Eine belebte Einkaufsstraße. Symbolbild: Getty Images / William Barton / iStock / Getty Images Plus

Kirche und Konsum: Würde Jesus heute Markenjeans tragen?

Modernes Marketing ist darauf ausgelegt, Wünsche zu wecken, unabhängig davon, was wir wirklich brauchen. Konsum ist mittlerweile Selbstzweck. Doch das hat weitreichende Konsequenzen für uns  – und die gelebte Nächstenliebe. Eine Spurensuche von Pastor Matthias Voigt.

New York City, 1920er-Jahre. Edward Bernays war im Ersten Weltkrieg Propaganda-Offizier gewesen und hatte die US-amerikanische Bevölkerung darauf eingestimmt, in den Krieg einzutreten. Als der Krieg zu Ende war, überlegte er sich: Was in Kriegszeiten durch Propaganda funktioniert hatte, könnte man doch in Zeiten des Friedens für die Wirtschaft anwenden. Und er gründete in New York das erste PR-Büro.

Grüne Werbung

Eines Tages trat die Zigarettenfirma Lucky Strike an ihn heran. Lucky Strike hatte gerade ein neues Design entworfen und auf ihre Zigarettenschachteln drucken lassen. Es war grün. Das Problem war: Aufgrund der Farbe kauften vor allem Frauen diese Packungen nicht. Die Farbe war nicht angesagt, galt als unmodern und passte vor allem nicht zur Garderobe. Lucky Strike hatte eine Menge in das neue Design investiert, aber die Packungen wurden nicht gekauft.

Was tat Bernays? Er mietete das luxuriöse New Yorker Hotel Waldorf-Astoria und lud zu einem großen, opulenten Ball. Zum „grünen Ball“. Er beauftragte einflussreiche Designer, die an diesem Abend eine grüne Kollektion vorstellten. Alle Frauen trugen grüne Abendkleider und Bernays sorgte dafür, dass alle wichtigen Modejournalisten an diesem Abend anwesend waren.
Und was geschah? Alle Journalisten schrieben über diesen besonderen Ball. Grün wurde zur Modefarbe der nächsten Saison. Grün war in. Es war der Trend. Wer modisch vorne mit dabei sein wollte, trug Grün. Und wer hatte die passenden Zigaretten für diesen Trend? Lucky Strike. Und der Absatz ging durch die Decke.

Eier mit Speck

Edward Bernays war unglaublich erfolgreich und einflussreich mit seiner PR. Anderes Beispiel: Wir kennen Bacon and Eggs – Eier mit Speck – als das klassische amerikanische Frühstück. Als man sich immer mehr auf Toast mit Kaffee zum Frühstück beschränkte, engagierte ein Fleischproduzent Bernays. Und nachdem dieser eine Umfrage unter Ärzten veröffentlichen ließ, die ein reichhaltiges Frühstück empfahlen, stiegen die Verkaufszahlen des Fleischproduzenten rasant. Kaum jemand kennt seinen Namen, aber Bernays wurde vom Life Magazine zu einer der 100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts gekürt.

Er war so erfolgreich, weil er eine Sache verstanden hatte und bewusst steuerte: Menschen kaufen nicht nur das, was sie brauchen oder ihnen nützt, sondern das, was ihnen ein gutes Gefühl gibt. Das, was eine Sehnsucht stillt. Unser Konsum ist von Sehnsüchten und Gefühlen stärker bestimmt als von unserem echten Bedarf.

Das ist auch hundert Jahre nach Bernays Erfindung von PR nicht anders. Herausforderungen mit Konsum und Besitz gibt es aber natürlich schon deutlich länger. Als Christ und Pastor interessiert mich, was wir von Jesus über den Umgang mit Konsum lernen können. Was hat Konsum mit unserem Inneren zu tun? Und wie sieht ein Lebensstil aus, der nicht von Konsum bestimmt ist?

Zwei Risiken des Konsums

Im Lukasevangelium wird uns von einer Begegnung mit Jesus berichtet. Als Jesus immer bekannter wurde, kamen immer wieder auch Menschen mit ihren Fragen und ihren Anliegen zu ihm. Es war damals üblich, dass man religiöse Lehrer auch zu solchen Angelegenheiten wie Finanzen befragte. Und so kommt jetzt ein Mann zu Jesus und will, dass er sich um seine Erbangelegenheit kümmert. Aber Jesus lehnt ab und benutzt stattdessen die Situation dafür, um allen Umstehenden eine Sache klarzumachen: „Lieber Mann, wer hat mich denn zum Richter über euch eingesetzt oder zum Vermittler in euren Erbangelegenheiten?“, fragt Jesus und wendet sich daraufhin an alle: „Nehmt euch in Acht! Hütet euch vor aller Habgier! Denn das Leben eines Menschen hängt nicht von seinem Wohlstand ab“ (Lukas 12,14-15).

Er spricht eine doppelte Warnung aus. Er sagt es gleich zweimal, um die Wichtigkeit klarzumachen: „Nehmt euch in Acht. Hütet euch.“ Hütet euch vor Habgier, also vor diesem Wunsch, dem Streben, immer mehr haben zu wollen.

Und dann folgt seine Begründung: „Denn das Leben eines Menschen hängt nicht von seinem Wohlstand ab.“ Das Leben ist nicht im Wohlstand zu finden. Echtes Leben findet sich nicht in Besitz, Geld oder Vermögen.

Und um den Punkt noch klarer zu machen, erzählt Jesus anschließend die Geschichte von einem Landwirt, dessen Land eine sehr gute Ernte gebracht hatte. Er überlegt: Was mache ich mit all meinem Reichtum? Er beschließt, all seine Scheunen abzureißen, um größere Scheunen zu bauen, und sagt sich: Wenn ich das alles fertig habe, wenn ich all diesen Reichtum gesammelt, gelagert, verstaut und angehäuft habe … dann werde ich Ruhe finden. Dann werde ich Freude haben am Leben.

Das gute Leben

Am Ende der Geschichte sagt Jesus, was Gott für ein Urteil über diesen Landwirt fällt: „Du Narr, noch in dieser Nacht wird dein Leben von dir zurückgefordert werden. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast? … So geht es dem, der nur auf seinen Gewinn aus ist und nicht reich ist vor Gott“ (Lukas 22,20-22).

Was kritisiert Jesus hier? Nicht, dass der Mann viel hatte. Nicht, dass er reich war. Nicht, dass er überlegt, wie er es lagern soll. Sondern Jesus kritisiert zweierlei.

Erstens: Jesus nennt es dumm, töricht, kurzsichtig, wenn unser Fokus darauf liegt, mehr besitzen zu wollen. Wenn wir denken, dass wir darin Leben finden. Der Landwirt sagt: „Wenn ich das alles habe und gelagert habe, dann habe ich Ruhe, dann habe ich Freude. Dann kann ich leben.“ Er meint, dass er das gute Leben in seinem Besitz findet. In seinem Wohlstand. Seine Vorstellung ist: Wenn ich genug habe, dann habe ich das gute Leben. Aber Jesus sagt: Das Leben ist nicht in Besitz zu finden. Wahres und gutes Leben finden wir woanders.

Was hat das nun mit uns zu tun? Ich selbst bin nicht immun dagegen zu meinen, dass das gute Leben in Geld und Besitz zu finden ist. Ich bin jetzt 38 und bin gerne Pastor, aber ich habe in meinem Freundeskreis mehrere Leute, die gerade richtig in ihren Karrieren durchstarten. Projektmanager, Geschäftsführer, Firmengründer. Sie alle verdienen deutlich mehr als ich. Ich sehe die Häuser, die sie bauen, die Reisen, die sie unternehmen. Oder einfach, mit welchen Konsumgütern sie ihr Leben gestalten. Ich merke immer wieder, wie ich denke: Das wäre das wirklich gute Leben. Das ist das leichte Leben. Das bessere Leben.

Konsum als Lebensstil

Wir meinen oft, dass Leben eben doch in Besitz zu finden ist. Das ist kein Zufall. Denn diese Tendenz unseres Herzens wird ganz bewusst verstärkt vom – und hier kommt noch mal Edward Bernays ins Spiel – modernen Marketing. 1955, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit des Wirtschaftsaufschwungs, hat der Ökonom und Analyst Victor Lebow Folgendes geschrieben: „Unsere so enorm produktive Wirtschaft verlangt es, dass wir Konsum zu unserem Lebensinhalt machen. Dass wir den Kauf und die Verwendung von Gütern zu Ritualen erheben, in denen wir unsere geistliche Zufriedenheit und die Befriedigung unseres Egos finden. Das führt dazu, dass Dinge immer schneller konsumiert und verbraucht werden, immer schneller veralten und ersetzt werden müssen.“

Damit unsere Wirtschaft funktioniert, muss Konsum ein Lebensstil werden, sagt Victor Lebow. Unser Lebensinhalt, von dem wir uns geistliche Zufriedenheit und Befriedigung unseres Egos erhoffen, also Status und innere Ruhe. Denn nur, wenn wir das in Konsum und Besitz finden wollen, kaufen wir immer Neues. Lebow zeigt auf, dass Konsum bewusst in die Mitte unseres Lebens gestellt wird. Dass wir bewusst unsere Hoffnungen auf den Konsum setzen sollen.

Konsumentengehirn

2017 hat ein interessanter Artikel aus dem ZEIT-Magazin beschrieben, welche Rolle Konsum in unserem Leben inzwischen eingenommen hat. Darin wird der Münchener Konsum- und Marketingforscher Hans-Georg Häusel zitiert: „Das Konsumentengehirn fragt weniger danach, ob wir etwas brauchen, als nach Belohnung. … Der Belohnungswert wird durch Marken nur noch gesteigert. Besonders Modeartikel haben immer diesen Belohnungscharakter, weil sie suggerieren, uns attraktiver zu machen. Mit anderen Worten: Wir kaufen, weil es sich gut anfühlt.“

Und weiter sagt Häusel: „Der Konsum ist an die Stelle traditionell sinnstiftender Institutionen wie Religion, Familie oder politische Ideologien getreten. Während Identität früher davon abhängig war, von wem man abstammte oder wie gottgefällig man lebte, bildet sie sich heute über die Dinge, die wir kaufen.“

In den Dingen, die wir kaufen, wollen wir Sinn finden, Wert, Identität. Anerkennung. Unser Konsum ist nicht von unserem Bedarf gesteuert, sondern richtet sich danach, was eine Sehnsucht in uns stillt: Ich fühle mich gut und wertvoll, weil ich mich mit meinem Style von der Masse abhebe. Ich weiß, ich bin okay, weil ich mir etwas Bestimmtes leisten kann. Ich hebe mich ab, weil ich weiß, wie man mit der richtigen Espresso-Maschine einen guten Flat White macht.

Was machen wir da? Wir suchen das gute Leben im Besitz. Durch unseren Konsum suchen wir Sinn und Leben. Wie der Landwirt. Wenn ich dieses oder jenes besitze, dann habe ich das gute Leben. Das ist das eine, was Materialismus mit uns macht.

Ich, Meiner, Mir, Mich

Die zweite Gefahr können wir ebenfalls bei dem Landwirt beobachten. Es ist extrem auffällig im griechischen Text, wie oft der Bauer die Personalpronomen ich, mein, mich verwendet. Meine Scheune, mein Getreide, meine Vorräte, meine Ernte.

Während damals sehr klar war, dass die Reichen eine Verantwortung für die Gesellschaft hatten und Teile ihrer Ernten verwenden sollten, um den Armen zu dienen, liegt sein Fokus komplett bei sich selbst. Und Gottes Urteil ist: „Du törichter Mensch. Wenn du heute Nacht stirbst, was hast du davon? Du bist nicht reich vor Gott.“ Du hast dich nur auf dich selbst fokussiert. Das ist der zweite Punkt, den der Materialismus bei uns bewirkt: Unser Blick ruht auf uns selbst und wir blenden die anderen zu einem Stück weit aus. „Ich, meiner, mich, mir – Gott segne uns vier.“

Weil unser Konsum uns bei dieser Sehnsucht nach dem guten Leben packt, laufen wir Gefahr, die Bedürfnisse von anderen auszublenden.

Ich will ein konkretes Beispiel dafür geben. Jeder, der sich schon mal ein bisschen mit der Modeindustrie beschäftigt hat, weiß, dass viele Kleidungsstücke unter äußerst schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Und viele von uns haben sich wahrscheinlich schon einmal vorgenommen, mehr teurere, nachhaltigere Marken zu kaufen. Warum scheitern wir mit diesem Vorsatz immer wieder?

Weil wir in dem Moment, in dem wir im Laden stehen und überlegen, ob wir jetzt wirklich 50 Euro mehr für die nachhaltig produzierte Jeans bezahlen, doch schnell unseren Geldbeutel und unseren Konsum mehr lieben als die Menschen, die unter der Produktion leiden. Weil die Verlockung, für das gleiche Geld mehr Kleidungsstücke zu bekommen, einfach zu groß ist. In dem Moment, in dem wir eingeschränkt werden, verlieren wir andere Menschen ziemlich schnell wieder aus dem Blick.

