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Eine belebte Einkaufsstraße. Symbolbild: Getty Images / William Barton / iStock / Getty Images Plus

Kirche und Konsum: Würde Jesus heute Markenjeans tragen?

Modernes Marketing ist darauf ausgelegt, Wünsche zu wecken, unabhängig davon, was wir wirklich brauchen. Konsum ist mittlerweile Selbstzweck. Doch das hat weitreichende Konsequenzen für uns  – und die gelebte Nächstenliebe. Eine Spurensuche von Pastor Matthias Voigt.

New York City, 1920er-Jahre. Edward Bernays war im Ersten Weltkrieg Propaganda-Offizier gewesen und hatte die US-amerikanische Bevölkerung darauf eingestimmt, in den Krieg einzutreten. Als der Krieg zu Ende war, überlegte er sich: Was in Kriegszeiten durch Propaganda funktioniert hatte, könnte man doch in Zeiten des Friedens für die Wirtschaft anwenden. Und er gründete in New York das erste PR-Büro.

Grüne Werbung

Eines Tages trat die Zigarettenfirma Lucky Strike an ihn heran. Lucky Strike hatte gerade ein neues Design entworfen und auf ihre Zigarettenschachteln drucken lassen. Es war grün. Das Problem war: Aufgrund der Farbe kauften vor allem Frauen diese Packungen nicht. Die Farbe war nicht angesagt, galt als unmodern und passte vor allem nicht zur Garderobe. Lucky Strike hatte eine Menge in das neue Design investiert, aber die Packungen wurden nicht gekauft.

Was tat Bernays? Er mietete das luxuriöse New Yorker Hotel Waldorf-Astoria und lud zu einem großen, opulenten Ball. Zum „grünen Ball“. Er beauftragte einflussreiche Designer, die an diesem Abend eine grüne Kollektion vorstellten. Alle Frauen trugen grüne Abendkleider und Bernays sorgte dafür, dass alle wichtigen Modejournalisten an diesem Abend anwesend waren.
Und was geschah? Alle Journalisten schrieben über diesen besonderen Ball. Grün wurde zur Modefarbe der nächsten Saison. Grün war in. Es war der Trend. Wer modisch vorne mit dabei sein wollte, trug Grün. Und wer hatte die passenden Zigaretten für diesen Trend? Lucky Strike. Und der Absatz ging durch die Decke.

Eier mit Speck

Edward Bernays war unglaublich erfolgreich und einflussreich mit seiner PR. Anderes Beispiel: Wir kennen Bacon and Eggs – Eier mit Speck – als das klassische amerikanische Frühstück. Als man sich immer mehr auf Toast mit Kaffee zum Frühstück beschränkte, engagierte ein Fleischproduzent Bernays. Und nachdem dieser eine Umfrage unter Ärzten veröffentlichen ließ, die ein reichhaltiges Frühstück empfahlen, stiegen die Verkaufszahlen des Fleischproduzenten rasant. Kaum jemand kennt seinen Namen, aber Bernays wurde vom Life Magazine zu einer der 100 einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts gekürt.

Er war so erfolgreich, weil er eine Sache verstanden hatte und bewusst steuerte: Menschen kaufen nicht nur das, was sie brauchen oder ihnen nützt, sondern das, was ihnen ein gutes Gefühl gibt. Das, was eine Sehnsucht stillt. Unser Konsum ist von Sehnsüchten und Gefühlen stärker bestimmt als von unserem echten Bedarf.

Das ist auch hundert Jahre nach Bernays Erfindung von PR nicht anders. Herausforderungen mit Konsum und Besitz gibt es aber natürlich schon deutlich länger. Als Christ und Pastor interessiert mich, was wir von Jesus über den Umgang mit Konsum lernen können. Was hat Konsum mit unserem Inneren zu tun? Und wie sieht ein Lebensstil aus, der nicht von Konsum bestimmt ist?

