Fair gehandelt?! So zuverlässig ist das Fairtrade-Siegel

Das Fairtrade-Siegel ist vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern bekannt. Doch wer profitiert wirklich davon? Ein Blick hinter die Kulissen.

Ana Cristina lässt ihren Blick über ihre Kaffeefarm in Minas Gerais in Brasilien schweifen. „Das Wetter ist merkwürdig geworden, die Klimakrise ist voll da“, sagt sie. „Manchmal regnet es zu viel, dann wieder gar nicht. Dann ist es zur falschen Zeit extrem heiß. Das macht uns zu schaffen.“ Um der Hitze vorzubeugen, pflanzt die Kaffeebäuerin Schattenbäume an – hohe Rizinussträucher, die die empfindlichen Kaffeepflanzen vor Hitze schützen und später zu Dünger verarbeitet werden. Unterstützt wird Ana Cristina dabei von ihrer Kooperative – und von Fairtrade.

Ana Cristina ist eine von zwei Millionen Produzentinnen und Produzenten in 70 Ländern, die von der „Fairtrade-Prämie“ profitieren. Das Fairtrade-Siegel ist ein wichtiges Instrument zur Förderung des fairen Handels und zur Unterstützung von Produzenten in Entwicklungsländern. Es hilft Verbraucherinnen und Verbrauchern, bewusste Kaufentscheidungen zu treffen und zu einem gerechteren und nachhaltigeren Handel beizutragen. Das Siegel garantiert, dass das Produkt bestimmte soziale, ökologische und ökonomische Standards erfüllt. Es bezieht sich dabei auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung, darunter Maßnahmen zum Klimaschutz (SDG13), die Förderung von Frauen und Jugendlichen (SDG5 und SDG10) sowie der Schutz der Menschenrechte von Arbeiterinnen und Arbeitern sowie Kindern (SDG8).

Zu den Standards gehören faire Preise für Produzentinnen und Produzenten, denn sie erhalten einen Mindestpreis für ihre Waren, der ihnen hilft, ihre Kosten zu decken und einen vernünftigen Lebensstandard zu erreichen. Die Standards gewährleisten faire Arbeitsbedingungen, Schutz vor Kinderarbeit und Diskriminierung sowie ein Recht auf Tarifverhandlungen. Ebenfalls wichtig ist, dass Fairtrade-Produkte nach umweltfreundlichen Anbaumethoden hergestellt werden. Fairtrade fördert langfristige Handelsbeziehungen zwischen Produzenten und Händlern und stellt dadurch eine ökonomische Stabilität sicher. Das Siegel ist sowohl auf Lebensmitteln wie Bananen, Tee, Kaffee, Zucker und Reis zu finden als auch auf Erzeugnissen, die diese Lebensmittel beinhalten, wie zum Beispiel Schokolade. Darüber hinaus gibt es spezielle Fairtrade-Siegel für Blumen, Baumwolle und Gold.

Start im 20. Jahrhundert

Fairtrade-Marken sind in 170 Ländern eingetragen. In Deutschland sind 8.500 Produkte mit dem Fairtrade-Siegel erhältlich. Erzeugerorganisationen, die ihre Produkte über Fairtrade verkaufen, erhalten zusätzlich zum Mindestpreis die Fairtrade-Prämie, die sie in Projekte ihrer Wahl investieren können. Der Verkauf von Fairtrade-Produkten in Deutschland ergab 2023 eine Prämie von 42 Millionen. Diese Prämie steckt Fairtrade in derzeit 150 Programme weltweit, um Produzentinnen wie Ana Cristina zu unterstützen.

Die Fairtrade-Bewegung begann bereits in den 1940er Jahren mit der Gründung von Organisationen wie Ten Thousand Villages in den USA. In Deutschland entstanden in den 1970er Jahren die ersten Fairhandelsorganisationen wie die GEPA, die heute der größte europäische Importeur fair gehandelter Produkte ist. Ausschlaggebend dafür waren unter anderem die Hungermärsche von kirchlichen Jugendverbänden in Deutschland. 1992 wurde in Deutschland TransFair e. V., heute Fairtrade Deutschland, gegründet, um den fairen Handel weiter zu verbreiten. 1997 folgte die Gründung von Fairtrade International, die die internationale Zusammenarbeit zwischen den Fairtrade-Organisationen stärkte.

„Mischen is possible“ – der Mengenausgleich

Manchmal ist es nicht möglich, zertifizierte und nicht zertifizierte Rohstoffe während der Weiterverarbeitung getrennt zu halten. Dies gilt zum Beispiel für Kakao, Zucker, Fruchtsäfte und Tee. Um hier bei jedem Verarbeitungsschritt eine strikte Trennung zwischen fairen und nicht-fairen Produkten durchführen zu können, müssten die Kleinbauern-Kooperativen sehr hohe Mengen produzieren oder über eigene Verarbeitungsanlagen verfügen.

Die meisten können sich die Anlagen finanziell aber nicht leisten. Anstatt den Bäuerinnen und Bauern in solchen Fällen den Verkauf ihrer Fairtrade-Produkte zu verweigern, bietet Fairtrade den Mengenausgleich an: Fairtrade-Kooperativen erhalten weiterhin Fairtrade-Mindestpreis und -Prämie für genau die Menge, die sie verkauft haben – und Unternehmen dürfen nur die entsprechende Menge ihrer Produkte mit Fairtrade-Siegel ausloben. Kontrolliert wird dies von der unabhängigen Zertifizierungsgesellschaft FLOCERT.

fairtrade-Siegel in der Kritik

Der Begriff „fair“ ist nicht rechtlich geschützt, daher gibt es keine allgemeinen Vorgaben, was „fair“ im Detail bedeutet. Die bezahlten Mindestpreise gewährleisten nicht für alle Produzenten ein existenzsicherndes Einkommen. Der oben beschriebene Mengenausgleich steht ebenfalls in der Kritik der Verbraucherschützer. Hier fehlt teilweise die Transparenz, zu welchem Anteil das Produkt fair gehandelte Komponenten beinhaltet. Zwar muss die Vermischung mit konventionellen Rohstoffen auf der Verpackung angegeben werden, allerdings geschehe das laut Verbraucherzentrale oft nur versteckt oder in kleiner Schrift, so Verbraucherschützerin Caroline Brunnbauer.

Das fairtrade-Siegel im Vergleich

Die Begriffe „Öko“ und „Bio“ sind im Vergleich zu „fair“ gesetzlich geschützt. Ein Produkt aus fairem Handel erfüllt nicht zwangsläufig den Bio-Standard. Doch zwei Drittel der Fair-Trade-Produkte sind mittlerweile biologisch hergestellt und 75 Prozent der Produkte mit GEPA-Siegel entsprechen den Bio-Vorschriften. Das Fairtrade-Siegel gehört zu den vertrauenswürdigsten Siegeln von Lebensmitteln und anderen Produkten in Deutschland. Daneben gelten das „Naturland“-Siegel und „Hand-in-Hand“, das Ökosiegel von Rapunzel, als sehr zuverlässig.

Die Fairtrade-Siegel im Überblick

1. Das Standard-Fairtrade-Siegel
Alle Inhaltsstoffe entsprechen den Fairtrade-Standards. Diese Produkte sind vom Verkaufsregal bis zu den Produzentinnen und Produzenten vollständig rückverfolgbar. Auf Produkten mit nur einem Inhaltsstoff zu finden wie etwa Kaffee, Reis oder Bananen.

2. Fairtrade-Siegel mit Pfeil
Auf der Rückseite der Verpackung erfährt der Konsument mehr über die Zutaten und die Beschaffung des Produkts. Dieses Siegel wird für Produkte verwendet, die aus mehreren Zutaten bestehen, also mit Mengenausgleich verarbeitet wurden, wie Kekse oder Eiscreme. Der Mindestanteil an Fairtrade-Zutaten beträgt 20 Prozent, aber viele Unternehmen gehen darüber hinaus.
Daneben gibt es noch Fairtrade-Siegel für spezifische Produkte wie Baumwolle (Fairtrade Cotton-Siegel), Textil-Produkte (Fairtrade Textile Production-Siegel), Gold (Fairtrade Gold-Siegel), Kosmetik (diese Produkte tragen das Siegel zusammen mit dem Hinweis „contains Fairtrade ingredients“)

3. Das weiße Fairtrade-Siegel
Dieses Siegel zeigt an, dass der auf dem Etikett aufgezählte Inhaltsstoff aus fairem Handel stammt, zum Beispiel der Kakao in den Frühstücksflocken.

Weiterführende Informationen: fairtrade-deutschland.de

Catharina Bihr ist Bildungsreferentin für Freiwilligendienste und freie Autorin.

Nicht untergehen: Wie du der Flut schlechter Nachrichten standhältst

Schlechte Nachrichten prasseln auf uns ein. Wie können wir damit umgehen, ohne völlig die Nerven zu verlieren? Lina Krauß gibt Antworten.

Hier ein Newsletter, da eine Eilmeldung und dort eine Notification – und schon greift man zum Handy. Und was erscheint auf dem Bildschirm? Kriege, Klimakrise, Wahlen – die negativen Nachrichten überschlagen sich. Kurz mal abschalten? Kaum möglich. Stattdessen scrollen wir immer weiter durch Nachrichtenportale, gefangen in einer Spirale aus schlechten Nachrichten.

Das Phänomen dahinter nennt sich Doomscrolling. Das Wort setzt sich zusammen aus dem englischen Begriff „doom“ (Untergang, Verderben) und dem eingedeutschten „scrollen“. Gemeint ist das endlose Durchstöbern negativer Schlagzeilen – selbst dann, wenn uns längst bewusst ist, dass dieses zwanghafte Wischen auf dem Bildschirm kein Happy End findet.

Negativbias versus gute Nachrichten

Dahinter steckt ein psychologischer Mechanismus – der sogenannte Negativitätsbias. Unser Gehirn ist evolutionär darauf trainiert, Gefahren und schlechte Nachrichten intensiver wahrzunehmen als positive. Sie prägen sich besser ein und beeinflussen unser Denken und Verhalten nachhaltiger. Früher war es überlebenswichtig, potenzielle Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren. Auch heute noch versucht unser Gehirn, Unsicherheit durch Information zu kontrollieren. In einer unsicheren und unübersichtlichen Welt führt das dazu, vermehrt negative Nachrichten zu konsumieren – in der Hoffnung, auf Gefahren besser vorbereitet zu sein. Doch während diese Strategie in der Wildnis möglicherweise das Überleben sicherte, ist sie im digitalen Zeitalter mit endlosen Nachrichtenfeeds oft eher belastend als hilfreich.

Man mag sich dabei zurecht fragen: Gibt es denn überhaupt gute Nachrichten? Die Antwort darauf lautet: Ja, die gibt es. Auf dem Instagram-Kanal der ZEIT beispielsweise findet sich regelmäßig das Format „Zeit für … gute Nachrichten“. Dort wird unter anderem von Meeresschutzgebieten, Wirkung von Live-Musik, Erleichterungen im Bahnverkehr durch Europa oder mehr Sicherheit im Straßenverkehr berichtet. Doch ist die Wahrnehmung schon richtig, dass es in den Medien mehr negative Nachrichten gibt. Grund dafür sind Kriterien, die für die journalistische Auswahl relevant sind – die sogenannten Nachrichtenfaktoren: Ist ein Ereignis überraschend? Emotional? Nah oder fern? Positiv oder negativ? Es gibt rund 20 solcher Merkmale.

Je nachdem wie stark sie in einem Ereignis vorhanden sind, bestimmt sich dessen Nachrichtenwert. Und dieser beeinflusst wiederum, ob ein Ereignis von Journalisten aufgegriffen wird. Medienschaffende sind sich also durchaus bewusst, welche Inhalte Aufmerksamkeit erzeugen. Wegen des schon beschriebenen Negativitätsbias sind das eben insbesondere schlechte Nachrichten.

