfläche beispielsweise hat die höchste Bioproduktivität, weil sie uns Nahrung liefert. Ein Wald hat auch eine relativ hohe Bioproduktivität, ein Ozean eine etwas geringere, weil da nur an den Küstenregionen Fische entnommen werden und CO2 gespeichert wird. Und eine Wüste hat eine sehr geringe Bioproduktivität, weil da nichts wächst. So wurde über Satellitenaufnahmen ausgerechnet, welche Flächen es auf der Welt gibt und wie hoch ihre Umweltdienstleistungen sind. Die Gesamtheit dieser zur Verfügung stehenden Umweltdienstleistungen ist die Biokapazität. Wenn der Mensch mehr verbraucht, als Biokapazität vorhanden ist, dann betreibt er Raubbau.

„Wenn der Mensch mehr verbraucht, als Biokapazität vorhanden ist, dann betreibt er Raubbau“

Wisst ihr, wer den Rechner vor allem nutzt?

Ungefähr 40 Prozent der Nutzer sind unter 20, aber es benutzen ihn Leute aus allen Altersgruppen. Zuschriften kommen sogar überwiegend von älteren Leuten, die sehr umweltbewusst leben und dann frustriert sind, dass ihr Fußabdruck so schlecht ist. Das Beantworten nenne ich inzwischen Ökoseelsorge. Es geht darum, zu verarbeiten: Was mache ich jetzt mit dieser Erkenntnis, dass mein Fußabdruck überhaupt nicht nachhaltig ist?

Was antwortet ihr diesen Leuten?

Oft sind es Leute, die schreiben: „Ich baue doch schon Gemüse in meinem Garten an“ oder so. Wenn sie dann auch kein Auto fahren und nicht fliegen, haben sie gar nicht mehr so viele Optionen, mit persönlichen Verhaltensänderungen ihren Fußabdruck zu verkleinern. Denen sagen wir: „Es hat eigentlich keinen Sinn, jetzt noch mehr Energie da reinzustecken, weiter den persönlichen Fußabdruck zu verkleinern, sondern es ist viel besser, wenn Sie die vielen Kompetenzen, die Sie haben, der Gesellschaft zur Verfügung stellen, sodass andere Leute auch lernen zu gärtnern oder ohne Auto zurechtzukommen oder so.“ Es ist nur schwer möglich, einen nachhaltigen Fußabdruck zu erreichen, weil der Sockelbetrag in Deutschland schon so hoch ist.

Nämlich die allgemeinen Ressourcen, die das Leben in Deutschland verbraucht?

Ja. Sockelbetrag meint, dass wir in unserer Gesellschaft viele Dinge nutzen, deren Ökobilanz wir nicht unmittelbar selbst beeinflussen können. Wir profitieren von Straßen, Öffentlichem Nahverkehr, Polizei – die ganze öffentliche Daseinsversorgung. Wenn die Gesellschaft insgesamt richtig nachhaltig funktionieren würde mit maßvoller E-Mobilität, fairen Produkten und so weiter, würde dieser Sockelbetrag deutlich geringer ausfallen. Ich versuche den Leuten auch zu erklären, dass die Intention dieser Seite nicht ist, dass man sich jetzt stresst: Wie schaffe ich es bloß, diesen fairen Wert zu erreichen? Sondern eine wesentliche Funktion des Fußabdrucks ist, zu zeigen, wie gewaltig der Veränderungsbedarf ist und dass zu dem persönlichen Verhalten die Strukturveränderungen notwendigerweise hinzukommen müssen.

Macht man den Leuten mit so einem Rechner dann aber nicht ein schlechtes Gewissen – obwohl das Problem bei den Strukturen und in der Wirtschaft und Politik liegt?

Ich finde, man muss das nicht so gegeneinander ausspielen, sondern man kann auch versuchen, das Interesse der Menschen an Umweltschutz und an eigenen Veränderungsmöglichkeiten zu nutzen. Und sie dann auch ermutigen, sich politisch zu engagieren.

