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Mimi Sewalski, Foto: Florian Gobbetz

Avocadostore-Leiterin: Kleine Label können sich oft kein Nachhaltigkeits-Siegel leisten

Mimi Sewalski ist Geschäftsführerin von Avocadostore, Deutschlands größtem grünen Online-Marktplatz. Im Interview erzählt die 32-Jährige, warum gesunder Menschenverstand oft wichtiger als Siegel ist und wie sie selbst prüft, von welchen Firmen sie Produkte kaufen möchte.

Du bist bereits in der Gründungsphase von Avocadostore eingestiegen und hast die Plattform mit aufgebaut. Was hat dich daran gereizt?
Nach meinem Studium habe ich erst fast fünf Jahre bei E-Commerce-Unternehmen in Israel und danach hier in Deutschland in der Werbung gearbeitet. Das fand ich allerdings völlig sinnlos. Später habe ich die Gründer von Avocadostore kennengelernt, die mir erzählten: „Es gibt sehr viele nachhaltige Label – aber keiner kennt sie. Wir haben deshalb eine Online-Plattform gegründet, wo wir alle versammeln wollen. Dort gibt’s dann für jedes herkömmliche Produkt eine nachhaltige Alternative.“ Dieser Satz hat mich entflammt. Viele Leute bekommen ja bei den Stichworten „Öko“ und „Reformhaus“ Gänsehaut, weil sie so viele Vorurteile haben. Kurz gesagt: Ich habe als Mission für mich gesehen, zu zeigen, dass Nachhaltigkeit Spaß macht.

Euer Erkennungszeichen ist die Avocado. Die ist nicht besonders klimafreundlich. Warum habt ihr gerade sie gewählt?
Den Namen gabs schon, als ich eingestiegen bin. Sie stand als Symbolfrucht für die vegane Bewegung. Zu der Zeit war auch noch nicht klar, wie umweltschädlich der Anbau von Avocados sein kann. Natürlich könnten wir uns umbenennen. Aber einmal wäre das markentechnisch sehr unklug. Und ich finde es auch deshalb gut, sie zu behalten, weil Nachhaltigkeit eben nie Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß bedeutet. Dafür steht die Avocado auch. Denn sie hat die guten Fette und ist eine super Alternative zum Fleischkonsum. Genau diesen Diskurs wollen wir führen. Die Leute dazu bringen, Fragen zu stellen.

Auswahl mit Menschenverstand

Welche Nachhaltigkeitskriterien müssen Produkte erfüllen, damit ihr sie verkauft? 
Wir sind kein Ökotest oder Stiftung Warentest: Wir prüfen nicht, sondern machen eine Vorauswahl, um Transparenz zu schaffen und Orientierung zu geben. Label oder Ladengeschäfte, die bei uns verkaufen wollen, bewerben sich und wir schauen dann im Dialog, ob das Unternehmen nachhaltig ist. Wofür steht es? Welche Produkte gibt es? Wenn wir dann grünes Licht geben, schauen wir uns noch mal jedes einzelne Produkt an, das bei uns hochgeladen wird. Neben diesen beiden Stufen haben wir zehn Nachhaltigkeitskriterien, von denen mindestens eins erfüllt sein muss.

Das klingt auf den ersten Blick nicht sehr anspruchsvoll …
Einerseits ja – aber wir haben noch ein elftes Kriterium und das heißt gesunder Menschenverstand. Das heißt, wenn ein Anbieter sagt: Die Bratpfanne ist vegan, dann würden wir sagen: Ganz ehrlich – jede Bratpfanne ist vegan, das reicht uns nicht. Außerdem gibt es einzelne Kriterien, die so stark sind, dass kein anderes mehr erfüllt sein muss – wie z. B. bei „Cradle to Cradle“, das für Kreislaufwirtschaft steht.

Wo wird jeder Euro eingesetzt?

Wäre es nicht einfacher, auf bekannte Zertifikate und Siegel zu setzen?
Es gibt viele kleine Label, die Unglaubliches leisten und von Anfang an die Nachhaltigkeit in ihrer DNA haben und alles Mögliche beachten – aber sich eben kein Siegel leisten können. Wir wollen auch für diese Marken die Tür offen halten. Deshalb verlassen wir den typischen Zertifizierungsansatz und gehen vielmehr in die Transparenz, geben aber auch durch die Vorauswahl Orientierung.