Erholung gönnen

Zu wissen, wie dieser Mechanismus funktioniert, kann helfen, die Flut einzuordnen. Eine Studie der American Psychological Association belegt jedoch, dass ständiger Nachrichtenkonsum zu Stress, Angst und Erschöpfung führen kann. Genau dann hilft es, einfach mal auf die Stopp-Taste zu drücken – das Handy wegzulegen oder den Fernseher auszuschalten. Nicht, um die Augen vor der Realität zu verschließen, sondern um sich bewusst Erholung zu gönnen. In solchen Momenten helfen auch Bewegung oder Unternehmungen mit anderen Menschen. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Wer sich regelmäßig bewusst erholt, zwischendurch tief durchatmet und Pausen einplant, kann Stress abbauen, klarer denken – und bleibt mental stabiler.

Diese innere Stabilität nennt sich Resilienz. Das ist die Fähigkeit, wieder aufzustehen, wenn einen Stress und Belastung ins Straucheln bringen. Sie ist nicht angeboren und kann auch nicht wie Muskeln im Fitnessstudio trainiert werden. Resilienz entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit schwierigen Situationen. Menschen müssen dabei über verlässliche innere oder äußere Ressourcen verfügen. Das kann ein unterstützendes soziales Umfeld, ein klarer Lebensrhythmus oder auch eine tief verwurzelte Überzeugung sein, dass das Leben einen Sinn hat.

Glaube hilft

Hier kommt der Glaube ins Spiel. Menschen, die an Gott glauben oder eine spirituelle oder religiöse Praxis haben, können in herausfordernden Situationen Halt in Ritualen, Gebeten oder Texten finden. Die Theologin und Resilienzforscherin Cornelia Richter sagt im Podcast „vertikal horizontal“: „Religion eröffnet eine Perspektive, die über die Krise hinausweist.“ Glaube sei kein Garant für Resilienz – könne aber dazu beitragen, die Erfahrung von Leid und Kontrollverlust besser einzuordnen. Die Katastrophe sei nicht das Ende – denn die Beziehung zwischen Gott und Mensch gehe immer weiter.

Biblische Texte wie die Psalmen finden zudem Formulierungen, die das Gefühl des Ausgeliefertseins oder die Wucht der Verzweiflung ausdrücken. Die Krise wird dort nicht verleugnet, sondern durchlebt – in dem Beisein von Gott. Gerade die Klimakrise führt vielen Menschen ihre eigene Ohnmacht deutlich vor Augen. Die täglichen Schlagzeilen über Extremwetter wie Hitze oder Überschwemmungen und Menschen, die unter den Bedingungen leiden, verstärken das Gefühl, dass alles aus dem Ruder läuft. Die sogenannte Klimaangst beschreibt eine oft lähmende Sorge um die Zukunft des Planeten und der kommenden Generationen sowie ein Gefühl der Ohnmacht.

Es gibt Handlungsspielräume

Doch gerade in dieser Krise gilt: Wir sind ihr nicht völlig ausgeliefert. Es gibt Handlungsspielräume – im Kleinen wie im Großen. Ob durch einen nachhaltigen Lebensstil, politisches Engagement oder gemeinschaftliche Initiativen: Wer aktiv wird, durchbricht das Ohnmachtsgefühl. Die Welt bleibt unruhig. Doch es gibt eine gute Nachricht: Wir können lernen, in dieser Unruhe nicht unterzugehen. Mit regelmäßiger Erholung, tragenden Beziehungen, kleinen alltäglichen Taten – und dem Vertrauen, dass es Hoffnung gibt. Selbst mitten in der Krise.

Lina Krauß studiert Journalismus in Stuttgart

Nach US‑Ausstieg und steigenden Emissionen: Kann das Pariser Abkommen noch funktionieren?

Mit dem erneuten Austritt der USA bekommt das globale Klimaabkommen einen schweren Schlag. Gleichzeitig wächst die Kritik an den großen Klimakonferenzen. Stefanie Tornow zeigt, warum das Abkommen dennoch unverzichtbar bleibt – und welche Länder jetzt liefern müssen.

12. Dezember 2015 in Paris, auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Le Bourget. Das Bild ging um die Welt: Ban Ki-moon, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen, Christiana Figueres, damalige Exekutivsekretärin der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), und Laurent Fabius, Präsident der Klimakonferenz COP21, reckten die Hände in die Luft – das Pariser Klimaabkommen und damit das 1,5-Grad-Ziel waren beschlossen. Den Verhandlern fiel sichtlich ein Stein vom Herzen, nach Jahren war es geglückt, über 190 Länder zu einem Abkommen zu bringen.

Zehn Jahre danach ist die Freude einer großen Ernüchterung gewichen. Die Emissionen und Temperaturen steigen immer weiter an. Viele Länder haben die Fristen für ihre Klimapläne gerissen. Und jedes Jahr wird die Frage immer lauter, ob sich Klimakonferenzen in dieser Form überhaupt noch lohnen. Eine gute Gelegenheit, sich noch mal mit dem Pariser Klimaabkommen auseinanderzusetzen. Wie steht es um das Abkommen und das 1,5-Grad-Ziel? Wie zielführend waren seitdem die Klimakonferenzen? Und: Wie kann das Abkommen noch sein Ziel erfüllen?

Für mich persönlich war die COP21 im Jahr 2015 meine allererste Klimakonferenz, die ich für den World YMCA als Beobachterin mit begleiten durfte – also nicht selbst mitverhandeln konnte, aber gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen sicherstellen durfte, dass bestimmte Themen genügend Aufmerksamkeit bekamen und somit die Verhandlungen auch in eine gewisse Richtung gelenkt wurden.

Insgesamt war ich auf sechs Klimakonferenzen und auch bei einigen Zwischenverhandlungen dabei und habe in dieser Zeit viel über die Positionen der Staaten, die Verhandlungen selbst und die Auswirkungen der COP lernen können.

Beschlüsse treffen auf Realität

Wie steht es um das Abkommen und das 1,5-Grad-Ziel? Die ehrliche Antwort: nicht ganz so gut. 2015 hatte sich das Pariser Klimaabkommen folgende Hauptziele gesetzt. Erstens: Die Beschränkung des Anstiegs der weltweiten Durchschnittstemperatur. Zweitens: Die Senkung der Emissionen und Anpassung an den Klimawandel. Und drittens: Die Lenkung von Finanzmitteln im Einklang mit den Klimaschutzzielen.

2024 lag die globale Durchschnittstemperatur erstmalig über der 1,5-Grad-Marke und wird sich höchstwahrscheinlich in den nächsten Jahren weiter steigern. Auch die Emissionen sind in den letzten zehn Jahren vor allem im fossilen Verbrauch gestiegen, so das Global Carbon Project (GCP), das alljährlich das Emissionsbudget betrachtet. Und wie das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) erklärt, „gibt es genügend globales Kapital, um die globalen Investitionslücken zu schließen … aber es gibt Hindernisse für die Umlenkung von Kapital in den Klimaschutz“. Artikel 2.1(c) des internationalen Pariser Abkommens zum Klimawandel zielt darauf ab, genau das zu tun, aber acht Jahre, nachdem praktisch alle Länder das Pariser Abkommen unterzeichnet haben, sind sie immer noch uneins über den Geltungsbereich von Artikel 2.1(c) und wie er umgesetzt werden soll.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Thema Klimawandel stark in der internationalen Politik etabliert. Aufgrund des Pariser Klimaabkommens konnte der Ausbau Erneuerbarer Energien massiv beschleunigt werden sowie derjenige von Batterien, Wärmepumpen und der Elektromobilität. Fast alle großen Volkswirtschaften setzen auf Sonne, Wind und Wasserkraft. Und auch in Entwicklungsländern führt der Boom der Erneuerbaren zu neuen Möglichkeiten.

Erfolge und Niederlagen

Ein großer Zwischenerfolg war 2022 der Beschluss zum Klima­katastrophen­fonds (Loss and Damage Fund) im Rahmen der COP27 im ägyptischen Sharm-el-Sheik und die rasante Umsetzung direkt am ersten Tag der COP28 in Dubai das Jahr darauf. Seit rund 30 Jahren fordern Länder des globalen Südens einen Fonds, in den reiche Staaten einzahlen – vor allem, weil sie auch für die meisten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Das Geld soll dann an ärmere Staaten nach klimabedingten Katas­trophen und Schäden gezahlt werden, um ihnen dabei zu helfen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. Viele hatten lange Verhandlungen erwartet – dass es dann schneller ging, wurde als Erfolg gewertet.

Eine große Niederlage ist der Austritt der Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Pariser Klimaabkommen, nicht nur einmal, sondern nun auch zum zweiten Mal unter Donald Trump. Damit fällt ein wichtiger Emittent, aber auch Finanzierer wichtiger Klimaprojekte weg und verlangsamt somit die Umsetzung des Klimaabkommens. Der Rückzug der USA birgt zudem die Gefahr, dass andere Länder dem Beispiel folgen könnten – und damit das Momentum des Abkommens vollends verloren geht.

Kleine Schritte in die Zukunft

Jedes Jahr aufs Neue werden Stimmen laut, die Klimakonferenzen abzuschaffen oder aber in einer anderen Form stattfinden zu lassen. Und wenn man sich die Quote der erfolgreichen Klimakonferenzen ansieht, ist manche Kritik durchaus berechtigt – nur drei der 29 Konferenzen hatten erhebliche Auswirkungen auf die Klimapolitik der Länder (COP3 in Kyoto, COP21 in Paris und COP28 in Dubai). Viele führende Stimmen in der Klimapolitik bezeichnen die Konferenzen als ineffizient und zu groß – und mit den bisher nur erreichten Absichtserklärungen ließe sich kaum das Klima retten. Klimaforscher wie beispielsweise Mojib Latif fordern daher eine engere Zusammenarbeit einzelner Staaten – wie etwa zwischen USA und China – sowie kleinere, regionale Konferenzen.

Allerdings muss man sich immer wieder vor Augen führen, wie so eine internationale Klimakonferenz aufgebaut ist. 195 Länder entsenden ihre Delegationen zu Verhandlungen. Jedes Land oder jeder Staatenverbund verfolgt eigene Interessen, seien es wirtschaftliche oder politische Ziele. Hinzu kommen starke Lobbygruppen, die die Staaten ebenfalls beeinflussen wollen. Die Öl-Lobby ist hier besonders hervorzuheben. Industriestaaten haben generell andere Interessen als Entwicklungsländer. Und diese unterschiedlichen Perspektiven gilt es nun unter einen Hut zu bekommen und einen Kompromiss zu erzielen, der für alle Länder akzeptierbar ist.

Die Länder machen also einen kleinen Schritt nach vorn und wieder zwei zurück – und das jedes Jahr aufs Neue. Das ist auf jeden Fall frustrierend und dennoch möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für die Klimakonferenzen brechen. Ich verfolge jetzt seit zehn Jahren diese Verhandlungen und habe auch durchaus meine Phasen, in denen ich mich über die Prozesse aufrege. Wenn tagelang darüber diskutiert wird, ob man den Bericht des IPCC „willkommen heißt“ oder „anerkennt“, dann fragt man sich schon, ob die Staaten die Dringlichkeit des Klimawandels nicht begriffen haben. Klimakonferenzen sind aber trotzdem sinnvoll, weil sie eine Plattform bieten, auf der die fast 200 Länder gemeinsam Lösungen finden können. Sie haben den Vorteil, dass sie globalen Druck erzeugen und alle Länder dazu zwingen, sich mit Klimaschutzmaßnahmen auseinanderzusetzen. Besonders kleinere Inselstaaten, die durch den Klimawandel bedroht sind, aber auch Aktivistinnen und Aktivisten erhalten durch die mediale Berichterstattung während dieser Konferenzen weltweite Aufmerksamkeit.

Und um direkt mal das Argument zu entkräften, dass man diese ganzen Konferenzen doch auch digital abhalten könnte: Die Corona-Pandemie hat uns drastisch vor Augen geführt, dass internationale Verhandlungen nur gleichberechtigt stattfinden können, wenn man sich face-to-face gegenübersitzt. Während der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass gerade die vulnerabelsten Staaten nicht die Möglichkeit haben, sich an der Diskussion zu beteiligen, weil beispielsweise die Infrastruktur aus Internet, Kabeln und Hardware fehlt. Um gleiche Chancen für alle zu bieten, müssen Verhandlungen in Präsenz stattfinden. Und zwar alle an einem Ort, um zu vermeiden, dass Staaten aufgrund der Zeitverschiebung in wichtigen Diskussionen nicht beteiligt sind.