Zwei Risiken des Konsums

Im Lukasevangelium wird uns von einer Begegnung mit Jesus berichtet. Als Jesus immer bekannter wurde, kamen immer wieder auch Menschen mit ihren Fragen und ihren Anliegen zu ihm. Es war damals üblich, dass man religiöse Lehrer auch zu solchen Angelegenheiten wie Finanzen befragte. Und so kommt jetzt ein Mann zu Jesus und will, dass er sich um seine Erbangelegenheit kümmert. Aber Jesus lehnt ab und benutzt stattdessen die Situation dafür, um allen Umstehenden eine Sache klarzumachen: „Lieber Mann, wer hat mich denn zum Richter über euch eingesetzt oder zum Vermittler in euren Erbangelegenheiten?“, fragt Jesus und wendet sich daraufhin an alle: „Nehmt euch in Acht! Hütet euch vor aller Habgier! Denn das Leben eines Menschen hängt nicht von seinem Wohlstand ab“ (Lukas 12,14-15).

Er spricht eine doppelte Warnung aus. Er sagt es gleich zweimal, um die Wichtigkeit klarzumachen: „Nehmt euch in Acht. Hütet euch.“ Hütet euch vor Habgier, also vor diesem Wunsch, dem Streben, immer mehr haben zu wollen.

Und dann folgt seine Begründung: „Denn das Leben eines Menschen hängt nicht von seinem Wohlstand ab.“ Das Leben ist nicht im Wohlstand zu finden. Echtes Leben findet sich nicht in Besitz, Geld oder Vermögen.

Und um den Punkt noch klarer zu machen, erzählt Jesus anschließend die Geschichte von einem Landwirt, dessen Land eine sehr gute Ernte gebracht hatte. Er überlegt: Was mache ich mit all meinem Reichtum? Er beschließt, all seine Scheunen abzureißen, um größere Scheunen zu bauen, und sagt sich: Wenn ich das alles fertig habe, wenn ich all diesen Reichtum gesammelt, gelagert, verstaut und angehäuft habe … dann werde ich Ruhe finden. Dann werde ich Freude haben am Leben.

Das gute Leben

Am Ende der Geschichte sagt Jesus, was Gott für ein Urteil über diesen Landwirt fällt: „Du Narr, noch in dieser Nacht wird dein Leben von dir zurückgefordert werden. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast? … So geht es dem, der nur auf seinen Gewinn aus ist und nicht reich ist vor Gott“ (Lukas 22,20-22).

Was kritisiert Jesus hier? Nicht, dass der Mann viel hatte. Nicht, dass er reich war. Nicht, dass er überlegt, wie er es lagern soll. Sondern Jesus kritisiert zweierlei.

Erstens: Jesus nennt es dumm, töricht, kurzsichtig, wenn unser Fokus darauf liegt, mehr besitzen zu wollen. Wenn wir denken, dass wir darin Leben finden. Der Landwirt sagt: „Wenn ich das alles habe und gelagert habe, dann habe ich Ruhe, dann habe ich Freude. Dann kann ich leben.“ Er meint, dass er das gute Leben in seinem Besitz findet. In seinem Wohlstand. Seine Vorstellung ist: Wenn ich genug habe, dann habe ich das gute Leben. Aber Jesus sagt: Das Leben ist nicht in Besitz zu finden. Wahres und gutes Leben finden wir woanders.

Was hat das nun mit uns zu tun? Ich selbst bin nicht immun dagegen zu meinen, dass das gute Leben in Geld und Besitz zu finden ist. Ich bin jetzt 38 und bin gerne Pastor, aber ich habe in meinem Freundeskreis mehrere Leute, die gerade richtig in ihren Karrieren durchstarten. Projektmanager, Geschäftsführer, Firmengründer. Sie alle verdienen deutlich mehr als ich. Ich sehe die Häuser, die sie bauen, die Reisen, die sie unternehmen. Oder einfach, mit welchen Konsumgütern sie ihr Leben gestalten. Ich merke immer wieder, wie ich denke: Das wäre das wirklich gute Leben. Das ist das leichte Leben. Das bessere Leben.