Wenn Materialismus uns dazu führt, das Leben im Besitz zu suchen und unseren Blick auf uns selbst verengt – was können wir dagegen tun?

Die Freiheit der Einfachheit

Jesus hat in seiner Geschichte mit dem Landwirt schon gezeigt, dass unsere Sterblichkeit uns eine neue Perspektive auf Besitz und Konsum geben kann. Passend dazu lesen wir im 1. Timotheusbrief: „Ein Leben in der Ehrfurcht vor Gott bringt tatsächlich großen Gewinn, vorausgesetzt, man kann sich – was den irdischen Besitz betrifft – mit Wenigem zufrieden geben. Oder haben wir etwas mitgebracht, als wir in diese Welt kamen? Nicht das Geringste! Und wir werden auch nichts mitnehmen können, wenn wir sie wieder verlassen. Wenn wir also Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen“ (1. Timotheus 6,5-8).

Paulus schreibt hier im Klartext: Wir haben nichts mit in diese Welt gebracht und werden auch nichts mitnehmen können. Ich las mal von einem Pastor, der eine sehr reiche Frau beerdigte. Er wurde von den Umstehenden gefragt: Wie viel hat sie hinterlassen? Woraufhin der Pastor antwortete: „Alles. Jeden einzelnen Cent.“

Mein Sohn hat während des Lockdowns Monopoly entdeckt und wir saßen zum Teil stundenlang auf dem Balkon und haben Monopoly gespielt. Wir haben eine Hamburg-Version und so haben wir um die Elbchaussee gekämpft, versucht, die große Freiheit zu vermeiden und uns darüber lustig gemacht, dass eine Übernachtung beim HSV so wenig kostet. Ich habe versucht, meinem Sohn das Geld aus der Tasche zu ziehen und er umgekehrt mir, und es galt: Wer am meisten hat, gewinnt. Aber am Ende des Spiels kommt alles wieder in die Schachtel. Und was bleibt, ist der Spaß und die Zeit, die er und ich zusammen hatten.

Mit leichtem Gepäck

Wir leben unser Leben immer wieder nach dem Grundsatz von Monopoly: Je mehr, desto besser. Wer am meisten hat, gewinnt. Aber „wenn das Spiel vorbei ist, kommt alles wieder in die Schachtel“, wie es der US-amerikanische Pastor John Ortberg einmal formuliert hat. Selbst wir landen da. Wir können nichts mitnehmen. Und Paulus ergänzt: Nehmt diese große, ewige Perspektive ein. Und lasst euren Umgang mit Besitz davon geprägt sein. Alles, was ihr habt, ist Reisegepäck. Und das bringt ihn dazu, uns zur Einfachheit zu ermutigen: „Wenn wir daher Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen.“

Er meint damit nicht, dass alle Christen arm sein sollten. Er meint, wenn wir nur das Mindeste haben, Kleidung und Nahrung, wollen wir es uns genügen lassen. Wir können selbst im Einfachen zufrieden sein. Als wichtigen Zusatz schreibt er in Vers 17: „Schärfe denen, die es in dieser Welt zu Reichtum gebracht haben, ein, nicht überheblich zu sein und ihre Hoffnung nicht auf etwas so Unbeständiges wie den Reichtum zu setzen, sondern auf Gott; denn Gott gibt uns alles, was wir brauchen, in reichem Maß und möchte, dass wir Freude daran haben.“

Bewusst etwas einfacher

Ich verstehe den Gott, von dem wir in der Bibel lesen, so: Er möchte, dass wir das, was wir haben, genießen. Dass wir Freude daran haben. Wie kommt das zusammen: Einfachheit und Genuss? Einfachheit heißt nicht Askese, sie bedeutet keinen negativen Blick auf Besitz. Oder dass man nichts haben darf, was Freude macht. Wir dürfen genießen, was Gott uns gibt. Aber auch mit einem einfachen Lebensstil zufrieden sein. Was heißt es dann, einen Lebensstil der Einfachheit zu leben?

Einfachheit sieht für jeden von uns anders aus. Gerade wenn wir unterschiedlich viel haben oder besitzen. Es gibt nicht den einen uniformierten Lebensentwurf, wie viel Besitz in Ordnung ist. Sondern: Einfachheit bedeutet, dass ich bewusst ein wenig einfacher lebe, als ich es mir eigentlich leisten könnte. Und das sieht für jeden von uns anders aus.

Ich lebe bewusst etwas einfacher, als ich es mir eigentlich leisten könnte. Aus zwei Gründen. Zum einen, um mir bewusst zu machen, dass mein Leben nicht im Besitz zu finden ist. Oder in mehr Gütern. Oder in mehr Luxus. Mein Leben liegt bei Gott, der mich versorgt. Einfachheit wirkt also dieser ersten Auswirkung des Materialismus entgegen.

Und ich lebe etwas einfacher, als ich könnte, um Geld zu haben, das ich großzügig weggeben kann. Das heißt, Einfachheit wirkt auch dem zweiten Symptom des Materialismus entgegen, diesem Blick nur auf uns selbst.

In der Bibel finden wir die Einladung, etwas einfacher zu leben, als wir es uns leisten könnten, um uns auf Gott auszurichten und andere zu lieben.

Lebensstil prüfen

Im Jahr 1980 kamen in London 85 Christen aus 27 Ländern im Rahmen der Lausanner Bewegung zusammen, einer weltweiten Bewegung von Christen aus unterschiedlichen Hintergründen und mit ganz unterschiedlichen finanziellen Mitteln. Die Hälfte dieser Leute kam aus dem globalen Süden. Vier Tage lang dachten sie intensiv darüber nach, wie ein Leben in Einfachheit aussehen kann. Und ich finde das Statement großartig, das sie am Ende verabschiedet haben. Hier ein Auszug daraus:

„Manche von uns sind dazu berufen, unter den Armen zu leben, andere dazu, ihre Häuser für Bedürftige zu öffnen. Aber wir alle sind entschlossen, einen einfacheren Lebensstil zu führen. Wir wollen unsere Einnahmen und Ausgaben nochmals prüfen, um mit weniger leben und mehr weggeben zu können. Wir stellen keine Regeln oder Gesetze auf, weder für uns noch für andere. Aber wir beschließen, auf Verschwendung und Extravaganz in unserem Lebensstil, unserer Kleidung, unseren Häusern, unseren Reisen und unseren Kirchengebäuden zu verzichten. Wir erkennen den Unterschied zwischen dem Notwendigen und dem Luxuriösen, zwischen kreativen Hobbys und leeren Statussymbolen, zwischen Bescheidenheit und Eitelkeit, zwischen großen Festen als Höhepunkte oder als normale Anlässe, zwischen dem Dienst für Gott und der Sklaverei durch Trends. Wo genau jeder diese Linie zieht, erfordert gewissenhaftes Nachdenken und Entscheidungen von uns selbst sowie die Unterstützung von anderen.“

Wie kann Einfachheit in unserem Leben aussehen? Wie können wir etwas einfacher leben, sodass wir uns dem Versprechen des Materialismus lösen, das besagt: Das gute Leben findet sich in Besitz? Was können wir diesem Versprechen entgegenstellen? Wie können wir einfacher leben, sodass wir mehr weggeben und anderen damit dienen können?

Ein Lebensstil der Einfachheit findet sein Vorbild sowie seine Motivation und Kraft in Jesus Christus. Jesus kam auf die Welt, wurde in einem Stall geboren und lebte so viel einfacher, als er es sich hätte leisten können. Um Gottes Liebe zu zeigen. Was wäre passiert, wenn Jesus nur sich selbst im Blick gehabt hätte? Was wäre passiert, wenn er das „gute Leben“ allein im Reichtum des Himmels gesehen hätte? Er ging in die Einfachheit – aus Liebe zu uns, aus Nächstenliebe. Könnten wir nicht seinem Beispiel folgen, den Blick von uns nehmen und in einen einfacheren Lebensstil investieren, um andere zu lieben?

Matthias Voigt ist Pastor Hamburg-Barmbek und arbeitet an seiner Doktorarbeit.

Jörg Zink. Foto: Dr. Matthias Morgenroth

„Sieh nach den Sternen – Gib acht auf die Gassen“: Zum 100. Geburtstag von Jörg Zink

Er war eine öffentliche Person mit einem breiten Verständnis für Schöpfung, christliche Spiritualität, politisches Handeln und zeitgemäße Sprache. Der große Theologe und Publizist Jörg Zink wäre am 22. November 100 Jahre alt geworden.

Geboren wird Jörg Zink auf einem „Bruderhof“, einer christlichen Gemeinschaft, deren Mitglieder ohne eigenen Besitz weitgehend nach dem Vorbild der urchristlichen Gemeinden leben wollen. Seine Eltern haben sich einen Traum erfüllt, als sie den Habertshof im hessischen Bergland bei Schlüchtern gründeten. Der Erste Weltkrieg ist gerade vorbei und die kleine Gemeinschaft strebt nach „Frieden zwischen den Völkern“ und einem „behutsameren Umgang mit der Erde“, wie er selbst im Rückblick in seinen Memoiren „Sieh nach den Sternen – gib acht auf die Gassen“ schreibt.

Frieden in der Natur

Als Jörg Zink zwei Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Kurz nach ihrem Tod heiratet sein Vater erneut, stirbt aber kurz darauf ebenfalls, und der Junge wächst fortan mit seinen beiden älteren Brüdern, einem Stiefbruder und seiner Stiefmutter in Ulm auf. Obwohl er sich später nicht mehr an seine Eltern erinnern kann, finden sich zahllose Spuren des Traums seiner Eltern in seinem eigenen Leben wieder: Er gründet 1972 die „Haldenwiese“, einen Pferde- und Spielhof, auf dem Kinder mit und ohne Behinderung zusammen mit Pferden und anderen Tieren leben – und Zeit seines Lebens setzt auch er sich für Umweltschutz und Frieden ein.

Als Kind und Jugendlicher sei er, so beschreibt er sich später, eigensinnig, trotzig, „unhandlich“ gewesen. Inneren Frieden findet der Hitzkopf vor allem in der Natur. Regelmäßig flüchtet er allein oder mit seinem Stiefbruder auf die Schwäbische Alb, lebt von dem, was die Natur ihm schenkt und übernachtet unter freiem Himmel. Dort erlebt er auch innige Gottesbegegnungen. Ein Bibelvers aus Jeremia 17 wird ihm zum wichtigen Leitvers: „Gesegnet ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Zuversicht der Herr ist. Der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt. Denn obgleich die Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte.“

Politisch aktiv

Jörg Zink nimmt diese Verse als Anleitung zur Bewältigung der „Aufgaben der Zukunft“. Er fordert seine Mitmenschen in seinen Büchern auf: „Es soll etwas von Frieden von euch ausgehen. Etwas von Hoffnung, etwas von neuen Anfängen, wo keiner mehr an neue Anfänge glaubt. Etwas von Zukunft, wo ganze Völker sich nur noch an ihrer Gegenwart festhalten können, weil sie sonst die Angst verschlingt. Es soll etwas von dem Gleichnis ‚Wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen‘ an euch sichtbar werden.“
Wie das konkret aussehen kann, macht Jörg Zink mit seinem eigenen Leben vor: Als Pfarrer und Medienschaffender setzt er sich für das ein, was seine Eltern ihm in die Wiege gelegt haben. Er wird bekannt: Über 100-mal spricht er das „Wort zum Sonntag“ und verfasst rund 200 Bücher. Als er feststellt, dass Jugendliche mit der Luthersprache nichts anfangen können, beginnt er in den 60er-Jahren, die Bibel neu zu übersetzen. Er veröffentlicht zudem geistliche Gedanken mit eigenen Fotos in kleinen Büchern, die zu seiner Bekanntheit beitragen. Bei ihm gehört vieles zusammen: das tiefe Fundament der Bibel, eine erfahrbare Spiritualität, ein Sinn für die Schönheit der Schöpfung und die politische Aktion, die bei ihm dazu führt, dass er sich bei der Gründung der Grünen mitengagiert.

Herrschaft der Reichen?