Vor der Herausforderung zu prüfen, stehen wir als Privatpersonen ja auch im Alltag. Viele Firmen werben inzwischen damit, nachhaltig oder grün zu sein. Wie erkenne ich, ob die Produkte wirklich nachhaltig produziert sind – oder die Firma nur Greenwashing betreibt?
Das wird tatsächlich immer schwieriger. Für mich selbst bedeutet Nachhaltigkeit Ganzheitlichkeit. Das heißt, wenn ich etwas kaufe, überlege ich: Wenn ich Aktionärin wäre und diesem Unternehmen einen Euro geben würde – was würde mit diesem Euro passieren? Und bei einem ganzheitlich nachhaltigen Unternehmen habe ich das Gefühl: Egal, was die mit dem Euro machen – es ist etwas Gutes. Das heißt: Die produzieren nicht nur tolle Produkte, sondern achten auch auf Umweltschutz und auf ein faires Miteinander – auch in ihrem Team hier in Deutschland und nicht nur in dem Land, in dem produziert wird.
Wenn ich das vergleiche mit einem Unternehmen, das sagt: Ich habe hier eine Kollektion mit zwanzig Prozent grünen Produkten – dann heißt das eben auch, dass achtzig Prozent ihrer Produkte nicht grün sind. Und der Euro, den ich dieser Firma gebe, finanziert eben auch die achtzig Prozent schlechter Produkte.

„Warum gibt es noch nicht den nachhaltigen Computer?“

Euer Ziel bei Avodastore ist es, für jedes herkömmliche Produkt eine nachhaltige Alternative zu finden. Wo gelingt das gut – wo ist es schwierig?
Im Modebereich hat sich in den letzten zehn Jahren wahnsinnig viel getan. Da gibt es inzwischen sowohl sportliche als auch elegante Marken und das Ganze auch in verschiedenen Preisklassen. Schwierig ist der ganze Elektronik-Bereich. Warum gibt es noch nicht den nachhaltigen Computer? Immerhin gibt es schon nachhaltige Mäuse und Stromkabel.

Welche Produkte sind bei euren Kundinnen und Kunden am beliebtesten?
Eco-Sneaker waren ein großes Thema in den letzten Jahren, auch die faire Jeans, die lange hält, gut sitzt, fair produziert ist und keine Chemie an die Haut lässt. Und dann alle Produkte, die helfen, das Leben plastikfreier zu gestalten – wie z. B. Brotbeutel oder Aufbewahrungsgläser.

Weniger, aber besser kaufen

Man sagt ja immer „Der beste Konsum ist der, der nicht stattfindet“. Ist es dann nicht widersprüchlich, eine Onlineplattform zu betreiben, die zwar mit nachhaltigen, aber dennoch schönen Produkten Anreize zum Kaufen gibt?
Natürlich sind wir ein Geschäftsmodell und leben vom Verkauf, aber wenn man unsere Seite mal genauer anschaut, dann findet man dort ganz viele Informationen rund um nachhaltiges Leben, die gar nichts mit Verkaufen zu tun haben. Unser Ziel ist es, Leute zu motivieren, weniger, aber besser zu kaufen. Das hat viel mit dem Prozess der Nachhaltigkeit überhaupt zu tun. Wenn man erst mal angefangen hat, wird man immer weitermachen und neue Bereiche für sich entdecken.

Was hat dich selbst dazu motiviert, auf Nachhaltigkeit zu achten und deinen Lebensstil umzustellen?
Mein Opa war Jäger, das war sicherlich ein wichtiger Einstieg für mich. Wir haben zusammen Heinz Sielmann-Filme angeguckt und sind gemeinsam auf die Jagd gegangen. Er hat mir dann immer die Zusammenhänge in der Natur erklärt, dadurch habe ich einen Bezug zum Naturschutz bekommen. Außerdem gab es so einen Moment der Erkenntnis, in dem ich dachte: Schon krass, was man alles besitzt! Wo kommt das eigentlich alles her? Seit diesem Moment höre ich nicht auf, mich bei allem, was ich täglich in der Hand habe, benutze oder kaufe, zu fragen: Was verursacht mein Kauf? Und will ich das so unterstützen? Davon kommt man dann auch nicht mehr los.