Konsum als Lebensstil

Wir meinen oft, dass Leben eben doch in Besitz zu finden ist. Das ist kein Zufall. Denn diese Tendenz unseres Herzens wird ganz bewusst verstärkt vom – und hier kommt noch mal Edward Bernays ins Spiel – modernen Marketing. 1955, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit des Wirtschaftsaufschwungs, hat der Ökonom und Analyst Victor Lebow Folgendes geschrieben: „Unsere so enorm produktive Wirtschaft verlangt es, dass wir Konsum zu unserem Lebensinhalt machen. Dass wir den Kauf und die Verwendung von Gütern zu Ritualen erheben, in denen wir unsere geistliche Zufriedenheit und die Befriedigung unseres Egos finden. Das führt dazu, dass Dinge immer schneller konsumiert und verbraucht werden, immer schneller veralten und ersetzt werden müssen.“

Damit unsere Wirtschaft funktioniert, muss Konsum ein Lebensstil werden, sagt Victor Lebow. Unser Lebensinhalt, von dem wir uns geistliche Zufriedenheit und Befriedigung unseres Egos erhoffen, also Status und innere Ruhe. Denn nur, wenn wir das in Konsum und Besitz finden wollen, kaufen wir immer Neues. Lebow zeigt auf, dass Konsum bewusst in die Mitte unseres Lebens gestellt wird. Dass wir bewusst unsere Hoffnungen auf den Konsum setzen sollen.

Konsumentengehirn

2017 hat ein interessanter Artikel aus dem ZEIT-Magazin beschrieben, welche Rolle Konsum in unserem Leben inzwischen eingenommen hat. Darin wird der Münchener Konsum- und Marketingforscher Hans-Georg Häusel zitiert: „Das Konsumentengehirn fragt weniger danach, ob wir etwas brauchen, als nach Belohnung. … Der Belohnungswert wird durch Marken nur noch gesteigert. Besonders Modeartikel haben immer diesen Belohnungscharakter, weil sie suggerieren, uns attraktiver zu machen. Mit anderen Worten: Wir kaufen, weil es sich gut anfühlt.“

Und weiter sagt Häusel: „Der Konsum ist an die Stelle traditionell sinnstiftender Institutionen wie Religion, Familie oder politische Ideologien getreten. Während Identität früher davon abhängig war, von wem man abstammte oder wie gottgefällig man lebte, bildet sie sich heute über die Dinge, die wir kaufen.“

In den Dingen, die wir kaufen, wollen wir Sinn finden, Wert, Identität. Anerkennung. Unser Konsum ist nicht von unserem Bedarf gesteuert, sondern richtet sich danach, was eine Sehnsucht in uns stillt: Ich fühle mich gut und wertvoll, weil ich mich mit meinem Style von der Masse abhebe. Ich weiß, ich bin okay, weil ich mir etwas Bestimmtes leisten kann. Ich hebe mich ab, weil ich weiß, wie man mit der richtigen Espresso-Maschine einen guten Flat White macht.

Was machen wir da? Wir suchen das gute Leben im Besitz. Durch unseren Konsum suchen wir Sinn und Leben. Wie der Landwirt. Wenn ich dieses oder jenes besitze, dann habe ich das gute Leben. Das ist das eine, was Materialismus mit uns macht.

Ich, Meiner, Mir, Mich

Die zweite Gefahr können wir ebenfalls bei dem Landwirt beobachten. Es ist extrem auffällig im griechischen Text, wie oft der Bauer die Personalpronomen ich, mein, mich verwendet. Meine Scheune, mein Getreide, meine Vorräte, meine Ernte.

Während damals sehr klar war, dass die Reichen eine Verantwortung für die Gesellschaft hatten und Teile ihrer Ernten verwenden sollten, um den Armen zu dienen, liegt sein Fokus komplett bei sich selbst. Und Gottes Urteil ist: „Du törichter Mensch. Wenn du heute Nacht stirbst, was hast du davon? Du bist nicht reich vor Gott.“ Du hast dich nur auf dich selbst fokussiert. Das ist der zweite Punkt, den der Materialismus bei uns bewirkt: Unser Blick ruht auf uns selbst und wir blenden die anderen zu einem Stück weit aus. „Ich, meiner, mich, mir – Gott segne uns vier.“

Weil unser Konsum uns bei dieser Sehnsucht nach dem guten Leben packt, laufen wir Gefahr, die Bedürfnisse von anderen auszublenden.