Beim Thema Gerechtigkeit geht Jörg Zink mit seinen Mitchristen hart ins Gericht: „Globale Gerechtigkeit? Es waren doch wohl nicht die Chinesen oder Inder, die seit fünfhundert Jahren mit ihren Kriegsflotten von Ufer zu Ufer gefahren sind, um die Reichtümer anderer Völker in ihrer Heimat anzuhäufen, bis am Ende die ärmsten der armen Völker sämtlich von ihnen abhängig waren? Ist das System der heutigen Wirtschaft nicht das vor allem von den Christen erfundene Mittel zu einer weltweiten Herrschaft der Reichen?“ Sein Ansatz zur Wiedergutmachung, zum Bessermachen, ist gleichzeitig simpel und unfassbar schwer: „Die Bergpredigt gibt die Richtung vor. […] Mit jedermann reden, auch mit dem, der an Gewalt glaubt, und zwar ohne Hass. Mit jedermann leben, auch mit denen, die Macht haben und an ihre Macht glauben, und zwar ohne Überheblichkeit. Aber sich von jedermann unterscheiden, der noch seine Hoffnung auf Macht und Gewalt setzt.“

Zum Ende des Kalten Krieges formiert sich in Deutschland eine Friedensbewegung unter dem Motto „Nie wieder Krieg“, die sich gegen die Wehrmacht, die Wiederbewaffnung Deutschlands und in letzter Konsequenz – und am Ende erfolglos – vor allem gegen die Stationierung atomarer Waffen in Mitteleuropa richtet. Ihren Höhepunkt erlebt sie im Oktober 1983, als sich zwischen Stuttgart und Ulm eine Menschenkette aus 1,3 Millionen Menschen bildet – darunter auch Jörg Zink. Er berichtet später: „In der Menschenkette stehend sahen wir uns Ordnungskräften des Landes gegenüber, die beauftragt waren, uns in Schranken zu halten und Gewalttaten zu verhindern. Als sie den Geist spürten, der bei uns herrschte, sagten viele unter den Polizisten: ‚Wenn ihr eure Kette nicht voll bekommt, stellen wir uns mit euch in eure Reihe.‘“ Worüber er sich wundert: In der Politik wird Gewalt stets mit Gewalt bekämpft. Doch was ist mit dem Bibelwort Jesu, in dem er sagt, dass das alte „Zahn um Zahn“ durch ihn überwunden wurde und stattdessen gilt: „Halte ihm auch noch die andere Wange hin“? Er sucht immer gemeinsam mit anderen nach neuen Wegen, um gewaltfrei auf Gewalt zu reagieren. Um auch bei Demonstrationen der Staatsgewalt gewaltfrei gegenübertreten zu können, gilt für ihn: „Wir lassen es nicht zu, dass in unseren Gedanken ein anderer Mensch zu unserem Feind wird.“

Hoffnung auf Wandel

Auch für Umweltschutz steht Jörg Zink mit Wort und Tat ein. Bereits Anfang der 80er-Jahre sagt er: „Wer auch nur mit halber Aufmerksamkeit verfolgt, was um ihn her geschieht, kann wissen, wie unerhört gefährdet die Lebensräume von Mensch, Tier und Pflanze auf diesem Planeten sind. Man kann wissen, dass es so nicht weitergehen darf, und handelt doch unverändert wie bisher. Man kann wissen, dass sich um des Lebens auf dieser Erde willen etwas ändern muss. Aber es ändert sich so gut wie nichts.“ Jahrzehntelang sieht sich Jörg Zink mit dieser Beobachtung allein in der christlichen Welt. Sieht denn niemand, was so offensichtlich um ihn herum geschieht?

Doch auch angesichts dieses frustrierenden Resümees stützt er sich auf den Dreiklang von Liebe, Glaube an den Wandel und Hoffnung. Die Bewahrung der Schöpfung muss für ihn mit Dankbarkeit begonnen werden, mit einer Liebeserklärung an die Schönheit der Erde: „Soll praktische Verantwortung etwas wirken und etwas wert sein, so muss ihr eine Liebeserklärung vorausgehen.“ Und auch für das Handeln der Christen auf Erden nimmt er die Liebe als Leitmodell: „Es gibt kein Rezept. Keine Methode. Keine Richtlinie. Die ordnende und tragende Kraft ist der Glaube. Die sichtbare Gestalt für das richtige Handeln ist die Liebe.“ Neben der Liebe ist sein zweites tragendes Wort für die Umweltbewegung der „Wandel“: „Was heute noch Macht ist, Status, Besitz oder Geltung, wird sich vielleicht doch auch in mir wandeln können in Wissen, Verstehen, Einfühlung, Empathie, Offenheit und Bereitschaft zum Verzicht.“

Und was zum Schluss bleibt, ist für ihn die Hoffnung: „Wer etwas weiß vom Geist Gottes, der geht wacher durch die politische Landschaft, der erwartet noch freie Wege, wo alles in Sackgassen zu enden scheint. Der gibt die Hoffnung nicht auf und auch nicht die Arbeit an der Zukunft. Der geht auch durch sein eigenes Leben aufmerksamer, dankbarer, sensibler. Zum Staunen fähiger. Zum Verzicht bereiter. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.“

Am 9. September 2016 stirbt Jörg Zink im Alter von 93 Jahren in seinem Haus in Stuttgart.

Catharina Bihr ist Bildungsreferentin und wohnt in Stuttgart. Die Zitate von Jörg Zink stammen aus folgenden Büchern: „Sieh nach den Sternen – gib acht auf die Gassen“, „Kostbare Erde: Biblische Reden über unseren Umgang mit der Schöpfung“ (beide Kreuz), Matthias Morgenroth: „Jörg Zink – eine Biographie“ (Gütersloher Verlagshaus), Eine Webseite erinnert an ihn: joerg-zink.de

Familie sortiert Müll zum recyclen. Symbolbild: Getty Images / ArtMarie / Getty Images / E+

Bio-Siegel im Plastikbecher? Wie eine Familie versucht, nachhaltig zu leben

Alles fing mit dem Müll an: Annika berichtet, wie sie mit ihrer fünfköpfigen Familie begann, nachhaltig zu leben und dass ihre Kinder auswärts trotzdem eine Bratwurst essen dürfen.

Jeden Monat, wenn ich unsere vollen gelben Säcke an die Straße stelle, muss ich an eine gute Freundin denken, die mir eigentlich sehr ähnlich ist. Was uns unterscheidet: die Menge des Verpackungsmülls, den unsere Familien im Laufe von vier Wochen produzieren. Während ich drei pralle Säcke – geschickt geschichtet – über den Hof trage, ist es bei ihr ein einziger. Bewundernswert! Würden wir den Inhalt unserer Säcke vergleichen, könnten wir lange über Kaufentscheidungen und Kompromisse, Überzeugungen und Ausnahmen philosophieren.

Woran misst sich ein erfolgreich nachhaltiges Leben? Sicher nicht allein an der Menge des Plastikmülls. Aber mit der Müllfrage begann unser eigener Weg als fünfköpfige Familie. Mein Mann erzählte eines Tages von einer Frau, die doch tatsächlich nur ein Schraubglas Restmüll pro Jahr produziere. Das konnte doch wohl nicht mit rechten Dingen zugehen? Doch tatsächlich: Es gab schon eine weltweite Zero-Waste-Bewegung. Davon angefixt begannen wir, unsere Küche mit kritischen Augen zu betrachten: so viel unschönes Plastik, das aus Erdöl besteht, Giftstoffe enthält und erst in Hunderten Jahren verrottet! Unser Ehrgeiz war geweckt.

Was kann man eigentlich in Großpackungen kaufen oder gleich unverpackt? Die Realität brachte ernüchternde Erkenntnisse mit sich: Krass, wie teuer Unverpacktläden sind! Wir probierten ein paar der Tausenden Rezepte und DIY-Ideen für selbstgemachtes Waschmittel aus – und hatten immer noch dreckige Kleidung. Doch wir verzeichneten auch Erfolge: Feste Seife gibt’s nun nicht mehr nur bei Oma auf dem Klo, die funktioniert auch bei uns. Brötchen bekommt man im eigenen Stoffbeutel ausgehändigt, wenn man lieb fragt. Den kaputten Fön kann man sogar reparieren, der muss gar nicht weg.

IMMER MEHR FRAGEN

Einmal angefangen, ließen sich die Fragen gar nicht abstellen: Gibt es auch Leuchtstoffröhren mit LED? (Ja!) Wollen wir, dass für unser Schnitzel der Regenwald abgeholzt wird? (Nein!) Brauche ich wirklich dieses neue Oberteil? (Dieses nicht, ich suche lieber eins bei Ebay-Kleinanzeigen.)

Wo investiert meine Bank eigentlich ihr Geld? (Das muss ich mal recherchieren.) Nützt es, Petitionen zu unterschreiben, Dinge gebraucht zu kaufen – und wie minimalistisch kann man mit Kindern leben? (Wenn wir es nicht ausprobieren, werden wir es wohl nie erfahren …).

Mit einem Reigen solcher Fragen begann unser Weg, den wir bis heute gemeinsam überzeugt und neugierig gehen. Zugegeben: Zwischendurch verlieren wir immer mal wieder den Glauben daran, irgendwas ausrichten zu können. Aber inzwischen wissen wir: Das geht vielen anderen genauso und gehört wohl zu diesem Weg dazu.

MEIST GEBRAUCHT, SELTEN NEU

Mittlerweile kaufen wir eigentlich (fast) alles gebraucht. Aus ökologischen wie finanziellen Gründen. Wenn unsere Jungs Wünsche haben, schlagen sie schon von sich aus vor, wir könnten doch mal nach einer Ebay-Anzeige gucken. Unsere Kinder sind in einem Alter, in dem sie noch dankbar anziehen, was der Postbote ihnen von unseren Gebraucht-Käufen so bringt. Die Auswahl an passenden, bezahlbaren und gleichzeitig modischen Stücken ist schier riesig. Bei uns selbst sieht das schon anders aus. Die größte Herausforderung sind da gut sitzende Hosen. Ich kenne inzwischen die Markenjeans in der richtigen Größe, die mir passen und die ich gebraucht finde. Für meinen Mann sind gebrauchte Hosen eher ein Glücksspiel, sodass er gern mit dem Argument um die Ecke kam, man müsse doch auch die hippen nachhaltigen Modelabel unterstützen. Aber als wir feststellten, dass man für deren Jeans dreistellige Beträge ausgeben muss, winkten wir ab.

Manchmal entscheiden wir uns auch für neue Stücke. Fürs dritte Kind gabs doch nochmal einen neuen Autositz – der kann schließlich in der Familie noch weitergegeben werden. Einen Buggy haben wir gleich mitgenommen – toll, wie klein man ihn zusammenklappen kann. Nochmal die Stoffwindeln rausholen? War uns inzwischen viel zu stressig. Als wir dringend mal wieder tiefe Teller brauchten, schien sich der Kleinanzeigenmarkt auf entrümpelte Waren aus Seniorenwohnungen konzentriert zu haben. Und mein Mann – Herr unserer Küche – möchte sich bei Küchenmaschine, Pfanne und Co. gerne auf die Herstellergarantie verlassen.

Und damit sind wir schon beim Einkaufsdilemma. Hier kann jeder ein Wörtchen mitreden, der schonmal mit einer Einkaufsliste einen Supermarkt betreten hat. Deutsche Äpfel aus dem Kühlhaus oder die aus Neuseeland? Bio-Gurke eingeschweißt oder konventionell unverpackt? Joghurt im Pfandglas oder Bio-Qualität im Becher? Konsumfragen für Fortgeschrittene: Ist beim Pflanzendrink die Verpackung egal, weil für ihn weniger CO2 produziert wird als für Kuhmilch? Wie regional muss meine Glaspfandflasche wiederbefüllt werden, um klimaneutral zu sein? Welches Bio-Siegel unterstützt zugleich kleinbäuerliche Strukturen?

Ich glaube, es gibt kein Richtig oder Falsch, sondern allenfalls ein Besser oder Für-heute-gut-genug. Wichtig ist uns in all dem zu fragen: Welche Ziele verfolgen wir? Was passt zu uns als Familie, zu unseren Möglichkeiten, zu unserer Zeit, zu unserem Geldbeutel? Wo machen wir (noch) Abstriche und was könnte ein nächster Schritt sein?

KINDER MIT INS BOOT HOLEN

Regelmäßig packt mein Mann dann also nach dem Einkaufen alle gut durchdachten Kaufentscheidungen in unseren alten Verbrenner und fährt den einen Kilometer nach Hause. Ja, den Fahrradanhänger hätte er auch nehmen können. Dann hätten wir aber die Babyschale ausbauen müssen und es war außerdem schon spät und … da sind sie dann, die Anmerkungen unseres ökologischen Gewissens. So sehr wir uns bemühen, der perfekte Lebensstil liegt in weiter Ferne. Neulich haben wir mit unserer Großfamilie ein Wochenende im Allgäu verbracht, weniger als drei Stunden entfernt. Wir hatten eine wunderschöne Zeit und fragten die Jungs auf der Heimfahrt, wie sie den Urlaub fanden. „Nicht so gut“, antwortete der Fünfjährige, „weil so viel Autofahren die Erde kaputt macht.“ Ups.

Wir bemühen uns, so wenig Auto zu fahren wie möglich, aber nach wie vor besitzen wir eins. Die täglichen Fahrten zur Arbeit, in die Schule und zum Kindergarten erledigen wir mit dem Rad. Die drei Kilometer Schulweg legt unser Großer ebenfalls mit seinem neuen Rad zurück. Ein gebrauchtes wäre billiger gewesen. Die Entscheidung fiel dann aber nicht nur wegen des geringen Angebots auf ein Neues, sondern vor allem, weil es möglichst leicht und genau passend für ihn sein sollte. Wir finden: Wenn die Kinder unsere Mobilitätsentscheidungen gerne mittragen sollen, müssen wir es ihnen auch leicht machen. So fördern wir nicht nur das Verständnis für ökologische Zusammenhänge und die Folgen unserer Entscheidungen, sondern erhoffen uns auch langfristige Nachahmer. Für alle Bereiche unseres Familienalltags gilt: Wir müssen unsere Kinder mit ins Boot holen.