Ausgerechnet der Öl- und Gaskonzern BP hat ja vor 20 Jahren einen CO2-Rechner beworben, um bewusst von seiner Verantwortung abzulenken und sie auf den Einzelnen abzuwälzen …

Ich finde das auch kritisch zu hinterfragen, warum BP einen CO2-Rechner bewirbt. Gleichzeitig fände ich es problematisch, wenn man damit insgesamt dieses Konzept des Ökologischen Fußabdrucks aus der Hand geben würde, nur weil BP es aus niederen Interessen benutzt hat. Mathis Wackernagel, der den ökologischen Fußabdruck erfunden hat, hat schon lange vor BP einen Onlinetest dazu veröffentlicht. Durch BP ist der Gedanke wesentlich bekannter geworden. Es gibt durchaus viele Leute, die eine große Motivation für Schöpfungsbewahrung haben, aber nicht wissen, welche Verhaltensweise wie stark was ins Gewicht fällt.

Die machen sich zum Beispiel totalen Stress mit veganer Ernährung, haben aber überhaupt nicht überlegt, wie die weite Fahrt mit dem SUV in den Biosupermarkt in die Bilanz fällt. Es geht nicht darum zu sagen: „Du sollst das und das machen“, sondern zu zeigen, was wie sehr ins Gewicht fällt.

„Es ist genug für jedermanns Bedürfnis, aber nicht für jedermanns Gier.“

Was ist denn der entscheidende Punkt, der geschehen muss, damit unser Planet bewohnbar bleibt?

Ich finde den Satz von Mahatma Ghandi hilfreich, der sagt: „Es ist genug für jedermanns Bedürfnis, aber nicht für jedermanns Gier.“ Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen auf dieser Welt gut leben können. Aber dieses gute Leben wird nicht so aussehen können, wie bei uns, wo sich ein ressourcenverschwenderischer Lebensstil breitgemacht hat.

Die persönlichen Veränderungsmöglichkeiten sind allerdings begrenzt. Was müsste denn global passieren?

Die Frage, die dahintersteckt, lautet ja: Wer muss anfangen? Und die Antwort darauf ist, dass schon die Frage Teil des Problems ist. Wenn man überlegt, wer anfangen muss, dann schieben sich die verschiedenen Akteure in Politik, Wirtschaft oder auch von individueller Ebene immer die Verantwortung hin und her. Eigentlich muss aber auf allen Ebenen so viel wie möglich, so schnell wie möglich passieren. In der Landwirtschaft, in der Energiewirtschaft, in der gesamten Produktionskette, wie wir mit Ressourcen umgehen und die wiederverwenden, in unserer Ernährungsweise. Überall sind Veränderungen notwendig.

Was ist bei dieser Transformation meine Rolle als einzelne Person?

Diese politischen und strukturellen Veränderungen sind meines Erachtens nicht erreichbar, wenn nicht ein ausreichend großer Teil der Gesellschaft dafür ein Bewusstsein hat und es auch selbst ein Stück weit kulturell vorgelebt hat. Ein schönes Beispiel finde ich immer die Energiewende. Jahrzehntelang haben Menschen in gesellschaftlichen Nischen mit erneuerbarer Energie experimentiert. Haben kleine Windräder gebaut oder an kleinen Photovoltaikanlagen gebastelt oder mit Solarthermie experimentiert. Und es gab eine Anti-AKW-Bewegung, die jedes Jahr demonstriert hat. Und irgendwann war dann der Moment da, wo die Politik bereit war zu sagen: „Okay, wir wagen jetzt den Atomausstieg.“ Hätte es diese langen Vorbereitungen nicht gegeben, dann wären gar nicht die Optionen da gewesen, die Erneuerbaren Energien als Energiequelle zu erschließen.

Und ich glaube, so ist es in vielen Transformationsbereichen. Eine Ernährungs- und Landwirtschaftswende gelingt viel leichter, wenn Menschen aus freien Stücken, sei es für Gesundheit oder Klima, weniger tierische Produkte nutzen und sozusagen lernen, wie man sich auch mit Gemüse gut ernähren kann. Wenn man jetzt einfach auf einen Schlag tierische Produkte fünfmal so teuer machen würde, aber in der Gesellschaft gar keine kulturellen Ressourcen da sind, damit umzugehen, dann funktioniert so eine Veränderung nicht. Weil das ineinandergreift, ist auch die Ebene des persönlichen Lebensstils total wichtig. Nicht als Ablenkung von der Strukturveränderung, sondern als Ermöglichung und Motivation dafür.

Brot für die Welt verbindet man ja eher mit Hunger- und Armutsbekämpfung. Warum engagiert ihr euch für Klima- und Umweltschutz?