Ich will ein konkretes Beispiel dafür geben. Jeder, der sich schon mal ein bisschen mit der Modeindustrie beschäftigt hat, weiß, dass viele Kleidungsstücke unter äußerst schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Und viele von uns haben sich wahrscheinlich schon einmal vorgenommen, mehr teurere, nachhaltigere Marken zu kaufen. Warum scheitern wir mit diesem Vorsatz immer wieder?

Weil wir in dem Moment, in dem wir im Laden stehen und überlegen, ob wir jetzt wirklich 50 Euro mehr für die nachhaltig produzierte Jeans bezahlen, doch schnell unseren Geldbeutel und unseren Konsum mehr lieben als die Menschen, die unter der Produktion leiden. Weil die Verlockung, für das gleiche Geld mehr Kleidungsstücke zu bekommen, einfach zu groß ist. In dem Moment, in dem wir eingeschränkt werden, verlieren wir andere Menschen ziemlich schnell wieder aus dem Blick.

Wenn Materialismus uns dazu führt, das Leben im Besitz zu suchen und unseren Blick auf uns selbst verengt – was können wir dagegen tun?

Die Freiheit der Einfachheit

Jesus hat in seiner Geschichte mit dem Landwirt schon gezeigt, dass unsere Sterblichkeit uns eine neue Perspektive auf Besitz und Konsum geben kann. Passend dazu lesen wir im 1. Timotheusbrief: „Ein Leben in der Ehrfurcht vor Gott bringt tatsächlich großen Gewinn, vorausgesetzt, man kann sich – was den irdischen Besitz betrifft – mit Wenigem zufrieden geben. Oder haben wir etwas mitgebracht, als wir in diese Welt kamen? Nicht das Geringste! Und wir werden auch nichts mitnehmen können, wenn wir sie wieder verlassen. Wenn wir also Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen“ (1. Timotheus 6,5-8).

Paulus schreibt hier im Klartext: Wir haben nichts mit in diese Welt gebracht und werden auch nichts mitnehmen können. Ich las mal von einem Pastor, der eine sehr reiche Frau beerdigte. Er wurde von den Umstehenden gefragt: Wie viel hat sie hinterlassen? Woraufhin der Pastor antwortete: „Alles. Jeden einzelnen Cent.“

Mein Sohn hat während des Lockdowns Monopoly entdeckt und wir saßen zum Teil stundenlang auf dem Balkon und haben Monopoly gespielt. Wir haben eine Hamburg-Version und so haben wir um die Elbchaussee gekämpft, versucht, die große Freiheit zu vermeiden und uns darüber lustig gemacht, dass eine Übernachtung beim HSV so wenig kostet. Ich habe versucht, meinem Sohn das Geld aus der Tasche zu ziehen und er umgekehrt mir, und es galt: Wer am meisten hat, gewinnt. Aber am Ende des Spiels kommt alles wieder in die Schachtel. Und was bleibt, ist der Spaß und die Zeit, die er und ich zusammen hatten.

Mit leichtem Gepäck

Wir leben unser Leben immer wieder nach dem Grundsatz von Monopoly: Je mehr, desto besser. Wer am meisten hat, gewinnt. Aber „wenn das Spiel vorbei ist, kommt alles wieder in die Schachtel“, wie es der US-amerikanische Pastor John Ortberg einmal formuliert hat. Selbst wir landen da. Wir können nichts mitnehmen. Und Paulus ergänzt: Nehmt diese große, ewige Perspektive ein. Und lasst euren Umgang mit Besitz davon geprägt sein. Alles, was ihr habt, ist Reisegepäck. Und das bringt ihn dazu, uns zur Einfachheit zu ermutigen: „Wenn wir daher Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen.“

Er meint damit nicht, dass alle Christen arm sein sollten. Er meint, wenn wir nur das Mindeste haben, Kleidung und Nahrung, wollen wir es uns genügen lassen. Wir können selbst im Einfachen zufrieden sein. Als wichtigen Zusatz schreibt er in Vers 17: „Schärfe denen, die es in dieser Welt zu Reichtum gebracht haben, ein, nicht überheblich zu sein und ihre Hoffnung nicht auf etwas so Unbeständiges wie den Reichtum zu setzen, sondern auf Gott; denn Gott gibt uns alles, was wir brauchen, in reichem Maß und möchte, dass wir Freude daran haben.“