WAS AUF DEM TELLER LANDET

Das gilt im Besonderen auch für unsere Ernährungsform. Wir bezeichnen uns als „Heimveganer“. Wo wir die Möglichkeiten haben, selbst zu bestimmen, essen wir aus Klimaschutz- und Tierwohlgründen vegan. Das hat sich zunächst sehr revolutionär angefühlt und wir haben viel Zeit damit verbracht, über Nährstoffe und Rezeptideen zu sprechen. Ein Jahr später muss ich wirklich nachdenken, was ich überhaupt noch mit Fleisch zubereiten würde. Skeptischen Lesern und Leserinnen kann ich versichern, dass alle unsere Blutwerte passen und unsere Kinderärztin Bescheid weiß. Unsere Kinder verstehen, warum wir daheim vegan essen und können gute Gründe dafür aufzählen. Oft sind sie auch stolz darauf. Aber bei Oma wünschen sie sich immer die Pfannkuchen mit ganz viel Ei und wenn wir zum Grillen eingeladen sind, ziehen die Würstchen sie magisch an. Die Nachbarinnen versorgen sie regelmäßig mit Vollmilchschokolade und wenn sie unbedingt Scheibenkäse essen wollen, kaufen wir ihnen ein veganes Ersatzprodukt, das wir sonst nicht im Haus hätten. Wir müssen nicht vollkommen leben und lieber besuchen wir Freunde, die für uns vegetarisch kochen, als dass wir nicht eingeladen werden. Wir werden mit unserem klimabewussten Familienleben nicht die Welt retten und es gibt Entscheidungen, die treffen wir bewusst nicht nachhaltig, denn Nachhaltigkeit soll nicht unsere Religion sein.

CRISTLICHER GLAUBE ALS ANTRIEB

Würde Jesus heute vegan leben? Bei Klimakrise und Artensterben? Das ist eine spannende Frage, die wir uns nicht zu beantworten trauen. Vielleicht würde er auch heute die Fische essen, die er selbst gefangen hat – so wie damals? Wer weiß? Unsere Entscheidungen auf dem Weg in möglichst große Nachhaltigkeit sind zumindest immer auch von unserem Glauben motiviert. Als Christen möchten wir unser Handeln nach biblischen Grundsätzen ausrichten. Die Bibel berichtet davon, dass Gott, direkt nachdem er Adam und Eva in den Garten Eden gesetzt hat, sie segnet und ihnen den Auftrag gibt, die Schöpfung zu bewahren. Leider sehe ich nur in wenigen christlichen Gemeinden, dass das Thema wirklich auf der Agenda steht. Sollten Christen hier nicht eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen? Warum stehen Christen nicht in der ersten Reihe, wenn es um aktiven Klimaschutz geht? Wir als Familie fühlen uns durch all unsere Erfahrungen und hinzugewonnenen Erkenntnisse der letzten Jahre dazu berufen, unsere Verantwortung wahrzunehmen und Gottes wunderbare Schöpfung zu bewahren. Wir glauben, dass sich Gott auf vielerlei Weise bemerkbar macht. Die Art und Weise, wie wir auch unsere alltäglichen Entscheidungen treffen, soll unsere Wertschätzung gegenüber Gottes Fürsorge widerspiegeln.

Wo der Weg hingeht und welche Aufgaben uns – auch in unseren Berufen als Erzieher und Lehrerin – noch mitgegeben werden, wissen wir nicht. Wir sind zumindest schonmal einer Partei beigetreten und versuchen, unsere Kommune in dieser Hinsicht mitzugestalten. Und wenn wir wegen der Auswirkungen der Klimakrise mal wieder sehr niedergeschlagen sind, sehnen wir uns nach der perfekten Erde, die in der Bibel versprochen wird. Das schenkt uns Hoffnung und immer wieder die Zuversicht, dass die kleinen Schritte, die wir tun, nicht vergeblich sind.

Annika S. ist Grundschullehrerin. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.

Familie beim Waldspaziergang im Herbst - Symbolbild: Getty Images / monkeybusinessimages / iStock / Getty Images Plus

Auszeit am Sonntag – Zeit für Ruhe und bleibende Momente

In einer Zeit von Stress und Hektik kommt man kaum zum Durchatmen. Christina Schöffler entdeckt den Sonntag – oder den jüdischen Schabbat – als Möglichkeit, sich zu besinnen und schöne Erinnerungen als Familie zu schaffen.

An diesem Sonntag hatten wir nichts Großes geplant. Wir wollten uns einfach mit Freunden treffen, eine Runde auf einem Waldweg spazieren gehen und dann gemeinsam picknicken. Als wir am Wanderparkplatz ankamen, mussten wir feststellen, dass an diesem ersten richtig schönen Frühlingstag des Jahres scheinbar alle Leute in unserer Umgebung dieselbe Idee hatten wie wir. Spontan änderten wir unsere Pläne. Ganz in der Nähe besitzt meine Schwiegermutter ein kleines „Stückle“ Wiese, auf dem eine Reihe Apfelbäume steht. Einmal im Jahr kommen wir hier als Familie zusammen, um die Äpfel zu ernten. Dieses Stück Land, das ich bisher wegen den matschigen Äpfeln am Boden nur mit Gummistiefeln betreten hatte, bedeutete vor allem eins für mich: Arbeit! Nun fuhren wir also, mangels Alternative und mit gedämpften Erwartungen, den holprigen Weg zur Apfelwiese. Gemeinsam mit den Freunden trugen wir unsere Picknickkörbe zu der grob gezimmerten Bank, die mein Schwiegervater vor langer Zeit hier aufgestellt hatte. Die Kinder tobten wie die jungen Hunde über die weiten Felder vor uns, während wir auf einem behelfsmäßigen Tisch – einem alten Baumstumpf – unsere Schätze ausbreiteten.

ÜBERWÄLTIGT VON SCHÖNHEIT

Dann saßen wir unter den schattigen Bäumen, tranken unseren Kaffee, ließen den Blick über die weiten Wiesen vor uns schweifen, und ich war überwältigt von der Schönheit, die uns umgab. Die sanften Hügel am Horizont, die alten knorrigen Bäume und die verschlungenen Wege über die Felder. Außer dem Summen der Bienen und dem leisen gluckernden Bach war nichts zu hören. Wir atmeten Ruhe. Und Frieden. (Wir waren mit der Art von Freunden unterwegs, mit denen man wunderbar reden und ebenso wunderbar schweigen kann.) Irgendwann holte der Freund seine Gitarre und wir sangen ein paar Lieder zur Ehre Gottes, und es war, als würden wir einfach mit einstimmen in die Schöpfung, die Gott mit Psalmen lobte. So! Genau so fühlt sich ein perfekter Sonntag an, dachte ich bei mir. So kann es sein, wenn die Erde uns zum Ausruhen einlädt und nicht zur Arbeit. Dann nehmen wir ihre ganze Schönheit wahr.

Erst als sich die Sonne auf den Weg hinter die Hügel machte und dabei ihre warmen Strahlen über der Landschaft ausgoss, machten wir uns widerstrebend auf den Heimweg. Wir fuhren mit offenen Fenstern über die ruhige Straße und hielten unsere Gesichter dem erfrischenden Fahrtwind entgegen. Dem Kind fielen schon die Augen zu, aber ein glückliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Vielleicht träumt er schon. Von diesem besonderen Sonnen-Sonntag seiner Kindheit.

AUSZEIT – DAS LEBEN ENTSCHLEUNIGEN

Seit Jahren lese, höre und inhaliere ich alles, was ich zum Thema „Ruhe“ finden kann. Und dabei bin ich auch irgendwann beim Sonntag gelandet, inklusive der Beschäftigung mit dem jüdischen Schabbat. Das war ein wichtiger Richtungsweiser für mich! Am Anfang stand die pure Verzweiflung. Ein emotionaler Zusammenbruch auf unserem alten Sofa, neben meinem Mann sitzend, an einem Sonntagabend (Gott sei Dank habe ich einen sehr ruhigen und entspannten Mann!), bei dem ich ausrief: „So kann es nicht weitergehen! An unseren Sonntagen muss sich etwas ändern! Die Woche hat noch nicht mal angefangen, und ich bin schon völlig fertig!“ Das ist nun schon einige Jahre her. Und seither versuchen wir – in Babyschritten! –, den Sonntag zu heiligen und unser Leben zu entschleunigen.

Dabei habe ich auch gelernt: Viele Gesänge und Gebete drehen sich am Schabbat um die Schönheit der Schöpfung. Marva Dawn schreibt in ihrem Buch „Keeping the Sabbath Wholly“, dass unser Herz sich nach Schönheit sehnt und dass der Schabbat ein wunderbarer Tag dafür ist, sich an der Schöpfung zu freuen und dadurch in unserer Liebe für den großen Meister-Designer und Künstler zu wachsen. Ihre schönste Sonntagserinnerung ist, wie sie mit ihren Eltern und Geschwistern kleine Wanderungen durch den Herbstwald in Ohio unternommen hat: „Meine sonst so beschäftigten Eltern entspannten sich sichtbar in der schönen Natur. Sie bewunderten gemeinsam die Färbung der Blätter. In meiner Erinnerung wurde dieser Ausflug Jahr für Jahr noch schöner … Familienerinnerungen von glücklich verbrachter gemeinsamer Schabbat-Zeit sind wie ein Erbe, das wir unseren Kindern weitergeben. Sie werden ihnen nicht nur dabei helfen, ihren eigenen Schabbat auf gute Weise zu halten, wenn sie erwachsen sind, sondern sie werden an diesem Tag auch glückliche Kindheitserinnerungen haben.“

Das könnte immer mal wieder eine Frage für unseren Sonntag sein: Welche schöne Erinnerung will ich heute für meine Familie, für meine Freunde oder für mich ganz alleine schaffen?

SONNTAGSERINNERUNG

• Ausgebreitete Landkarten auf dem Wohnzimmertisch.
• Vesper-Rucksack von Papa.
• Mama, die über die Schranke zum Waldweg hüpft.
• Schilfgras flechten und Rindenschiffchen bauen.
• Im Waldsee baden. (Irgendwann hören, dass es dort
Wasserschlangen gibt und nie wieder im Waldsee baden!)
• Einkehren und Pommes mit Ketchup auf dem Teller.
• Blätter sammeln und abends im großen Fotoalbum
pressen.
• Heidelbeeren mit Zucker und Milch.
• Wilder Feldblumenstrauß auf dem Tisch.
• Gänseblümchen im Garten gießen.
• Warme Erde unter den Fingernägeln.
• Abendsonne, die hinter den Bergen verschwindet.
• Ins Bett tragen lassen.

Christina Schöffler ist Autorin und lebt mit ihrer Familie im Süden Deutschlands. Der Artikel ist ein Vorabdruck aus ihrem neuen Buch „Slow Living – Aus der Ruhe leben“, das im September bei Gerth Medien erschienen ist und 52 Impulse für Sonntags-Entdecker bietet.

Klima-Aktivistin Vanessa Nakate: So tickt die „Greta Afrikas“

In Afrika schlägt die Klimakrise massiv zu, aber niemand spricht darüber. Vanessa Nakate streikt für mehr Klimagerechtigkeit, tritt für Afrika ein und kämpft dafür, dass das Leid der Menschen gesehen wird. Ein Porträt von Anja Schäfer.

Manche nennen sie die „Greta Afrikas“, weil sie für Klimagerechtigkeit streikt und ihre Stimme erhebt. Doch den Vergleich mit der schwedischen Klima-Aktivistin hat Vanessa Nakate längst nicht mehr nötig.

„Als ich klein war, war ich ein sehr schüchternes und ängstliches Mädchen. Aber ich hörte, wie mein Vater und andere über den Regen sprachen.“ So begann Vanessa Nakate ihre Rede Ende Juni in Hamburg, als sie den Helmut-Schmidt-Zukunftspreis überreicht bekam. Seit Januar 2019 demonstriert die 25-jährige Absolventin eines BWL-Studiums für mehr Klimabewusstsein in ihrer Heimat Uganda, wo das Wissen über die Klimakrise häufig dürftig ist. Und für Klimagerechtigkeit. Unter dem Slogan „Show us the money“ erinnert sie an zugesagte Hilfen der Industriestaaten, die mit ihren Emissionen für die Klimakrise verantwortlich sind.

Dürre und Flut – der Regen in Uganda

Sie spricht und schreibt über den Regen, denn er verändert Uganda. Entweder weil er ausbleibt oder weil er zu Überschwemmungen führt. „Die Menschen in Afrika leiden schon jetzt unter einigen der brutalsten Auswirkungen der Klimakrise – dabei ist der gesamte afrikanische Kontinent für weniger als vier Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich“, erklärte sie in ihrer Rede.

