Sarah Corbett - die Aktivistin setzt auf positive Impulse mit wunderbaren Handarbeiten.

Craftivist – Die etwas andere Form von Protest

Aktivismus muss nicht immer laut und aufdringlich sein oder den Straßenverkehr lahmlegen. Wie sanft kreative Kampangnen für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit sein können, erzählt die Engländerin Sarah Corbett im Interview.

Wer als Tochter eines Pfarrers und einer Kommunalpolitikerin aufwächst, kennt ein öffentliches Leben von Kindesbeinen an. Auch mit sozialen Fragen kam Sarah Corbett früh in ihrer heimischen Küche in Liverpool in Berührung. Da war der berufliche Weg nicht weit zu sozialen Organisationen wie Oxfam und Christian Aid, wo sie Öffentlichkeits-Kampagnen organisierte. Doch ihrer introvertierten und hochsensiblen Persönlichkeit entsprach die Arbeit oft nicht. Sie entdeckte für sich den „Craftivism“, ein Kofferwort aus „Craft“ (Handarbeit) und „Activism“ (Aktivismus). Aus kleinen Anfängen in einer Bibliothek ist inzwischen eine weltweite Bewegung des „sanften Protests“ geworden, die mit handgestalteten Projekten schon Firmenetagen und Abgeordnete zum Umdenken gebracht hat.

Über Ungleichheit reden

Wie kam es dazu, dass du das Craftivist-Kollektiv gegründet hast?

Im Jahr 2008 brannte ich beruflich wie privat immer wieder aus, weil ich ein introvertierter und hochsensibler Mensch bin. Ich war erschöpft, obwohl mir die Themen, für die ich mich einsetzte, wirklich am Herzen lagen. Dann kam für mich ein Wendepunkt. Ich saß in einem Zug nach Glasgow und hatte keine Kraft, meine Berichte zu schreiben. In einem kleinen Laden kaufte ich spontan ein Teddy-Nähset, weil ich etwas mit meinen Händen machen wollte. Sofort merkte ich, wie die Arbeit mit Nadel und Faden mir half, runterzukommen. Ein älteres Ehepaar, das mir gegenübersaß, fragte plötzlich: „Oh, was machen Sie denn da?“ Da dachte ich: Wenn ich ein Zitat von Ghandi hineinsticken würde, dann könnten wir über Ungleichheit reden – und nicht über einen Teddy …

Das war die Geburt einer ganzen Bewegung?

In dem Moment überkam mich die Ahnung: Vielleicht kann Aktivismus nicht nur heißen, Menschen mit einem Megafon anzubrüllen, sondern vielleicht kann es auch heißen, etwas zu tun, das Menschen Fragen stellen lässt. Und vielleicht kann Handarbeit dabei nützlich sein. Ich habe dann gegoogelt und fand heraus, dass es den Begriff „Craftivism“ schon gibt. Die Amerikanerin Betsy Greer benutzt ihn seit 2003. Ich habe dann Kontakt zu ihr aufgenommen und sie hat mir erlaubt, den Begriff zu verwenden.

Startpunkt Bibliothek

Wie hast du dann ganz praktisch losgelegt?

Ich startete einen Blog und ging mit ein paar Leuten in die Bibliothek, um kleine Protestbanner zu basteln. Die Gruppe hat sich ganz organisch zusammengefunden, aber sehr bald schon wollten Leute aus der ganzen Welt mitmachen und Bastelkits haben. Immer mehr Medien wurden darauf aufmerksam. Und dann baten mich Museen, Veranstaltungen durchzuführen und soziale Organisationen wollten, dass ich sie bei Kampagnen unterstützte. Es war eine verrückte Reise, die ich so niemals geplant hatte.

Aktivismus klingt nicht danach, als könnte man viel Geld verdienen. Wovon lebst du?

Zunächst war es nur ein Hobby, aber dann bekam ich immer mehr Anfragen, sodass ich seit 2012 hauptberuflich Craftivistin bin. Den Großteil meiner Arbeit für Organisationen leiste ich ohne Bezahlung oder für wenig Geld. Deshalb habe ich mir einen Kreis von über hundert Unterstützern aufgebaut, die meine Arbeit mit 10 Pfund pro Monat fördern.

Wie kommt es, dass dir Einsatz für soziale und nachhaltige Themen so am Herzen liegt?

Ich bin in einem aktivistischen Umfeld als Tochter eines Pastors und einer Kommunalpolitikerin aufgewachsen. Ob es Kampagnen zur Rettung von Sozialwohnungen oder gegen die Apartheid in Südafrika waren – die meisten Planungstreffen fanden in unserer Küche statt. Direkt vor unserer Haustür in Everton, einer sozialschwachen Gegend in Liverpool, wurde ich mit Drogenproblemen und Arbeitslosigkeit konfrontiert. Es gab eine Menge Ungleichheit, die ich einfach nicht ignorieren konnte. Aktivismus war schon immer Teil meines Glaubens. Wenn wir wollen, dass unsere Welt ein glücklicher, harmonischer Ort ist, müssen wir uns sowohl um die Gesundheit des Planeten als auch um die der Menschen auf ihm kümmern. Für mich ist jeder Mensch ein Kind Gottes – und ich habe das Gefühl, dass Gott mir Gaben und Talente gegeben hat, die ich einsetzen soll, um die Welt ein Stück weit zu einem besseren Ort zu machen.

Emotionale Intelligenz

Wie unterscheidet sich Craftivismus von anderen Arten des Aktivismus?

Es geht darum, gegen etwas zu protestieren, aber sich dabei proaktiv auf eine Lösung zu fokussieren. Das Wort „Sanftmut“ tauchte immer wieder in meinem Kopf auf. Es geht um emotionale Intelligenz: Menschen zu lieben, mit denen man vielleicht nicht einer Meinung ist. Nachhaltig zu sein, damit man als Aktivist nicht ausbrennt – also auch sanftmütig zu sich selbst zu sein. Das eigene Verhalten genauso infrage zu stellen wie das der anderen.

Sind die anderen Formen damit überflüssig?

Craftivismus sollte als ein Werkzeug im Aktivismus-Werkzeugkasten gesehen werden. Wir brauchen immer noch Demos, Petitionen und Megafone. Wir brauchen alle Formen des Aktivismus, um unterschiedliche Menschen zu erreichen. Aber Craftivismus ist besonders gut geeignet, um das Tempo zu drosseln und strategischer zu denken – indem man zum Beispiel Beziehungen zu Machthabern aufbaut oder durch kleine handgemachte Geschenke die Aufmerksamkeit von Medien auf sich zieht, die normalerweise nicht über ein bestimmtes Thema berichten würden.

Kritische Freunde statt aggressive Feinde

Was macht ihr als Craftivist– Kollektiv konkret?

Ich habe einige Projekte, die sich mit dem Klimawandel oder der Modeindustrie befassen. Zum Beispiel eine Klimakampagne mit handgefertigten Kanarienvögeln mit der Aufschrift: „Helfen Sie uns, auf einem gesunden Planeten zu leben.“ Die Craftivisten haben sie ihren lokalen Parlamentsabgeordneten geschickt, um sie für den Klimawandel zu sensibilisieren.

Welche Reaktionen erlebt ihr darauf?

Wer etwas bekommt, das so liebevoll und handgemacht gestaltet ist, dem fällt es schwer, unsere Arbeit abzulehnen. So werden wir eher als kritische Freunde gesehen statt als aggressiver Feind. Wir haben auch kleine Papierrollen gebastelt und sie mitgenommen in Modeläden, die nicht nach ethischen Maßstäben arbeiten. Dort haben wir sie in die Taschen von Kleidungstücken gesteckt, damit sie später zu Hause von den Kunden gefunden werden. Wenn die Leute sie öffnen, erfahren sie, welche Geschichte hinter diesem Kleidungsstück steckt mit einem Hinweis, wo sie mehr über die Kampagne erfahren können.

Geschäftsführung denkt um

Gab es Erfolge in eurer bisherigen Arbeit, die ihr sehen konntet?

Unsere Geschichte mit der britischen Kaufhauskette Marks & Spencer war sehr besonders. Einige Craftivisten haben Aktien gekauft, um als Aktionäre an der Jahreshauptversammlung teilnehmen zu können. Jedem der 14 Vorstandsmitglieder haben wir ein handbesticktes Taschentuch geschenkt, auf dem stand: „Don’t blow it“ – ein Wortspiel aus „hineinschnäuzen“ und „vermasseln“. Es ging um eine Lohnerhöhung für die 40.000 Beschäftigten, damit sie den „Voluntary Real Living Wage“ bekommen – also nicht nur den gesetzlichen Mindestlohn, sondern einen freiwillig höheren, existenzsichernden Lohn.

Was sollten die Taschentücher bewirken?

Uns ging es um die Botschaft: „Wir sind nicht hier, um Sie zu beschimpfen und zu sagen, dass Sie ein schrecklicher Mensch sind. Nutzen Sie Ihre Macht für das Gute. Wir wissen, dass Sie einen schwierigen Job haben, aber in unserer Rolle als Kunden und Aktionäre ermutigen wir Sie, Menschen zu helfen, ein gutes Leben zu führen, indem Sie den existenzsichernden Lohn zahlen.“ Schon zu Weihnachten hatten wir der Geschäftsführung selbstgemachte Weihnachtskarten geschickt mit der Aufschrift: „Alles, was wir uns zu Weihnachten wünschen, ist der existenzsichernde Lohn für Ihre wundervollen Kollegen.“

Und wie hat das Unternehmen darauf reagiert?

Es hat sich zu einem Treffen mit uns bereiterklärt. Und vor der nächsten Jahreshauptversammlung verkündete Marks & Spencer, dass sie das Gehalt der Angestellten anheben und in Zukunft den existenzsichernden Lohn zahlen würden. Uns persönlich sagten sie, dass wir mit der Art und Weise, wie wir auf sie zugegangen sind, wirklich etwas bewirkt haben.

Ein scharfer Verstand und ein weiches Herz

Kommt es oft vor, dass Auswirkungen eurer Kampagnen so sichtbar werden?

Aktivismus ist kein Erfolgsrezept. Ich muss Craftivisten immer wieder daran erinnern, dass wir die Herzen der Menschen, die Politik und die Gesetze nicht ändern können. Wir können nur versuchen, sie positiv zu beeinflussen. Selten sieht man eine unmittelbare Reaktion wie bei Marks & Spencer. Aber ich bekomme viele Rückmeldungen von Craftivisten selbst. Eine Frau schrieb mir zum Beispiel: „Seit dem Projekt mit den Fashion Statements habe ich immer eine der kleinen Papierrollen in meiner Handtasche und wenn ich einkaufen gehe, erinnert sie mich an die Frage: ‚Brauche ich das wirklich und ist das ethisch vertretbar?‘“ Ich versuche also realistisch zu bleiben, freue mich über Feedback, aber lasse auch los, wenn wir unser Bestes gegeben haben.

Welche Rolle spielt dein Glaube in deinem Engagement?

Das Craftivist-Kollektiv ist säkular und multireligiös. Aber ich selbst bin praktizierende Christin und meine Arbeit ist stark vom christlichen Blickwinkel motiviert: Alle Menschen sind nach Gottes Ebenbild geschaffen, also behandle sie so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Ich fand es nie hilfreich, wenn Aktivisten sagen: „Alle Politiker sind korrupt, alle Banker sind habgierig!“ – Aktionen, die sich auf die Personen und nicht auf die Politik richten. Ich glaube nicht, dass Jesus so handeln würde. Es geht darum, so klug wie eine Schlange und so sanft wie eine Taube zu sein – also einen scharfen Verstand und ein weiches Herz zu haben. Ich erwähne meinen Glauben nicht immer auf der Bühne – das kommt auf die Situation an. Aber er beeinflusst viel von meiner täglichen Arbeit.

Interview: Maya Knodel

Ist Bio wirklich besser?

Ist Bio wirklich besser? – Ein Faktencheck

Wie viel gesünder ist die Bio-Möhre? Schützt ökologischer Landbau das Klima? Und warum kostet Bio-Ware oft mehr? Lisa-Maria Mehrkens gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Umfragen zufolge kaufen rund drei Viertel der Deutschen Bio-Lebensmittel – mindestens hin und wieder. Als Grund dafür geben die Befragten oft den Wunsch nach einer artgerechten Tierhaltung, nach einer geringeren Belastung der Lebensmittel mit Schadstoffen und nach einem Beitrag zum Umweltschutz an. Doch erfüllen ökologisch produzierte Lebensmittel diese Wünsche?