Kaufende machen den Unterschied

Jetzt bemühen sich viele, in ihrem Alltag nachhaltiger zu leben – aber gleichzeitig sieht man, wie die Industrie weiterhin große Mengen an Schadstoffen ausstößt. Da denkt man doch oft: Ob ich jetzt eine Zahnbürste aus Bambus oder Plastik benutze, macht doch keinen großen Unterschied. Was motiviert dich, trotzdem nachhaltig zu leben?
Mich motiviert total die Tatsache, dass in den letzten zehn Jahren unglaublich viel passiert ist. Ich erinnere mich daran, dass ich vor ein paar Jahren mal in einem Interview gesagt habe: Also wenn Zalando mal grüne Mode verkauft – das schien mir so absurd und so weit weg – dann habe ich mein Ziel erreicht. Und jetzt machen die das immerhin schon teilweise.
Noch ein Beispiel, das mich motiviert: Der Hambacher Forst war ja sehr präsent in den Medien und auch die Frage, warum und wofür die Leute dort demonstrieren. Und genau in der Zeit haben sich so viele Menschen wie noch nie in Deutschland neu für Ökostrom angemeldet. Somit hatten viele einzelne in der Summe einen richtig großen Einfluss, weil dadurch viele Tonnen CO2 eingespart wurden. Einfach, weil so viele Leute einen kleinen Schritt gemacht haben und ihren Stromanbieter gewechselt haben.
Das hat mich beeindruckt zu sehen, wie viele Leute plötzlich etwas ändern. Dass die großen E-Commercer nachhaltige Mode verkaufen, machen sie ja nicht, weil es ihnen plötzlich ein Bedürfnis ist, sondern, weil die Nachfrage da ist. Das heißt, weil wir Konsumentinnen und Konsumenten Entscheidungen treffen, fangen die Großen an, sich danach zu richten. Und das ist doch großartig! Ich glaube wirklich, dass an dem Satz „Jeder Kauf ist ein Stimmzettel“ was dran ist. Wir können etwas bewegen!

Interview: Melanie Carstens

Mimi Sewalski (32) ist Soziologin, Autorin des Buches „Nachhaltig leben JETZT“ (Knesebeck) und hat den 2010 gegründeten grünen Online-Marktplatz Avocadostore seit 2011 mit aufgebaut. Heute ist sie Geschäftsführerin des Unternehmens mit 70 Mitarbeitenden, das 350.000 Produkte von über 4.000 Marken anbietet. Avocadostore agiert als Vermittler und bekommt 17 Prozent vom Verkaufspreis, die von Miete über Personal bis Marketing alles abdecken müssen. Produkte, die ins Sortiment aufgenommen werden, müssen mindestens eins von zehn Nachhaltigkeitskriterien erfüllen: Rohstoffe aus Bio-Anbau, haltbar, made in Germany, Ressourcen schonend, Cradle to Cradle, fair und sozial, recycelt und recycelbar, CO2-sparend, schadstoffreduzierte Herstellung, vegan. Im Web: avocadostore.de

Symbolbild: Getty Images / E+ / imaginima

Mitarbeiterin verrät: So gelingt Nachhaltigkeit im Unternehmen

Wie kann es gelingen, als Firma Umweltschutz zu fördern? Mara Hermann erzählt von Learnings aus der Praxis.

Wir sind ein mittelständisches IT-Projekthaus mit rund 450 Mitarbeitenden und mehreren Standorten in ganz Deutschland. Nachhaltigkeit war in unserem Unternehmen schon immer ein Begriff. Früher allerdings wurden darunter eher langfristige Kundenbeziehungen und langlebige Software-Lösungen verstanden. Mittlerweile ist durch Eigeninitiative der Mitarbeiterschaft ein Team entstanden, das sich um die ökologischen und sozialen Aspekte kümmert – ein Zeichen dafür, dass sich Angestellte gerade in der IT-Branche zunehmend mit ihrem Unternehmen identifizieren können möchten. Dazu gehören auch Bemühungen in Sachen Nachhaltigkeit.