Das Wichtige bei der Arbeit von Brot für die Welt im Globalen Süden ist ja vor allem, dass wir mit Partnerorganisationen vor Ort zusammenarbeiten. Schon ganz früh waren wir mit Akteuren aus Ländern des Südens im Gespräch darüber, wie gerechte und nachhaltige Entwicklung funktionieren kann. Und die haben uns schon in den 70er-Jahren gesagt: „Ihr müsst anders leben, damit wir überleben können.“ Ein gutes Leben für alle ist nur möglich, wenn wir nicht so sehr über unsere Verhältnisse leben und nicht so sehr Ressourcen aus anderen Ländern beanspruchen.

Johannes Küstner ist Bei „Brot für die Welt“ seit 2012 für die außerschulische Bildungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zuständig. Er ist verantwortlich für die Aktionen „5000 Brote“, „Teller statt Tonne“ oder den Ökologischen Fußabdruck.

Der niederschwellige Fußabdruck-Rechner von „Brot für die Welt“ verzeichnet täglich über 2.000 Zugriffe. 13 Fragen sind zu beantworten, das ist in sechs Minuten erledigt – ohne dass eine Heiz- oder Warmwasserrechnung hervorgekramt werden muss.

Die Fragen stellte Anja Schäfer

Klima-Aktivistin Vanessa Nakate: So tickt die „Greta Afrikas“

In Afrika schlägt die Klimakrise massiv zu, aber niemand spricht darüber. Vanessa Nakate streikt für mehr Klimagerechtigkeit, tritt für Afrika ein und kämpft dafür, dass das Leid der Menschen gesehen wird. Ein Porträt von Anja Schäfer.

Manche nennen sie die „Greta Afrikas“, weil sie für Klimagerechtigkeit streikt und ihre Stimme erhebt. Doch den Vergleich mit der schwedischen Klima-Aktivistin hat Vanessa Nakate längst nicht mehr nötig.

„Als ich klein war, war ich ein sehr schüchternes und ängstliches Mädchen. Aber ich hörte, wie mein Vater und andere über den Regen sprachen.“ So begann Vanessa Nakate ihre Rede Ende Juni in Hamburg, als sie den Helmut-Schmidt-Zukunftspreis überreicht bekam. Seit Januar 2019 demonstriert die 25-jährige Absolventin eines BWL-Studiums für mehr Klimabewusstsein in ihrer Heimat Uganda, wo das Wissen über die Klimakrise häufig dürftig ist. Und für Klimagerechtigkeit. Unter dem Slogan „Show us the money“ erinnert sie an zugesagte Hilfen der Industriestaaten, die mit ihren Emissionen für die Klimakrise verantwortlich sind.

Dürre und Flut – der Regen in Uganda

Sie spricht und schreibt über den Regen, denn er verändert Uganda. Entweder weil er ausbleibt oder weil er zu Überschwemmungen führt. „Die Menschen in Afrika leiden schon jetzt unter einigen der brutalsten Auswirkungen der Klimakrise – dabei ist der gesamte afrikanische Kontinent für weniger als vier Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich“, erklärte sie in ihrer Rede.

Das Jahr 2018 war in Ostafrika von heftigen Wetterereignissen gezeichnet. Eine halbe Million Menschen waren betroffen: von massiven Überflutungen, zerstörten Ernten, ertrunkenen Ziegen und Kühen. 12.000 Menschen verloren ihre Häuser in Erdrutschen. In anderen Regionen hingegen blieb der Regen aus, nun schon das zweite Jahr in Folge.

„Wir müssen etwas unternehmen!“

Als Vanessa sich nach Abschluss ihres Studiums mit den Themen näher beschäftigt, ist sie entsetzt, wie wenig in ihrem Land über die Zusammenhänge bekannt ist. Ihr Onkel Charles spricht es schließlich aus: „Wir müssen etwas unternehmen – der Umwelt wegen und der jungen Menschen wegen.“ Und Vanessa unternimmt etwas. Bei ihren Online-Recherchen ist sie auch auf Greta Thunberg gestoßen, ist fasziniert von diesem Mädchen, das jünger ist als sie selbst und sich dennoch traut, auf die Straße zu gehen. In Uganda ist dafür noch mehr Mut nötig. Denn nicht nur sind die gesellschaftlichen Normen, was junge Frauen tun und lassen können, viel enger. Auch sind öffentliche Demonstrationen kaum geduldet.

Mitunter werden sie willkürlich durch die Polizei und mithilfe von Schlagstöcken und Tränengas aufgelöst.