Gemeinsam zum Erfolg

Das Pariser Abkommen ist noch nicht gescheitert. Es bedarf einer starken Gemeinschaft, die sich zusammenrauft, um die Ziele des Abkommens zu erreichen, gerade nach dem Austritt der USA. Dazu gehören nicht nur die Länder, die das Abkommen unterzeichnet haben, sondern auch viele andere Gruppierungen aus der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Wissenschaft – nur gemeinsam kann das Abkommen noch Erfolg haben. Die Politik muss dazu ambitionierter werden, vor allem die Industriestaaten sind hier in der Pflicht. Sie müssen mehr Gelder in den Klimaschutz, sei es national oder international, investieren. Und sie müssen Allianzen untereinander schmieden, um den Markt der Zukunftstechnologien nicht an China zu verlieren. Die letzten Jahre haben uns gezeigt, dass der Klimawandel nicht vor Grenzen Halt macht – er ist schon längst auch bei uns angekommen.

Stefanie Tornow ist ehrenamtlich im Umweltbereich des World YMCA aktiv und setzt sich seit 2015 dafür ein, dass junge Menschen in die Klimaverhandlungen mit eingebunden werden.

Nachhaltig wohnen? Experte erklärt, wie das gelingt

Photovoltaik, Wärmepumpe, Sanieren – beim nachhaltigen Wohnen gibt es viel Gestaltungspotenzial. Jens Schubert, Experte beim Umweltbundesamt, erklärt die Aufgaben und Möglichkeiten, und was schon gut funktioniert.

Herr Schubert, was bedeutet heutzutage nachhaltiges Wohnen?

Jens Schuberg: Tatsächlich eine gute Frage, denn die Auswirkungen der Nichtnachhaltigkeit sehen wir nicht direkt und nehmen sie kaum wahr. Nachhaltiges Wohnen bedeutet, dass die negativen Folgen für Umwelt und Klima möglichst gering sind. Vor allem mit dem Interesse, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Es geht auch darum, die Schadstoffe in der Luft gering zu halten und weniger Fläche zu nutzen. Und wenn man größer denkt, gehört natürlich auch der Verkehr am Wohnort dazu.

Solarenergie nutzen

Bei nachhaltigem Wohnen ist Solar und Photovoltaik ein großes Thema – wie steht es um den Ausbau bei Wohngebäuden? Wo stockt gegebenenfalls der Ausbau?

Der Ausbau der Photovoltaik geht weiter voran. Das ist erstmal eine gute Nachricht. Bei den klassischen Kleinanlagen, die einen Großteil des Daches eines Einfamilienhauses bedecken, sehen wir allerdings in den letzten Jahren sinkende Zahlen. Zugenommen hat jedoch der Ausbau der sogenannten Balkonanlagen. Diese Kleinstanlagen sind natürlich einfacher zu betreiben, weil keine Einspeisevergütung beantragt werden muss. Ein nachvollziehbarer Effekt, allerdings brauchen wir letztlich die Photovoltaik auf den Dachflächen für die Energiewende. Es gibt also noch ein großes Potenzial – gerade auch bei Freiflächen oder Mehrfamilienhäusern. Es gibt Bewegung, doch es dürfte gerne noch mehr werden.

Sie sprechen die Balkonanlagen an. Wem empfehlen Sie denn die Nutzung und wo liegen die Vorteile?

Eine Empfehlung spreche ich für alle aus, die einen ausreichend sonnigen Balkon zur Verfügung haben – auch für Mieterinnen und Mieter. Die Anlage bezeichne ich gerne als Einstiegselement in Klimaschutzmaßnahmen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Anlagen sind sehr niederschwellig, die Kosten sind relativ gering und sie sind einfach anzubringen und zu betreiben. Viele merken dann: So schlimm ist das mit dem Klimaschutz ja gar nicht, sondern es hat auch Vorteile. Es kann ein Anfang sein und Nutzerinnen und Nutzer können schauen, ob sie mit einer größeren Photovoltaikanlage weitermachen.

Was muss Politik aus Sicht des Umweltbundesamtes tun, damit Solar und Photovoltaik noch stärker ausgebaut werden?

Generell gilt: Es braucht stabile, zielführende, planbare und verlässliche Rahmenbedingungen. Bei der Photovoltaik sind wir hier auf einem guten Weg. Sicher ist aber auch, dass es hier noch Vereinfachungen braucht. Grundlegenden Handlungsbedarf gibt es im Gebäudebereich, womit wir beim Thema Heizen wären.

Wärmepumpe – besser als ihr Ruf

Heizen – ein gutes Stichwort: Welche nachhaltigen Heizmöglichkeiten gibt es und welche empfehlen Sie?

Im Wesentlichen kristallisieren sich zwei Möglichkeiten heraus. Erstens: Bei größeren Gebäuden in zentralen Bereichen etwa die Fern- und Nahwärme. Hier stehen die Wärmenetzbetreiber in der Verantwortung. Zweitens: Die vielversprechendste Technik ist die Wärmepumpe. Besonders weil hier die Energieeffizienz und das Entlastungspotenzial stark zu erkennen sind.

Es gibt weitere Möglichkeiten, doch sie haben immer Nachteile. Etwa Wasserstoff, Biogas, Bioöl oder auch das Heizen mit Holz. Die Menge an Holz zum Verheizen ist begrenzt und wegen der Luftschadstoffe sind die Vorteile für die Umwelt gering.

Sie sagen, Heizen mit Holz sollte vermieden werden. Was ist zu beachten, wenn Privatpersonen es doch tun?

Wenn Holz im Einsatz ist, sollte man möglichst sparsam und emissionsarm heizen. Beim Heizkessel können Nutzerinnen und Nutzer einen auswählen, der möglichst wenig Emissionen verursacht. Besonders ist auf einen Feinstaubfilter oder einen Elektrofilter zu achten, um die Feinstaubpartikel abzuscheiden. Auch beim Kaminofen sollte es darum gehen, Emissionen zu vermeiden. Wichtig ist es, trockenes Holz zu verwenden und die Anleitung des Herstellers auch wirklich zu lesen und zu befolgen.

Bei der Wärmepumpe gibt es verschiedene Mythen und so werden aktuell weniger Geräte installiert. Hat die Wärmepumpe „nur“ ein Imageproblem oder ist das Misstrauen berechtigt?

Das Problem war und ist die Diskussion um die Wärmepumpe. Die Technik an sich funktioniert gut – auch in (unsanierten) Bestandsgebäuden. Heißt: Man muss nicht erst eine Vollsanierung starten, bis man über eine Wärmepumpe nachdenken kann. Aus unserer Sicht ist es wichtig, Aufklärung zu leisten. Viele Menschen sind nicht auf dem neusten Stand. Wir vom Umweltbundesamt haben beispielsweise ein Portal eingerichtet, auf dem wir Beispiele sammeln, wie Nutzerinnen und Nutzer ihre Bestandsgebäude mit einer Wärmepumpe umgerüstet haben. Es sind einige spannende Erfahrungen dabei. Grundsätzlich sieht man: Man kann zufrieden und glücklich mit der Wärmepumpe ein Bestandsgebäude heizen.

Wärmepumpe, Photovoltaik und mehr – es gibt Möglichkeiten, die Techniken zu vernetzen. Liegen darin Vorteile?

Ja, und diese Vernetzung sollten wir verstärken. Die Kombination aus Wärmepumpe und Photovoltaik hat zum Beispiel den Vorteil, dass man mit der Photovoltaikanlage günstigeren Strom produzieren kann, als man ihn einkaufen kann. Dies wiederum verbessert auch die Wirtschaftlichkeit der Wärmepumpe. Das ist eine ganz wertvolle Synergie – auch im Bezug auf die Stabilität im Netzbetrieb.

Politik im Fokus

Wie steht es um die Wärmewende? Das staatliche Ziel lautet, dass Heizen 2045 klimaneutral sein soll – ist das realistisch?

Beim Heizen ist es unser Glück, dass wir ja noch 20 Jahre haben und bis dahin so gut wie jede Heizung noch mal ausgetauscht werden muss. Heißt, wir haben da bei jeder Heizung bis 2045 zumindest eine Gelegenheit. Das heißt aber auch, dass wir diese Gelegenheit nutzen müssen. Wer jetzt noch auf einen Gas- oder Ölkessel setzt und einbaut, läuft Gefahr, die vorzeitig ausbauen zu müssen – Investitionen gehen verloren. Das muss man sich vor Augen halten.

Wo sollten politische Akteure beim Thema Heizen handeln?

Auch hier sind die planbaren Rahmbedingungen wichtig, auf die sich die Gebäudeeigentümer bei ihren Investitionen verlassen müssen. Das betrifft auch das ungeliebte Ordnungsrecht für neue Heizungen oder auch Förderungen. Die Zusagen müssen über einen langen Zeitraum gelten. Die Gas- und Ölpreise werden durch den CO2-Preis steigen. Das muss die Politik aktiv kommunizieren. Alle, die an fossilen Techniken hängen, werden das finanziell merken. Es kann darauf hinauslaufen, dass sich die Gas- und Ölpreise gegenüber dem heutigen Niveau verdoppeln – und zwar dauerhaft. Hier sollten die Akteure vorbeugen und nachhaltige Heiztechniken fördern. Nebenbei können so auch Klimaziele erreicht werden.

Was ist da zu beachten, wenn man einen Neubau nachhaltig gestalten möchte?

Die erste Frage lautet: Muss es wirklich ein Neubau auf der grünen Wiese sein? Sicher ein verlockendes Ziel, was Selbstständigkeit und Freiheit betrifft. Aber hier geht viel Fläche verloren. Es gibt einige Alternativen: Etwa ein bestehendes Gebäude, was man sanieren kann. Oder indem man eine Baulücke füllt – dann ist man zumindest nicht auf der grünen Wiese. Bestehende Gebäude können auch aufstockt werden – etwa mit Holzbau.

Worauf künftige Eigentümer auch achten können, ist, dass das Gebäude recht flexibel genutzt werden kann. Beim klassischen Einfamilienhaus ist es oft so, dass viele Zimmer leer stehen, wenn die Kinder ausgezogen sind. Eine Idee ist: Das Gebäude so zu planen, dass Eigentümer, wenn die Kinder ausgezogen sind, eine Einliegerwohnung im Gebäude integriert – die man dann vermieten kann. Und beim Neubau sollten Interessierte natürlich auch auf nachhaltige Baustoffe achten, die dann eine bessere Energiebilanz haben. Hier ist Holz wieder eine gute Alternative.

Genau hinsehen lohnt sich

Gebäude sollten immer wieder saniert werden – auch energetisch. Wie kann man sicherstellen, dass dies nachhaltig geschieht?

Es gibt verschiedene Hilfsmittel, etwa den Heizspiegel des Portals „Co2online“. Dieser zeigt grundlegende Energieabbildungen und hilft, die Größenordnung der Sanierung einzuordnen. Weitere Online-Tools zeigen, wo Einsparpotenziale liegen. Und es gibt natürlich ein paar einfache Dinge, die jede und jeder selbst tun kann: Die Fenster richtig abdichten, die oberste Geschossdecke oder die Kellerdecke dämmen. Eine gute Dämmung kann den Wärmeverlust sogar um die Hälfte verringern. Eine professionelle Energieberatung mit Sanierungsfahrplan wiederum kann zeigen, wo Langzeitaufgaben liegen – nicht alles muss sofort gemacht werden.

Wie sieht für sie im optimalen Fall nachhaltiges Wohnen aus?