Kreislaufprinzip

„Bio“ und „öko“ sind geschützte Begriffe, die nicht jeder auf seine Verpackung drucken darf. Auch der Hinweis „aus kontrolliert biologischem Anbau“ muss von einer unabhängigen Kontrollstelle zertifiziert werden. Bio-Bauernhöfe unterliegen strengen, gesetzlich vorgegebenen Kontrollen – etwa zu artgerechter Haltung. Ökologischer Landbau funktioniert nach dem Kreislaufprinzip: Futter wird selbst angebaut. Mit dem Mist der gehaltenen Tiere wird wiederum die Anbaufläche organisch gedüngt. So entsteht ein Nährstoffkreislauf, in den möglichst wenig von außen hinzugefügt wird. Das bedeutet auch, dass im Prinzip nur so viele Tiere auf einem Hof leben, wie durch selbst angebautes Futter ernährt werden können. Ein Zukauf von Futtermitteln ist nur für wenige Tierarten sehr begrenzt möglich.

Industriell hergestellter Stickstoffdünger ist im ökologischen Landbau verboten, stattdessen wird mit Mist gedüngt und beispielsweise Leguminosen wie Bohnen oder Klee angebaut. Sie fördern bestimmte Bakterien im Boden, die Stickstoff aus der Luft sammeln und binden, sodass er später im Acker zur Verfügung steht. Statt auf Pestizide setzen ökologische Betriebe auf andere Maßnahmen, um Schädlinge in Schach zu halten: Nützlingen wird durch Blühstreifen Lebensraum geschaffen, bestimmte Sorten werden nebeneinander gepflanzt. Kritisch sehen manche, dass zum Teil auch kupfer- und schwefelhaltige Mittel eingesetzt werden dürfen. Allerdings gelten dafür strenge Mengenbegrenzungen.

Tiere sollen in der biologischen Landwirtschaft möglichst artgerecht gehalten werden: Hühner sollen im Boden scharren und picken, Schweine im Boden wühlen und Kühe draußen Zeit mit Grasfressen verbringen dürfen. Die Größe der Auslaufflächen und Weidegang sind beispielsweise vorgeschrieben, Schweinen dürfen die Schwänze nicht kupiert werden, Hühner müssen Zugang zu geschütztem Freigelände haben. Auch in der konventionellen Landwirtschaft gibt es gesetzliche Mindeststandards für die Tierhaltung. Im Öko-Landbau aber sind sie deutlich höher.

Gesünder?

Rund zehn Prozent der Agrarflächen in Deutschland werden ökologisch bewirtschaftet. Ob ihre Ernten immer gesünder sind, darüber streitet sich die Wissenschaft. Einige Studien fanden keine klaren Hinweise dafür, andere bestätigten in frischen Bioprodukten mehr gesundheitsfördernde Nährstoffe und Vitamine. Bio-Obst und -Gemüse enthielt beispielsweise mehr Antioxidantien, die vor Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen können. Auch eine niedrigere Belastung mit möglicherweise krebserregendem Nitrat wurde nachgewiesen. Für Bio-Milch und -Fleisch konnte vor allem bei viel Auslauf und Weidefütterung der Tiere eine für den Menschen gesündere Fettsäuren-Zusammensetzung belegt werden. Vor allem aber das Risiko, schädliche Pflanzenschutzoder Düngemittel zu sich zu nehmen, ist bei Bio-Produkten deutlich minimiert bis nicht vorhanden.

Umweltfreundlicher?

Da Bio-Landwirte weder chemischsynthetischen Kunstdünger noch Pestizide einsetzen, gelangen weniger umweltschädliche Stoffe wie Stickstoff oder Nitrat in unser Grundwasser und unsere Böden. Biologisch bewirtschaftete Böden sind meist gesünder, humusreicher und können mehr Wasser speichern. Integrierte Hecken, Tümpel oder Streuobstwiesen erhöhen die Artenvielfalt auf Öko-Flächen. Die humusreicheren Bio-Böden binden mehr CO2, die bessere Wasserspeicherung lindert Auswirkungen des Klimawandels, etwa Dürren und Überschwemmungen.

Weil sie auf künstlichen Dünger verzichten, brauchen Bio-Höfe laut Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) bis zu einem Drittel weniger Energie, außerdem landen weniger Treibhausgase wie CO2 und Lachgas in der Atmosphäre.

Weidehaltung, wie sie in der Bio-Landwirtschaft häufig praktiziert wird, kann laut Studien klimafreundlicher sein als die ganzjährige Fütterung von Milchkühen mit Maissilage und Kraftfutter im Stall. Dafür gibt es mehrere Gründe: Ohne importiertes Soja als Futtermittel fallen CO2-Emissionen durch den Transport weg und Regenwaldflächen werden nicht beansprucht. Zudem stoßen Kühe weniger Methan aus, wenn sie hauptsächlich Gras fressen, wie Forschende der Christian-Albrechts-Universität in Kiel 2021 zeigten.

Was den Ausstoß von Treibhausgasen insgesamt angeht, ist allerdings umstritten, ob die biologische Landwirtschaft wirklich die Nase vorn hat. Gerechnet auf den Liter Milch oder das Kilogramm Fleisch können Emissionen stärker ins Gewicht fallen, da die Tiere im biologischen Landbau weniger Milch geben und langsamer Fleisch ansetzen.

Eine Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) konnte gar keine klaren Klima-Vorteile belegen – und sah manchmal sogar Nachteile von Bio-Lebensmitteln gegenüber konventionellen Produkten im Hinblick auf den CO2-Ausstoß, da sie aufgrund der geringeren Erträge mehr Anbaufläche benötigen.

Es bleiben aber beim Öko-Anbau auf jeden Fall die Vorteile wie ein geringerer Pestizideinsatz, eine nachhaltigere Bodenbewirtschaftung und ein größerer Artenreichtum. Bio allein rettet also vielleicht nicht das Klima, schont dafür aber Grundwasser, Boden und Artenvielfalt.

Fälschungen

Angebliche Bio-Eier, die in Wirklichkeit aus Käfighaltung im Ausland stammen oder mit „Bio“ gekennzeichnete Tomaten, die dennoch gespritzt wurden: Obwohl „Bio-“ und „Öko“-Lebensmittel in der EU strengen Vorschriften und Kontrollen während der gesamten Produktionskette unterliegen, kommt es immer wieder auch zu Betrug. Prüfberichte etwa werden gefälscht oder verbotene Substanzen eingesetzt. In einem der prominentesten Fälle verkaufte ein Schweinebauer zwischen 2011 und 2013 über 8000 konventionell aufgezogene Schweine als Bioware – und gestand schließlich vor Gericht.

Um solchen Lebensmittelbetrug zu bekämpfen, werden mittlerweile Datenbanken aufgebaut, in denen der spezielle „Fingerabdruck“ aller Lebensmittel gespeichert ist – also die Zusammensetzung von Fetten, bestimmten Nährstoffen, Mineralien. Biomilch beispielsweise hat durch das Grasfutter einen höheren Anteil einer bestimmten Omega-3-Fettsäure. Ist der Wert zu niedrig, ist eine Fälschung wahrscheinlich. Auf solchen Methoden wollen die Überwachungsbehörden zunehmend ihre Kontrollen aufbauen und Fälschungen schneller und einfacher finden als bisher.

Tipps zum guten Einkauf

Auch bei Bio-Lebensmitteln gilt: am besten saisonal, regional und unverpackt. Ein Saisonkalender kann helfen herauszufinden, welche Produkte gerade besonders empfehlenswert sind.

Wichtig ist beim Bio-Einkauf ein Siegel, denn Formulierungen wie „aus kontrolliertem Anbau“ oder „aus umweltschonender Landwirtschaft“ klingen gut, sind aber nicht geschützt und sollen oft nur den Eindruck von Bio-Produkten erwecken. Die Siegel von Bio-Verbänden wie Bioland, Naturland oder Ecovin haben meist noch strengere Kriterien als das EU-Siegel.

Wer ökologische Lebensmittel regional, zum Beispiel bei lokalen Bauernmärkten oder Hofläden kauft, unterstützt damit zugleich die heimischen Bio-Landwirte, die in der Direktvermarktung auf Kundschaft angewiesen sind. Manchmal lohnt es sich, direkt nach den Anbaubedingungen nachzufragen. Denn manche kleinen Höfe produzieren unter Biobedingungen, haben aber nicht die kostspielige und aufwendige Zertifizierung.

Auch wer auf den Preis achten muss, kann nach Bio Ausschau halten: Vor allem bei vielen unverarbeiteten und nicht-tierischen Produkten gebe es kaum Preisunterschiede, meint Britta Klein vom Bundeszentrum für Ernährung in Bonn. Das Marktforschungsinstitut AMI fand heraus, dass sich Bio-Lebensmittel in der Inflation um sieben Prozent verteuert haben, konventionelle Produkte aber sogar um zwölf Prozent. Grund sei unter anderem der teurere Dünger, den konventionelle Landwirte benötigen.

Wer einen Bioladen in der Nähe hat, braucht ebenfalls nicht immer tiefer in die Tasche zu greifen als im regulären Handel: Ein Experiment des Hessischen Rundfunks zeigte nur geringe Preisunterschiede zwischen Bio-Lebensmitteln aus dem Discounter im Vergleich zum regionalen Bioladen.

„Die ökologische Landwirtschaft leistet einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft“, ist sich Britta Klein sicher – und deshalb seien höhere Preise, die gerade bei tierischen und verarbeiteten Produkten anfallen, durchaus gerechtfertigt. „Sie wirkt sich positiv auf unsere Gewässer, Böden und die Artenvielfalt aus. Diese Leistungen sollten auch entsprechend honoriert werden.“ Und obwohl die Supermarktketten auch bei Bio-Produkten die Preise drücken, seien „Bio-Spaghetti aus dem Supermarkt immer noch besser als keine Bio-Spaghetti“.

Lisa-Maria Mehrkens ist selbstständige Journalistin, Autorin und Psychologin (lisamariamehrkens.com).

Gründerinnen Constanze Klotz und Charlotte Erhorn. Foto: Bridge and Tunnel

Nachhaltige Mode: Neue Jeans aus alten Stoffen

Bei „Bridge and Tunnel“ stellen talentierte Frauen aus verschiedenen Ländern aus zerschlissenen Jeans neue Schätze her. Die Entwürfe des Hamburger Labels wurden schon mit dem German Design Award ausgezeichnet.

In einem Gewerbegebiet im Hamburger Süden, hinter Reifenhandel und Autolackiererei, kommt links die Einfahrt. Die Gebäude hier ähneln denen anderer Gewerbekomplexe, aber dieses Areal wirkt nicht anonym und menschenleer. Topfpflanzen und Lastenräder stehen vor den Türen, Menschen werkeln herum, eine Gruppe Schüler hält Raucherpause auf dem Hof. Etliche Vereine und Sozialträger haben sich hier angesiedelt: Kleiderkammer, Sprachkurse, ein alternativer Kaffeehandel. Mittendrin, irgendwo im zweiten Stock: ein 280 Quadratmeter großes Atelier. In Regalen hoch bis zur Decke sind ausrangierte Jeans gestapelt.

ZUKUNFTSPROZESS

Das Modelabel Bridge&Tunnel ist hier seit 2016 zu Hause – anfangs unter dem Dach eines Sozialträgers, mittlerweile als eigenständige GmbH. Von Schmucketuis über Hipbags und Jacken bis hin zu großen Plaids sind mittlerweile viele Produkte im Online-Shop erhältlich. Daneben werden Upcycling- und Reparaturaufträge verschiedener Firmen und Vereine übernommen.

Im Atelier herrscht gelöste Konzentration. Am Fenster arbeiten Näherinnen aufmerksam über ihre Maschinen gebeugt. Am großen Schneidertisch in der Mitte fachsimpeln Mitarbeiterinnen über neue Entwürfe für Weihnachten.

Seine Wurzeln kann das kleine Unternehmen bis zu einem Projekt eines engagierten Bürgerkreises zurückverfolgen, der um das Jahr 2000 einen Zukunftsprozess für den verwahrlosten Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg anstieß. Behörden wurden ins Boot geholt und gemeinsam erarbeitete man Perspektiven: neue Wohnungen, verbesserte Verkehrsanbindung und Bildung. Schließlich nahm man die anstehende Internationale Bauausstellung 2013 zum Anlass, den Stadtteil auf der Elbinsel unter ganz verschiedenen Gesichtspunkten weiterzuentwickeln. Auch Kultur- und Kreativprojekte sollten begleitend im international geprägten Stadtteil entstehen.