Bewusst etwas einfacher

Ich verstehe den Gott, von dem wir in der Bibel lesen, so: Er möchte, dass wir das, was wir haben, genießen. Dass wir Freude daran haben. Wie kommt das zusammen: Einfachheit und Genuss? Einfachheit heißt nicht Askese, sie bedeutet keinen negativen Blick auf Besitz. Oder dass man nichts haben darf, was Freude macht. Wir dürfen genießen, was Gott uns gibt. Aber auch mit einem einfachen Lebensstil zufrieden sein. Was heißt es dann, einen Lebensstil der Einfachheit zu leben?

Einfachheit sieht für jeden von uns anders aus. Gerade wenn wir unterschiedlich viel haben oder besitzen. Es gibt nicht den einen uniformierten Lebensentwurf, wie viel Besitz in Ordnung ist. Sondern: Einfachheit bedeutet, dass ich bewusst ein wenig einfacher lebe, als ich es mir eigentlich leisten könnte. Und das sieht für jeden von uns anders aus.

Ich lebe bewusst etwas einfacher, als ich es mir eigentlich leisten könnte. Aus zwei Gründen. Zum einen, um mir bewusst zu machen, dass mein Leben nicht im Besitz zu finden ist. Oder in mehr Gütern. Oder in mehr Luxus. Mein Leben liegt bei Gott, der mich versorgt. Einfachheit wirkt also dieser ersten Auswirkung des Materialismus entgegen.

Und ich lebe etwas einfacher, als ich könnte, um Geld zu haben, das ich großzügig weggeben kann. Das heißt, Einfachheit wirkt auch dem zweiten Symptom des Materialismus entgegen, diesem Blick nur auf uns selbst.

In der Bibel finden wir die Einladung, etwas einfacher zu leben, als wir es uns leisten könnten, um uns auf Gott auszurichten und andere zu lieben.

Lebensstil prüfen

Im Jahr 1980 kamen in London 85 Christen aus 27 Ländern im Rahmen der Lausanner Bewegung zusammen, einer weltweiten Bewegung von Christen aus unterschiedlichen Hintergründen und mit ganz unterschiedlichen finanziellen Mitteln. Die Hälfte dieser Leute kam aus dem globalen Süden. Vier Tage lang dachten sie intensiv darüber nach, wie ein Leben in Einfachheit aussehen kann. Und ich finde das Statement großartig, das sie am Ende verabschiedet haben. Hier ein Auszug daraus:

„Manche von uns sind dazu berufen, unter den Armen zu leben, andere dazu, ihre Häuser für Bedürftige zu öffnen. Aber wir alle sind entschlossen, einen einfacheren Lebensstil zu führen. Wir wollen unsere Einnahmen und Ausgaben nochmals prüfen, um mit weniger leben und mehr weggeben zu können. Wir stellen keine Regeln oder Gesetze auf, weder für uns noch für andere. Aber wir beschließen, auf Verschwendung und Extravaganz in unserem Lebensstil, unserer Kleidung, unseren Häusern, unseren Reisen und unseren Kirchengebäuden zu verzichten. Wir erkennen den Unterschied zwischen dem Notwendigen und dem Luxuriösen, zwischen kreativen Hobbys und leeren Statussymbolen, zwischen Bescheidenheit und Eitelkeit, zwischen großen Festen als Höhepunkte oder als normale Anlässe, zwischen dem Dienst für Gott und der Sklaverei durch Trends. Wo genau jeder diese Linie zieht, erfordert gewissenhaftes Nachdenken und Entscheidungen von uns selbst sowie die Unterstützung von anderen.“

Wie kann Einfachheit in unserem Leben aussehen? Wie können wir etwas einfacher leben, sodass wir uns dem Versprechen des Materialismus lösen, das besagt: Das gute Leben findet sich in Besitz? Was können wir diesem Versprechen entgegenstellen? Wie können wir einfacher leben, sodass wir mehr weggeben und anderen damit dienen können?