Im Idealfall sollte ein Gebäude natürlich einen niedrigen Energieverbrauch haben. Beheizt wird das Gebäude mit erneuerbarer Energie, also mit einer Wärmepumpe oder über ein lokales Wärmenetz. Auf dem Dach findet sich eine Photovoltaikanlage, sodass der Strom nahezu erneuerbar hergestellt wird. Beim Leben geht’s natürlich weiter: Effiziente Haushaltsgeräte, die möglichst lange genutzt werden, sorgen für einen geringen Energieverbrauch. Und bei der Mobilität setze ich auf umweltfreundliche Verkehrsmittel. Sie sehen: Nachhaltiges Wohnen ist möglich und keine Utopie.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johannes Schwarz, Leiter der andersLEBEN-Redaktion.

Nachhaltigkeit ist nicht gleich Verzicht: Expertin erklärt, wie Veränderung gelingen kann

Unser Leben ist CO₂-intensiv. Das möchte die Energieökonomin Claudia Kemfert ändern. Im Interview verrät die gefragte Wissenschaftlerin, wie Veränderungen gelingen können, was sie begeistert und weshalb sie die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgibt.

Frau Kemfert, Sie haben das Buch „Unlearn CO₂“ mit herausgegeben. Im Intro schreiben Sie, dass Sie eine Geschichte des Wandels erzählen und ein Kompass für den Weg aus der Frustration sein wollen. Außerdem setzen Sie sich das Ziel, Lust auf Veränderung zu machen. Wie machen Sie das?

Claudia Kempfert: Die Motivation zum Buch bestand genau darin, rauszukommen aus dieser Frustrationsfalle. Im Moment hören wir zuhauf negative Nachrichten. Wir wollen mit dem Buch zeigen: Ja, es gibt eine lebenswerte Zukunft. Dazu gehört es, Freude zu machen und auf die vielen positiven Möglichkeiten hinzuweisen. Das Buch ist letztlich ein Kompass, um aus der Frustration herauszufinden. Es befinden sich viele Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen und einem breiten Spektrum darin. Ich selbst habe ein positives Bild von der Zukunft. Am Ende des Tages geht es darum, dass wir die Umwelt und das Klima schützen sowie eine gesunde und lebenswerte Welt erhalten.

Weniger CO2, mehr Gesundheit

Ihr Buch wagt einen umfassenden Blick. Weshalb und was hat Sie darin bestärkt?

Ja, wir wollten unbedingt unterschiedlichste Perspektiven einbringen. Wie Verbraucher sich nachhaltiger verhalten und dass es eine Transformation hin zu mehr erneuerbarer Energie braucht, ist vielen geläufig. Doch wir zielen darauf ab, die Perspektive zu erweitern. Was ist etwa mit dem Bereich der Fast Fashion? Hier gibt es viele Probleme, die angepackt werden können. Oder das Thema Ernährung und Gesundheit – hier verschärft der Klimawandel die weltweite Lage. Darüber hinaus finden sich viele relevante Themen. Der umfassende Blick ist nötig, um zu einer klimaneutralen Welt zu gelangen.

„Unlearn CO₂“ heißt übersetzt „CO₂ verlernen“. Kann man das überhaupt? Oder ist das eher ein naiver Wunsch?

Nein, das ist möglich! Im Buch beschreiben die Autorinnen und Autoren, wie es geht. In den unterschiedlichen Bereichen – vom Auto bis zur Mode – ist viel Veränderung möglich. Insofern ist es möglich, CO2 zu verlernen – auf eben ganz unterschiedliche Art und Weisen.

Unser Lebensstil ist eben noch sehr CO2-intensiv und das gilt es zu verändern. Wenn wir das schaffen, haben wir eine bessere Gesundheit und sauberere Luft. Letztlich bedeutet CO2 verlernen, sich und der Gesellschaft Wohlbefinden und auch Glück zu erarbeiten.

Verändert denken

Anknüpfend an das Glück: Im Vorwort schreiben Sie davon, dass eine klimaneutrale Welt immer nachhaltiger, gesünder und sozial gerechter wird. Vermutlich geht da die Mehrheit der Bevölkerung mit. Doch ein Veränderungswunsch ist weniger ausgeprägt. Wie kann dieser angeregt werden?

Wir wollen die Angst vor Veränderungen nehmen. Wir alle verändern uns im Laufe des Lebens – wir selbst sowie die Generationen. Und auch größer: Es gibt einen Strukturwandel aus volkswirtschaftlicher Perspektive. Es gibt neue Technologien, umwälzende Veränderungen – auch im eigenen Leben.

Doch: Veränderungen sind nichts Negatives, sondern können auch etwas Positives sein. Es ist doch gut, wenn Veränderungen geschehen, hin zu einem gerechteren, gesünderen und glücklicheren Leben. Da gibt es eigentlich keine Ausreden mehr. Dass Veränderungen negativ sind, wird leider dennoch viel geäußert. Es ist hilfreich, hier einen Weg aufzuzeigen und aus klassischen Wirtschaftsinteressen rauszukommen. Hier gilt es, nicht nachzulassen und positive Schritte zu gehen.

In Ihrem Kapitel über Wachstum schreiben Sie: „Mehr Wirtschaftswachstum heißt mehr Energieverbrauch heißt mehr CO₂-Emission heißt mehr Klimakrise.“ Also ist Wachstum das Problem?

Ja, das ungebremste Wachstum, welches den Planeten zerstört, ist das Problem. Hier braucht es Veränderung hin zu einem nachhaltigen Wachstum.

Drei Komponenten sind entscheidend. Die Effizienz: Die Wirksamkeit kann erhöht werden. Die Suffizienz: Es braucht gesunde Schrumpfungsprozesse. Und die Konsistenz: Mehr Kreislaufwirtschaft und die Recyclingfähigkeit der Wirtschaftswelt. Die drei Komponenten gehören zusammen. Die Hinwendung zu einem nachhaltigen Wachstum bedeutet übrigens nicht gleich Verzicht. Stattdessen stellen wir uns besser auf und machen die Wirtschaft nachhaltiger und damit zukunftsfähig.

Haben denn Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft verstanden, dass es diese drei Komponenten braucht und diese gut austariert werden müssen?

Wenn wir allein von dem Wachstumsbegriff ausgehen und wie er auch in den Narrativen in all unseren Köpfen drin ist, muss man sagen: nein. Bislang ist es nicht gelungen, andere Indikatoren zu etablieren, die ein nachhaltiges Wachstum darstellen. Und auch die mediale Darstellung ist noch schief: Statt kurz vor der Tagesschau um 20:00 Uhr Börsenkurse zu zeigen, wäre es doch eine Idee, zu zeigen, wie es unserem Planeten und damit letztlich auch der Menschheit geht und warum. Kurz: Die bisherigen Merkmale, wie etwa auch das Bruttosozialprodukt (BIP), bauen auf einen schädlichen Wachstumsbegriff. Es gibt etliche alternative Indikatoren, die aber noch nicht ausreichend verwendet werden.

Es gibt viel Positives

Sie schreiben außerdem, man müsse Werbung machen für lebendige Natur, frische Luft, eine Stadt der kurzen Wege, faire Preise und ein friedliches Miteinander als lebenswerte Zukunft …

Ja, es wäre schön, wenn Werbung positive Beispiele und Entwicklungen anpreisen würde, so wie es für so viele Dinge Werbung gibt. Großartig wäre es, wenn wir wegkommen von den Erzählungen, die uns immer in die Bewahrung der Vergangenheit zwingen. Besser ist es, wenn wir in die positive Zukunft blicken und wir uns dahin bewegen können. Hier kann die Zivilgesellschaft eine große Rolle spielen.

Sie wirken überzeugt. Frau Kemfert, was begeistert Sie persönlich an einer klimaneutralen, nachhaltigen und sozial gerechteren Welt?

Mich begeistert alles daran. Seit mehr als 30 Jahren beschäftige ich mich mit der ganzen Thematik und schon früh habe ich erkannt, dass wir so nicht weitermachen können.

In vielen Studien habe ich untersucht, welche Wege wir beschreiten müssen, um in eine lebenswerte Zukunft zu gehen. Die Zerstörung und all das Schlimme bewegen mich, noch überzeugender zu sein, denn ein anderes Leben ist möglich. Es treibt mich an und ich finde es wichtig, dass wir darüber sprechen und viele Menschen darüber Bescheid wissen.

In Energie- und Klimadebatten sind Sie eine wichtige Stimme in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Sind Sie zufrieden damit?

Ich bin glücklich, dass ich einen Beruf habe, der mir unglaublich viel Spaß macht. Mein Motto ist: Suche dir einen Beruf, den du liebst und du brauchst nie in deinem Leben zu arbeiten. So habe ich das große Privileg und den Luxus, an Themen zu arbeiten, die mir unglaublich viel Spaß machen. Und die Erarbeitung eben dieser Erkenntnisse ist das, was mich jetzt auch seit Jahrzehnten antreibt und glücklich macht.

Seit 2021 sind Sie außerdem auch Podcasterin und betreiben beim MDR „Kemferts Klima-Podcast“. Was motiviert Sie dabei?

Mir macht es Freude, unterschiedliche Perspektiven aufzuzeigen und selbst durch die Zuhörer bereichert zu werden. Wir gehen im Podcast oftmals sehr aktuellen Themen nach und besprechen die Entwicklungen.

Natürlich dürfen auch neue Studien nicht fehlen. Spannend sind immer die Fragen der Hörer. Es macht Spaß zu hören, was die Menschen so umtreibt und welche Fragen sie haben. Die Begeisterung der Hörerschaft steckt an.

Politische Rahmenbedingungen verbessern

Wenn wir schon bei aktuellen Themen sind: Was denken Sie zur Klimakonferenz in Baku, die im November 2024 stattfand? Braucht es überhaupt solche Konferenzen?

Von der Klimakonferenz in Baku konnte man von vornherein nicht allzu viel erwarten. Die Präsidentschaft hatte mit Aserbaidschan ein Öl- und Gasland inne. Zum Start der Konferenz sagte der Staatschef, Öl und Gas seien ein Geschenk Gottes. Das war auch das Man­tra dieser Konferenz.

Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet: Die Ergebnisse der Konferenz waren nicht im Ansatz ausreichend, um die Klimakrise abzuwenden. Aber dennoch halte ich es für sinnvoll, dass solche Konferenzen stattfinden – und auch in der Regelmäßigkeit. Es ist überlegenswert, ob man nicht auch unterschiedliche Geschwindigkeiten der Handlungen einbaut: Denn es gibt Länder der Willigen, die dann schneller vorangehen wollen, denen man noch mehr Aufgaben zutraut als Bremsern oder welchen, die leiden. Ziel muss sein, einen zielführenden Weg zu zeichnen, um schneller vorwärtszukommen.

In Deutschland ist die Ampel-Koalition zerbrochen. Eine neue Wahl bringt neue Verhältnisse. Kann daraus etwas Positives für die Klimapolitik entstehen?

Das Ampel-Aus im November 2024 kam zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, um eine Regierungskrise zu haben. Gerade in Zeiten, in denen die Amerikaner eine Rolle rückwärts machen in so vielerlei Hinsicht.

Es ist wichtig, dass Europa stark ist und sich gut positioniert. Und nicht vom Klimaschutz abrückt. Nach der Neuwahl hoffe ich darauf, dass sich schnell eine Regierung bildet, die in Richtung Nachhaltigkeit unterwegs ist. Beim Klimaschutz habe ich durchaus etwas Hoffnung. Denn nahezu jede Partei hat sich verpflichtet, für Klimaschutz einzustehen. Da erwarte ich, dass das dann auch in Taten umgesetzt wird. Denn hier muss schnell sehr viel passieren.

Glauben Sie daran, dass Deutschland im Jahr 2045 klimaneutral sein wird?

Ja! Wir und viele andere Forschungseinrichtungen haben in etlichen Studien gezeigt: Deutschland kann 2045 klimaneutral sein. Das Ziel kann sehr wohl gut erreicht werden, wenn jetzt nicht Prozesse rückabgewickelt werden. Wichtig ist, dass wir beim Ausbau der erneuerbaren Energien nicht nachlassen. Barrieren, die jetzt mühselig abgebaut wurden, dürfen nicht wieder aufgebaut werden. Stabile politische Rahmenbedingungen sind entscheidend – sie geben Planbarkeit und damit auch Investitionssicherheit für Unternehmen. Dann sind die Ziele 2045 auch erreichbar.