Das Jahr 2018 war in Ostafrika von heftigen Wetterereignissen gezeichnet. Eine halbe Million Menschen waren betroffen: von massiven Überflutungen, zerstörten Ernten, ertrunkenen Ziegen und Kühen. 12.000 Menschen verloren ihre Häuser in Erdrutschen. In anderen Regionen hingegen blieb der Regen aus, nun schon das zweite Jahr in Folge.

„Wir müssen etwas unternehmen!“

Als Vanessa sich nach Abschluss ihres Studiums mit den Themen näher beschäftigt, ist sie entsetzt, wie wenig in ihrem Land über die Zusammenhänge bekannt ist. Ihr Onkel Charles spricht es schließlich aus: „Wir müssen etwas unternehmen – der Umwelt wegen und der jungen Menschen wegen.“ Und Vanessa unternimmt etwas. Bei ihren Online-Recherchen ist sie auch auf Greta Thunberg gestoßen, ist fasziniert von diesem Mädchen, das jünger ist als sie selbst und sich dennoch traut, auf die Straße zu gehen. In Uganda ist dafür noch mehr Mut nötig. Denn nicht nur sind die gesellschaftlichen Normen, was junge Frauen tun und lassen können, viel enger. Auch sind öffentliche Demonstrationen kaum geduldet.

Mitunter werden sie willkürlich durch die Polizei und mithilfe von Schlagstöcken und Tränengas aufgelöst.

Doch Vanessa weiß inzwischen zu viel und spürt den Willen, etwas für ihr Land zu unternehmen. An einem Samstag beschließt sie, auf die Straße zu gehen. Sie spürt eine Verbundenheit zur globalen Bewegung Fridays for Future – aber bis Freitag will sie jetzt nicht mehr warten. Sie motiviert ihre beiden jüngeren Brüder und drei Cousins und Cousinen, sie malen Schilder und gehen am Tag darauf frühmorgens los. An vier strategisch ausgewählten Orten ihrer Heimatstadt Kampala – Märkten und vielbefahrenen Kreuzungen – stellen sie sich auf und posten Fotos davon in ihren Social-Media-Kanälen. Als Greta Thunberg überraschend ihre Fotos teilt, schnellen die Likes in die Höhe.

Einladung nach New York

Am Freitag darauf will sie einen echten Fridays-Streik starten – und da niemand sonst Zeit hat, zieht sie allein los, bis sie erleichtert einen alten Freund trifft, der sich ihr anschließt. Doch nach einigen Wochen Solo-Streiks nimmt der Frust überhand, dass sie nur selten jemand begleitet und nur wenige Menschen mit den Botschaften auf ihren Schildern etwas anfangen können. „Je stärker ich mich persönlich engagierte, desto größer wurde der Schmerz darüber, dass öffentlich so gut wie niemand in meinem Land auf den übergeordneten Notstand zu reagieren schien“, blickt sie zurück. Zwei Wochen hadert sie, weint, bleibt in ihrem Zimmer – aber dann macht sie trotzdem einfach weiter. Vanessa protestiert, allein, zu zweit, spricht mal mit interessierten Passanten, mal mit Studierenden auf dem Campus, postet ihre Aktivitäten. Ein mutiger Anfang, nichts Großes. Bis eine E-Mail aus New York in ihrer Inbox landet. Eine E-Mail aus dem Büro des UN-Generalsekretärs: Sie ist eingeladen zum Jugendklimagipfel nach New York. Sie ist noch nie allein gereist, geschweige denn geflogen. Die Reise mit wenig Geld in der Tasche ist ein Abenteuer und sie selbst dort nur eine der wenigen Teilnehmenden vom afrikanischen Kontinent. Sie weiß nun: Menschen haben Notiz von ihrem Engagement genommen und sie sammelt – wenn auch nicht nur positive – Erfahrungen und hilfreiche Kontakte.

Das Foto und seine Folgen

Im Januar 2020 folgt die nächste Einladung, diesmal nach Davos zum „Arctic Basecamp“ während des Weltwirtschaftsforums. Als Aktivsten und Aktivistinnen machen sie mit diesem Camp darauf aufmerksam, dass die Arktis sich in den vergangenen dreißig Jahren doppelt so schnell erwärmt hat wie der Rest der Erde.

Und dann kommt jener unheilvolle Tag, der sie kränkt und verärgert, aber auch berühmt macht. Zusammen mit vier anderen – weißen – Aktivistinnen spricht sie in einer Pressekonferenz und Fotografen schießen Bilder von den Fünfen vor einem Bergpanorama. Doch als das Bild bei der Agentur Associated Press erscheint, fehlt Vanessa. Das Bild ist beschnitten. „Aus kompositorischen Gründen“, wie die Agentur später mitteilt. Hinter Vanessa war ein Gebäude zu sehen gewesen, das angeblich die Optik gestört hat. Vanessa reagiert darauf prompt mit einem Video, in dem sie erklärt: „Ihr habt nicht einfach nur einen Menschen aus einem Foto getilgt. Ihr habt einen ganzen Kontinent getilgt.“

Alle Welt schaut auf den Norden – niemand auf Afrika

Nach Protest aus vielen Teilen der Erde entschuldigt sich die Agentur und veröffentlicht nun auch das unbeschnittene Bild. Doch das Gefühl bleibt, dass ihr als Aktivistin aus dem Globalen Süden die Chance verwehrt worden ist, ihrer Botschaft und der Situation in ihrem Land weltweit Gehör zu verschaffen, weil selbst der Kampf gegen die Klimakrise um den Westen kreist.

Wie sehr das der Fall ist, fällt ihr auf, als sie von der Zerstörung des Kongo-Regenwaldes hört. Dass der Amazonas-Regenwald abgeholzt wird und welche verheerenden Folgen das hat, ist weltweit ein Thema. Dass im Kongobecken der zweitgrößte Regenwald liegt und ebenso wertvoll wie bedroht ist, war nicht einmal ihr selbst klar. Ihr fällt auf: Auch in Uganda war man 2019 und 2020 über die verheerende Buschbrände in Australien und den USA bestens informiert – was hingegen im eigenen Land passiert, ist den wenigsten ihrer Landsleute bekannt. Auch medial konzentriert sich alles auf den globalen Norden. Und wieder zeigt sich Vanessas Tatkraft und sie organisiert kurzentschlossen einen Streik für den viel zu unbekannten Kongo-Regenwald, der Kreise zieht.

Übersehene Krisen

Die Hilfsorganisation CARE hat aufgelistet: Neun von zehn der Krisen, die 2019 in der Berichterstattung am stärksten vernachlässigt wurden, ereigneten sich in Afrika. Dem will Vanessa entgegentreten. Sie gründet das Rise-up-Climate-Movement, um die afrikanischen Stimmen zu vereinen und zu verstärken. Gleichzeitig engagiert sie sich im Vash-Green-Schools-Project, das sich zum Ziel setzt, die Schulen in Uganda mit Solaranlagen auszustatten.

Ihre Motivation für ihr unermüdliches Eintreten für Klimagerechtigkeit schöpft Vanessa Nakate aus dem Erleben, dass gemeinsames Engagement unzähliger junger Menschen in einer globalen Bewegung, etwas bewirkt. Und aus ihrem christlichen Glauben, über den sie auf ihrem Instagram-Kanal immer wieder schreibt.

Anja Schäfer ist Redakteurin von anders LEBEN.

Larissa McMahon; Foto: Privat

Nachhaltigkeit: JA – Perfektionismus: NEIN! Warum es sich lohnt, dennoch damit anzufangen

Influencerin Larissa McMahon hat sich entschieden, nachhaltig zu leben. Sie berichtet von dem Leistungsdruck und warum sie sich entschieden hat, nicht perfekt sein zu müssen.

Ich bin seit über 14 Jahren auf Social Media aktiv. Ich habe jede Plattform ausprobiert: Facebook, YouTube, Podcast, Blog und Instagram. In den letzten Jahren habe ich mich verstärkt auf Instagram konzentriert und bin nun seit einigen Monaten als Influencerin selbstständig.

Dabei haben sich meine Inhalte immer mit mir verändert. Angefangen hat alles mit Mode und Kosmetik. Heute dreht es sich um Minimalismus, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit. Ich habe also eine große Veränderung durchgemacht. Dabei war es mir immer wichtig, meine Followerinnen und Follower mit an die Hand zu nehmen. Vor allem als ich feststellte, wie viel das Thema Nachhaltigkeit auch mit meinem christlichen Glauben zu tun hat, brannte mir das Thema noch mehr auf dem Herzen.

So nachhaltig wie möglich

Meine Inhalte zeigen also konkret, was ich in meinem Leben verändere. Dass ich Naturkosmetik benutze, im Unverpacktladen einkaufe, meine Kleidung auf 33 Teile beschränke oder hauptsächlich vegan koche. Ich rufe dazu auf, das eigene Denken und Handeln zu hinterfragen. Ich setze mich für Naturschutz ein und erkläre, warum es wichtig ist, achtsam und bewusst zu leben. Das mache ich nun schon einige Jahre. Am Anfang meiner Reise in ein nachhaltiges Leben hat mir das viel Spaß gemacht. Denn ich habe selbst alles ausprobieren müssen und meine Alternativen gesucht. Heute bin ich, was das Thema Nachhaltigkeit angeht, schon sehr weit und habe vieles verändert.

Aber da ist ja noch das Internet, die Öffentlichkeit. Meine Inhalte sind für jeden zugänglich. Das heißt: Ich setze mich jeden Tag mit der Meinung fremder Menschen auseinander. Mein Postfach ist wie eine Wundertüte: Ich weiß nie, was ich bekomme. Nachrichten und Kommentare lassen mich nicht unberührt. Außerdem sehe ich mich selbst in großer Verantwortung, was meine Inhalte angeht. Ich halte nicht alles in die Kamera. Es muss so nachhaltig wie möglich sein.

Perfekt sein müssen

Dieser Gedanke hat sich irgendwann in meinem Kopf festgesetzt. Es muss so nachhaltig wie möglich sein. Ich habe bestimmte Dinge irgendwann nicht mehr gezeigt. Ich habe immer nur meine Seite des Frühstückstisches fotografiert. Die Seite, auf der keine Eier oder Schinken stehen. Ich habe nicht den Wocheneinkauf von Aldi gezeigt, oder dass ich dieses Jahr drei Teile bei H&M bestellt habe, obwohl ich mich aktiv für faire Mode ausspreche. Ich habe mich dafür geschämt und mich schlichtweg nicht getraut. Der Druck, den ich verspürt habe, war unfassbar groß. Dabei war es nicht nur Druck von außen, sondern auch Druck von innen. Ich hatte das Gefühl, perfekt sein zu müssen, um keinen Raum für Konfrontation zu bieten. Denn die habe ich schon bei so vielen anderen gesehen.

Greta Thunberg zum Beispiel bekam einen Shitstorm ab, weil ihr Toastbrot in Plastik verpackt war. Ich habe mal sehr lange mit einer Followerin diskutiert, weil ich Tomaten esse. Ich hatte eine unverpackte Bio-Tomate auf meinem Teller. Aber die Followerin warf mir vor, für meine Tomaten würden Sklaven arbeiten. Ich fragte sie damals, ob sie selbst denn komplett auf Tomaten verzichten würde. Ihre Antwort: Nein. Hinzukommt: Während ich mich damit befassen muss, dass meine unverpackte Bio-Tomate nicht nachhaltig genug ist, werden in anderen Ecken des Internets Influencer für Videos gefeiert, in denen sie zeigen, dass sie für zweitausend Euro Kleidung bei dem Super-Fast-Fashion-Konzern Shein gekauft haben. Andere werden dafür bewundert, dass sie mehrmals im Jahr nach Dubai fliegen, während ich mich dafür rechtfertigen muss, warum ich in meinem ausgebauten Van durch die Gegend fahre, um fliegen zu vermeiden. Es fällt mir sehr schwer, das zu verstehen.

Druck rausnehmen – Schubladendenken überwinden

An Menschen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen, werden Absolutheitsansprüche gestellt, die niemand erfüllen kann. Ich habe mich selbst gelabelt und in die Schublade Nachhaltigkeit gepackt. Sie wurde mir am Ende zu eng. Sie hat sich zu klein und unbequem angefühlt. Deswegen habe ich vor ein paar Wochen die Begriffe „Nachhaltigkeit“ und „Green“ aus meiner Profilbeschreibung gelöscht. Weil ich im Unverpacktladen einkaufe, für meinen Wocheneinkauf aber zu Aldi gehe. Weil mir Fair Fashion wichtig ist, ich dieses Jahr aber drei Teile bei H&M bestellt habe. Weil ich vegan bevorzuge und trotzdem manchmal vegetarisch esse. Weil ich mir selbst den Druck nehmen möchte.