Das war der Punkt, an dem Constanze Klotz dazustieß. Ich treffe sie im Atelier. Sie führt mich von der großen offenen Halle über eine Stahltreppe hinauf zur Balustrade mit Blick über das Geschehen. An einem Holztisch nehmen wir Platz und sie erzählt von den Kreativprojekten der IBA, deren Projektleitung sie als Kulturwissenschaftlerin übernahm. „Wir wussten, hier auf der Elbinsel beherrschen viele Leute das Handwerk noch ganz anders, weil es in ihrem Herkunftsland eine andere Rolle spielt“, erzählt Conny. „Deshalb hat die IBA damals gesagt: Ein Ort, wo textile Skills gefördert werden, wäre doch total cool.“

Geplant wurde ein Coworking-Space für Mode- und Textildesign, mit viel Freiraum für Kreativität. Nähmaschinen und Geräte für Siebdruck standen bereit. Allein übernehmen wollte Conny das Projekt auf Dauer aber nicht: „Ich kann ganz vieles, aber nicht nähen, und so haben wir jemanden gesucht, der den operativen Bereich stemmt und Workshops konzipiert.“ Das Jobangebot teilte Conny über Facebook, wo sie seit ein paar Jahren auch schon mit Charlotte Erhorn lose verbunden war. „Zwei Minuten später hat Lotte mir eine E-Mail geschrieben: ‚Conny, du suchst mich!‘“ Lotte war gerade in den Stadtteil gezogen und wünschte sich eine Teilzeitstelle im Kreativbereich. „Wir waren also erst Kolleginnen und sind dann richtig gute Freundinnen geworden. Und ich glaube, es ist total gut, dass wir ohne Gepäck erst mal in die berufliche Beziehung gestartet sind, und dann konnte sich über die gegenseitige berufliche Wertschätzung auch die private etablieren.“

NÄHKURS IN DER MOSCHEE

Nach dem Anschub durch die Bauausstellung ging der Co-Working-Space an einen sozialen Träger über. Kreative mieteten sich ein, Menschen aus der Nachbarschaft kamen zu Workshops. Jemand erzählte von einem Nähkurs in der Moschee, für den jedes Mal alle Maschinen hin- und hergeräumt werden mussten. Conny und Lotte luden die Frauen kurzerhand in ihre Räume ein. Zu sehen, welche großen Nähfertigkeiten sie aus ihren Herkunftsländern mitgebracht hatten, führte zu weiteren Überlegungen. „Bei uns in Deutschland braucht man ja für alles Zertifikate und Diplome“, sagt Conny, „aber man kann großartige Talente und Fähigkeiten nicht nur damit messen.“ Viele der Frauen waren schon seit 15 oder 20 Jahren in Deutschland, hatten aber noch nie eine sozialversicherungspflichtige Stelle gehabt. „Wir haben gesagt: ‚Näh doch mal vor, zeig doch mal, ob du dieses Produkt nähen kannst‘“, erzählt Conny. „‚Wie lange brauchst du dafür? Wie ist die Qualität?‘ Wenn man sich die Zeit nimmt, kann man ziemlich gut erfassen, ob es passt.“

Und bei vielen Frauen passte es. Conny und Lotte trafen die Entscheidung: Sie gründeten ein Label, das Menschen in Arbeit bringt, die sehr gut nähen können, unabhängig davon, ob sie ein Zeugnis haben. Es geht ihnen um die Frauen, aber auch darum, das lokale Handwerk wieder stark zu machen. „Wir versuchen, textiler Arbeit ein Gesicht zu geben, dass die Leute sichtbar werden, die die Produkte nähen“, sagt Conny. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass auf den Waschlabels in den Produkten immer reihum eine Näherin unterschreibt. Und öfter reagieren Kundinnen darauf und mailen zurück: ‚In meinem Blouson steht drin, er wurde von Mandeep genäht. Vielen lieben Dank noch mal an Mandeep!‘ Das stärkt die Wertschätzung für die Menschen, aber auch für die Mode. Gut vorstellbar, dass Kleidungsstücke, deren Geschichte man ein bisschen kennt, länger und sorgsamer getragen werden.

EXPERIMENTE MIT JEANS

Der Labelname Bridge&Tunnel spielt auf die Lage des Stadtteils an: Gelegen auf einer Flussinsel, ist er nur über Brücken und Tunnel zu erreichen. Vielleicht nicht zufällig erinnert er auch an Gürtelschlaufen und Hosenbeine – und ganz sicher daran, dass Frauen hier eine Brücke in den Arbeitsmarkt finden.

Das Signature Piece, das wiedererkennbare Stück in ihrem Online-Shop, ist das Oberteil aus schräg zusammengenähten Jeansteilen, den es als Sweater und Blouson gibt. Schon zu Zeiten vom Coworking-Space hatten sie die LKWs beobachtet, die regelmäßig die Kleiderkammer auf demselben Gewerbehof belieferten – randvoll beladen mit Altkleidern. Darunter viele Jeans. Damit begannen sie zu experimentieren. „Wenn Jeans kaputtgehen, sind die ja maximal am Knie, am Popo kaputt. Aber die komplette Beinvorder- und Rückseite kann man noch supergut benutzen, wenn man sie in Filetstreifen schneidet.“ So nahmen sie die Hosen, die zu zerschlissen waren, um sie noch an Bedürftige weiterzugeben, mit in die Werkstatt und experimentierten. „Wir haben einen Teppich geflochten, ein paar Taschen ausprobiert und haben gemerkt: Das ist ein richtig gutes Material.“

Micht alle ihre Stücke sind aus Jeans, aber alle wurden schon einmal benutzt oder stammen aus Produktionsresten. Und das ganz bewusst.

SCHON EINMAL GELIEBT

„Mode ist ein krasser Klimakiller“, erklärt Conny. „Viele Leute wissen das nicht oder blenden es aus. Aber die Textilindustrie mit allen Stoffen und Vorhängen, Berufsbekleidung und so weiter ist laut Schätzungen für mehr Treibhausgase verantwortlich als Flugindustrie und Kreuzfahrt.“ Berechnungen gehen davon aus, dass weltweit bald 200 Milliarden Kleidungsstücke produziert werden – jedes Jahr. Mitsamt allen Konsequenzen wie Ressourcenverbrauch und CO2-Output. Die Frage ist: Wie lässt sich die Modeindustrie umkrempeln?

Ein zukunftsfähiger Ansatz ist, Materialien zu nutzen, die bereits da sind. „Deshalb verarbeiten wir nur Jeans, die schon mal an zwei Beinen durchs Leben gelaufen sind“, sagt Conny schmunzelnd. Zusätzlich wird der Lagerbestand für den Shop bewusst überschaubar gehalten. Produziert wird, wenn Kundinnen und Kunden bestellen. Verpackt und verschickt wird gleich vor Ort.

Neben dem Shop für Privatkunden setzen Conny und Lotte auf die Zusammenarbeit mit Unternehmen und Vereinen. Auch hier sind immer gebrauchte Stoffe im Spiel. Mal werden alte Banner auf Wunsch zu Weekendern oder ausrangierte Arbeitskleidung zu Hipbags, mal werden Waren repariert, die mit kleinen Fehlern angeliefert wurden. Ein allgemeiner Reparaturservice ist das neuste Standbein.

IMMER KREATIVE LÖSUNGEN

Die Daseinsform von Bridge&Tunnel sei für manche schwer zu greifen, erzählt Conny. „Wir empfinden uns da als Weltenwandlerinnen. Manchen sind wir für eine Zusammenarbeit zu sozial, für manche Fördergelder sind wir zu wirtschaftlich.“ Schwarze Zahlen schreibt Bridge&Tunnel auch nach sieben Jahren noch nicht ganz. „Als kleines Unternehmen zwei Jahre Pandemie abzufedern, war schon crazy genug“, sagt Conny. „Dann startet der schreckliche Krieg in der Ukraine. Inflation und Konjunkturschwäche erschweren natürlich gerade kleinen Firmen mit wenig Rücklagen das Leben.“ Leute gucken stärker, wofür sie Geld ausgeben – und landen oft wieder bei Fashion und Waren, die billig zu haben sind. Verständlich, findet Conny, ihr gehe es nicht anders, aber es gefährde aktuell viele Firmen und Initiativen, die fair und nachhaltig arbeiten – Modelabel genauso wie Unverpacktläden und Biobetriebe. „Und dann gehen die Konzepte nicht auf, obwohl die eigentlich genau das transportieren, was wir uns doch für die Zukunft wünschen.“

Das Gehalt einiger Mitarbeiterinnen wird durch ein Programm des Jobcenters gefördert, was sehr hilft. Und sonst bleiben sie hartnäckig, um immer wieder kreative Lösungen zu finden: „Wir machen viel Fundraising, haben seit sieben Jahren eine tolle Partnerschaft mit einer großen Firma, seit letztem Jahr haben wir einen Investor an Bord.“

ZEIT FÜR NACHHALTIGKEIT

Wenn man mit Conny spricht, kann man sich ihren Spaß am Netzwerken gut vorstellen – und ihr Geschick, auch mit Wirtschaftsleuten über Kooperationen ins Gespräch zu kommen. Eine ansteckende Leidenschaft für die Themen hilft sicher zusätzlich – und Lotte mit ihrer Begabung für Design, Technik und Finanzfragen klingt nach der perfekten Business-Partnerin.

Ihre Mitarbeiterinnen arbeiten bewusst nur 20 Stunden, damit genug Zeit für Familie und anderes bleibt. Für die Gründerinnen gilt das nicht: „Wir arbeiten rund um die Uhr“, lacht Conny, „aber mit voller Begeisterung.“ Drei Tage sind beide im Atelier, zwei Tage im Homeoffice. Beide haben zwei Kinder und ihren Alltag gut organisiert. „Wenn keiner krank ist, läuft das super“, sagt Conny. Ihre erste Tochter kam im zweiten Jahr nach der Gründung zur Welt und stand oft in der Babywippe im Atelier – zur Freude der Mitarbeiterinnen. Und auch heute kommen die Kinder öfter mal mit, wenn Betreuung ausfällt und auch die Väter Termine haben. Ohnehin ist es ihnen wichtig, ihren Kindern die Werte von Nachhaltigkeit und Wertschätzung zu vermitteln. Und nicht nur ihnen. „Wir wollen auch in die Gesellschaft hineinwirken und sagen: Mode ist kein Bubble-Thema. Sie geht uns alle an. Niemand ist nackt.“

Wir alle treffen dauernd Kaufentscheidungen. Und ob wir Gebrauchtes kaufen, auf Siegel achten oder billige Schnäppchen jagen, hat Auswirkungen. Für nachhaltige und oftmals hochpreisige Modelabels hat allerdings nicht jeder das passende Budget. „Und das sind auch nicht diejenigen, an die wir uns wenden. Wir richten uns an diejenigen, die die Möglichkeit hätten, sich die Zeit zu nehmen, um nachhaltiger zu kaufen, es aber – auch aus Gewohnheit an Fast Fashion – nicht tun.“

VIELFALT VON WEGEN

Eine faire Produktion aus gebrauchten Materialien in Deutschland ist zweifellos nachhaltig, aber auch für Conny nicht der einzige Ansatz. Denn ob es sinnvoll wäre, unsere sämtliche Kleidung komplett in Europa fertigen zu lassen, ist fraglich. Zum Beispiel, weil dann Näherinnen in Bangladesch oder Vietnam arbeitslos würden. „Ich glaube, es braucht ganz viele verschiedene Ansätze, die auf unterschiedliche Art nachhaltig sind“, sagt Conny. Secondhand gehört genauso dazu wie faire Fabriken im Globalen Süden oder auch das Recycling von Fasern aus abgetragener, geschreddeter Kleidung.

„Unsere Textilien, die wir upcyceln, sind ja schon hier – die zurück nach Bangladesch zu transportieren, macht keinen Sinn.“ Gleichzeitig müssen konsequente Lieferkettengesetze für menschenwürdige Arbeitsbedingungen im Globalen Süden sorgen. Wenn Arbeiterinnen Windeln tragen müssen, weil in ihren 14-Stunden-Schichten keine Zeit ist, aufs Klo zu gehen, dann liegen die notwendigen Verbesserungen auf der Hand. „Und das klappt vor allem dann, wenn wir uns bewusst werden, wie wir konsumieren“, sagt Conny. „Denn natürlich gibt es eine Wechselwirkung: Wenn wir weiter günstige Kleidung nachfragen, wird immer weiter viel günstige Kleidung produziert.“

Wie man es dreht und wendet – am Ende ist und bleibt aber der entscheidende Schlüssel für den Modekonsum die Menge: Wenn wir meinen, viel Neues zu brauchen, werden viele Ressourcen verbraucht, Müll und Emissionen fallen an – und die Preise müssen niedrig sein. Wenn wir uns auf wenige Teile beschränken, kann das einzelne Kleidungsstück mehr kosten und eine faire Produktion wird möglich.