Was schenkt Ihnen Hoffnung?

Dass sich die meisten politischen Akteure das Klimaneutralitätsziel 2045 verpflichtend ins Programm geschrieben haben. Daran müssen sie sich messen lassen, aber die Grundlage ist gegeben. Mein großer Wunsch und meine größte Hoffnung ist, dass wir Zukunftsfähigkeit gewinnen. Heißt: Dass wir als Wirtschaftsmacht durchaus mit Umweltschutz, mit Klimaschutz und mit einer grünen Technologie und Wirtschaft punkten können. Und dass wir die Wettbewerbsnachteile wieder aufholen. Dann können wir das Ansehen der Welt auch wieder genießen.

Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Johannes Schwarz. Er leitet die andersLEBEN-Redaktion.

 

Claudia Kemfert ist eine der wichtigsten deutschen Wissenschaftlerinnen für Energie- und Klimaökonomie. Seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität. Seit 2016 gehört Kemfert dem Sachverständigenrat für Umweltfragen an und berät somit die deutsche Bundesregierung. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin, gefragte Expertin für Politik und Medien und Bestsellerautorin.

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Das fossile System bröckelt. Ein Klima ohne Krise ist in Reichweite. Was es jetzt braucht: dass die Gesellschaft endlich die Abhängigkeit von CO2 verlernt – und zwar in allen Bereichen unseres Lebens. In diesem prominent besetzten Sammelband präsentieren Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Praxis, Journalismus und Aktivismus vielfältige Lösungen, mit denen wir das fossile System überwinden können. In konstruktiven und fachlich fundierten Essays zeigen sie Wege in eine klimagerechte Zukunft.

Claudia Kemfert, Julien Gupta, Manuel Kronenberg (Hrsg.): Unlearn CO₂ – „Zeit für ein Klima ohne Krise“ (ullstein)

Kemferts Klima-Podcast

Seit 2021 produziert der MDR Aktuell den „Kemferts Klima-Podcast“, Moderatoren sind Theresa Liebig und Marcus Schödel. Hier bespricht Claudia Kemfert aktuelle Studien zum Klimawandel und ordnet sie ein. Sie beobachtet die deutsche Klimapolitik und bewertet sie. Die Klimaökonomin gibt im Podcast außerdem Tipps für ein nachhaltigeres Leben.

Psychologin erklärt die Kraft der Demut

Die Wiederentdeckung der Demut kann positive Folgen für jeden Menschen haben. Psychologin Friederike Fritsche erklärt, welche Kraft in der Demut liegt und wie sie uns individuell und kollektiv angesichts neuer Herausforderung stärken kann.

Ein einleitender Abschnitt eines Artikels aus der Fach-Zeitschrift „Psychologie heute“ lautet: „Demut galt zuletzt als verstaubte Tugend. Nun wird sie von der positiven Psychologie wiederentdeckt. Denn dieses Zurücknehmen unseres Egos, dieses Anerkennen der eigenen Grenzen und Schwächen fördert unser Wohlbefinden – und schafft Verbundenheit“. Doch: Wie sah der Weg zu dieser Wiederentdeckung aus? Was lehrt Demut uns auf der Suche nach dem gelingenden Leben – im Umgang mit uns selbst, den Menschen um uns herum, als Gruppe, als Gesellschaft, im Umgang mit der Natur?

Demut – lange Zeit missverstanden

Der Begriff Demut bedeutete ursprünglich „dienstwillig, die Gesinnung eines Dienenden“. Lange wurde er mit Selbstabwertung und Unterwürfigkeit gleichgesetzt. Das gehört leider zur Geschichte der Demut, dass sie so viele Jahre auf tragische Weise missverstanden wurde. Der Brockhaus weiß also, von welchen verkrusteten Schichten dieses Wort mühsam freigekratzt werden muss: „In der Demut akzeptiert der Mensch seine eigenen Grenzen und stellt sich unter das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Demut ist somit von serviler Gesinnung ebenso abzuheben wie von Minderwertigkeitsgefühlen; sie ist vielmehr Ausdruck für das Bewusstsein von der Würde des Menschen.“ So war es wohl ursprünglich gedacht: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße, weil er es so will. Aus eigener freier Entscheidung. Im Bewusstsein seiner Würde und der Würde seiner Jünger.

Die Psychologie hat seit etwa 25 Jahren eine moderne, multidimensionale Per­spektive auf Demut entwickelt und viele Zusammenhänge erforscht. Demut fördert zum Beispiel Wohlbefinden und Beziehungsqualität, mindert Depressionen und die Angst vor dem Tod, der ultimativen Grenze des Lebens. Wie schafft die Demut das? Einige Aspekte erscheinen mir zentral.

„Angemessene“ Einschätzung

Demütige Menschen schätzen die eigenen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen angemessen ein. Die englische Formulierung der Sozialpsychologin Pelin Kesebir fasziniert mich: „the ability to see the self in true perspec­tive.“ Demut ist demnach die Fähigkeit, das Selbst aus einem „wahren“, also angemessenen, realistischen Blickwinkel zu sehen. „True“ im Sinne von „Ja, so ist es, so bin ich, so bist du“. Wie viel Energie würde dadurch frei werden, wenn ich oder wir als Gruppe nicht mehr damit beschäftigt wären, ein Idealbild zurechtzuzimmern und zu verteidigen. Diesem existentiellen Kern begegne ich am brennendsten, wenn ich mal wieder einen Fehler gemacht habe und es ganz tief in mir spüre, das Unbehagen.

Grenzen und Fehler eingestehen

Demütige Menschen erkennen die eigenen Unvollkommenheiten und Grenzen an und sind bereit, eigene Fehler zu erkennen und einzugestehen. Ich denke an das tiefe Gespräch mit guten Freunden im Urlaub: Wie geht ihr mit Kritik um, erlebt ihr da auch so einen tiefen Schmerz? Das Teilen war der erste Schritt. Wie viel Energie würde frei werden, wenn ich die nächsten Schritte gehen könnte: Ich mache meinen Frieden damit, dass ich, und auch alle anderen, eben nicht vollkommen sind. Ich darf aussteigen aus der ermüdenden Selbstbeschäftigung und -verzerrung, um mich besser dastehen zu lassen. Wir könnten im Streit oder in der Rückschau auf etwas eingestehen: Ja, das war ein Fehler, tut mir leid. Das wäre der selbstbestimmte Ausstieg aus dem Kampf ums Ego. Die Demut hält mir dafür die Tür offen. Und wenn ich dann mit mir selbst barmherziger bin, kann ich das auch mit anderen sein. Das moderne Wort dafür ist Selbstmitgefühl, geprägt von Psychologin Kristin Neff. Das heißt, dass ich mit mir selbst genauso freundlich umgehe wie mit einem Menschen, den ich sehr gerne mag.

Es geht hier aber um viel mehr als bessere Selbsteinschätzung und Konfliktbewältigung, nämlich um eine sehr grundsätzliche Frage: Wie komme ich in die Kraft, das Nötige zu tun angesichts von so vielen Krisen um uns herum? Ein entscheidender Schritt ist, dass ich meinen Frieden damit schließe, dass ich so manches Sehnsuchtsziel eben nicht erreichen kann – in meinem Beruf, in der Familie oder im Umgang mit der Klimakrise. Es liegt nicht alles in meiner Hand. Das klingt ziemlich ernüchternd und gleichzeitig so erleichternd. In meiner Ausbildung habe ich oft den Satz gehört: „Aus dem Anerkennen der eigenen Grenzen entsteht Kraft“ – die Kraft, das anzupacken, was in meinem Gestaltungsbereich liegt. Wo dieser Bereich endet, da können wir immer wieder die Demut befragen – und werden erleben, dass er paradoxerweise größer wird, wenn wir manche Grenze akzeptieren. Ich erlebe das als Schlüssel gegen Ohnmacht und Blockaden angesichts sich auftürmender Krisenberge. Denn das Gefühl von Ohnmacht und Stress sind unsere ständigen Begleiter im Leben: In unserem Inneren entstehen ständig drei zutiefst natürliche Reaktionen auf mögliche Bedrohungen um uns herum. Das kann ein Streit oder die Klimakrise sein: Wir greifen an, (be)kämpfen (fight), oder wir ergreifen (innerlich) die Flucht (flight), oder wir erstarren (freeze). Unsere Lebensherausforderung ist, uns darüber immer wieder bewusst zu werden, denn in diesen Zuständen ist keine „angemessene“ Einschätzung von uns selbst und anderen möglich.

Das große Ganze

Demütige Menschen legen weniger den Fokus auf die eigene Person, sondern sehen sich selbst als Teil eines größeren Ganzen und sehen ihre eigenen Beiträge im Rahmen dieses größeren Ganzen. Für religiöse Menschen heißt dieses „größere Ganze“ Gott. Spürbar ist es für alle Menschen in der Natur. Wir staunen, fühlen uns verbunden, kommen zur Ruhe und Reflexion, entdecken, wie klein wir sind. Die Wiederentdeckung der Demut in und gegenüber der Natur ist der überfällige Gegenpol zur ausbeuterischen Grenzenlosigkeit der letzten Jahrzehnte. Und die Chance, wie wir als Gesellschaft eine weitere Kurve im notwendigen Umdenken kriegen könnten.

Die Natur „lehrt uns Demut“, wie viele es ausdrücken. Diese „Lehrerin“ Natur spüren wir oft im wunderbar positiven Sinne: in den Bergen, beim Sonnenuntergang, im Wald. Aber lassen wir auch die schmerzhafte Form zu? Ich meine das Mitleiden mit der gestressten oder zerstörten Natur. Es wird immer offensichtlicher und schwingt auch bei wunderbaren Naturerfahrungen mit. Welke Bäume im Sommer, ein nicht mehr vorhandener Gletscher. Es gibt unzählige Beispiele, vor unserer Haustür und weltweit. „Solastalgie“ ist ein relativ neuer Fachbegriff für den Schmerz über den Verlust tröstlicher heimatlicher Geborgenheit, ausgelöst durch Umweltzerstörung. Der Begriff wurde von einem Umweltwissenschaftler geprägt, um die emotionale Reaktion der Menschen auf die Zerstörung ihrer Heimat zu beschreiben. Ich glaube, wir müssen dieses Gefühl, diesen Schmerz bewusst zulassen, um dann wieder die zu einer „angemessenen“, demütigen Einschätzung zu kommen, jenseits von „fight, flight, freeze“. Dazu brauche ich, wie bei allen wirklich wichtigen Dingen im Leben, andere Menschen.

Offen gegenüber Menschen und Ideen

Demütige Menschen sind offen gegenüber Menschen und neuen Ideen – auch scheinbar widersprüchlichen. Demut ermöglicht, wertschätzend auf die Vorzüge und Werte anderer fokussiert zu sein, statt auf sich selbst, ohne dabei etwas vom eigenen Selbstbewusstsein einzubüßen. Mit dieser Haltung wäre so viel möglich: Ich würde versuchen, die innere Landkarte meines Mitmenschen, sei es meines Partners oder meiner Partnerin oder einer zufälligen Bekanntschaft, wirklich zu verstehen, auch wenn mir manches erstmal fremd erscheint. Dann wäre der Weg frei, um Menschen oder Initiativen in meiner Umgebung zu finden, die vielleicht erst auf den zweiten Blick Gleichgesinnte sind. Denn wenn wir es schaffen wollen, dann geht es nur gemeinsam. Ich stelle mir vor: Die Demut wäre begeistert, dass wir uns die Mühe machen, ihren ganzen Schatz zu heben, und wäre sofort bereit, mitzumachen, wenn wir auf diese Weise Schritte wagen.

Friederike Fritsche ist Diplom-Psychologin in freier Praxis in Nürnberg.