Ein Lebensstil der Einfachheit findet sein Vorbild sowie seine Motivation und Kraft in Jesus Christus. Jesus kam auf die Welt, wurde in einem Stall geboren und lebte so viel einfacher, als er es sich hätte leisten können. Um Gottes Liebe zu zeigen. Was wäre passiert, wenn Jesus nur sich selbst im Blick gehabt hätte? Was wäre passiert, wenn er das „gute Leben“ allein im Reichtum des Himmels gesehen hätte? Er ging in die Einfachheit – aus Liebe zu uns, aus Nächstenliebe. Könnten wir nicht seinem Beispiel folgen, den Blick von uns nehmen und in einen einfacheren Lebensstil investieren, um andere zu lieben?

Matthias Voigt ist Pastor Hamburg-Barmbek und arbeitet an seiner Doktorarbeit.

Anselm Grün, Foto: Julian Hilligardt

Anselm Grün: „Wir brauchen neue Deutungen unserer alten christlichen Tradition“

Anselm Grün, der meistgelesene Benediktinerpater, sieht die Kirche in der Krise. Was sie retten kann, sind kleine Rituale, sagt er im Interview.

Bei allen Nöten und Ängsten, die die Corona-Krise mit sich gebracht hat: Sehen Sie auch die Chance, dass durch sie ein positiver Wertewandel angestoßen wird?
Ich sehe schon die Chance darin. Bei vielen ist eine neue Nachdenklichkeit entstanden und sie fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Was trägt mich eigentlich? Gerade in einer Zeit, wo alles Äußere unsicher geworden ist – was gibt mir da Sicherheit? Da ist der Glaube eine wichtige Hilfe. Dass ich im Glauben ein Fundament finde, auf dem ich stehen kann.

Das andere ist: Wir haben erlebt, dass wir voneinander abhängig sind. Wir können einander mit dem Virus anstecken und uns negativ infizieren. Aber wir können es auch positiv sehen: Jeder von uns hat eine Ausstrahlung, wenn wir anderen Menschen begegnen. Da ist die Frage: Was geht von mir aus? Bitterkeit, Aggression und Verurteilung? Oder geht von mir Wohlwollen, Frieden und Liebe aus?

Inwiefern haben wir als Christen und Kirchen Angebote für die Menschen in dieser Umbruchszeit?
Die Kirchen haben sicher die Chance, den Menschen Sinn zu vermitteln. Dass der Sinn eben nicht nur darin besteht, so zu leben wie immer, sondern offen zu sein für das Größere, offen zu sein für Gott. Die Kirchen haben auch die Aufgabe, in dieser Anonymität der Gesellschaft Beziehungen zu stiften und Gemeinschaft zu schaffen, Orte der Verbundenheit zu schaffen. Und die Kirche hat die Aufgabe, Beistand zu leisten. Vor allem den Menschen beizustehen, die allein sind und nicht mit sich auskommen.

„Ich glaube, dass in jedem Menschen die Sehnsucht nach Gott ist“

Im Moment kehren viele Menschen der Kirche den Rücken, die Austrittszahlen steigen. Wie können da die christlichen Werte zu den Menschen in unserer Gesellschaft finden?
Das ist sicher eine große Not, die Sie da ansprechen. Die Frage bewegt mich schon seit Jahren. Mein Bestreben ist, in dieser Krise eine Sprache zu finden, die die Menschen anspricht. Es gibt zwei wichtige Bedingungen: Das eine ist, dass wir erst einmal auf die Menschen hören, auch auf die, die austreten und der Kirche den Rücken kehren. Was sind ihre Bedürfnisse? Was bewegt sie? Nur wenn ich auf sie höre, kann ich auch eine Antwort geben. 

Und das zweite ist, dass ich an die Menschen glaube. Dass ich glaube, dass in jedem Menschen die Sehnsucht nach Gott ist. Vielleicht drückt sie sich nicht immer so konkret als Sehnsucht nach Gott aus, aber als Sehnsucht nach dem Geheimnis, nach Echtheit, nach Klarheit, nach einem Sinn, nach dem Guten, nach einem erfüllten Leben. Nur wenn ich an diese Sehnsucht glaube, kann ich auch eine Sprache finden, die diese Sehnsucht anspricht und bewegt. Das ist für mich eine wichtige Aufgabe.