Sich selbst nehmen die beiden Unternehmerinnen aus dieser Denke nicht heraus. In diesem Jahr haben sie sich beide eine Challenge gestellt: Lotte hat sich eine „Capsule Wardrobe“, eine feste Garderobe aus 30 Kleidungsstücken zusammengestellt – ausschließlich aus Second-Hand-Stücken. Conny hat eine „Outfit Repetition“ gemacht: Vier Wochen lang hat sie jeweils ein Kleidungsstück eine Woche lang getragen und immer anders kombiniert. „Ich kenne jetzt viel mehr Kombinationsmöglichkeiten für meine Kleidungsstücke. Es ist eben alles Übung.“

Übung hilft zweifellos beim nachhaltigen Modekonsum – und Wertschätzung gehört unbedingt dazu: Wertschätzung für Kleidung, Menschen, Talente, Stoffe, Handwerk, letztlich für unsere Schöpfung. Als ich die Stahltreppe wieder heruntersteige, arbeitet gerade eine Mitarbeiterin am Schneidertisch. Auf ihrem T-Shirt steht: „Liebe. Immer.“ Wie passend hier, denke ich.

Anja Schäfer ist Redaktionsleiterin von andersLEBEN. Online-Shop von Bridge and Tunnel: bridgeandtunnel.de

Johnny Cash auf dem Walk of Fame. Symbolbild: Getty Images R Scapinello / iStock Editorial / Getty Images Plus

Johnny Cash: Rebell, Sänger, Christ

Vor 20 Jahren starb Johnny Cash, der mit seinem Bariton, seiner rebellischen Präsenz und seinem tiefgründigen Songwriting Musikgeschichte schrieb. Matthias Huff erinnert an den Künstler, dessen Höhen und Tiefen im Leben immer auch von Gottvertrauen begleitet waren.

Es ist Abend geworden in einer Baumwollpflückerhütte in dem kleinen Flecken Dyess in Arkansas. Johnny Cash presst sein Ohr an das Radio, sein Bruder Jack liest die Bibel. Jack ist der ältere, der gute Bruder, der Prediger werden will. Mit 14 Jahren stirbt er 1944 durch einen Unfall.

Der zwei Jahre jüngere, eher renitente Johnny verliert sein Vorbild. Er wird es immer auch als Nachfolge seines Bruders verstehen, wenn er von Jesus singt. Und seine Stimme als Gabe Gottes betrachten.

Immer Grenzgänger

Johnny Cash flieht wie viele arme Südstaatenjungs aus dem Dorf gen Großstadt. Jobs scheitern, er geht zur Armee, dient drei Jahre als Funker in Deutschland. Nach seiner Rückkehr ist er 1954 zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Von Memphis aus startet die Siegeswelle des Rock‘n‘Roll, der Produzent Sam Philipps sucht den nächsten Elvis. Gutaussehend und mit markanter Stimme wird Johnny Cash der nächste Teeniestar. Dabei spielt er keinen reinen Rock‘n‘Roll. Sein Boom-Chicka-Boom-Sound läuft unter Rockabilly, seine Musik wird ein Grenzgang zwischen Country, Rock und Folk bleiben. Und seine Songs sind kein harmloses Teeniezeug: Der eine große Hit, die Mörderballade „Folsom Prison Blues“ ist eine Exploration des Bösen voller Reue, Verzweiflung, Wut. Und der andere, „I walk the line“ von 1956, ist ein Song über eheliche Treue. Euphorisch überhastet hat er sich vor der Abreise zur Armee verlobt, entgegen aller Prognosen hält er das Versprechen, heiratet Vivian unmittelbar nach seiner Rückkehr und bekommt mit ihr vier Töchter. Da beschwört einer die gerade Bahn, der die schiefe Bahn sehr gut kennt – und als rasant durchstartender Rockstar die Ehe an die Wand fahren wird.

Flirt mit dem Bösewicht-Image

Im Tourleben sind Aufputschmittel nicht ungewöhnlich, aber Johnny Cash wird schnell und heftig abhängig und unkontrollierbar. Sein Markenzeichen auf Tour ist das Hotelzimmerzertrümmern und immer öfter müssen wegen seines Zustands Konzerte kurzfristig abgesagt werden. 1967 der Tiefpunkt: Er wird an der mexikanischen Grenze mit Drogen verhaftet. Das Foto des Stars mit großer Sonnenbrille, in Handschellen abgeführt, geht um die Welt. Wie hartnäckig er auf das dunkle Verbrecherimage reduziert wird, erzählt mehr über die Medien als über Johnny Cash – sein Leben im Gefängnis beschränkt sich auf sieben Nächte, meist in Ausnüchterungszellen.

Ja, er flirtet mit seinem Image des Badass, des knallharten Typen, aber er bleibt Christ. Ausgemergelt, von den Drogen zerrüttet singt Johnny Cash in den Konzerten weiter Gospel und veröffentlicht Gospelalben. In Interviews wirft er sich dafür später selbst Scheinheiligkeit vor. Ende der 60er ist er am Ende, zieht sich in die riesige Nickajack-Höhle am Tennessee River zum Sterben zurück. Ergreifend beschreibt er später immer wieder, wie Gott zwar nicht mit ihm redete, aber ihn mit seiner Präsenz überwältigte. Im Gebet wird ihm klar: Er hat sich weit von Gott entfernt – Gott hat ihn nicht verlassen. Und er wird sterben, wenn Gott es für richtig hält.

Nach einem kalten Entzug wird er clean und gibt 1968 sein berühmtestes Konzert, „Johnny Cash at Folsom Prison“. Für Gefangene zu spielen, vereint perfekt sein dunkles Image und die Nächstenliebe des Christen, lebenslang kämpft er für die Benachteiligten und Ausgestoßenen. Locker kombiniert er Mörderballaden und Gospel. Und streut komische Songs ein. Der „Man in Black“ ist auch einer der wenigen lustigen Rockstars, als Huhn verkleidet veralbert er sich später als „Chicken in Black.“

Er heiratet nach der Scheidung von Vivian die Sängerin June Carter, die er schon 1956 backstage kennenlernte, und bekommt 1970 mit ihr den ersehnten Sohn, John Carter. Er stürzt sich in das christliche Leben, 1977 wird er zum Pfarrer geweiht. Billy Graham wird ein enger Freund, Johnny Cash und June Carter spielen stetig auf seinen Massenevangelisationen, den „Crusades“. In Israel produziert er „Gospel Road“, einen Kinofilm über Jesus. Das Produktionsteam und reisende Hippies werden vor Ort als Darsteller verpflichtet, June Carter spielt die Maria Magdalena, Johnny Cash den Erzähler.

Jesus, der Country Boy

Unabhängig, auf eigene Kosten zeichnet er im Film sein Jesus-Bild: Jesus ist Erlöser und ganz Mensch. Und als Mensch ist er ein „Country Boy“ wie Johnny Cash, fordert beim Letzten Abendmahl alle auf, ordentlich zuzulangen, bevor es ernst wird. Mit „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ beginnt Jesus im Film die Bergpredigt. Das ist für mich der auffälligste Zug in Johnny Cashs Glauben: Er richtet nicht. Radikal konzentriert er sich auf den Balken in seinem Auge. Bibeltreu und evangelikal erliegt er nicht der Versuchung, anderen Hölle, Teufel und Jüngstes Gericht um die Ohren zu schlagen. Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft strikt in ihm. Erwünschter Nebeneffekt: Er verschreckt sein vielfältiges Publikum von Rednecks bis Hippies mit seinem Glauben kaum.

Meinen schwankenden Glauben erdet und belebt Johnny Cash. Sein nichtrichtender Geist ist mitreißend, sein unglaublich tiefes Gottvertrauen entschieden tröstlich für jemanden, dessen Vertrauen in Gott viel brüchiger ist. Und ich finde mich wieder in jemandem, der feststellen muss, dass er es nie schaffen wird, vollkommen gut zu sein – aber immerhin auch nie ganz böse war. Der keine schroffe Umkehr kennt, sondern eine Glaubensreise voller Irrfahrten und Schiffbrüche. Und Johnny Cash hat eine Menge damit zu tun, dass ich endlich den Weg in eine Gemeinde fand. Mit seiner besten Musik feiert er gerade in den 70er-Jahren neben Jesus das christliche Leben in Gemeinschaft – weil aus seiner Sicht niemand allein und theoretisch Christ sein kann. Die Songs voller Freude und Andacht und mit viel lässigem Humor sind seit 2012 in der Compilation „The Soul of Truth“ leicht zugänglich. Besonders viel Spaß hat es Johnny Cash offensichtlich gemacht, in „The Greatest Cowboy of Them All“ neue Bilder für Jesus zu finden. Aus dem Guten Hirten wird Jesus, der größte aller Cowboys, der freilaufende Rinder, die „Mavericks“, in die Herde zurückbringt.

Spektakuläres Comeback

Das Leben in der Herde gelingt Johnny Cash nicht dauerhaft. Ende der 70er verliert Johnny Cash wieder den Kontakt zur Gemeinde, ein schlechtes Vorzeichen. Er wird wieder heftig drogensüchtig, die Familie bewegt ihn zu einem Drogenentzug in einer Klinik, ganz wird er die Sucht bis zum Lebensende nicht besiegen. Er ist in den 80ern hauptsächlich Legende, die Konzerte sind noch gut besucht, aber seine Platten verkaufen sich nicht mehr. Die Plattenfirma Columbia trennt sich von ihm. Auf verlorenem Posten macht er für seine neue Firma „Mercury Records“ sehr entspannte Platten – die sich noch weniger verkaufen.

Es folgt das spektakulärste Comeback der Rockgeschichte. Mit 61 Jahren nimmt ihn der junge trendige Hip-Hop- und Metal-Produzent Rick Rubin unter Vertrag. Für sein unabhängiges Label „American Recordings“ verwandelt Rick Rubin den Country-Patriarchen zurück in die dunkel-gefährliche Gestalt des Anfangs. Johnny Cash wird wieder hip. Im Video zur Mörderballade „Delia‘s Gone“ mit Kate Moss als Leiche ist schwer zu entscheiden, was noch zerfurchter ist, sein Gesicht oder seine Stimme. 2002 wird „Hurt“, der Song der damals angesagten Band Nine Inch Nails über einen jungen Drogensüchtigen, zum Song des alten Cash, seit den 90ern gezeichnet von vielen teils lebensbedrohlichen Krankheiten. Das Christliche ist etwas zurückgetreten, aber mit dem Titelsong des letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Albums setzt Johnny Cash wieder ein starkes Zeichen. Sieben Jahre hat er an „The Man Comes Around“ gearbeitet. Ein beunruhigendes Meisterwerk über das Jüngste Gericht, mit offenem Ausgang fokussiert auf einen Angeklagten: Johnny Cash.

Mit 71 Jahren stirbt er am 12. September 2003, ein halbes Jahr nach seiner Frau. Ganz am Lebensende hat er wohl das ihn prägende Vertrauen in die Gnade Gottes trotz allem wiedergefunden. Alles, was ihn sterbend erfüllte, schreibt sein Sohn, war die Freude, Junes Gesicht wiederzusehen. So endet eine vier Jahrzehnte dauernde große Liebesgeschichte zwischen zwei gleich starken und gleich zerrissenen Künstlern, deren gemeinsame Basis alle Kämpfe überstand: Humor, Musik und Jesus.

Der Südstaatenjunge hat seinen Job erfüllt, er hat von Gott und für Gott gesungen und sein Grabstein zeugt von der Hoffnung, dass es gefiel: „Lass dir wohlgefallen die Rede meines Mundes und das Gespräch meines Herzens vor dir, Herr, mein Fels und mein Erlöser“ (Psalm 19,15).

Matthias Huff ist Journalist und Autor.

 

Buchempfehlung zum Thema: Matthias Huff: „Johnny Cash – Meine Arme sind zu kurz, um mit Gott zu boxen“ (adeo). In dieser Biografie über Johnny Cash erzählt der langjährige Fan und Kenner Matthias Huff die von Drogen und Gottvertrauen durchzogene Lebensgeschichte der rebellischen Musikikone.