Doch Vanessa weiß inzwischen zu viel und spürt den Willen, etwas für ihr Land zu unternehmen. An einem Samstag beschließt sie, auf die Straße zu gehen. Sie spürt eine Verbundenheit zur globalen Bewegung Fridays for Future – aber bis Freitag will sie jetzt nicht mehr warten. Sie motiviert ihre beiden jüngeren Brüder und drei Cousins und Cousinen, sie malen Schilder und gehen am Tag darauf frühmorgens los. An vier strategisch ausgewählten Orten ihrer Heimatstadt Kampala – Märkten und vielbefahrenen Kreuzungen – stellen sie sich auf und posten Fotos davon in ihren Social-Media-Kanälen. Als Greta Thunberg überraschend ihre Fotos teilt, schnellen die Likes in die Höhe.

Einladung nach New York

Am Freitag darauf will sie einen echten Fridays-Streik starten – und da niemand sonst Zeit hat, zieht sie allein los, bis sie erleichtert einen alten Freund trifft, der sich ihr anschließt. Doch nach einigen Wochen Solo-Streiks nimmt der Frust überhand, dass sie nur selten jemand begleitet und nur wenige Menschen mit den Botschaften auf ihren Schildern etwas anfangen können. „Je stärker ich mich persönlich engagierte, desto größer wurde der Schmerz darüber, dass öffentlich so gut wie niemand in meinem Land auf den übergeordneten Notstand zu reagieren schien“, blickt sie zurück. Zwei Wochen hadert sie, weint, bleibt in ihrem Zimmer – aber dann macht sie trotzdem einfach weiter. Vanessa protestiert, allein, zu zweit, spricht mal mit interessierten Passanten, mal mit Studierenden auf dem Campus, postet ihre Aktivitäten. Ein mutiger Anfang, nichts Großes. Bis eine E-Mail aus New York in ihrer Inbox landet. Eine E-Mail aus dem Büro des UN-Generalsekretärs: Sie ist eingeladen zum Jugendklimagipfel nach New York. Sie ist noch nie allein gereist, geschweige denn geflogen. Die Reise mit wenig Geld in der Tasche ist ein Abenteuer und sie selbst dort nur eine der wenigen Teilnehmenden vom afrikanischen Kontinent. Sie weiß nun: Menschen haben Notiz von ihrem Engagement genommen und sie sammelt – wenn auch nicht nur positive – Erfahrungen und hilfreiche Kontakte.

Das Foto und seine Folgen

Im Januar 2020 folgt die nächste Einladung, diesmal nach Davos zum „Arctic Basecamp“ während des Weltwirtschaftsforums. Als Aktivsten und Aktivistinnen machen sie mit diesem Camp darauf aufmerksam, dass die Arktis sich in den vergangenen dreißig Jahren doppelt so schnell erwärmt hat wie der Rest der Erde.

Und dann kommt jener unheilvolle Tag, der sie kränkt und verärgert, aber auch berühmt macht. Zusammen mit vier anderen – weißen – Aktivistinnen spricht sie in einer Pressekonferenz und Fotografen schießen Bilder von den Fünfen vor einem Bergpanorama. Doch als das Bild bei der Agentur Associated Press erscheint, fehlt Vanessa. Das Bild ist beschnitten. „Aus kompositorischen Gründen“, wie die Agentur später mitteilt. Hinter Vanessa war ein Gebäude zu sehen gewesen, das angeblich die Optik gestört hat. Vanessa reagiert darauf prompt mit einem Video, in dem sie erklärt: „Ihr habt nicht einfach nur einen Menschen aus einem Foto getilgt. Ihr habt einen ganzen Kontinent getilgt.“

Alle Welt schaut auf den Norden – niemand auf Afrika

Nach Protest aus vielen Teilen der Erde entschuldigt sich die Agentur und veröffentlicht nun auch das unbeschnittene Bild. Doch das Gefühl bleibt, dass ihr als Aktivistin aus dem Globalen Süden die Chance verwehrt worden ist, ihrer Botschaft und der Situation in ihrem Land weltweit Gehör zu verschaffen, weil selbst der Kampf gegen die Klimakrise um den Westen kreist.