Wie kann sie gelöst werden?
Wenn wir in die Geschichte schauen, dann waren es nicht die Theologen, die den Glauben gerettet haben, sondern eine gesunde Form von Volksfrömmigkeit. Wir haben viele Rituale in unseren Kirchen, aber sie stammen häufig aus einer landwirtschaftlichen Kultur und sind heute so nicht mehr vermittelbar. Da müssen wir neue Formen finden. Nicht nur von der Kirche her, sondern auch in den Familien, Hauskreisen [christlichen Gruppentreffen, Anm. d. Red.] oder für den Einzelnen neue Formen finden: Wie kann ich den Glauben ausdrücken? Wie kann ich den Glauben in den Alltag bringen? Nicht moralisierend, sondern für den Glauben zu werben, dass der Glaube dem Leben einen anderen Geschmack und eine andere Intensität gibt.

Ritual zum Einschlafen

Welche Rituale und Ausdrucksformen passen gut in die heutige Zeit?
Am Abend erlebe ich häufig, dass Menschen nicht gut schlafen können, weil sie ständig überlegen: Hätte ich mich doch bloß heute anders entschieden, wäre ich doch im Gespräch mit meinem Sohn oder meiner Tochter oder mit meinen Angestellten freundlicher und achtsamer gewesen. Vor lauter „hätte“ und „wäre“ kommt man dann nicht zur Ruhe. Ich sage dann immer: „Der Tag ist vorbei, den könnt ihr nicht mehr ändern, aber Gott kann das Vergangene in Segen verwandeln.“ Da kann man als Ritual abends seine Hände als Schale Gott hinhalten: „Das ist der Tag, mit allem Durcheinander und dem Chaos. Er ist, wie er ist, aber du kannst das, was war, in Segen verwandeln – für mich und für die anderen.“ Und dann kann ich ihn auch loslassen.

Nachdem ich das getan habe, kann ich vielleicht auch dankbar zurückschauen auf den Tag und sehen, was Gott mir in die Hand gelegt hat, an Dingen und Begegnungen.

Das sind sehr klassische Rituale … 
Ja, aber ich merke bei meinen Vorträgen immer wieder, dass die Menschen offen dafür sind. Wir brauchen nicht alles neu zu machen. Aber man braucht eine neue Deutung unserer alten christlichen Traditionen. Manchmal meinen wir, wir hätten schon die Antworten und bräuchten nur die alte Theologie weiterführen. Aber die Botschaft muss in Beziehung zu den Menschen sein, nur dann kann ich etwas sagen. Wenn ich nur weitergebe, was ich gelernt habe, dann ist das zu wenig.

Junge Menschen schauen nicht mehr nur nach Gehalt

Sie haben eben von ihren Seminaren für Manager erzählt. Erleben Sie momentan ein Umdenken bei Verantwortungsträgern aus der Wirtschaft?
Ich erlebe schon ein Umdenken. Aber natürlich kommen zu meinen Kursen auch nur die Leute, die schon offen sind. Die spüren: Nur von den Zahlen her kann man nicht wirtschaften. Wir müssen vom Menschen her schauen. Und wir brauchen Werte. Gerade junge Menschen achten heute nicht darauf, wo sie das meiste Geld verdienen, wenn sie eine Firma suchen, sondern wo eine gute Kultur ist. Und eine gute Kultur ist dort, wo Werte gelebt werden.

Wenn man Pater Anselm so gegenübersitzt, kann man gut nachvollziehen, warum er für viele Menschen zum geistlichen Wegweiser geworden ist. Der weißhaarige Mönch strahlt eine große Ruhe und Gelassenheit aus, obwohl die Corona-Krise auch sein Leben und seine Pläne durcheinandergeworfen hat. Inmitten eines immer noch gut gefüllten Arbeitstages blickt er mich im Moment unseres Gesprächs völlig entspannt und freundlich an.

In dieser Krise kämpfen viele Menschen mit einem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins, andere werden bitter. Wie geben Sie diesen Menschen neue Hoffnung?
Wenn jemand Bitterkeit spürt, frage ich nach: Was waren deine Vorstellungen? Bitterkeit entsteht oft aus einer Enttäuschung. Ich muss mich damit aussöhnen, dass das Leben nicht immer so gelingt, wie wir uns das vorstellen. Die Situation ist, wie sie ist und nicht ideal. Auch ich selbst bin nicht so ideal, wie ich sein möchte. Das ist das eine. Annehmen, was ist.