Der Solarpionier Josef Jenni. Bild: Jenni Energietechnik AG / jenni.ch

Pionier der Energiewende: „Wir haben genug Wissen und Technik“

Der Schweizer Unternehmer Josef Jenni entwickelt bereits seit den 1970er-Jahren alternative Energietechnik. 1990 baute er das erste Haus, das ganzjährig mit Sonnenenergie versorgt wird. Der Pionier macht es vor, wie die Energiewende funktionieren kann.

„Ich gehe selten arbeiten“, sagt Josef Jenni. Dabei ist er 50 Stunden in der Woche mit alternativer Energietechnik beschäftigt. „Für mich ist es generell so, dass ich mit und in der Firma lebe“, erzählt er. Meist klingelt sein Wecker morgens um halb sechs, um kurz vor sieben ist er schon im Büro. Dafür geht er nur ein paar Meter von seiner privaten Wohnung hinüber zum Firmengebäude seiner Jenni Energietechnik AG, die auf dem gleichen Gelände im Schweizer Oberburg liegt. Jenni könnte reisen, Touren mit seinem E-Fahrrad unternehmen und es sich gut gehen lassen, denn der bald 70-Jährige ist offiziell seit fünf Jahren im Ruhestand. „Damit hat meine Arbeit eine gewisse Freiwilligkeit. Ich bin auch nicht mehr besonders teuer für die Firma. Ich bin der Meinung, dass mich das jung hält. Mir ist nie langweilig“, sagt er beinahe spitzbübisch lächelnd. Er geht gern in die Produktionshalle seines Unternehmens und begleitet neue Mitarbeiter. „Dafür haben unsere Monteure aktuell keine Zeit“, sagt er. Denn seit der Energiekrise sind seine rund 75 Mitarbeitenden überbeschäftigt. Auf einmal fragen die Leute von überall her nach Solaranlagen mit Wärmespeichern und alternativen Energietechniken, für die die Firma Jenni bekannt ist.

Autofreie Sonntage

Josef Jenni engagiert sich bereits seit fünfzig Jahren dafür. Er gilt als der Solarpionier. Schon während seines Studiums zum Elektroingenieur wurde er zum Kritiker fossiler Energien und zum Klimaschützer. Als er in den 1970er-Jahren die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome las, die in verschiedenen Szenarien die Zukunft der Weltwirtschaft mit den begrenzten Rohstoffvorräten darstellt, war das für ihn der Auslöser zu handeln. „Ich habe mit drei Studienkollegen eine nationale Volksinitiative in der Schweiz angeschoben für die Einführung von zwölf autofreien Sonntagen. Das hat sehr viel Arbeit gemacht. Aber dabei habe ich gelernt zu arbeiten und auch, wie man verhandelt und Dinge organisiert.“

Es war klar, dass nur eine nachhaltige, sinnstiftende Arbeit für ihn infrage kommt. Deshalb gründete er 1976 nach seinem Studienabschluss, ganz ohne Kapital, seine eigene Firma und stellte im Keller seiner Eltern Steuerungen für Solaranlagen her und verschrieb sich den erneuerbaren Energien. „Die ersten zehn Jahre in der Firma habe ich praktisch nichts verdient. Am Anfang haben meine Eltern für meinen Unterhalt gesorgt, später meine Frau Karin. Sie hat die Wohnung bezahlt und den Lebensunterhalt bestritten. Als sie dann mit in die Firma Jenni einstieg, sagte Karin zu mir: ‚Es gibt zwei Bedingungen. Erstens heiraten wir und zweitens kriege ich einen einigermaßen guten Lohn.‘ “

Jenni machte auf seine Pionierarbeit mit einer innovativen Aktion aufmerksam, welche die Kraft der Sonnenenergie zeigen sollte: 1985 organisierte er die erste „Tour de Sol“ vom Bodensee bis zum Genfer See, gemeinsam mit der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie. Dies war das erste Rennen für Fahrzeuge, die mit Solarantrieb anstatt mit einem Verbrennungsmotor fuhren.

Erstes autarkes Wohnhaus

Dennoch musste Jenni weiter um Aufträge für seine Firma kämpfen. Europaweit bekannt machten ihn seine Entwicklungen zur Solarthermie. Er speicherte das mit Sonnenkollektoren auf dem Dach erhitzte Wasser in großen Tanks. Dass diese Nutzung von Sonnenenergie ausreicht, um ein ganzes Haus ganzjährig zu versorgen, wollte ihm kaum jemand glauben. Aber ausgelacht zu werden, das war er inzwischen gewohnt.

Jenni trat den Beweis an: Zusammen mit seinem Bruder Erwin Jenni errichtete er in Oberburg das erste Wohnhaus Europas, das ganzjährig zu 100 Prozent autark mit Sonnenenergie versorgt wird, also ohne herkömmliche Heizung auskommt. Für mehr Bekanntheit bauten die Brüder noch einen Außenpool, der mit der überschüssigen Sonnenenergie beheizt wurde. Bei Minusgraden im Winter badeten die Brüder und Mitarbeiter der Firma darin. „Dieses Bild ging um die Welt“, erzählt Jenni. Das war 1990.

Damals wohnten seine Frau Karin und er noch in der Wohnung über der Produktionshalle der Firma. Ihre Töchter Esther und Tabea waren schon auf der Welt. Danach folgte ihr Sohn Josef. Die Kinder sind inzwischen erwachsen, zwei arbeiten in der Firma mit. Aber die Energiewende ist nach einem halben Jahrhundert noch immer nicht geschehen. Trotzdem wird Jenni nicht müde, dafür zu arbeiten. „Die Beharrlichkeit sei meine beste und meine schlechteste Eigenschaft, meint meine Frau“, erzählt er schmunzelnd.

Nächstenliebe im Betrieb

Er sieht auch Fortschritte: „Also rein marktmäßig passiert ja gerade einiges für die erneuerbaren Energien. Zudem hat es sicherlich positive Effekte, wieviel Strom beispielsweise in Deutschland heutzutage durch Wind erzeugt werden kann. Photovoltaik ist eher sommerlastig, im Winter leider etwas erbärmlich. Mir ist es wichtig, diese physikalischen Gegebenheiten richtig zu erfassen. Es hilft nichts, wenn wir uns Illusionen darüber machen, was erneuerbare Energien können oder nicht können“, meint Jenni.

Die Schöpfung zu bewahren, ist für ihn als Christ ein wichtiger Antrieb in seiner Arbeit. Wertmaßstäbe auf Basis der Nächstenliebe versucht er so gut wie möglich in seinem Betrieb umzusetzen. „Nur gute Arbeit, welche den Menschen dient und Rücksicht nimmt, gibt Zufriedenheit“, steht auf seiner Internetseite. Er hat viele langjährige Mitarbeitende. Manche von ihnen traten bei Jenni Energietechnik ihre erste Stelle an und gehen nun in Pension. Jetzt rücken junge Leute nach.

Seit Beginn wächst seine Firma durch engagierte Mitstreitende und Jennis Einfallsreichtum. Heute produziert sie große Solarspeicher und montiert Sonnenkollektoren, Solarzellen, Gesamt-Wärmesysteme, Wärmerückgewinnungsanlagen, Holzheizungen und vieles mehr. Auch für die Finanzierung seiner Projekte hat er unkonventionelle Ideen genutzt: Als er 1983 in Oberburg die erste Werkstatt baute, konnte er sich das nur leisten, weil er die Jenni Liegenschaften AG gründete und jeden dritten Kunden überzeugte, sich am Aktienkapital zu beteiligen. Danach finanzierten die Liegenschaften den Bau des zweiten und dritten Produktionsgebäudes und der nächsten Innovation: 2007 errichtete Firma Jenni das erste ganzjährig solar-beheizte Mehrfamilienhaus Europas. Dafür wurde ihr Erfinder mit dem Energy Global Award ausgezeichnet. 2008 erhielt Jenni für sein Lebenswerk zugunsten der Solarenergie noch den Preis „Watt d‘Or“ vom Bundesamt für Energie.

In einer seiner sonnenversorgten Wohnungen lebt Josef Jenni inzwischen mit seiner Frau. „Für mich wäre es am idealsten, wenn ich dort leben würde, bis ich in einer Kiste die Wohnung verlasse“, sagt er. Wie es aussieht, wird das noch dauern. Jenni fühlt sich gut, ist viel mit dem E-Fahrrad im hügeligen Emmental unterwegs, im Urlaub radelte er sogar von der Schweiz bis zum Nordcap.

Optimum Energiemix

Ansonsten tüftelt er weiter. Er zeichnet, konzipiert und arbeitet gerne mit den Händen. Vieles davon lernte er vor seinem Studium in der Ausbildung zum Industrieelektroniker. Die Maschinen in seinen Werkhallen sind Eigenbau, die meisten entwickelte er selbst. Jenni rechnet auch gerne. Nach seinen Berechnungen ist eine Kombination verschiedener erneuerbarer Energiequellen das Optimum. Dafür plädiert er seit Jahrzehnten. Die wichtigsten Säulen der Energiewende sind für ihn der Solarstrom und die solare Wärme. Denn die Energiewende sei nicht zu schaffen, wenn sie in den Köpfen vieler bloß eine „Stromwende“ bedeute. Die Nutzung der thermischen Sonnenenergie sei gesamtheitlich betrachtet die umweltschonendste aller erneuerbaren Energien. Dann gebe es noch die dritte Säule mit anderen erneuerbaren Quellen wie zum Beispiel Energiespartechnik, Energiespeicherung und Einsatz von Biomasse.

Seine Tatkraft für Klimaschutz und erneuerbare Energien brachte er auch politisch ein: Bis 2012 war er sechs Jahre lang Großrat für die Evangelische Volkspartei im Kanton Bern, also Abgeordneter im dortigen Landtag. Das war ein Spagat. „Josef, was machst du hier eigentlich?“, dachte er an manchem Abend, wenn er nach einem Parlamentstag „nudelfertig“ zu
Hause ankam.

Immer noch gibt es viel zu tun. Deshalb ist für Jenni jeder gute Mitbewerber ein Kämpfer für das gleiche Ziel. „Wir brauchen europaweit noch viel mehr Leute, die an erneuerbaren Energien konkret arbeiten. Wir haben genug Wissen und Technik, die wir eigentlich anwenden könnten.“

Eine weitere Botschaft des Solarpioniers wird nicht gerne gehört: „Wir müssen bescheidener werden und den eigenen Energiebedarf reduzieren. Brauchen wir das alles wirklich?“ Er selbst leistet sich keinen Luxus, der bei einem erfolgreichen Unternehmer vielleicht üblich wäre: Er besitzt kein Ferienhaus und auch kein großes Auto. Er fährt einen VW Polo mit Kleinstausstattung. Vom Boom der heutigen Elektroautos hält er nicht viel. Schwer und hochmotorisiert verbrauchten sie zu viel Energie. „Brauchen wir derart große und schnelle Autos? Ich kann für mich sagen: Es kann sehr entspannend sein, wenn man nicht alles haben muss. Auch das ist Freiheit.“

Anne Albers ist freie Autorin und Journalistin in Hamburg

Im digitalen Jenseits. Symbolbild: Getty Images / pixelfit / Getty Images / E+

„Ich will mehr Zeit für anderes.“ – Wie wir zu einer digitalen Balance finden

Die Sozialen Medien sind überall und lenken unseren Blick oft weg von der Realität um uns herum. Warum das ein echtes gesellschaftliches Problem ist und wie wir damit umgehen können, erklärt die Autorin und Psychologin Anna Miller.

In ihrem Buch „Verbunden“ (Ullstein Taschenbuch) zeigt Anna Miller, welchen Preis wir für unsere digitale Abhängigkeit bezahlen und gibt Anregungen, wie wir im digitalen Zeitalter wieder mehr Raum für Nähe, Natur und echte Verbundenheit finden. Denn weniger Zeit am Handy ist für sie essenziell, um den Reichtum des realen Lebens zu entdecken.

Suchtmittel Dopamin

Was war für Sie der Auslöser, Ihr Verhältnis zu Social Media kritisch zu hinterfragen?
Ich habe bei mir selbst und auch bei meinen Freunden festgestellt, dass das Digitale so einen unglaublich großen Sog auf uns ausübt, dass es uns richtig wegbeamt. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich in vielen Momenten des realen Lebens nicht mehr wirklich präsent war.