Vesperkirche: Mehr als nur Armenspeisung

Jedes Jahr zwischen Januar und März öffnet die Leonhardskirche in der Stuttgarter Innenstadt für sieben Wochen ihre Tore für Wohnungslose, Prostituierte und Suchtkranke. Dort gibt es eine warme Mahlzeit, Fußpflege, medizinische Versorgung und vieles mehr.

Vor dem Kirchenportal steht ein Schild: „Alle sind willkommen: Diskriminierung, Diebstahl und sexueller Missbrauch werden nicht toleriert.“ Beim Betreten der Kirche schlägt dem Besucher Wärme, der Duft von Maultaschen und die Geräuschkulisse angeregter Gespräche entgegen. Menschen jeden Alters sitzen an Tischen beisammen, genießen ein schwäbisches Gericht und unterhalten sich. Im Seitenschiff des Kirchenraums ist ein langes Buffet aufgebaut, an dem die Gäste für einen symbolischen Euro ein warmes Mittagessen erhalten und sich ein Vesper, also ein Lunchpaket, für den Abend mitnehmen dürfen. Von der Kanzel wird gerade wie jeden Mittag um Punkt zwölf Uhr eine kurze Andacht verlesen. Danach folgen die Abkündigungen: Heute kommt die Fußpflegerin, am Sonntagnachmittag wird der aus Freunden der Vesperkirche bestehende Chor „Rahmenlos und frei“ auftreten. Eintritt frei!

Menschen, die sich sonst nicht begegnen, sollen an einem Ort zusammenkommen, um miteinander zu leben: Das ist die Vision der Vesperkirche. Diakon Martin Friz sprach diesen Gedanken 1994 aus und bereits wenige Monate später öffnete die Vesperkirche zum ersten Mal ihre Tore. Damals nahmen rund 70 Menschen pro Tag dankbar ein Mittagessen entgegen, diesen Winter werden es voraussichtlich täglich bis zu 800 Menschen sein. Leben teilen – dieser Grundgedanke besteht bis heute. Deswegen ist die Vesperkirche weit mehr als eine Armenspeisung. Neben einem warmen Mittagessen wird dort Fußpflege und ärztliche Behandlung angeboten. Einmal pro Saison gibt es eine Tierimpfung für vierbeinige Begleiter und jeden Sonntag um 16 Uhr ein kulturelles Programm. Außerdem bietet die offene Kirche Zeit und Raum für Gespräche.

Mehr als genug Ehrenamtliche

Die Leonhardskirche liegt ein wenig außerhalb der ehemaligen Stadtmauer nur wenige Gehminuten von der Einkaufsmeile „Königstraße“ entfernt am Rande des Rotlichtviertels. Heute hat Pfarrerin Gabriele Ehrmann die Federführung der Vesperkirche, unterstützt von einem Team aus den Diakonen Kurt Klöpfer und Elmar Bruker, sowie einem engagierten Küchenteam unter der Leitung von Marc Striffler. Hinzu kommen hunderte ehrenamtliche Helferinnen und Helfer: Schulklassen machen mit der Religionslehrerin einen Ausflug in die Vesperkirche und schmieren drei Stunden lang Brote fürs „Vesper“, Rentnerinnen und Rentner stellen ihre Zeit zur Verfügung und die Studierenden der nahegelegenen Uni kommen in ihrer Mittagspause vorbei. Bereits wenige Wochen nach dem Öffnen der Kirchentüren ist die Liste der ehrenamtlichen Helferinnen regelmäßig überfüllt – keine weiteren Helfer werden benötigt. Wer das Projekt dennoch unterstützen möchte, kann dies gerne in Form von Spenden tun. Aktuell ist die Vesperkirche Stuttgart noch bis zum 08. März 2025 geöffnet. (vesperkirche.de)

Catharina Bihr ist Bildungsreferentin für Freiwilligendienste und freie Autorin.

Polarforscher Arved Fuchs: Die Arktis ist ein Frühwahrnsystem der Natur

Er war Extremsportler, jetzt leitet er Expeditionen in die Polarregionen, erforscht die Meere und klärt über den Klimanwandel auf. Im Interview erklärt Arved Fuchs, warum ihm die Natur so wichtig ist und was ihn am meisten erschüttert hat.

Wir treffen uns passenderweise auf dem Extremwetterkongress in Hamburg, kurz nach den heftigen Überschwemmungen in Österreich und Osteuropa. Da ist Arved Fuchs erst wenige Tage von seiner Forschungsreise in die Barentsee zurück. Drei Monate lang ist der 71-Jährige mit einer internationalen Crew und seinem über 90 Jahre alten Segelschiff Dagmar Aaen von Flensburg zur Bäreninsel gesegelt, hat Forschungsdaten gesammelt und über die drastischen Veränderungen der Ozeane die Öffentlichkeit informiert.

Expeditionen auf See

Ein paar Tage ist Ihre Reise erst her. Finden Sie es schön, mal wieder an Land zu sein, oder wären Sie am liebsten sofort wieder auf dem Ozean?

Arved Fuchs: Nein, wir sind jetzt 90 Tage unterwegs gewesen, mit zehn Personen auf einem relativ kleinen Schiff ohne Privatsphäre. Wir haben eine ganz tolle Crew, das bringt auch viel Spaß, aber irgendwann braucht man mal wieder Freiräume für sich selbst. Ich bin kein Aussteiger. Ich freue mich auch auf das Leben hier zu Hause. Man ist wie eine Batterie, die auf einer solchen Expedition mit Eindrücken geladen wird. Und jetzt speist man sich wieder aus dieser Batterie, und diese ganzen Eindrücke kommen zurück.

Was sagt Ihre Frau zu Ihren Reisen – kommt sie mit?

Meine Frau ist auch Ozean-Fan – und ja, sie war jetzt auch diese ganze letzte Expedition mit dabei. Sie ist auch schon Hundeschlitten mitgefahren. Ich glaube, wenn sie nicht auch begeistert wäre, dann würde so eine Beziehung nicht seit 40 Jahren halten.

Sie sind auch seit über 30 Jahren mit Ihrem historischen Fischereisegler unterwegs, den Sie 1988 restauriert haben. Warum hängen Sie daran und haben nicht längst ein modernes Forschungsschiff aus Hightech-Materialien?

Diese traditionellen Schiffe haben natürlich einen ganz besonderen Charme. Wenn Sie mit einer High-Tech-Yacht bei einer kleinen grönländischen Siedlung vor Anker gehen, ist da immer eine Barriere, eine Diskrepanz, da traut sich keiner hin. Aber so ein altes Holzschiff, das lädt quasi ein zum Dialog. Und auch hier wirkt es natürlich abenteuerlich romantisch und spricht damit Menschen an. Das andere ist, dass es ausgezeichnete Seeschiffe sind. Man wird damit nie eine Regatta gewinnen können. Aber in der Langsamkeit des Reisens liegt ja auch eine besondere Erlebnisdichte.

Polarforscher – Hightech auf dem Segelschiff

Gleichzeitig haben Sie viele High-End-Messgeräte und eine Wetterstation dabei …

Ja, wir arbeiten zusammen mit dem Institut für Ostseeforschung und anderen Organisationen. Wir können CO2, Salzgehalt, Temperatur, Chlorophyll und verschiedene andere Daten im Oberflächenwasser messen und haben eine automatische Wetterstation für den Deutschen Wetterdienst mit an Bord. Über Satelliten werden die Daten in Echtzeit ans Geomar nach Kiel geschickt und dort sitzen die Fachleute, die damit arbeiten und sie analysieren. Ich bin selbst kein Wissenschaftler und früher wurde man auch mal belächelt, aber heute bezeichnen die Wissenschaftler unser Schiff als „Ship of Opportunity“ – also ein Schiff, das die Gelegenheit bietet, Messdaten zu erfassen, wo sonst kein Schiff unterwegs ist. Denn so viele Forschungsschiffe gibt es nun auch wieder nicht. Und mit so einem kleinen Schiff haben wir wiederum ganz andere Möglichkeiten. Wir sind langsamer unterwegs, der Zeitfaktor spielt bei uns keine große Rolle. Also man kann ergänzend tätig sein und gleichzeitig Wissenschaftskommunikation betreiben über die sozialen Medien.

Während der Reise haben Sie einen Blog geführt und die Farbe des Wassers gemessen. Was steckt dahinter?

„Eye on Water“ nennt sich das und wird vom Institut für Ostseeforschung aus Warnemünde organisiert. Das Prinzip gibt es aber schon seit rund 100 Jahren. Das Wasser hat unterschiedliche Färbungen, beeinflusst durch Plankton, durch Verunreinigung, durch ganz viele verschiedene Dinge. Und aus der Farbe des Wassers können Wissenschaftler Rückschlüsse ziehen. Früher hat man draufgeguckt und mit einer Farbtafel verglichen. Heute geht das etwas eleganter. Diesmal haben wir das weiter intensiviert und ganz vorne am Klüverbaum eine programmierbare, wasserdichte Kamera installiert und die hat jede Viertelstunde eine Aufnahme vom Wasser gemacht und die Daten haben wir ausgelesen. In Verbindung mit der Position, mit der Wolkendecke und anderen Faktoren ist das eine enorme Datendichte, die neu ist für die Wissenschaft.

Aufklärung über den Klimawandel

Dieses Jahr ging die Expedition zur Bäreninsel, von der ich noch nie gehört hatte. Warum?

Die Bäreninsel liegt mitten in der Barentssee, die an das Nordpolarmeer angrenzt. Die Bäreninsel liegt etwa auf halbem Weg von Norwegen nach Spitzbergen und ist unbewohnt, bis auf eine kleine norwegische meteorologische Station. Sie ist auch historisch interessant. Es gibt eine alte Walfangstation, alte Kohlenminen und das ist ein weiteres Vehikel, um Menschen dafür zu interessieren. Dies merken wir über den Zuspruch in den sozialen Medien, und dann können wir weitere Informationen weitergeben. Die Barentsee ist im langjährigen Mittel im Durchschnitt 3 bis 5 Grad Celsius zu warm, in den Spitzen sogar um 7,5 Grad Celsius. Da bleibt einem der Atem stocken – 7,5 Grad zu warm! Wenn die Lufttemperatur im Sommer 7,5 Grad zu warm wäre, dann wäre das dramatisch. Es ist eben ein Abenteuer, dorthin zu segeln, anzulanden, mit dem Schlauchboot verankert zu liegen, mit den Menschen zu sprechen, zu zeigen, wie schön diese Insel ist, auch wenn sie eine karge arktische Insel ist. Auf der anderen Seite eben auch auf die Probleme hinzuweisen, nicht belehrend, sondern einfach informativ – das ist meine Intention.

Wie kam es, dass Sie auch zum Aufklärer wurden?

Als ich anfing, war es für mich das große Abenteuer und die sportliche Herausforderung im Extrembereich. Das war alles, was ich leisten konnte und wollte. Aber man wird ein sehr guter Beobachter und die schleichenden Veränderungen in der Natur machen einen nachdenklich. Die Arktis, wo ich überwiegend gewesen bin, erwärmt sich gut dreimal so schnell wie der Rest der Welt. Sie ist also eine Art Frühwarnsystem der Natur und das hat mich, um im Bild zu bleiben, nicht kalt gelassen. Ich glaube, als Zeitzeuge steht man auch in einer gewissen Pflicht, über die unangenehmen Dinge zu berichten und nicht einfach nur spannende Geschichten und schöne Bilder nach Hause zu bringen. Ich versuche, objektiv zu informieren. Aber man ist natürlich immer irgendwie auch subjektiv geprägt. Ich habe viele Freunde unter der indigenen Bevölkerung, die mit dem Klimawandel umgehen müssen und die Auswirkungen zuallererst zu spüren bekommen. Das wühlt mich auf. Außerdem habe ich eine ausgeprägte Liebe zur Natur. Ich bin gerne auf dem Wasser. Ich bin gerne in der Arktis, in der Antarktis. Ich bin gerne in der Natur unterwegs. Und deshalb tut es einem weh, wenn man merkt, dass mit großer Ignoranz all das verändert und zerstört wird.