Wie sehr das der Fall ist, fällt ihr auf, als sie von der Zerstörung des Kongo-Regenwaldes hört. Dass der Amazonas-Regenwald abgeholzt wird und welche verheerenden Folgen das hat, ist weltweit ein Thema. Dass im Kongobecken der zweitgrößte Regenwald liegt und ebenso wertvoll wie bedroht ist, war nicht einmal ihr selbst klar. Ihr fällt auf: Auch in Uganda war man 2019 und 2020 über die verheerende Buschbrände in Australien und den USA bestens informiert – was hingegen im eigenen Land passiert, ist den wenigsten ihrer Landsleute bekannt. Auch medial konzentriert sich alles auf den globalen Norden. Und wieder zeigt sich Vanessas Tatkraft und sie organisiert kurzentschlossen einen Streik für den viel zu unbekannten Kongo-Regenwald, der Kreise zieht.

Übersehene Krisen

Die Hilfsorganisation CARE hat aufgelistet: Neun von zehn der Krisen, die 2019 in der Berichterstattung am stärksten vernachlässigt wurden, ereigneten sich in Afrika. Dem will Vanessa entgegentreten. Sie gründet das Rise-up-Climate-Movement, um die afrikanischen Stimmen zu vereinen und zu verstärken. Gleichzeitig engagiert sie sich im Vash-Green-Schools-Project, das sich zum Ziel setzt, die Schulen in Uganda mit Solaranlagen auszustatten.

Ihre Motivation für ihr unermüdliches Eintreten für Klimagerechtigkeit schöpft Vanessa Nakate aus dem Erleben, dass gemeinsames Engagement unzähliger junger Menschen in einer globalen Bewegung, etwas bewirkt. Und aus ihrem christlichen Glauben, über den sie auf ihrem Instagram-Kanal immer wieder schreibt.

Anja Schäfer ist Redakteurin von anders LEBEN.

Großprojekt: „Afrikas grüne Mauer“ soll Fluchtursachen und Klimaerwärmung bekämpfen

Mitten in Afrika entsteht gerade ein riesiger Grünstreifen. Seine Wirkung wäre enorm. Das Projekt kommt jedoch nur schleppend vorwärts.

Quer durch den afrikanischen Kontinent soll über eine Länge von 8.000 Kilometern ein Grünstreifen durch die gesamte Sahelzone gepflanzt werden: die „Great Green Wall“, auf deutsch auch „Afrikas grüne Mauer“ genannt.

Perspektive für viele

2005 wurde das Projekt von der Afrikanischen Union beschlossen und elf Nationen starteten damit. Inzwischen ist die Unterstützung auf 21 afrikanische Staaten angewachsen, zusätzlich fördern es unter anderem Weltbank, UN und EU.

Wenn dieses Menschheitsprojekt verwirklicht wird, kommt es dem Klima des ganzen Planeten zu Gute. Vor allem aber soll es die Ausbreitung der Sahara nach Süden stoppen und damit den Verlust fruchtbarer Böden. Vor Ort entstehen Arbeitsplätze, Landwirtschaft wird möglich und die ganze Region stabilisiert. Rund 50 Prozent der Bevölkerung in der Sahelzone sind unter 15 Jahre alt. 60 Millionen von ihnen könnten laut Schätzungen bis 2045 aus mangelnder Zukunftsperspektive die Flucht nach Europa antreten. Viel besser wäre es, ihnen zu Hause eine Perspektive zu verschaffen. Aufforstung, Bodenverbesserung, Arbeitsplätze vor Ort sind dafür entscheidende Mittel.

Bisher ein Mosaik

Soweit die Vision. Oder der Traum? Denn die Erfolge sind bisher bescheiden. Gerade einmal 15 bis 20 Prozent der angedachten Fläche sind nach nunmehr 15 Jahren bepflanzt worden. Sichtbare Aufforstung gibt es bisher vor allem im Senegal, dem ganz im Westen am Atlantik gelegenen Start des gedachten gigantischen Grünstreifens. Grüner wird es zudem in Burkina Faso, Nigeria und in Äthiopien, das der Aufforstung politisch große Priorität einräumt. In anderen Staaten hindern unter anderem Terrorismus und Korruption die Fortschritte.

Verantwortliche sprechen daher zurzeit weniger von einer Mauer, sondern lieber von einem großen grünen Mosaik. Und das mag in der Verwirklichung einer großartigen Vision auch sinnvoll sein: An vielen verschiedenen Stellen das Machbare tun, damit es sich stabilisiert und entwickelt. Zudem könnte eine durchgehende Mauer an solchen Orten gar nicht sinnvoll sein, wo niemand lebt, der die Bäume pflegt. Diese und weitere Lernerfahrungen gehören auch zu einem Mammutprojekt wie diesem dazu.

Text: Johannes Fähndrich. Weitere Infos: greatgreenwall.org