Und das zweite ist: trotzdem hoffen. Ich muss mich fragen: Wie sieht mein Leben aus, wenn ich bitter bleibe? Wie sehen meine Beziehungen aus, wenn ich Bitterkeit und Zynismus verbreite? Dann darf ich mich nicht wundern, dass ich isoliert bin und keiner mit mir sprechen möchte. Ich kann aber auch die Situation annehmen und trotz allem darauf vertrauen, dass die Welt nicht hoffnungslos verloren ist.

„Nur um sich selbst zu kreisen, macht nicht glücklich“

Die meisten Menschen haben Sehnsucht nach einem guten Leben – auch und gerade inmitten von Umbrüchen und Einschränkungen. Was sind für Sie Kennzeichen für ein gutes, gelingendes Leben?
Einmal im Einklang und im Frieden mit mir selbst sein, Ja sagen können zu meinem Leben und dankbar sein für mein Leben. Und das zweite ist das Fließen zum anderen hin. Nur um sich selbst zu kreisen, macht nicht glücklich. Ich kann das gute Leben nicht nur für mich selbst haben. Lebendig sein bedeutet, Beziehungen und Kontakt zu anderen haben. Diese Hingabe an das Leben und an den Menschen, das sind wichtige Aspekte für ein gelingendes Leben.

Kennen Sie selbst auch Momente, in denen Sie nicht in sich ruhen und gelassen mit den Herausforderungen, die diese Zeit an uns stellt, umgehen können? 
(Pater Anselm antwortet lächelnd) Natürlich bin auch ich nicht immer ausgeglichen. Wenn z. B. manche Mitbrüder zu kompliziert sind oder wenn ich merke, dass ich nicht richtig planen kann. Aber das ist ein kurzer Ärger und dann sage ich mir: Lohnt es sich, in diesem Ärger zu bleiben oder nutze ich die Zeit einfach, um mehr zu lesen, zu schreiben, für Gespräche und für andere Dinge?

Klassische Musik in der Coronazeit

Haben sich für Sie auch neue Chancen und Perspektiven in dieser Umbruchszeit ergeben?
Für mich selbst sicher die Perspektive, mehr Zeit zu haben. So habe ich abends auch manchmal Musik gehört und nicht immer nur gearbeitet, sondern mir die Musik gegönnt.

Was hören Sie denn gerne?
Klassische Musik wie Bach, Mozart und Händel. Ich höre eher selten moderne Musik.

Einfach morgens das Fenster öffnen

Noch eine Frage zu den Ritualen: Was würden Sie Menschen empfehlen, die eine Sehnsucht und Offenheit in Richtung Gott haben? Was wären erste Schritte?
Einfach den Morgen mit einem einfachen Ritual beginnen. Das Fenster öffnen, frische Luft hereinlassen und spüren: Da kommt neues Leben in mich hinein. Oder wenn wir duschen, bewusst sagen: Ich reinige mich von all den trüben Gedanken, sodass ich heute klar denken kann. Oder mich beim Zähneputzen zu erinnern: Die Worte, die ich heute sagen will, sollen reine Worte sein und keine Worte, die bewerten und verurteilen.

Achtsamkeit ist heute ein Schlagwort geworden. Aber die christliche Botschaft war ja schon immer Achtsamkeit: im Augenblick zu sein, einfach dankbar zu sein. Die Frage: Wofür bin ich dankbar? führt vielleicht zu der Ahnung, dass ich doch einem größeren Gott gegenüber dankbar bin.

Interview: Melanie Carstens

Anselm Grün ist Benediktinerpater in der Abtei Münsterschwarzach. Er ist Doktor der Theologie und hat Betriebswirtschaft studiert. 36 Jahre lang war er wirtschaftlicher Leiter der 20 Klosterbetriebe. Über 300 Bücher hat er geschrieben. Auch seine zahlreichen Vorträge haben ihn zum geistlichen Wegweiser für ein großes Publikum jenseits aller Konfessionsgrenzen gemacht.