Als internes strategisches Team setzen wir uns aus freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen, die neben ihrer Haupttätigkeit in Teilzeit an den Nachhaltigkeitsthemen arbeiten. Zudem sind wir Teammitglieder auf verschiedene Standorte verteilt. Um uns abzustimmen und unsere Themen voranzutreiben, tauschen wir uns hauptsächlich über den Firmen-Messenger Slack aus und treffen uns zusätzlich zu regelmäßigen Orga-Terminen oder freiwilligen Coworking-Sessions per Videocall.

Nachhaltigkeits-Tipp des Monats

Da wir alle keine ausgebildeten Fachleute auf diesem Gebiet sind, legen wir Wert darauf, ausgiebig zu recherchieren und zu evaluieren, welche Maßnahmen für uns sinnvoll, wirksam und umsetzbar sein können. So sind wir zum Beispiel auf den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) und die Änderungsvorschläge der EU-Kommission für die verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung, die sogenannte „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD), gestoßen. Damit können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen wollen wir Erfolge im Bereich Nachhaltigkeit ohnehin gern messbar machen, Schwachstellen offenlegen und die Ergebnisse teilen. Zum anderen können wir uns durch unsere frühe Recherche proaktiv auf die neue Richtlinie, die für Unternehmen wie uns ab 2024 verpflichtend sein wird, vorbereiten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist der Austausch mit anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dadurch stärken wir bei ihnen das Bewusstsein für unsere Arbeit und profitieren außerdem von lebendigen Diskussionen und konstruktivem Feedback. Beispielsweise veröffentlichen wir über Slack einen Nachhaltigkeits-Tipp des Monats und haben zudem ein Austauschformat über Fragen der Nachhaltigkeit in der Mittagspause gestartet. Neben unserer eigenen Recherche ist die Mitarbeiterschaft eine wichtige Quelle für neue Ideen zu nachhaltigen Maßnahmen. Außerdem nehmen wir gelegentlich sowohl methodische als auch inhaltliche Unterstützung von externen Beratungen, die sich auf das Thema Nachhaltigkeit spezialisiert haben, in Anspruch.

Einige konkrete Maßnahmen haben wir in den letzten drei Jahren im Unternehmen erfolgreich umgesetzt:

1. Arbeitsalltag: Gegen Lebensmittelverschwendung

Das Fundament unserer Nachhaltigkeitsbemühungen sind die Maßnahmen, die schnell und zentral umgesetzt werden können. Das waren vor allem Änderungen in unserem Arbeitsalltag, zum Beispiel:

• Energieversorgung: Außer an einem beziehen wir mittlerweile an allen Standorten Ökostrom und werden auch bei dem einen wechseln, sobald vertraglich möglich.
• Lebensmittel: Bei der Versorgung an den Standorten und bei Events achten wir auch verstärkt darauf, zumindest nachhaltige Alternativen anzubieten oder sogar ganz auf nachhaltigere Produkte (bio, regional, pflanzlich, …) umzusteigen. Um unnötigen Essensmüll zu vermeiden, haben wir in den Kühlschränken unserer Büros ein sogenanntes „Shared Shelf” eingeführt – ein Fach, in dem übrig gebliebene Lebensmittel der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden können.
• Plastikflaschen: An einem unserer Standorte haben wir Wasserflaschen komplett durch einen am Wasserhahn installierten Wasserspender ersetzt und prüfen aktuell die Akzeptanz und die Umsetzbarkeit für weitere Standorte.
• Projekte: Gerne unterstützen wir auch soziale oder regionale Projekte und beziehen zum Beispiel Getränke von Viva con Agua, Fritz und Charitea sowie an einigen Standorten Klopapier von Goldeimer.
• Neben der schnellen und zentralen Umsetzung konnten wir durch solche Maßnahmen eine Verankerung des Themas Nachhaltigkeit im Unternehmen schaffen, ohne direkt eine Verhaltensänderung der Mitarbeitenden zu fordern. Letzten Endes wird eine solche Änderung aber erforderlich sein, wenn ein tiefgreifender Wandel geschehen soll: Als Dienstleistungsunternehmen besteht unser Fußabdruck nicht nur aus den Faktoren, die unsere eigene Arbeitsumgebung ausmachen.