Kleine Erfolge feiern

Ich möchte aus der Schublade Nachhaltigkeit raus und wieder Platz zum Atmen haben. Platz für Fehler. Platz zum Wachsen. Platz, um ich selbst zu sein. Ich möchte die kleinen Erfolge feiern, jeden Schritt Richtung Nachhaltigkeit mit einer Konfettikanone zelebrieren. Aus dem Du und Ich auf Social Media möchte ich wieder ein Wir machen. Denn wir müssen verstehen, dass jeder Mensch an einem anderen Punkt in seinem Leben steht. Dass wir unsere Ansprüche und Erwartungen nicht wie eine Blaupause auf andere übertragen können. Das ist nicht fair. Wir sollten mehr bei uns bleiben, statt auf andere zu schauen. Was können wir verändern, was macht uns Spaß, wo können wir motivieren und inspirieren? Das ist mein Plan für die Zukunft. Wieder mehr ich sein. Mit all meinen Ecken und Kanten. Mit all meinen Fragen und Zweifeln. Mit all meinen Erfolgen und Misserfolgen.

Larissa McMahon arbeitet als Social Media-Managerin, Texterin und Sinnfluencerin unter @larytales

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Eigentlich müsste niemand hungern

Ein Drittel unserer Lebensmittel landet im Müll. Almut Völkner erklärt, was das bedeutet und was wir dagegen tun können.

Wäre das nicht absurd? Wir backen einen leckeren Kuchen. Dann lösen wir ihn aus der Form und dritteln ihn. Ein Drittel des Kuchens packen wir auf einen schönen Teller. Damit gehen wir aber nicht zur Nachbarin und auch nicht zu Freunden. Nein, wir gehen damit zur Mülltonne und schmeißen ihn weg.

Zwei Milliarden mehr ernähren

Mir tut diese Vorstellung weh. Doch laut Welternährungsorganisation passiert genau das im übertragenen Sinne tagtäglich: Ein Drittel aller Lebensmittel weltweit landet im Müll. Bei einem Kuchen können wir uns ein Drittel gerade noch vorstellen. Doch denkt man globaler, kommt man schnell auf unfassbare Zahlen, die in vielen Ländern Schätzungen bleiben müssen, weil Daten fehlen. Doch in Deutschland musste das Bundesregierung die Zahlen gerade an die EU-Kommission melden: 10,92 Millionen Tonnen sind 2020 allein in Deutschland auf dem Müll gelandet. 10.920.000 Tonnen. Das sind 10.920.000.000 Kilogramm. In der Schweiz sind es Laut ETH Zürich 2.800.000.000 Kilogramm. Und all das sind eindeutig zu viele Nullen.

Mich machen diese Zahlen absolut fassungslos. Ich wusste, dass viele Lebensmittel weggeworfen werden. Aber wie enorm hoch diese Zahlen sind, das weiß ich erst seit Kurzem. Lebensmittelverschwendung ist ein ethisches Problem. Das würden viele so sehen. Aber wie absurd es ist, zeigt sich, wenn man einen Blick auf wichtige Zahlen wirft: Von 7,9 Milliarden Menschen auf der Erde haben laut Welthunger-Index 2021 über 800 Millionen nicht genug zu essen. Mehr als jeder zehnte Mensch auf diesem Planeten leidet Hunger. Während wir Lebensmittel wegschmeißen. Genau genommen könnten wir laut Welternährungsorganisation sogar zwei Milliarden Menschen mehr ernähren, wenn Lebensmittel, die noch genießbar sind, nicht weggeworfen würden. Denn wie wir alle gerade erst am Beispiel von Weizen und Sonnenblumenöl vorgeführt bekommen haben, gehören auch Lebensmittel zum globalen Welthandel. Je mehr wir verschwenden und damit verbrauchen, desto höher die Nachfrage und die globalen Preise.

Einsparpotenzial: Ein Sechstel der Fläche

Neben den skandalösen Hunger-Zahlen sind auch die vergeudeten Ressourcen ein Problem. Denn für die Lebensmittel, die in Landwirtschaft und Industrie, im Handel, in Restaurants und in privaten Haushalten weggeworfen werden, wurden jede Menge Wasser, Energie und ganze Hektare an Land verbraucht. Laut einer Studie des WWF Deutschland könnte durch vermeidbare Lebensmittelverluste eine Fläche von über 2,6 Millionen Hektar eingespart werden – fast 15 Prozent der gesamten Fläche, die wir in Deutschland für unsere Ernährung benötigen. Auch das Klima wird zusätzlich belastet. Schätzungen zufolge entstehen acht bis zehn Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen für Nahrungsmittel, die nie gegessen werden. Im „Food Waste Report 2021“ erklärt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen: „Wenn der Verlust und die Verschwendung von Lebensmitteln ein Land wären, wären sie die drittgrößte Quelle von Treibhausgas-Emissionen.“

Die deutsche Bundesregierung will mit einer „Nationalen Strategie gegen Lebensmittelverschwendung“ gegen das Problem vorgehen. Die Wertschätzung für Nahrungsmittel soll in der gesamten Kette von Ernte über Verarbeitung und Handel bis zu Privatpersonen und Gastronomie geschärft werden. In der Schweiz hat der Bundesrat gerade im April einen Aktionsplan verabschiedet mit dem Ziel, die Verschwendung bis 2030 gegenüber 2017 zu halbieren.

Private Haushalte verursachen besonders viel Biomüll

Einer, der ganz dringenden Handlungsbedarf sieht, ist der Nürnberger Jesuit Jörg Alt. Im Dezember 2021 hat er sich einer Aktion zum sogenannten „Containern“ angeschlossen. Dabei werden aus den Müllkübeln von Supermärkten noch genießbare Lebensmittel geholt, um sie zu verwerten und vor der Vernichtung zu retten. Juristisch ist das Diebstahl, weil auch der Müll den Supermärkten gehört. Um auf die Sache aufmerksam zu machen, hat Pater Alt nach seiner Container-Aktion Anzeige gegen sich selbst erstattet und damit medial einige Öffentlichkeit erregt.

So weit muss vielleicht nicht jeder gehen. Aber dass alle einen Beitrag leisten können, zeigen die Zahlen: Denn 59 Prozent der 10,92 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle fielen in privaten Haushalten an. Abfälle, für die wir übrigens natürlich auch bezahlt haben. Ein Großteil davon waren Obst und Gemüse, gefolgt von Backwaren, Getränken und Milchprodukten, aber auch fertig zubereitete Mahlzeiten landen regelmäßig im Müll. Insgesamt produzieren wir im Schnitt somit 78 Kilo Lebensmittelabfälle pro Kopf und Jahr.

Deshalb will ich mir die Frage gefallen lassen: Was kann ich selbst dafür tun, um Lebensmittel wertzuschätzen und weniger wegzuschmeißen?

Das kann ich tun

Die Grundregeln: Einkäufe gut planen, einen Einkaufszettel erstellen, einen Überblick über die Vorräte behalten, nicht zu Spontankäufen oder Großpackungen verlocken lassen, sondern nur das in den Einkaufskorb legen, was wirklich gebraucht wird. Die richtige Lagerung hilft, dass Lebensmittel nicht verderben, sondern möglichst lange halten. Bei abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum nicht sofort ans Wegwerfen denken, sondern genau hingucken, dran riechen, probieren.

Als Familie starteten wir vor einigen Jahren das Experiment „ewiger Speiseplan“: Dafür haben wir Mahlzeiten für zwölf, später für 16 Wochen festgelegt, deren Reihenfolge sich dann immer wiederholt. So lässt sich der Wocheneinkauf gut planen. Frische Zutaten kaufen wir am Tag davor dazu. Mittlerweile kenne ich fast alle Rezepte auswendig und weiß genau, was wir benötigen, sodass kaum Reste übrigbleiben. Weiterer Vorteil: Das ewige Nachdenken, was man heute kochen könnte, entfällt. Flexibilität erhalten wir uns durch Wunsch- und Saisontage.

Und sollte doch mal etwas übrigbleiben vom Mittagessen, schaue ich gern auf der Website Restegourmet.de nach, auf der man Rezepte nach den Zutaten suchen kann, die man aufbrauchen möchte. Auch bei Frag-Mutti.de finden sich viele alltagstaugliche Rezepte zur Resteverwertung. Ähnlich funktioniert die App von „Eat Smarter“.

Seit einer Weile sind wir zudem Fans der App „To Good To Go“. Bäckereien und Läden bieten dort zu günstigen Preisen meist Backwaren und frische Produkte an, die sonst weggeworfen werden würden.

Wer noch engagierter ist, kann sich bei Foodsharing.de registrieren. Privatpersonen holen hier bei Betrieben, die mitmachen, Lebensmittel ab und geben sie an andere weiter, oft zu festen Zeiten, an festen Orten, sogenannten Fairteilern. Bei allen guten Ideen: Vor allem hilft das Bewusstsein, dass Lebensmittel etwas Wertvolles sind. Dass für ihre Herstellung sehr viele Ressourcen gebraucht und verbraucht werden und wir einen großen Beitrag dazu leisten können, Lebensmittelverschwendung einzudämmen.

Almut Völkner schreibt unter almut-wortkunst.de

Schon abgelaufen – trodem genießbar?

Dran schnuppern und probieren sollte man immer, aber die meisten Lebensmittel in unbeschädigten Verpackungen sind auch über das Haltbarkeitsdatum hinaus noch gut.

Sehr viel länger haltbar:
Salz, Zucker, Marmelade, Honig, Konserven, trockene Hülsenfrüchte, Senf, eingeschweißter Kaffee und Kakao

Meistens länger haltbar:
Nudeln, Mehl, Süßwaren, Knabberkram, Eis, Eingemachtes, Reis, H-Milch

Sorgfältig prüfen:
Milchprodukte, Säfte

Extrem kritisch sein:
Fleisch, Wurst, Fisch, Nüsse

7 Tipps gegen Food Waste

• Einkäufe planen
• Vorräte vorher checken
• An den Einkaufszettel halten
• Spontankäufe und unnötige Großpackungen meiden
• Lebensmittel richtig lagern
• Abgelaufenes nicht automatisch wegwerfen, sondern auf Genießbarkeit prüfen
• Rezepte finden, um Reste zu verwerten

Lebensmittelabfälle

10,92 Mio. Tonnen pro Jahr in Deutschland

59 % private Haushalte
17 % Gastronomie
15 % Lebensmittelverarbeitung
7 % Handel
2 % Landwirtschaft

(Quelle: Statistisches Bundesamt)

Vermeidbare Lebensmittelverschwendung in privaten Haushalten

4,0 % Fleisch & Fisch

6,9 % Sonstiges

5,9 % Fertigprodukte

8,9% Milchprodukte

11,9% Getränke

14,9 % Zubereitetes

12,9 % Backwaren

34,7 % Obst & Gemüse

(Quelle: Gesellschaft für Konsumforschung 2020)

Der Schreibtisch im Tiny House, Foto: Micro-Sabbaticals

Microsabbaticals: Wie sie funktionieren und warum sie sinnvoll sind

Organisationsberater Marlin Watling bietet mit Freunden Denkwochen im Tiny House an. Sein Konzept hat er von Bill Gates entlehnt.

Zwei von fünf Arbeitenden wünschen sich ein Sabbatical. Was erhoffen sich diese 40 Prozent von einer Auszeit? Es gibt viele Motive – aber es scheint ein Merkmal der heutigen Zeit zu sein, dass das Leben wahnsinnig voll ist und hier und da der rote Faden verloren geht. Mal eine Zeit Abstand gewinnen, die Dinge wieder klarsehen und zurück zum Wesentlichen kommen, das ist die Sehnsucht hinter einem Sabbatical, das immer mehr für sich in Betracht ziehen.

Weil drei bis sechs Monate Auszeit aber echt tricky zu realisieren sind, bleibt sie oft nur als super Idee tief im Hinterkopf abgelegt. Die letzten Jahre hat sich ein Trend gebildet, dieses Problem zu beantworten: Micro-Sabbaticals. Auszeiten mit Sabbatical-Flair, in kürzerer Zeit. Statt drei Monate sind es drei Tage, die zum Abstand und Neuorientieren dienen.

Revolutionäre Gedanken während einer Auszeit

Ein paar Freunde und mich führte der Weg zu einem Tiny House. Noch so ein Trend: Minimalismus. Auf 18 Quadratmetern steht ein kleines Häuschen mit Bett, Bad, Wohnzimmer, Küche und direktem Zugang zur Natur. Wir haben es 2019 zusammen mit Flüchtlingen gebaut und bieten dort jetzt vier Formate für Micro-Sabbaticals an. Dabei sind wir seit Jahren auf einer Fährte, die wir nun erproben: die Denkwoche.

Die Lunte haben wir einst bei Bill Gates gerochen. Irgendwo in seiner Biografie kam vor, dass er sich jedes Jahr eine Auszeit nimmt, um nachzudenken. Eine Woche zum Lesen, Reflektieren, Überlegen. Die bekannteste Denkwoche war seine Auseinandersetzung mit dem Internet Anfang der 90er. Er ging in eine Hütte und las viele Bücher und Paper über das Thema. Bis er überzeugt war, dass das Internet alles verändern wird. In der Folge verbreitete er in seiner Firma ein Memo mit dem Namen „Internet Tidal Wave“ und stellte dort die Weichen für die Zukunft.