Gab es ein Erlebnis auf Ihren Reisen, das Sie besonders getroffen hat, was die Erderwärmung angeht?

Ein einschneidendes Erlebnis war 2002, als wir nördlich von Sibirien mit dem Schiff lang gesegelt sind, die sogenannte Nordostpassage, die immer mit Eis blockiert gewesen war. Dreimal sind wir in den 90er-Jahren dran gescheitert, weil kein Durchkommen war. 2002 war sie plötzlich weit offen und man kam ohne Probleme, ohne Eiskontakt durch. Das war für mich so absurd. Entweder war es ein ganz ungewöhnlicher Sommer, was viele damals gesagt haben, oder es war eine Tendenz. Und es hat sich gezeigt, dass es eine Tendenz ist. Das hat mir, ehrlich gesagt, die Unbefangenheit dieser Reisen, wie ich sie früher hatte, genommen. Ich werde bisweilen zornig, wenn ich sehe, wie Populisten den Klimawandel leugnen, obwohl die ganzen Daten, die Erkenntnisse auf dem Tisch liegen. Wenn ich sehe, dass gerade viele junge Menschen AfD wählen, auch weil die in den sozialen Medien so präsent sind, dann muss man dem entgegensteuern, Fakten aufzeigen. in unserem Fall mit so einem Abenteuerambiente, einem Segelschiff in rauer See. Wir versuchen, sie über die sozialen Medien mitzunehmen und sie für die Umwelt zu begeistern.

Müll in der Arktis

2015 haben Sie das Ocean-Change- Projekt gegründet, eine jährliche Expedition. Was ist das Ziel?

Die Ozeane machen über siebzig Prozent der Erdoberfläche aus. Es sind die größten Naturlandschaften, die wir haben. Alles Leben stammt aus den Ozeanen. Sie sind die größten CO2-Speicher und damit entscheidend für das Klima. Aber was da passiert, findet oftmals unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wir möchten diese Ozeane ins Wohnzimmer der Menschen bringen, sie damit konfrontieren. Viele kennen Ozeane nur als touristische Destination mit Strand und Badeurlaub. Wir sagen: Wir benutzen die Ozeane als Müllkippe. Warum findet man auf einer völlig unbewohnten, einsamen Insel in der Arktis Flipflops und Cremedosen? Weil das alles dorthin transportiert wird. Wir dokumentieren Fischereinetze mit verendeten Tieren, sogenannte Geisternetze, die weltweit herumtreiben, immer weiter fangen und verheerende Auswirkungen haben bei Delfinen, Fischen, Robben. Das ist etwas, was wir im Rahmen dieses Ocean-Change-Projektes transportieren möchten.

Was wünschen Sie sich für die Ozeane?

Ich wünsche mir eine Wertschätzung. Ozeane sind der größte Lebensraum, den wir auf der Erde haben. Wir brauchen Schutzgebiete in den Ozeanen, Überfischung ist ein Riesenpro­blem. Wir brauchen diesen berühmten Schulterschluss aller gesellschaftlichen Kräfte. Wir brauchen die Industrie, wir brauchen die Politik. Wir brauchen alle gesellschaftlichen Akteure und wir müssen aufhören, so zu tun, als gäbe es die Probleme nicht. Wir müssen ins Handeln kommen, das ist der entscheidende Faktor. Und es ist auch ganz wichtig zu kommunizieren, dass wir schon eine Menge geschafft haben. Wenn ein Industrieland wie Deutschland mittlerweile seinen Strommix zu über fünfzig Prozent aus erneuerbaren Energien bezieht, dann ist das schon ein Pfund, mit dem wir wuchern können. In den 80er-Jahren hätte man Sie ausgelacht, wenn Sie mit dieser Vision gekommen wären. Insofern haben wir ja etwas geschafft. Bloß ist es viel zu wenig und wir dürfen trotz aller Krisen und Probleme – auch wirtschaftlicher Natur – nicht nachlassen, dieses Problem als eines der Kernprobleme unserer Zeit zu erkennen. Viele Kriege, Konflikte, die es weltweit gibt, resultieren aus dem Klimawandel. Und diese Extremwettergeschehnisse, die wir haben, kosten die Volkswirtschaften nicht nur unendlich viel Geld, sondern generieren unendlich viel Leid.

Brauchen bessere Berichterstattung

Ich nehme beim Thema Klima insgesamt eine gewisse Müdigkeit wahr und auch Frust: Jetzt verzichte ich schon zehn Jahre auf Fleisch und fliege nicht und das Klima ist immer noch nicht gerettet …

Ja, das Thema Klimawandel ist irgendwie präsent, aber hat nicht mehr die Bedeutung wie noch vor dem Ukraine-Krieg. Aber gerade deshalb müssen wir doch weitermachen. Ich komme, wie gesagt, aus dem Extremsportbereich. Und wenn ich in einen Schneesturm gerate und mein Schlitten kaputt ist und ich mich hinsetze und sage: „Nun weiß ich auch nicht weiter, das ist aber ungerecht, dass das Wetter nun plötzlich so schlecht ist“ – dann sterbe ich auf einer solchen Expedition. Man muss doch jetzt erst recht weitermachen, auch wenn das bisher nicht gereicht hat. Und Veränderungen müssen ja nicht schlechter sein – ich muss auf alles verzichten, darf jetzt gar nichts mehr und keine Freude mehr haben –, sondern Veränderungen können ja auch positiver Natur sein. Es ist eben der Schritt nach vorne in eine etwas andere Lebensphilosophie und andere Rahmenbedingungen. Was bedeutet für mich Glück? Was bedeutet für mich Zufriedenheit? Ich glaube, diese Definition für sich zu finden, würde uns weiterhelfen.

Wie sollten Medien aus Ihrer Sicht heute Klimathemen kommunizieren?

Ich wünsche mir vom Journalismus, dass positive Ansätze gezeigt werden. Ich habe mit den Medien beim Thema Wärmepumpen so meine Probleme gehabt. Der Wärmepumpenmarkt ist eingebrochen, die Leute fangen wieder an, Ölheizungen einzubauen. Momentan sind die Spritpreise so billig, wie seit langem nicht mehr, aber das muss doch mal durchleuchtet werden, dass das nicht so bleiben wird und dass man damit dieser fossilen Lobby in die Hände spielt. Ich wünsche mir, dass man auch mal sagt, eine Wärmepumpe kann im Sommer auch kühlen und Hitze wird ein zunehmendes Problem für uns sein. In Skandinavien ist das mittlerweile Standard. Wir Deutschen tun immer so, als wären wir die Speerspitze der Ökobewegung und des Klimaschutzes, aber das ist völlig daneben. Wir sind nicht mal im Mittelfeld angesiedelt. Andere Länder sind da viel, viel weiter, ohne in Depression zu verfallen und ohne Maßnahmen und Mittel immer zu hinterfragen. Sie machen es einfach. Und von den Medien würde ich mir auch wünschen, dass sie ein bisschen Mut machen und sagen: Go for it – lasst uns das machen!

Sie sind schon immer ganz viel in der Natur unterwegs gewesen. Erleben Sie das als besondere Kraft?

Ganz klar: ja. Ich habe die Natur immer als eine große Ressource empfunden, mich selbst buchstäblich zu erden, zu resetten. Raus aus dieser Hightech-Welt, aus Termindruck und allem, womit man sich sonst umgibt. Und dazu muss man nicht zum Nordpol oder zur Bäreninsel fahren, das kann auch einfach mal ein Spaziergang in der Lüneburger Heide oder im Stadtpark sein, wo man die Natur auf sich wirken lässt. Das hat für mich eine Spiritualität. Ich bin kein religiöser Mensch. Ich glaube nicht an eine übergeordnete Macht – oder wenn es die gibt, dann ist es für mich die Natur. Ich glaube, wir müssen aufhören, die Natur und uns auseinanderzudividieren, sondern wir müssen uns als integraler Bestandteil dieser Natur verstehen und unseren Standort dort auch drin finden und nicht erwarten, dass die Natur funktioniert, wie wir sie gerne hätten. Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen, das ist wirklich die große Tragik der Menschheit. Deshalb ist, glaube ich, dieses Naturempfinden etwas ganz, ganz Wichtiges.

Interview: Anja Schäfer

Arved Fuchs ist ein deutscher Polarforscher, Abenteurer und Buchautor, der durch seine Expeditionen in die Arktis und Antarktis internationale Bekanntheit erlangt hat. Er war 1989 der erste Mensch, der sowohl den Nord- als auch den Südpol innerhalb eines Jahres zu Fuß erreichte. Fuchs ist für seine extremen Unternehmungen bekannt – oft in traditioneller Ausrüstung – und engagiert sich intensiv für den Umwelt- und Klimaschutz. Mit seinem Segelschiff Dagmar Aaen führt er regelmäßig Forschungsreisen durch, um auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen.

Tut gut und schmeckt gut: Familie lebt „in Teilzeit“ vegan

Weil die Ärztin es empfiehlt, stellt eine Familie auf vegane Ernährung um. Erst zeitweise, seitdem aber regelmäßig. Der Grund: Es tut gut und schmeckt gut.

Von Katharina Waffenschmidt

Ich lebe in Berlin und vegan zu sein, ist hier nicht ungewöhnlich. So gut wie jedes Café bietet veganes Gebäck und die Milch zum Kaffee in allen Alternativen an. Es gibt vegane Restaurants und ganze Abteilungen in Supermärkten, die sich auf vegane Kundschaft spezialisieren. Auch ich kaufe hier manches ein, esse aber ebenso Milch und Joghurt zum Müsli, verzichte nicht gerne auf Butter, Käse und zwischendurch Fleisch. Aber Neues auszuprobieren, macht Spaß und schmeckt mir meist auch.

„Sie steigen auf vegane Ernährung um!“

So habe ich es mit dem Essen bisher gehandhabt. Bis zu dem Tag, als ich mit meinem an Corona erkrankten Mann bei der bereits fünften Ärztin saß, in der Hoffnung, endlich eine Behandlung der Symptome zu finden. Die Ärztin machte ein großes Blutbild, um sich an eine gezielte Behandlung heranzutasten, und verabschiedete uns mit dem Satz: „Als Allererstes steigen Sie sofort auf vegane Ernährung um, um die Entzündungswerte zu senken!“

Aha – mit veganer Ernährung senkt man also Entzündungswerte im Körper? Mit dieser neuen Erkenntnis machte ich mich auf die Suche nach Rezepten, die nahrhaft, aber auch schmackhaft sein sollten. Das waren meine Hauptkriterien. Es soll schmecken, damit wir als Familie mitmachen können, statt doppelt zu kochen. Und es soll praktikabel sein, damit wir über mehrere Wochen durchhalten – genau genommen waren es zwei Monate.

Vier Erkenntnisse

Nach dieser Erfahrung kann ich sagen:

  1. Mein Mann wurde wieder gesund. Natürlich nicht nur durch die Ernährung, aber sie war ein wichtiger Baustein im Prozess.
  2. Nicht alles schmeckt uns und es brauchte etwas Zeit, um das herauszufinden. Wir haben viele Varianten an Ersatzprodukten ausprobiert und festgestellt, dass wir vegane Brotaufstriche lieben. Käse-, Wurst- und Fleischersatz, der dem Geschmack des Originals nachempfunden ist, jedoch weniger.
  3. Daraus folgt, dass wir bei veganer Ernährung mehr Gemüse und Obst essen. Wenn nämlich die Ersatzprodukte für gewohnte Zutaten wegfallen, müssen wir beim Kochen kreativer werden. Das führt insgesamt zu mehr Versionen von Gemüse.
  4. Wir essen gerne Süßes. Da es sehr gute vegane Varianten gibt, fühlt sich die Umstellung nicht nach Spaßverderber an. Was nicht nur Kindern wichtig ist …

Seither haben wir begonnen, jedes Jahr einen veganen Monat zu halten. Einfach so, weil es dem Körper eine Art Reset ermöglicht und nebenbei für mehr Achtsamkeit beim Essen sorgt. Denn jede Umstellung bedeutet eine Irritation in den Abläufen und Gewohnheiten des Lebens. Das hilft, diese regelmäßig zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern.