Woher kommt unser Drang, ständig die Nachrichten auf dem Smartphone zu checken?
Diese ganzen Plattformen funktionieren ja so, dass über ein Like Dopamin in unserem Gehirn freigesetzt wird – und zwar in einer viel stärkeren Intensität, als es das reale Leben bereithält. Da erleben wir das in sehr intensiven Momenten natürlich auch – wenn wir z. B. Sex haben oder Achterbahn fahren. Aber mit dem Smartphone haben wir uns – wie es die Suchtmedizinerin Anna Lemke in ihrem Buch „Die Dopamin-Nation“ sagt – eine moderne Injektionsnadel ins Haus geholt, die uns 24/7 zur Verfügung steht. Wenn wir uns dadurch immer den Kick holen können, auch wenn der ganz kurz ist, führt es dazu, dass wir immer höhere Mengen davon brauchen.

Was ist das Gefährliche daran?
Situationen, die weniger Dopamin ausschütten – wie z. B. spazieren gehen, lesen oder mit Oma ein Gesellschaftsspiel zu spielen – werden dagegen farbloser. Es ist ein neurobiologischer Fakt, dass wir das Interesse leichter verlieren, weil viele Dinge, die uns im echten Leben befriedigen würden, mit mehr Aufwand und Widerstand verbunden sind, wenn beispielsweise mal etwas schiefläuft. Das Digitale trainiert uns seit vielen Jahren systematisch die Widerstandsfähigkeit ab, weil es sehr bequem ist. Wenn wir Liebesbeziehungen pflegen, ein Studium absolvieren oder ein Instrument lernen wollen, sind wir diesen Widerstand, den solche Situationen erzeugen können und den wir überwinden müssen, nicht mehr gewohnt.

Wir brauchen Verbundenheit

Was war Ihre Motivation, sich wieder mehr dem realen Leben zuzuwenden?
Ich habe erkannt, dass mein digitales Suchtverhalten auch viel damit zu tun hat, dass ich in meinem echten Leben nicht genug Verbundenheit spüre. Und den Alltag nicht bunt genug gestalte. Das ist wie eine Spirale: Wir verbringen den Tag in einem Job, den wir anstrengend finden und haben abends dann nicht mehr viel Energie. Daraufhin sind wir noch mehr online – und haben dann noch weniger Energie.

… und können das Smartphone erst recht nicht mehr weglegen.
Ja, auch weil wir alle immer noch dem Irrglauben erliegen, dass wir das Internet zu Ende scrollen können. Wir haben immer noch das Gefühl: Wenn ich das noch lese und diese E-Mail noch beantworte, dann habe ich Feierabend. Dann ist endlich Ende. Das funktioniert so mit der Wäsche, mit dem Essensteller und mit dem Buch, das irgendwann zu Ende gelesen ist – aber das Internet funktioniert leider nicht so. Und ich glaube, das verstehen wir immer noch nicht. Wir haben das Bedürfnis, alles aufzuräumen. Und dann ist es plötzlich wieder 21 Uhr abends, es ist draußen dunkel und wir ärgern uns darüber, dass wir wieder nichts Konstruktives hinbekommen haben. Ich habe mich dann gefragt: Was will ich eigentlich für ein Leben führen? Und was hält mich davon ab?

Flucht vor der Realität

Und – was hält uns davon ab?
Eine Antwort ist sicherlich, dass die Leute im Silicon Valley die Apps so programmieren, dass wir möglichst viel Zeit am Handy verbringen. Aber es gibt auch einen persönlichen Anteil, denn ich kann mit Online-Zeit auch Emotionen wegdrücken, die unangenehm sind. Oder ich kann Dinge aufschieben, von denen ich das Gefühl habe, dass ich sie nicht packen würde. Oder ich kann mich davon ablenken, dass ich im realen Leben zu wenig Anerkennung von meiner Familie oder meinen Freunden bekomme.

Wie lässt sich eine gute digitale Balance finden?
Es hilft, konkrete Strategien für digitale Achtsamkeit zu entwickeln und sich selbst Grenzen zu setzen. Festlegen, wann und wo ich das Handy weglege. Hilfreicher, als zu sagen: „Ich brauche weniger digitale Nutzungszeit“, ist der Satz: „Ich möchte mehr Zeit für anderes.“ Und dann muss man sich fragen: Ja, wofür denn eigentlich? Was ist mir wichtig und wie kann ich mehr von diesen Dingen in mein Leben ziehen? Denn nach einem erfüllenden Geburtstagsfest mit Freunden oder einer wunderbaren Wanderung mit einer Gruppe, bei der man acht Stunden unterwegs war und über sich hinausgewachsen ist, ist das Bedürfnis ja automatisch viel geringer, jetzt noch fünf Stunden online zu sein.

Die große Herausforderung ist also, die Verbundenheit, die wir vermeintlich schnell über Social Media bekommen, wieder im realen Leben aufzubauen?
Ja, absolut. Wir haben ein Grundbedürfnis nach Nähe und echtem Kontakt. Und je gesünder dieses Fundament ist, desto mehr Energie haben wir, uns nicht nur den digitalen, sondern auch anderen Herausforderungen zu stellen. Je stärker ich verbunden bin mit Menschen im realen Leben, die meine Werte teilen, desto eher habe ich dann auch ein Gespür für Dinge, die schieflaufen.

Wo und wie fängt man nun am besten an?
Ich glaube, der Morgen macht einen riesigen Unterschied – wie man den Ton für den Tag setzt, so geht es auch weiter. Wenn man schon morgens im Bett eine halbe Stunde lang scrollt, was alle anderen machen, sind schon so viele Fremdeinwirkungen im Gehirn angekommen, dass es danach schwierig wird, sich wieder zu fokussieren. Deshalb ist mein Tipp: Am besten die erste halbe Stunde des Tages mit Gitarre üben oder etwas anderem Konstruktivem verbringen und es nicht auf 21 Uhr abends verschieben.

Innehalten: Wie will ich leben?

Das ist interessant, denn dieselbe Empfehlung spricht auch die christliche Tradition aus: den Tag zu starten, indem man erst einmal für sich und vor Gott zur Ruhe kommt – eine Kerze anzündet, betet, sich sammelt.
Es geht einfach immer wieder um die Besinnung. Um weniger. Dafür braucht man auch ein gewisses Selbstvertrauen. Ich glaube, viele Menschen spüren instinktiv sehr vieles sehr richtig. Sie haben aber das Gefühl: Irgendetwas stimmt wahrscheinlich mit mir nicht. Ich bin zu sensibel, ich bin zu fragil, ich bin zu spirituell – irgendwie müssen wir doch alle mit dem Digitalen klarkommen. Wir haben noch das Narrativ in unseren Köpfen, dass Digitalisierung automatisch Fortschritt bedeutet und wenn man sich dazu kritisch äußert, dann hat man es nicht verstanden. Aber darum geht es ja überhaupt nicht!

Worum geht es dann?
Wir sind überhaupt nicht mehr an dem Punkt, wo wir für oder gegen die Digitalisierung sind. Die Zukunft wird immer digitaler und das können wir gar nicht mehr wegdiskutieren. Umso wichtiger ist deshalb die Frage: Was heißt denn Menschsein im digitalen Zeitalter? Und was brauchen wir, um ein würdevolles Leben führen zu können – in Gemeinschaft und mit einer Präsenz, so, dass man sagen kann: Ich bin digital ganz da und ich bin real ganz da. Das ganze Thema betrifft nicht nur Teenager oder CEOs, sondern uns alle. Denn Digitalisierung verändert jetzt schon alles. Wie wir denken, wie wir fühlen, wie wir Räume gestalten, wie wir arbeiten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir eine gesellschaftliche Debatte darüber führen, wie wir leben wollen in digitalen Zeiten. Wir haben schließlich eine Verantwortung für unsere Gesellschaft und
unsere Umwelt.

Interview: Melanie Carstens

Anna Miller ist Journalistin und Autorin und hat einen Master-Abschluss in Psychologie. Regelmäßig schreibt sie über Gesellschaftsthemen, spricht auf Podien und im Fernsehen und berät Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen zu digitaler Achtsamkeit. anna-miller.ch

Alternativen zur Kuhmilch. Symbolbild: Getty Images / Natalia Lebedeva / iStock / Getty Images Plus

Hafer, Mandel, Soja – Wie sinnvoll sind Milchalternativen?

Wer Kuhmilch nicht verträgt oder aus anderen Gründen darauf verzichtet, kann mittlerweile auf eine Fülle von Ersatzprodukten zurückgreifen. Doch wie gut sind die Milchalternativen wirklich? Sind sie verträglicher und besser für die Umwelt?

Aus den Szene-Cafés sind pflanzliche Milchdrinks längst nicht mehr wegzudenken. Wer einen Hafermilch-Cappuccino oder einen Chai mit Sojamilch bestellt, erntet hier kaum mehr fragende Blicke. Und für den Umstieg von Kuhmilch zur Alternative gibt es gute Gründe.

Umwelt

Hafermilch & Co. haben geringere ökologische Auswirkungen auf unseren Planeten als Milch von Kühen. Für ihre Produktion wird weniger Wasser und Land verbraucht, denn nicht nur die Kühe selbst haben Durst, vor allem für den Anbau ihres Kraftfutters sind viel Wasser und Fläche nötig. Besonders Hafer und Soja schneiden im Vergleich gut ab, aber selbst Mandeln und Reis, die warme Klimabedingungen brauchen, haben eine bessere Bilanz. Hafermilch aus in Deutschland angebautem Getreide punktet zudem mit kurzen Transportwegen.

„Für Soja wird doch Regenwald abgeholzt!“, wenden Kritiker gern ein. Tatsächlich verwenden die Hersteller von Sojadrinks aber meist Rohstoffe aus Europa, etwa Soja aus Italien oder Rumänien. Wer unsicher ist, wirft einen Blick auf die Packung – die verrät es in der Regel.

Ernährung

Nicht nur jene, die allergisch auf die Lactose in der Kuhmilch reagieren, sind aus gesundheitlicher Sicht mit den pflanzlichen Alternativen gut beraten. Auch wer auf eine ausgewogene Ernährung achtet, kann zugreifen: Meist enthalten die Drinks weniger gesättigte Fette und Cholesterin und haben eine höhere Nährstoffdichte. Sojamilch beispielsweise enthält in der Regel mehr Protein und Kalzium als Kuhmilch. Hafermilch ist sehr ballaststoffreich und damit verdauungsfördernd. Auch hier hilft es, die Packungsangaben zu überprüfen, da die Nährstoffzusammensetzung je nach Hersteller und Produkt variieren.

Gluten enthalten Hafer- und Sojamilch übrigens nicht. Wenn auf dem Feld allerdings vorher glutenhaltige Getreidesorten standen oder dieselben Maschinen dafür benutzt werden, kann es passieren, dass Allergiker das spüren. Sie sollten auf den Hinweis
„glutenfrei“ achten.

Verwendung

In Kaffee und Tee sind die Milchalternativen Geschmacksache, Hafermilch gilt als besonders mild. Wer gern Schaum mag, ist mit Sojamilch besser beraten oder sollte bei Hafermilch zu Barista-Produkten greifen, die Sonnenblumenöl oder andere Zusätze enthalten oder länger fermentiert sind und dadurch besser schäumen.

Auch für Müsli und zum Kochen und Backen eignen sich die Drinks. Da bei der Herstellung von Hafermilch Stärke in Zucker umgewandelt wird, ist der Geschmack etwas süßlich, deshalb kommen Rezepte zum Teil mit weniger Honig oder Zucker aus. Bei manchen Hafermilchsorten kann es wegen bestimmter enthaltener Enzyme vorkommen, dass Pudding beim Backen nicht fest wird. Da hilft:
ausprobieren.

Anja Schäfer

Frisches Obst im Supermarkt kann man ganzjährig kaufen. Symbolbild: Getty Images / bernardbodo / iStock / Getty Images Plus

Wie nachhaltig sind Südfrüchte?

Der Gang durch die Obstabteilung gleicht oft einer Weltreise: Bananen aus Costa Rica, Avocados aus Peru, Orangen aus Marokko, jederzeit verfügbar. Lässt sich das mit einem klimabewussten Einkauf vereinbaren?

Äpfel lassen sich schon sprichwörtlich nicht mit Birnen vergleichen – und bei exotischem Obst sieht die Sache nicht anders aus. Denn die Welt ist so komplex wie das Obstregal bunt ist. Wie umweltverträglich Lebensmittel sind, hängt an vielen Faktoren: Anbau, Wasserbedarf, Flächenverbrauch, Transport. Äpfel etwa können frisch vom eigenen Baum stammen, monatelang im Kühllager gelegen haben oder aus Chile angeschifft worden sein.