Mentalen Ballast sortieren

Alleine rumsitzen und über große Trends nachdenken – das hörte sich für uns gut an. Wie wäre es also, wenn wir uns ein paar Tage freischaufeln, um ein paar wichtige Fragen zu Ende zu denken? Denn der Mönch Thomas Merton brachte es einst auf den Punkt: „Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist das Sortieren des enormen mentalen Ballasts, der sich in uns sammelt.“ Das gilt nicht weniger uns, die wir permanent von Impulsen und Ideen bombardiert sind. Als Mönch fokussierte er sich darauf, Rhythmen zu entwickeln, um die Stille und damit eine innere Klarheit zu finden.

Der amerikanische Computerwissenschaftler und Autor Cal Newport formulierte vor ein paar Jahren die Idee von „Deep Work“. Sie besagt, dass die Arbeitswelt heute viel zu fragmentiert und schnell ist. Die Fähigkeit, sich tief mit einem Thema zu beschäftigen zu können, ist sehr rar. Und viele Probleme, die wir haben, liegen daran, dass wir uns nicht ausführlich genug mit ihnen beschäftigen und die Dinge zu Ende denken. Man möchte meinen, dass große Firmen genug Ressourcen haben, um Themen wirklich bewerten zu können.

Unsere Erfahrung ist da eine andere: Je mehr Wissen da ist, desto mehr wird man in alle möglichen Richtungen gezogen und selten dringt man in diesen Diskussionen zum Wesen der Dinge durch. Workshops helfen da manchmal, aber auch sie sind oft überladen mit zu vielen Themen. Newport sagt, dass Deep Work, also ein ablenkungsfreies Abtauchen in die Arbeit, die volle Konzentration auf eine Sache, eine der wesentlichen Arbeitsweisen der Zukunft sein wird. Wer sie meistern kann, ist im Vorteil.

Mischung aus Freizeit, Lesen, Reflexion und Bewegung

Wie geht nun eine Denkwoche? Man kann sie selbst organisieren, viele profitieren aber von einem Rahmen und etwas Anleitung, für die wir ein Kit entwickelt haben. Die Denkwoche beginnt damit, dass man sich gut vorbereitet. Zum einen muss man ein Thema wählen und seinen Ansatz klären. Was nehme ich mit? Womit genau beschäftige ich mich? Dann muss man die Zeit organisieren, dass sie möglichst frei von Ablenkung ist und die Zeit gut genutzt werden kann. Eine Mischung aus Freizeit, Lesezeit, Reflexionszeit und Bewegung ist ideal. 

Inzwischen liefen die ersten Experimente mit unserer Denkwoche im Tiny House und wir sind immer wieder überrascht, dass viele Wege und Impulse, die für das gewählte Thema hilfreich sind, direkt vor der eigenen Nase liegen. Durch das Nachdenken in der Denkwoche kommen Erkenntnisse, die irgendwie schon da waren, aber jetzt klar gesehen werden können. Das ist die Magie des Denkens: Verbindungen herstellen und Geahntes klar zu sehen. Wie die Schriftstellerin Virgina Wolf sagte: „Ein Schlüssel in der Tür versetzt dich in die Lage, selbst zu denken.” Es braucht diesen bewussten Moment, diese Entscheidung, diesen Rahmen für die eigenen Fragen. Das ist das Wesen von Micro-Sabbaticals.

Marlin Watling. Der studierte Psychologe war viele Jahre Personalleiter für Großkonzerne und berät heute Organisationen in Zukunftsfragen. Daneben war er Leiter der Mosaikgemeinde in Heidelberg, wo er auch mit seiner Familie lebt. Mehr zum Micro-Sabbatical im Tiny House unter microsabbatical.de

Kathrin Lederer backt Brote, Foto: Johanna Ewald

Kathrin will grüner leben – mit fünf Kindern!

Kathrin Lederer möchte in ihrer Großfamilie nachhaltig leben. In manchen Aspekten klappt das super, in anderen so gar nicht.

Den Tag X, an dem wir beschlossen, unser Leben komplett umzustellen, gibt es nicht. Nachhaltiger zu leben, war eine langsame Entwicklung, die uns auch heute mal mehr und mal weniger gut gelingt. Ein nachhaltigeres Leben verstehe ich dabei allumfassend: Es geht mir nicht nur darum, weniger gelbe Säcke an die Straße zu stellen, um mich gut zu fühlen.

Mein Herzensanliegen ist, die Menschen hinter den Produkten zu sehen, weniger Ressourcen zu verbrauchen, so gut es eben geht, nicht auf Kosten anderer zu leben, soziale Gerechtigkeit zu fördern und dabei realistisch weiter unseren Familienalltag mit meinem Mann Frank und unseren fünf Kindern zwischen zwei und 18 Jahren zu leben. Anfänglich war ich die treibende Kraft unseres Wandlungsprozesses. Inzwischen ist es ein Familienprojekt – oder vielmehr eine Familienhaltung – geworden.

Suppe, Seife, Seelenheil

Als Jugendliche hörte ich zum ersten Mal vom alten Leitsatz der Heilsarmee: „Suppe, Seife, Seelenheil“. Erst sollen die elementaren Grundbedürfnisse eines hilfesuchenden Menschen gesichert werden („Suppe“), dann soll dieser Mensch Unterstützung darin bekommen, Ordnung in sein Leben zu bringen und sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren („Seife“) und erst wenn eine Beziehung zu dem Menschen aufgebaut wurde, vom Glauben zu erzählen („Seelenheil“).

Diesen Ansatz finde ich großartig und gut übertragbar auf das, was mich immer wieder antreibt: Es ist mir ein Anliegen, dass alle Menschen dieser Erde satt werden („Suppe“), dass jeder Mensch ein Dach über dem Kopf und Zugang zu Medizin und Bildung bekommt („Seife“) und jeder Mensch frei entscheiden darf, an wen und was er glaubt („Seelenheil“). Dazu möchte ich meinen kleinen Beitrag leisten – wohlwissend, dass ich die Welt nicht komplett verändern werde durch mein Verhalten. 

Haarseife statt Shampoo war ein No-Go

Ich wünsche mir, dass wir es als Eltern durch praktisches Vorleben schaffen, unsere Kinder dafür zu sensibilisieren, woher unsere Nahrung kommt und dass es viele Menschen gibt, die es so viel schlechter haben als wir. Ich würde ihnen gern zeigen, dass wir einen kleinen Beitrag leisten wollen, um diese Ungerechtigkeit zu lindern, zum Beispiel durch unser nachhaltigeres Leben, aber auch durch Kinderpatenschaften, Spenden an Hilfsprojekte und unsere Gebete. Ich glaube, es ist wie bei allen Dingen im Leben: Wofür wir uns interessieren, das prägt unser Denken, unser Handeln. Womit wir uns im Internet beschäftigen, wen wir bei Instagram abonnieren, das formt uns mit. 

In den letzten Jahren haben wir als Familie sehr viel ausprobiert. Einiges haben wir auch wieder verworfen. Haarseife statt Shampoo zum Beispiel ging gar nicht. Danach probierten wir festes Shampoo. Das funktioniert bei manchen der Familienmitglieder, bei anderen nicht. Jetzt haben wir festes Shampoo und zusätzlich flüssiges im Zehn-Liter-Kanister, das wir selber abfüllen. Auch Zahnputztabletten fanden wir alle fürchterlich. Dank Unverpacktladen kaufen wir jetzt Zahnpasta, die wir uns in eine Glaspumpflasche abfüllen.

Die mit viel Liebe von mir zubereitete Hafermilch wurde von allen verschmäht, ebenso der selbst gemachte Frischkäse (obwohl ich ihn schon ganz hinterlistig in einer leeren Frischkäsedose serviert habe!). Viele andere Ideen, um nachhaltiger zu leben, sind aber inzwischen zur Routine geworden und gar nicht mehr anders denkbar für uns. 

Keine Erdbeeren im Winter

Wir begannen damit, Schokolade und Brotaufstriche nur noch fair gehandelt zu kaufen. Die Kinder haben es sich inzwischen zur Challenge gemacht, wer zuerst die Fairtrade-Marken im Regal findet. Wir beschäftigten uns damit, woher Obst und Gemüse kommen und verzichten beispielsweise auf weit gereiste Erdbeeren im Winter. Für mich war es irgendwann eine logische Konsequenz, Vegetarierin zu werden. Der Rest der Familie isst nun sehr wenig und dafür gutes Fleisch direkt vom Erzeuger.

Und dank Milchtankstelle und Supermärkten, in denen man eigene Dosen mitbringen kann, ist es mittlerweile viel einfacher geworden, nachhaltig einzukaufen. Vor allem in den überall eröffnenden Unverpacktläden hole ich mir ganz viele Ideen und auch als Neuling kann man ganz unkompliziert mit zwei bis drei Produkten anfangen, die man sich abfüllt.

Schnäppchen gibt es Secondhand

Bei sieben Personen, von denen fünf noch in der Wachstumsphase stecken, sind Kleidung und Schuhe ein großes Thema. Vor vielen Jahren startete ich den Selbstversuch, in der Fastenzeit keine Kleidung für mich zu shoppen. Ich fand das damals megaschwer auszuhalten. Als ich für mich reflektierte, warum mir das Einkaufen von Kleidung so viel bedeutete, habe ich festgestellt, dass Shoppen ein Belohnungsprinzip für mich war nach dem Motto: „Du hast die letzten Wochen so viel für die Prüfungen gelernt, jetzt darfst du dir auch was Schönes kaufen.“ Das Wissen um all die Kleidermüllberge in der Welt und das Betrachten meines völlig überfüllten Kleiderschrankes hat mich dann überzeugt, etwas zu ändern.

Schnell habe ich festgestellt, dass ich dank Klamottenbörsen, Secondhandläden und Webseiten wie Kleiderkreisel trotzdem nicht in den immer selben Outfits herumlaufen muss. Heute kaufen wir fast ausschließlich Secondhandkleidung oder selten auch Fairtrade-Neuware. Selbst die Kinder (wir haben drei sehr modebewusste Pubertiere zu Hause!) finden es völlig ok, sich im Internet und Secondhandladen einzudecken. Auch Möbel, Fahrräder und Küchengeräte finden wir eigentlich fast immer gebraucht über Ebay-Kleinanzeigen und freuen uns total, wenn wir geniale Schnäppchen machen. 

Waschmittel zum Selbermachen

Ich habe festgestellt: Je länger ich mich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftige, desto einfacher wird die Umsetzung. Vieles stelle ich heute völlig routiniert und ohne weiteren Aufwand selber her: Kastanienwaschmittel (den Kindern macht das Sammeln ohnehin Spaß) und flüssiges Waschmittel (da können die Kids super die Seife raspeln …). Ich backe Brot und Brötchen (das spart unheimlich viel Geld!) und stelle Nudeln selber her.

Mit dem Obst zweiter Wahl vom Wochenmarkt, das supergünstig und dabei immer noch richtig gut ist, koche ich Marmeladen ein. Unser Eigenanbau im Garten war bisher nur sehr mäßig erfolgreich, deshalb freue ich mich über Felder, auf denen wir je nach Saison Erdbeeren oder Heidelbeeren selber pflücken. Dazwischen blüht noch der Holunder und ich kenne keine günstigere, köstlichere Limonade als kaltes Mineralwasser mit Holunderblütensirup und Zitronenscheiben – und alle unsere Gäste lieben sie ebenfalls. 

Gespräche über modernen Sklavenhandel

Ich freue mich immer sehr, wenn die Kinder beim Ernten sehen, wie die Früchte wachsen, wir uns die Bäuche vollschlagen mit Vitaminen und danach gemeinsam im Auto besprechen, was wir mit unserer Ernte nun alles anstellen können. In diesem Sommer war die Erdbeerernte etwas ganz Besonderes: Bewaffnet mit Getränken, Sonnenschutz und unseren Körben betraten wir das Feld zum Selberpflücken und begegneten vielen fremdländisch aussehenden Erntehelfern.

Unsere elfjährige Tochter war ganz verwundert, all diese Menschen zu sehen, die in der prallen Sonne pflückten, und sie fragte mich, warum sie denn alle hier seien. Es folgte ein langes Gespräch über die Bedingungen von Erntehelfern, über die Gründe, warum viele dieser Menschen extra für die Ernten nach Deutschland kommen, über soziale Ungerechtigkeit und modernen Sklavenhandel. Es war noch tagelang Thema bei uns. 

Abschminkpads für Menschen in Not

Beim Selbermachen frage ich mich oft: Was kann ich damit Gutes tun? Irgendwann habe ich meine Stapel alter Handtücher betrachtet und angefangen, daraus waschbare Abschminkpads zu nähen.