Nach dem Monat stelle ich außerdem schöne Nebeneffekte fest, an die ich vorher gar nicht gedacht hatte: Die Haut wird klarer, ich fühle mich leichter und merke, wie ich nach den veganen Wochen fast automatisch auch weiterhin mehr Gemüsegerichte koche. Nicht weil ich muss, sondern weil es gut schmeckt und ich mir die Gerichte in dieser Zeit wieder angewöhnt habe. So kann auch mit kleinen Schritten einiges entspannt in den Alltag einfließen, das den Lebensstil nachhaltig positiv verändert.

Katharina Waffenschmidt hat sich im Präsidium von IJM Deutschland gegen moderne Sklaverei engagiert und arbeitet selbständig als Künstleragentin und Trauerbegleiterin für Sternenmütter.

Natürliche Ressourcen: Alle Menschen könnten gut auf der Erde leben

Der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen beginnt bei jedem Einzelnen. Die Berechnung des persönlichen ökologischen Fußabdrucks ist da ein Anfang, erklärt der Experte Johannes Küstner von Brot für die Welt.

Ein CO2-Rechner erklärt mir, für wie viel CO2-Ausstoß ich verantwortlich bin. Ihr bei „Brot für die Welt „messt den ökologischen Fußabdruck. Welcher Gedanke steckt dahinter?

Die Wissenschaftler Mathis Wackernagel und William Rees sind in den 1990er-Jahren aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive rangegangen. Sie haben gesagt: „Jedes Unternehmen hat doch eine Einnahmen- und eine Ausgabenrechnung. Man guckt, wie viel Geld man einnimmt und kann in der Regel auch nur so viel ausgeben. Wie seltsam ist es, dass wir für die ökologischen Ressourcen, die unsere Lebensgrundlagen sind, so eine Einnahmen- und Ausgabenrechnung nicht machen, sondern einfach verbrauchen, als wäre unendlich viel davon da und damit auch Substanz zerstören. Und dann haben sie so eine Einnahmen- und Ausgabenrechnung erstellt, eine Ökobilanz.

Wie kann man eine solche Bilanz für den ganzen Planeten errechnen?

Man stellt die Frage: Was gibt es eigentlich auf der Welt für Flächen, die uns Umweltdienstleistungen zur Verfügung stellen? Eine Ackerfläche beispielsweise hat die höchste Bioproduktivität, weil sie uns Nahrung liefert. Ein Wald hat auch eine relativ hohe Bioproduktivität, ein Ozean eine etwas geringere, weil da nur an den Küstenregionen Fische entnommen werden und CO2 gespeichert wird. Und eine Wüste hat eine sehr geringe Bioproduktivität, weil da nichts wächst. So wurde über Satellitenaufnahmen ausgerechnet, welche Flächen es auf der Welt gibt und wie hoch ihre Umweltdienstleistungen sind. Die Gesamtheit dieser zur Verfügung stehenden Umweltdienstleistungen ist die Biokapazität. Wenn der Mensch mehr verbraucht, als Biokapazität vorhanden ist, dann betreibt er Raubbau.

„Wenn der Mensch mehr verbraucht, als Biokapazität vorhanden ist, dann betreibt er Raubbau“

Wisst ihr, wer den Rechner vor allem nutzt?

Ungefähr 40 Prozent der Nutzer sind unter 20, aber es benutzen ihn Leute aus allen Altersgruppen. Zuschriften kommen sogar überwiegend von älteren Leuten, die sehr umweltbewusst leben und dann frustriert sind, dass ihr Fußabdruck so schlecht ist. Das Beantworten nenne ich inzwischen Ökoseelsorge. Es geht darum, zu verarbeiten: Was mache ich jetzt mit dieser Erkenntnis, dass mein Fußabdruck überhaupt nicht nachhaltig ist?

Was antwortet ihr diesen Leuten?

Oft sind es Leute, die schreiben: „Ich baue doch schon Gemüse in meinem Garten an“ oder so. Wenn sie dann auch kein Auto fahren und nicht fliegen, haben sie gar nicht mehr so viele Optionen, mit persönlichen Verhaltensänderungen ihren Fußabdruck zu verkleinern. Denen sagen wir: „Es hat eigentlich keinen Sinn, jetzt noch mehr Energie da reinzustecken, weiter den persönlichen Fußabdruck zu verkleinern, sondern es ist viel besser, wenn Sie die vielen Kompetenzen, die Sie haben, der Gesellschaft zur Verfügung stellen, sodass andere Leute auch lernen zu gärtnern oder ohne Auto zurechtzukommen oder so.“ Es ist nur schwer möglich, einen nachhaltigen Fußabdruck zu erreichen, weil der Sockelbetrag in Deutschland schon so hoch ist.

Nämlich die allgemeinen Ressourcen, die das Leben in Deutschland verbraucht?

Ja. Sockelbetrag meint, dass wir in unserer Gesellschaft viele Dinge nutzen, deren Ökobilanz wir nicht unmittelbar selbst beeinflussen können. Wir profitieren von Straßen, Öffentlichem Nahverkehr, Polizei – die ganze öffentliche Daseinsversorgung. Wenn die Gesellschaft insgesamt richtig nachhaltig funktionieren würde mit maßvoller E-Mobilität, fairen Produkten und so weiter, würde dieser Sockelbetrag deutlich geringer ausfallen. Ich versuche den Leuten auch zu erklären, dass die Intention dieser Seite nicht ist, dass man sich jetzt stresst: Wie schaffe ich es bloß, diesen fairen Wert zu erreichen? Sondern eine wesentliche Funktion des Fußabdrucks ist, zu zeigen, wie gewaltig der Veränderungsbedarf ist und dass zu dem persönlichen Verhalten die Strukturveränderungen notwendigerweise hinzukommen müssen.

Macht man den Leuten mit so einem Rechner dann aber nicht ein schlechtes Gewissen – obwohl das Problem bei den Strukturen und in der Wirtschaft und Politik liegt?

Ich finde, man muss das nicht so gegeneinander ausspielen, sondern man kann auch versuchen, das Interesse der Menschen an Umweltschutz und an eigenen Veränderungsmöglichkeiten zu nutzen. Und sie dann auch ermutigen, sich politisch zu engagieren.

Ausgerechnet der Öl- und Gaskonzern BP hat ja vor 20 Jahren einen CO2-Rechner beworben, um bewusst von seiner Verantwortung abzulenken und sie auf den Einzelnen abzuwälzen …

Ich finde das auch kritisch zu hinterfragen, warum BP einen CO2-Rechner bewirbt. Gleichzeitig fände ich es problematisch, wenn man damit insgesamt dieses Konzept des Ökologischen Fußabdrucks aus der Hand geben würde, nur weil BP es aus niederen Interessen benutzt hat. Mathis Wackernagel, der den ökologischen Fußabdruck erfunden hat, hat schon lange vor BP einen Onlinetest dazu veröffentlicht. Durch BP ist der Gedanke wesentlich bekannter geworden. Es gibt durchaus viele Leute, die eine große Motivation für Schöpfungsbewahrung haben, aber nicht wissen, welche Verhaltensweise wie stark was ins Gewicht fällt.

Die machen sich zum Beispiel totalen Stress mit veganer Ernährung, haben aber überhaupt nicht überlegt, wie die weite Fahrt mit dem SUV in den Biosupermarkt in die Bilanz fällt. Es geht nicht darum zu sagen: „Du sollst das und das machen“, sondern zu zeigen, was wie sehr ins Gewicht fällt.

„Es ist genug für jedermanns Bedürfnis, aber nicht für jedermanns Gier.“

Was ist denn der entscheidende Punkt, der geschehen muss, damit unser Planet bewohnbar bleibt?

Ich finde den Satz von Mahatma Ghandi hilfreich, der sagt: „Es ist genug für jedermanns Bedürfnis, aber nicht für jedermanns Gier.“ Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen auf dieser Welt gut leben können. Aber dieses gute Leben wird nicht so aussehen können, wie bei uns, wo sich ein ressourcenverschwenderischer Lebensstil breitgemacht hat.

Die persönlichen Veränderungsmöglichkeiten sind allerdings begrenzt. Was müsste denn global passieren?

Die Frage, die dahintersteckt, lautet ja: Wer muss anfangen? Und die Antwort darauf ist, dass schon die Frage Teil des Problems ist. Wenn man überlegt, wer anfangen muss, dann schieben sich die verschiedenen Akteure in Politik, Wirtschaft oder auch von individueller Ebene immer die Verantwortung hin und her. Eigentlich muss aber auf allen Ebenen so viel wie möglich, so schnell wie möglich passieren. In der Landwirtschaft, in der Energiewirtschaft, in der gesamten Produktionskette, wie wir mit Ressourcen umgehen und die wiederverwenden, in unserer Ernährungsweise. Überall sind Veränderungen notwendig.

Was ist bei dieser Transformation meine Rolle als einzelne Person?

Diese politischen und strukturellen Veränderungen sind meines Erachtens nicht erreichbar, wenn nicht ein ausreichend großer Teil der Gesellschaft dafür ein Bewusstsein hat und es auch selbst ein Stück weit kulturell vorgelebt hat. Ein schönes Beispiel finde ich immer die Energiewende. Jahrzehntelang haben Menschen in gesellschaftlichen Nischen mit erneuerbarer Energie experimentiert. Haben kleine Windräder gebaut oder an kleinen Photovoltaikanlagen gebastelt oder mit Solarthermie experimentiert. Und es gab eine Anti-AKW-Bewegung, die jedes Jahr demonstriert hat. Und irgendwann war dann der Moment da, wo die Politik bereit war zu sagen: „Okay, wir wagen jetzt den Atomausstieg.“ Hätte es diese langen Vorbereitungen nicht gegeben, dann wären gar nicht die Optionen da gewesen, die Erneuerbaren Energien als Energiequelle zu erschließen.

Und ich glaube, so ist es in vielen Transformationsbereichen. Eine Ernährungs- und Landwirtschaftswende gelingt viel leichter, wenn Menschen aus freien Stücken, sei es für Gesundheit oder Klima, weniger tierische Produkte nutzen und sozusagen lernen, wie man sich auch mit Gemüse gut ernähren kann. Wenn man jetzt einfach auf einen Schlag tierische Produkte fünfmal so teuer machen würde, aber in der Gesellschaft gar keine kulturellen Ressourcen da sind, damit umzugehen, dann funktioniert so eine Veränderung nicht. Weil das ineinandergreift, ist auch die Ebene des persönlichen Lebensstils total wichtig. Nicht als Ablenkung von der Strukturveränderung, sondern als Ermöglichung und Motivation dafür.

Brot für die Welt verbindet man ja eher mit Hunger- und Armutsbekämpfung. Warum engagiert ihr euch für Klima- und Umweltschutz?

Das Wichtige bei der Arbeit von Brot für die Welt im Globalen Süden ist ja vor allem, dass wir mit Partnerorganisationen vor Ort zusammenarbeiten. Schon ganz früh waren wir mit Akteuren aus Ländern des Südens im Gespräch darüber, wie gerechte und nachhaltige Entwicklung funktionieren kann. Und die haben uns schon in den 70er-Jahren gesagt: „Ihr müsst anders leben, damit wir überleben können.“ Ein gutes Leben für alle ist nur möglich, wenn wir nicht so sehr über unsere Verhältnisse leben und nicht so sehr Ressourcen aus anderen Ländern beanspruchen.

Johannes Küstner ist Bei „Brot für die Welt“ seit 2012 für die außerschulische Bildungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zuständig. Er ist verantwortlich für die Aktionen „5000 Brote“, „Teller statt Tonne“ oder den Ökologischen Fußabdruck.

Der niederschwellige Fußabdruck-Rechner von „Brot für die Welt“ verzeichnet täglich über 2.000 Zugriffe. 13 Fragen sind zu beantworten, das ist in sechs Minuten erledigt – ohne dass eine Heiz- oder Warmwasserrechnung hervorgekramt werden muss.

Die Fragen stellte Anja Schäfer