Bei Südfrüchten macht uns oft der Weg, den sie zurücklegen, ein schlechtes Gewissen. Jedoch schreibt der britische Nachhaltigkeitsforscher Mike Berners-Lee in seinem aktuellen Buch „Planet B“: „Der Transport sorgt meist nur für einen geringen Teil des generellen CO2-Fußbdrucks von Lebensmitteln.“ In Großbritannien sei der Transport nur für sechs Prozent des CO2-Fußabdrucks aller Supermarktwaren verantwortlich. Viel mehr Treibhausgase würden in der Landwirtschaft freigesetzt. „Der Transport von Lebensmitteln wird nur dann ein großes Problem, wenn die Waren mit dem Flugzeug kommen.“ Im Flieger fallen für eine Ananas beispielsweise pro Kilogramm Frucht 15,1 kg CO2-Äquivalente an, im Schiff hingegen nur 0,6 kg. Eine Flug-Ananas verursacht also 25-mal mehr Klimagase als Schiffsware.

Vergleichen ist nötig

Keine Frage: Frisch vom eigenen Strauch gepflückt hat Obst eine noch viel bessere Bilanz. Aber diesen Luxus hat nicht jeder und schon gar nicht das ganze Jahr über. Wer sich gesund ernähren will, für den führt kaum ein Weg am Obstregal oder Marktstand vorbei. Ein genauer Blick auf Herkunft und Anbau kann aber nicht schaden. Denn was hierzulande im beheizten Treibhaus wächst, kommt zwar aus der Region, muss aber für den Planeten nicht immer besser sein als die Exoten: „Lokale Tomaten, die in einem energieintensiven Gewächshaus im Winter angebaut werden, sind oft weniger nachhaltig als per Schiff angereiste Alternativen aus sonnigeren Regionen“, schreibt Berners-Lee.

Das alles bedeutet: genau hingucken und vergleichen. Das zeigt sich auch, wenn man die Zahlen ganz anderer Lebensmittel danebenlegt. Vor allem im Vergleich zu Fleisch und anderen tierischen Produkten schneiden Südfrüchte in ihrer Klimabilanz insgesamt immer noch sehr gut ab. Darauf verweist auch das Inkota-Netzwerk, das sich in Kampagnen und Bildungsarbeit für eine gerechtere Welt engagiert: „Während pro Kilogramm Äpfel aus der Region 0,3 beziehungsweise 0,4 kg CO2-Äquivalente entstehen (je nachdem, ob sie saisonal im Herbst oder im April konsumiert werden), ist der Fußabdruck von per Schiff importierten Bananen, Avocados oder Ananas mit je 0,6 Kilogramm CO2-Äquivalenten nur wenig größer.“ Zum Vergleich: Rindfleisch ist pro Kilogramm für 13,6 kg verantwortlich und liegt damit meilenweit über den verschifften Südfrüchten.

Das heißt: Weil Früchte wie Bananen und Orangen in den Anbauländern unter natürlichem Sonnenlicht statt in beheizten Gewächshäusern gedeihen und weil sie problemlos verschifft werden können, ist ihre Klimabilanz insgesamt nicht viel schlechter als die von heimischem Obst.

Pestizide und Wassermangel

Häufig werden Südfrüchte in Monokulturen angebaut, worunter nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch die Widerstandskraft der Landschaft und das Grundwasser leiden: Denn Schädlinge können sich bestens vermehren, werden mit Pestiziden bekämpft, die ins Grundwasser getragen werden. Bei einer Probe von Öko-Test 2018 bekamen nur fair gehandelte Bio-Bananen die Bestnote „Sehr gut“. Andere Sorten waren nachweisbar mit Pestiziden belastet. Zitrusfrüchte wie Orangen und Grapefruits hat das Lebensmittel- und Veterinärinstitut Oldenburg auf Pestizidbelastung getestet. Von den Sorten aus Bio-Anbau waren 16 von 17 rückstandsfrei, 80 Prozent der konventionellen Früchte hingegen belastet. Das ist eine schlechte Nachricht für die Menschen in den Anbauländern – und für uns, wenn wir die Früchte essen.

Auch der Wasserverbrauch spielt für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Lebensmitteln eine große Rolle. Der Anbau etwa von Avocados mit künstlicher Bewässerung verstärkt den Wassermangel in Anbauländern, die ohnehin mit Wasserknappheit und Dürre zu kämpfen haben. Die künstliche Bewässerung können sich oft nur reiche Großplantagenbesitzer leisten, wodurch kleine Familienbetriebe zunehmend um ihre Existenz bangen. In Chile etwa ist Wasser Privatbesitz. Die Wasserrechte liegen in den Händen großer Avocado-Barone, während die Bevölkerung unter der extremen Trockenheit leidet und mancherorts mittlerweile auf Trinkwasser aus Tankwagen angewiesen ist.

Laut Waterfootprint.org haben Äpfel einen Wasserverbrauch von 125 Litern, bei Orangen sind es 560 Liter, bei Bananen 790 Liter, bei Mangos 1.800 Liter. Zum Vergleich der Blick auf andere Lebensmittel: Für Käse werden 3.000 Liter verbraucht, für Rindfleisch 15.000 Liter. Südfrüchte schneiden also etwas unterschiedlich ab. Milchprodukte und Fleisch liegen aber meist um das Mehrfache darüber.

Druck auf Bauern

Aufgrund ihrer Beliebtheit sind Bananen und Orangen wichtige Einkommensquelle für zahlreiche Kleinbauernfamilien in den Anbauländern. Diese werden jedoch mehr und mehr von Großplantagen verdrängt, für die außerdem riesige Flächen Land teilweise illegal abgeholzt werden. Die Bauern leiden unter dem Niedrigpreisdruck von Exporteuren, Importeuren und Supermärkten, da das Monopol in den Händen weniger großer Firmen liegt. Die Orangensaftfabriken etwa werden zu 75 Prozent von drei Großkonzernen kontrolliert. Diese drücken den Orangenpreis teilweise unter die Produktionskosten. Kleinbauernfamilien können diesem Druck nicht standhalten und verarmen. Durch den Klimawandel bedingte Naturkatastrophen wie Überschwemmungen bringen zusätzlich Ernteverlust und Qualitätseinbußen mit sich.

Gerade bei Südfrüchten und Orangensaft ist es daher sinnvoll, auf fair gehandelte Produkte zu achten. Für sie erhalten Kleinbetriebe nicht nur eine angemessene Bezahlung, auch die Arbeitsbedingungen sind besser und Kinderarbeit wird ausgeschlossen. Oftmals sind sie biologisch angebaut. Vor allem Bananen und Orangensaft werden vielfach auch aus fairem Handel angeboten.

Lisa-Maria Mehrkens ist freie Journalistin und Psychologin und lebt mit ihrer Familie in Chemnitz.

 

Crowdfarming direkt vom Baum

Orangen, Mangos, Grapefruits und Co. lassen sich auch direkt beim Bauernhof bestellen. Das sogenannte Crowdfarming unterstützt kleine Familienbetriebe in Ländern wie Spanien und Italien, manchmal auch in Deutschland. Das ist meist teurer als im Supermarkt, dafür sind viele Früchte biologisch angebaut und der unmittelbare Bezug zur Herkunft der Lebensmittel ist inklusive. Wer noch einen Schritt weitergehen möchte, kann hier auch einen Baum adoptieren und neben den Kosten für die Lieferung auch die Kosten für die Pflege vorab übernehmen. Dafür wird die gesamte Baumernte der Saison geliefert (crowdfarming.com).

 

7 Faustregeln

1. Unschlagbar: Unbehandeltes Obst aus dem eigenen Garten oder von wilden Hecken
2. Wenn es im Sommer und Herbst heimisches Obst gibt, auf Südfrüchte verzichten
3. Flugobst generell meiden
4. Südfrüchte aus dem nahen Ausland gegenüber denen aus Regenwaldgebieten bevorzugen
5. Es ist wirkungsvoller, Fleisch und Milchprodukte zu reduzieren als Südfrüchte
6. Wegen der Anbaubedingungen ist es bei Südfrüchten besonders sinnvoll, auf Fairtrade zu achten
7. Bio-Siegel sollten für Verzicht auf schädliche Dünger, Pestizide und Maßnahmen zum Artenschutz stehen, auch wenn das in anderen Ländern manchmal nicht so streng kontrolliert wird wie bei uns

Shopping-Pause. Symbolbild: Getty Images / kwangmoozaa / iStock / Getty Images Plus

Shopping-Pause: Ein Selbsttest im Konsumverzicht

Nur das nötige für den täglichen Bedarf einkaufen. Klingt logisch und normal. Wie oft kaufen wir mehr als das? Was passiert, wenn man auf Unnötiges verzichtet? Ein Selbstversuch.

Keine Bücher?! Keine Kleider?! Keinen Blumenstrauß?!, denke ich, als ich auf die Seite Shoppingpause.com stoße. Schon eine Weile beeinflussen die Gedanken des Minimalismus mein Kaufverhalten – „eine radikale Shopping-Pause ist aber zweifellos eine andere Liga“, denke ich. Mein Herz kommt ins Stottern, meine Gedanken rotieren: „Mir würde das Experiment bestimmt schwerer fallen als meinem Mann“, geht es mir durch den Kopf. Ich kaufe öfter spontan eine Kleinigkeit. Dennoch erzähle ich meinem Liebsten davon – und er ist begeistert von dieser Idee.

Kaltstart

Mutig und auch ein bisschen Hals über Kopf beschließen wir an diesem Abend im Juni 2021, von Anfang Juli bis Ende des Jahres eine Shopping-Pause einzulegen. Das sind 26 Wochen. Vielleicht lange Wochen, wer weiß das schon, wenn man ein solches Experiment startet!? Wir machen an diesem Abend eine Vollbremsung: Alle Tricksereien fallen weg. Wir haben keine Möglichkeit, noch kurz etwas einzukaufen, damit der Verzicht etwas abgefedert wird. Wir gehen die Regeln auf der Website durch und vereinbaren, dass jeder von uns in dieser Zeit zwei Joker zur Verfügung hat und sich damit zwei Ausnahmen von den aufgeführten Regeln nehmen darf. Weiter beschließen wir, dass wir bei Geschenken für andere keine Abstriche machen. Auf diesem Gebiet wollen wir kreativ werden, möglichst wenig Geld ausgeben, aber uns dabei auch nicht verbiegen.

Natürlich verkünden wir unsere Entscheidung noch am selben Abend im Familien-Chat. Unsere drei Kinder sind erwachsen und verheiratet. Der Mittlere reagiert sofort und fragt: „Müssen wir schon bald damit rechnen, dass ihr zwei nur noch in handgestrickten Wollpullovern umherirrt?“ Nein, müssen sie nicht.

Lockeres Einlaufaufen

Die erste Woche beginnt für mich richtig gut: Ich bekomme zwei Bücher geschenkt! Einfach so. Eines darf ich aus einer kleineren Auswahl auswählen, das andere findet meine Nachbarin so gut, dass sie gleich alle Frauen in unserer Gebetsgruppe damit beschenkt. Freudig lege ich die beiden Bücher auf den Bücherstapel, von dem ich weiß, dass ich ihn sicher bis Ende des Jahres nicht bewältigt haben werde. Irgendwie beruhigt mich dieser Notvorrat. Er vermittelt: Egal was kommt, ich bin gut versorgt und werde keinen Mangel leiden. Ob Kaufen tatsächlich im Ansatz zu einer Prise Sicherheit und Geborgenheit verhilft?

Mir wird immer öfter bewusst, wie schnell ich im Alltag einem kleinen Kaufimpuls nachgebe. Da ist die Zeit am Bahnhof, die ich bis zur Abfahrt meines Zuges vertrödeln muss. Der Tchibo-Shop lädt mich zum Stöbern ein. Schon halte ich coole, leichte Stoffsäckchen (100% Baumwolle!) für den umweltfreundlichen Einkauf von Gemüse und Früchten in der Hand. Ohne Shopping-Pause hätte ich diesen kleinen Betrag ausgegeben und meine aus Polyester in den Müll befördert. Aber jetzt steht da innerlich das Stoppschild.

Mein Mann Thomas stellt bereits nach kurzer Zeit fest: „Mich entschleunigt das Experiment.“ Schon länger überlegten wir uns die Anschaffung eines Fahrradträgers. Immer wieder schaut er sich die verbilligten Angebote an, wägt ab. Jetzt ist die Frage, welches der Beste bei gutem Preis sein könnte, bis Ende des Jahres vom Tisch.