Das geht total schnell und ich freue mich inzwischen jeden Tag beim Reinigen meines Gesichtes über diese tollen, bunten Mini-Quadrate, die Wegwerf-Pads überflüssig machen. Über Facebook habe ich sie außerdem gegen eine Spende für ein soziales Projekt verkauft. Unsere Kinder durften die bestellte Ware mit einpacken und zur Post bringen. Sie freuen sich bei diesen Projekten immer riesig, wenn wir Bilder anschauen können, die zeigen, was mit dem Geld Sinnvolles passiert ist und wie Menschen in Not konkret Hilfe erfahren haben.

Einkochen wie zu Omas Zeiten

Ich freue mich sehr, dass es immer noch neue Ideen gibt, die ich ausprobieren kann. Mein neuestes Projekt ist das Einkochen wie zu Omas Zeiten. In unserem Großfamilienhaushalt stehe ich ohnehin oft in der Küche, große Töpfe habe ich sowieso und Marmeladengläser sammle ich schon seit Jahren.

Dem Internet und seinen Interessengruppen sei Dank, füllen sich unsere Vorratsschränke nun immer mehr mit eingelegtem Paprika, Apfelmus, fertigen Rinderrouladen, gebackenen Kuchen, Pflaumenkompott … Ich jedenfalls freue mich darüber wie bekloppt. Und nachhaltig zu leben, darf ja auch ein bisschen glücklich machen, finde ich.

Kathrin Lederer ist Sozialpädagogin und lebt mit ihren fünf angenommenen Kindern und Ehemann Frank in Delmenhorst in der Nähe von Bremen. Auf Instagram ist sie zu finden unter @dielederers, außerdem bloggt sie unter herzeltern.de.

Anselm Grün, Foto: Julian Hilligardt

Anselm Grün: „Wir brauchen neue Deutungen unserer alten christlichen Tradition“

Anselm Grün, der meistgelesene Benediktinerpater, sieht die Kirche in der Krise. Was sie retten kann, sind kleine Rituale, sagt er im Interview.

Bei allen Nöten und Ängsten, die die Corona-Krise mit sich gebracht hat: Sehen Sie auch die Chance, dass durch sie ein positiver Wertewandel angestoßen wird?
Ich sehe schon die Chance darin. Bei vielen ist eine neue Nachdenklichkeit entstanden und sie fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Was trägt mich eigentlich? Gerade in einer Zeit, wo alles Äußere unsicher geworden ist – was gibt mir da Sicherheit? Da ist der Glaube eine wichtige Hilfe. Dass ich im Glauben ein Fundament finde, auf dem ich stehen kann.

Das andere ist: Wir haben erlebt, dass wir voneinander abhängig sind. Wir können einander mit dem Virus anstecken und uns negativ infizieren. Aber wir können es auch positiv sehen: Jeder von uns hat eine Ausstrahlung, wenn wir anderen Menschen begegnen. Da ist die Frage: Was geht von mir aus? Bitterkeit, Aggression und Verurteilung? Oder geht von mir Wohlwollen, Frieden und Liebe aus?

Inwiefern haben wir als Christen und Kirchen Angebote für die Menschen in dieser Umbruchszeit?
Die Kirchen haben sicher die Chance, den Menschen Sinn zu vermitteln. Dass der Sinn eben nicht nur darin besteht, so zu leben wie immer, sondern offen zu sein für das Größere, offen zu sein für Gott. Die Kirchen haben auch die Aufgabe, in dieser Anonymität der Gesellschaft Beziehungen zu stiften und Gemeinschaft zu schaffen, Orte der Verbundenheit zu schaffen. Und die Kirche hat die Aufgabe, Beistand zu leisten. Vor allem den Menschen beizustehen, die allein sind und nicht mit sich auskommen.

„Ich glaube, dass in jedem Menschen die Sehnsucht nach Gott ist“

Im Moment kehren viele Menschen der Kirche den Rücken, die Austrittszahlen steigen. Wie können da die christlichen Werte zu den Menschen in unserer Gesellschaft finden?
Das ist sicher eine große Not, die Sie da ansprechen. Die Frage bewegt mich schon seit Jahren. Mein Bestreben ist, in dieser Krise eine Sprache zu finden, die die Menschen anspricht. Es gibt zwei wichtige Bedingungen: Das eine ist, dass wir erst einmal auf die Menschen hören, auch auf die, die austreten und der Kirche den Rücken kehren. Was sind ihre Bedürfnisse? Was bewegt sie? Nur wenn ich auf sie höre, kann ich auch eine Antwort geben. 

Und das zweite ist, dass ich an die Menschen glaube. Dass ich glaube, dass in jedem Menschen die Sehnsucht nach Gott ist. Vielleicht drückt sie sich nicht immer so konkret als Sehnsucht nach Gott aus, aber als Sehnsucht nach dem Geheimnis, nach Echtheit, nach Klarheit, nach einem Sinn, nach dem Guten, nach einem erfüllten Leben. Nur wenn ich an diese Sehnsucht glaube, kann ich auch eine Sprache finden, die diese Sehnsucht anspricht und bewegt. Das ist für mich eine wichtige Aufgabe.

Wie kann sie gelöst werden?
Wenn wir in die Geschichte schauen, dann waren es nicht die Theologen, die den Glauben gerettet haben, sondern eine gesunde Form von Volksfrömmigkeit. Wir haben viele Rituale in unseren Kirchen, aber sie stammen häufig aus einer landwirtschaftlichen Kultur und sind heute so nicht mehr vermittelbar. Da müssen wir neue Formen finden. Nicht nur von der Kirche her, sondern auch in den Familien, Hauskreisen [christlichen Gruppentreffen, Anm. d. Red.] oder für den Einzelnen neue Formen finden: Wie kann ich den Glauben ausdrücken? Wie kann ich den Glauben in den Alltag bringen? Nicht moralisierend, sondern für den Glauben zu werben, dass der Glaube dem Leben einen anderen Geschmack und eine andere Intensität gibt.

Ritual zum Einschlafen

Welche Rituale und Ausdrucksformen passen gut in die heutige Zeit?
Am Abend erlebe ich häufig, dass Menschen nicht gut schlafen können, weil sie ständig überlegen: Hätte ich mich doch bloß heute anders entschieden, wäre ich doch im Gespräch mit meinem Sohn oder meiner Tochter oder mit meinen Angestellten freundlicher und achtsamer gewesen. Vor lauter „hätte“ und „wäre“ kommt man dann nicht zur Ruhe. Ich sage dann immer: „Der Tag ist vorbei, den könnt ihr nicht mehr ändern, aber Gott kann das Vergangene in Segen verwandeln.“ Da kann man als Ritual abends seine Hände als Schale Gott hinhalten: „Das ist der Tag, mit allem Durcheinander und dem Chaos. Er ist, wie er ist, aber du kannst das, was war, in Segen verwandeln – für mich und für die anderen.“ Und dann kann ich ihn auch loslassen.

Nachdem ich das getan habe, kann ich vielleicht auch dankbar zurückschauen auf den Tag und sehen, was Gott mir in die Hand gelegt hat, an Dingen und Begegnungen.

Das sind sehr klassische Rituale … 
Ja, aber ich merke bei meinen Vorträgen immer wieder, dass die Menschen offen dafür sind. Wir brauchen nicht alles neu zu machen. Aber man braucht eine neue Deutung unserer alten christlichen Traditionen. Manchmal meinen wir, wir hätten schon die Antworten und bräuchten nur die alte Theologie weiterführen. Aber die Botschaft muss in Beziehung zu den Menschen sein, nur dann kann ich etwas sagen. Wenn ich nur weitergebe, was ich gelernt habe, dann ist das zu wenig.

Junge Menschen schauen nicht mehr nur nach Gehalt

Sie haben eben von ihren Seminaren für Manager erzählt. Erleben Sie momentan ein Umdenken bei Verantwortungsträgern aus der Wirtschaft?
Ich erlebe schon ein Umdenken. Aber natürlich kommen zu meinen Kursen auch nur die Leute, die schon offen sind. Die spüren: Nur von den Zahlen her kann man nicht wirtschaften. Wir müssen vom Menschen her schauen. Und wir brauchen Werte. Gerade junge Menschen achten heute nicht darauf, wo sie das meiste Geld verdienen, wenn sie eine Firma suchen, sondern wo eine gute Kultur ist. Und eine gute Kultur ist dort, wo Werte gelebt werden.

Wenn man Pater Anselm so gegenübersitzt, kann man gut nachvollziehen, warum er für viele Menschen zum geistlichen Wegweiser geworden ist. Der weißhaarige Mönch strahlt eine große Ruhe und Gelassenheit aus, obwohl die Corona-Krise auch sein Leben und seine Pläne durcheinandergeworfen hat. Inmitten eines immer noch gut gefüllten Arbeitstages blickt er mich im Moment unseres Gesprächs völlig entspannt und freundlich an.

In dieser Krise kämpfen viele Menschen mit einem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins, andere werden bitter. Wie geben Sie diesen Menschen neue Hoffnung?
Wenn jemand Bitterkeit spürt, frage ich nach: Was waren deine Vorstellungen? Bitterkeit entsteht oft aus einer Enttäuschung. Ich muss mich damit aussöhnen, dass das Leben nicht immer so gelingt, wie wir uns das vorstellen. Die Situation ist, wie sie ist und nicht ideal. Auch ich selbst bin nicht so ideal, wie ich sein möchte. Das ist das eine. Annehmen, was ist.

Und das zweite ist: trotzdem hoffen. Ich muss mich fragen: Wie sieht mein Leben aus, wenn ich bitter bleibe? Wie sehen meine Beziehungen aus, wenn ich Bitterkeit und Zynismus verbreite? Dann darf ich mich nicht wundern, dass ich isoliert bin und keiner mit mir sprechen möchte. Ich kann aber auch die Situation annehmen und trotz allem darauf vertrauen, dass die Welt nicht hoffnungslos verloren ist.

„Nur um sich selbst zu kreisen, macht nicht glücklich“

Die meisten Menschen haben Sehnsucht nach einem guten Leben – auch und gerade inmitten von Umbrüchen und Einschränkungen. Was sind für Sie Kennzeichen für ein gutes, gelingendes Leben?
Einmal im Einklang und im Frieden mit mir selbst sein, Ja sagen können zu meinem Leben und dankbar sein für mein Leben. Und das zweite ist das Fließen zum anderen hin. Nur um sich selbst zu kreisen, macht nicht glücklich. Ich kann das gute Leben nicht nur für mich selbst haben. Lebendig sein bedeutet, Beziehungen und Kontakt zu anderen haben. Diese Hingabe an das Leben und an den Menschen, das sind wichtige Aspekte für ein gelingendes Leben.

Kennen Sie selbst auch Momente, in denen Sie nicht in sich ruhen und gelassen mit den Herausforderungen, die diese Zeit an uns stellt, umgehen können? 
(Pater Anselm antwortet lächelnd) Natürlich bin auch ich nicht immer ausgeglichen. Wenn z. B. manche Mitbrüder zu kompliziert sind oder wenn ich merke, dass ich nicht richtig planen kann. Aber das ist ein kurzer Ärger und dann sage ich mir: Lohnt es sich, in diesem Ärger zu bleiben oder nutze ich die Zeit einfach, um mehr zu lesen, zu schreiben, für Gespräche und für andere Dinge?

Klassische Musik in der Coronazeit

Haben sich für Sie auch neue Chancen und Perspektiven in dieser Umbruchszeit ergeben?
Für mich selbst sicher die Perspektive, mehr Zeit zu haben. So habe ich abends auch manchmal Musik gehört und nicht immer nur gearbeitet, sondern mir die Musik gegönnt.

Was hören Sie denn gerne?
Klassische Musik wie Bach, Mozart und Händel. Ich höre eher selten moderne Musik.

Einfach morgens das Fenster öffnen

Noch eine Frage zu den Ritualen: Was würden Sie Menschen empfehlen, die eine Sehnsucht und Offenheit in Richtung Gott haben? Was wären erste Schritte?
Einfach den Morgen mit einem einfachen Ritual beginnen. Das Fenster öffnen, frische Luft hereinlassen und spüren: Da kommt neues Leben in mich hinein. Oder wenn wir duschen, bewusst sagen: Ich reinige mich von all den trüben Gedanken, sodass ich heute klar denken kann. Oder mich beim Zähneputzen zu erinnern: Die Worte, die ich heute sagen will, sollen reine Worte sein und keine Worte, die bewerten und verurteilen.

Achtsamkeit ist heute ein Schlagwort geworden. Aber die christliche Botschaft war ja schon immer Achtsamkeit: im Augenblick zu sein, einfach dankbar zu sein. Die Frage: Wofür bin ich dankbar? führt vielleicht zu der Ahnung, dass ich doch einem größeren Gott gegenüber dankbar bin.

Interview: Melanie Carstens

Anselm Grün ist Benediktinerpater in der Abtei Münsterschwarzach. Er ist Doktor der Theologie und hat Betriebswirtschaft studiert. 36 Jahre lang war er wirtschaftlicher Leiter der 20 Klosterbetriebe. Über 300 Bücher hat er geschrieben. Auch seine zahlreichen Vorträge haben ihn zum geistlichen Wegweiser für ein großes Publikum jenseits aller Konfessionsgrenzen gemacht.