Härtetest

Ungefähr in Woche neun kommt bei mir der absolute Durchhänger. Ich suche und finde Ausreden. Und kaufe mir schlussendlich einen Ersatz für meine Sandalen. Die Sohle meiner alten ist ziemlich durchgelatscht. Aber jetzt, da ich gerade so ehrlich reflektiere, muss ich mir eingestehen: Die hätte ich problemlos eine weitere Saison tragen können. Ich bin gescheitert, der Versuchung erlegen! Einer meiner Joker ist aufgebraucht, obschon ich mir vorgenommen hatte, sie ganz bewusst und nur nach längerem Nachdenken einzusetzen. Als ich diese Einsicht mit Thomas teile, bekennt er ebenso, dass nicht alles Anglermaterial tatsächlich dringend nötig war, um sein Hobby weiterzuführen. Er hat also seinen ersten Joker ebenso leichtsinnig vergeben wie ich. Da war’s nur noch einer für jeden von uns.

Die Verlockungen sitzen überall. Es gilt Entscheidungen zu treffen: Bummeln wir in unserem Urlaub nun tatsächlich durch die reizvolle Altstadt Chur, die ich mit vielen Erinnerungen verbinde? Oder lassen wir das für dieses Mal sein? Was macht es für einen Sinn, sich den attraktiven Kleiderboutiquen und dem verführerischen „Chuchilade“ (Küchenladen) auszusetzen, wenn man nichts kaufen darf? Wir gehen trotzdem und sparen mindestens 38 Franken, denn das begehrenswerte Pizza-Schneiderad bleibt dort, wo es ist, und landet weder in meiner Tasche noch in meiner Küche. Dafür setzen wir uns in ein Straßen-Café, genießen die erstaunliche Wärme der Herbstsonne und einen feinen Cappuccino.

Adventskalender

Endlich klappt es dieses Jahr mit einem „Gemeinschafts-Adventskalender“ mit Frauen aus meiner Kirche. Okay, die 24 gleichen Überraschungen, die ich dazu beisteuern muss, fallen ja glücklicherweise unter die Geschenke und sind damit ausgenommen. Aber Stopp! Statt im Internet eine Kleinigkeit zu kaufen, entschließe ich mich, meine exquisiten Papierreste aufzubrauchen und damit Karten zu gestalten. Farblich ist die Verpackung festgelegt, aber kein Problem: Meine zum Basteln beiseitegelegten Notenblätter passen genau ins vorgegebene Schema. Wie cool ist das denn!

Gegen Ende Oktober wird’s richtig hart. Am liebsten möchte ich die Challenge abbrechen und dann wieder einmal nach dem Wocheneinkauf zum Kiosk schlendern und eine Zeitschrift kaufen. Und einen Blumenstrauß, einfach, weil er der Seele schmeichelt.

Den Kalender mit Bildern aus meiner Lieblingsstadt bestellen, das Buch „Jesus. Eine Weltgeschichte“ und den neusten Schmöker von Nicholas Sparks. Die teuren Schuhe, die ich mir so wünsche, oder doch lieber das Kleid aus meinem Lieblingskleiderladen? Was soll diese Selbstkasteiung?! Das Leben fühlt sich momentan doch hart genug an! Corona sitzt in jeder Ritze, zudem habe ich meine Stelle gekündigt. Zwar aus eigener Initiative aber unterm Strich doch unfreiwillig. Trauerarbeit, bewusstes Loslassen und dabei der Verzicht …

20 Wochen sind genug

Heute schreiben wir den 20. November, fünf Monate sind vergangen seit jenem Abend im Juni. Und ehrlich gesagt: Jetzt ist genug! 20 Wochen Verzicht reichen aus. Ich entscheide mich, aus dem Projekt auszusteigen. Nicht, dass ich jetzt in einen Kaufrausch fallen möchte, aber ich merke, meine innere Spannkraft hat mich verlassen. Ich mag diese freiwillige Askese nicht weiter durchziehen. Thomas hingegen ist wild entschlossen durchzuhalten bis zum bitteren Ende.

Ich ziehe für mich dennoch eine durchaus positive Bilanz zum Thema Shopping-Pause. Ich habe erkannt, dass mancher Kaufimpuls bei mir von einem momentanen Seelentief gesteuert wird. Es ist nicht nur fraglich, wie lange dieser „Trost“ anhält, sondern äußerst bedenklich, in solch einem täuschenden Manöver Zuflucht zu nehmen. Diese Erkenntnis möchte ich in mein zukünftiges Kaufverhalten mitnehmen. Der reflektierte und zögerliche Griff ins Verkaufsregal tut gut – zweifellos auch dem Portemonnaie. Thomas‘ Fazit sieht ähnlich aus: In vielen Bereichen genügt weniger – auch in der Auswahl seines Angler-Equipments.

Insgesamt wurde uns durch dieses Experiment einmal mehr bewusst, dass alles, was wir besitzen, ein großes Geschenk ist und das Maß bei weitem übersteigt, von dem Milliarden von Menschen nur träumen können. Wir kennen die Sorge nicht, ob wir morgen genug zu essen haben. Eher zerbrechen wir uns den Kopf über den Menüplan, weil die Auswahl an Lebensmitteln unendlich vielfältig und verlockend ist, was die Waage schonungslos zeigt. Obwohl unser Kleiderschrank recht minimalistisch ausgestattet ist, können wir doch nach Lust und Laune auswählen, was wir anziehen möchten. Unsere Kleider erfüllen mehr als den Zweck, unsere Nacktheit zu bedecken und uns im Winter warmzuhalten. Ihr Zustand ist einwandfrei, sie sind weder abgenutzt noch löcherig, ja, die meisten sind absolute Lieblingsstücke … So gesehen würde es auch für mich keinen triftigen Grund geben, die Shopping-Pause nach 20 Wochen abzubrechen. Wenn es nicht so schwierig wäre …

Helena Gysin arbeitet als freie Texterin für verschiedene Medien und lebt in Seegräben (Schweiz).

Junge Freiwillige setzen sich für ein Naturprojekt ein. Symbolbild: Getty Images / Akarawut Lohacharoenvanich / Getty Images Plus

Ein Jahr grün machen: Ein Ökologisches Jahr – für dich und die Natur

Das Abi in der Tasche – was nun? Ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Ausland ist eine Gelegenheit, etwas für den Naturschutz zu tun und sich persönlich weiterzuentwickeln.

Wir klettern auf die Ladefläche des Pick-Ups und versuchen, es uns gemütlich zu machen. Es ist März und die Mittagssonne setzt mir auch nach zwei Wochen in Ghana noch erheblich zu. Die vergangenen Tage meines Freiwilligendienstes durfte ich im angenehm klimatisierten Büro unserer Leitstelle verbringen. Doch heute ist der Tag gekommen: Für den Weltwassertag der UN haben wir mit einigen anderen Nichtregierungsorganisationen hier in Kumasi einen „Marsch für Wasser“ organisiert. Das Ziel bei diesem Marsch ist, bei der Bevölkerung ein Bewusstsein zu schaffen, wie wertvoll Wasser ist.

Beats und Fakten

Einen „Marsch für Wasser“ hatte ich mir vorher völlig anders vorgestellt. Zunächst einmal dauert es eine ganze Weile, bis alle da sind, und es losgehen kann. Dann wird es laut: Die Fakten über die Kostbarkeit von Wasser werden in ohrenbetäubendem Lärmpegel über Lautsprecher auf Autodächern verkündet. Gleichzeitig ertönen die neuesten Afrobeats. Ich fühle mich mehr wie auf einer Party als auf einem Protestmarsch. Es wird getanzt, gesungen, gerufen und gelacht. Immer mehr Menschen stoßen dazu und die bunte Menge pulsiert durch die Stadt.

Kumasi ist die zweitgrößte Stadt in Ghana und bei einer Fläche, die in etwa Frankfurt am Main entspricht, etwa viereinhalb Mal so dicht besiedelt. Regen ist hier ein Problem: Häufig bleibt er die Hälfte des Jahres aus und in der anderen Hälfte fällt zu viel davon vom Himmel. Ein bewusster Umgang mit Wasser ist notwendig. Kleidung wird häufig noch direkt im See oder Fluss mit umweltschädlichem Waschmittel gewaschen. Beim Abbau von seltenen Erden wird Wasser kontaminiert. Zur Aufbereitung fehlt die Infrastruktur. Auch da soll der Marsch Veränderung anstoßen.

Schon lange vor dem Abitur wusste ich, dass ich nach der Schule in die große weite Welt gehen wollte – am liebsten mit ökologischer Ausrichtung. Anbieter für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr innerhalb von Deutschland zu finden, ist nicht schwer, aber für das Ausland sah es anders aus. Eine Freundin meiner Mutter machte mich schließlich auf „naturweit“ aufmerksam. Über diesen Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO-Kommission arbeiten 18- bis 26-Jährige ein Jahr lang in Biosphärenreservaten, National- und Geoparks sowie Welt-Naturerbe-Stätten auf der ganzen Welt. Ich durfte meine Zeit schließlich im Biosphärenreservat Lake Bosomtwe in der Nähe von Kumasi im grünen Herzen von Ghana verbringen. In der Gebietsverwaltung arbeitete ich an verschiedenen Projekten mit den Interessengruppen um den See. Ich habe am liebsten Schulprojekte geplant und durchgeführt, bei Gebietspflege und Baumpflanzungen geholfen und an traditionellen Versammlungen der umliegenden Dörfer teilgenommen.

Gut für die Gesundheit

Umfragen haben gezeigt, dass soziale Aspekte für die meisten Freiwilligen genauso wichtig sind wie die Lernerfahrung und der Beitrag zum Umweltschutz. Die australische Umweltund Gesundheitsforscherin Rebecca Patrick konnte 2022 mit einer Studie belegen, dass umweltbezogene Freiwilligenarbeit auch positive Effekte auf die physische, psychische und soziale Gesundheit hat. Was der Umwelt guttut, das tut offenbar auch uns und den Menschen um uns herum gut. Man probiert Neues aus und lernt neue Seiten an sich selbst kennen, wenn man einmal die Komfort-Zone verlassen hat.

Trotzdem holt so manchen auch der Kulturschock ein oder es kommt zur Krise, weil man in der Einsatzstelle doch mehr im Büro an Berichten sitzt, als draußen Bäume zu pflanzen. In diesem Falle gilt: tief durchatmen, der Situation Zeit geben und selbst Initiative ergreifen. So lassen sich die meisten Durststrecken gut überwinden. In der Regel lassen sich in absoluten Notfällen unter Absprache mit den Verantwortlichen auch FÖJ- oder Einsatzstellen wechseln. Insbesondere bei Einsätzen in Ländern des globalen Südens wird man auch unausweichlich mit dem eigenen Weißsein und den Privilegien konfrontiert, die damit einhergehen. Um besser mit unangenehmen Situationen umgehen zu können hilft es, sich im Vorfeld mit diesen Themen vertraut zu machen und sich mit ehemaligen Freiwilligen auszutauschen.

Was ein Freiwilligendienst konkret vor Ort bewirkt, lässt sich vorher kaum abschätzen. Deshalb sollten die Erwartungen nicht zu groß ausfallen. Es ist hilfreich, sich klarzumachen: In diesem Jahr werde ich nicht die Welt retten und womöglich werde ich nicht einmal konkrete Veränderungen sehen. Es ist auch völlig in Ordnung, nur mit dem Wunsch zu starten, in das Lieblingsland zu reisen, dem Alltag zu entfliehen, neue Leute kennenzulernen, Sprachkenntnisse zu verbessern oder den Lebenslauf interessanter zu gestalten.

Win-Win

Klar ist: Auch wenn ein Projekt vom Engagement der Freiwilligen profitiert, nehmen sie immer mehr für sich selbst mit als sie zurückgeben. Das mag ein unbequemer Gedanke sein, doch die Erfahrung zeigt es – und das ist auch gut so. Freiwilligendienste verändern nicht die Welt, aber die gesammelten Erfahrungen und das Wissen können persönliche Entscheidungen prägen, den Lebensstil und das eigene Umfeld verändern. Und mit dieser Reichweite kann man letztendlich doch die Welt zu einem besseren Ort machen.

Ich selbst kam als erste Freiwillige in ein Team, das vorher seit Jahren ohne Freiwillige nach einem bestimmten System gearbeitet hat. Mir blieb also erst einmal nichts anderes übrig, als von den anderen zu lernen – und das war wertvoll. Mich für Gottes Schöpfung zu investieren, habe ich auch als spirituelle Erfahrung erlebt, die mich Gott, dem Schöpfer, nähergebracht hat. Daraus schöpfe ich auch heute noch Kraft und Motivation. An den Orten, wo die Schönheit der Welt so intensiv zum Vorschein kommt, fällt es leicht, überall Gottes Werk zu sehen und wertzuschätzen.

Deborah Harbring studiert Landschaftsökologie in Münster.