2. Mobilität: Bahn statt Flugzeug

Ein wichtiger Punkt sind deshalb auch unsere Reisen. Regelmäßig prüfen wir die Option, Nahverkehrstickets an den jeweiligen Standorten zu unterstützen und wollen gern Roller-Sharing anbieten. Generell wird (auch ohne Corona) darauf geachtet, die Reisezeit zwischen den Standorten und zum Kunden möglichst gering zu halten, ohne das Projekt zu beeinträchtigen. Außerdem wird bei Buchungen angeregt, Reisen möglichst mit dem Zug statt mit dem Flugzeug anzutreten. Da wir keine Verbots-Kultur pflegen möchten, macht sich hier unsere jahrelange Arbeit immer mehr bezahlt: Die Akzeptanz für nachhaltigere Ansätze ist in der Mitarbeiterschaft deutlich gestiegen.

3. Weitere Felder: Langlebige Software

Maßgeblich für unseren Fußabdruck ist auch die Projektarbeit, die wir bei unseren Kunden verrichten. Dabei stellen sich beispielsweise Fragen wie: Sind die Softwarelösungen effizient und langlebig konzipiert? Welchem Zweck dienen unsere Produkte? Als Team Nachhaltigkeit versuchen wir in unseren Austauschformaten und durch Abschlussarbeiten Querschnittsthemen wie z. B. nachhaltige Programmierung im Unternehmen voranzutreiben. Während wir uns mit Maßnahmen zum Arbeitsalltag, zur Mobilität und zum internen Austausch schon eingehend beschäftigt haben, stehen wir hier noch relativ am Anfang. Gerade diese projektbezogenen Querschnittsthemen aus Digitalisierung/IT und Nachhaltigkeit werden voraussichtlich in Zukunft ein zentraler Teil unserer Arbeit sein.

Mara Hermann arbeitet als Data Scientist sowie Data Engineer bei der Firma inovex am Standort Hamburg.

"Dafür stehe ich mit meinem Namen." Dieser Satz hat Claus Hipp berühmt gemacht. Zum 83. Geburtstag erzählt der Unternehmer, wie er die Landwirtschaft revolutionierte und was der Glaube für ihn bedeutet.

Claus Hipp im Interview: Das treibt den Kult-Unternehmer an

Claus Hipp war Vorreiter beim Thema Babynahrung. Im Interview erzählt der 83-jährige Unternehmer, wie er die Landwirtschaft revolutionierte und was der Glaube für ihn bedeutet.

Auf dem Weg ins Büro kommt Claus Hipp immer an der Wiege des Unternehmens vorbei: Der Reibstein, in dem sein Großvater 1899 Zwieback für den Brei seiner Zwillinge mahlte, steht im Foyer der Unternehmenszentrale. Umrahmt ist er von einem Kruzifix und großflächigen abstrakten Ölbildern, die Claus Hipp am Feierabend in seinem Forsthaus-Atelier malt. Nach rund 50 Jahren in der Unternehmensleitung hat er den Staffelstab mittlerweile an seine beiden Söhne abgegeben. Seitdem schläft er an manchen Tagen auch mal ein bisschen länger als bis 4:30 Uhr. So richtig zurücklehnen mag er sich trotzdem nicht: „Der Schreibtisch ist voll und die Arbeit geht weiter. Ich komme rein, helfe, wo ich kann, und bin wie ein Austragsbauer“, sagt er und spielt damit auf Landwirte an, die ihren Hof an die nächste Generation überschrieben haben. Hipp lebt immer noch auf dem Bauernhof seiner Familie, um dessen landwirtschaftlichen Betrieb er sich schon als Schüler gekümmert hat.

Bio seit den 1950ern

Herr Prof. Hipp, Sie werden oft als Bio-Pionier bezeichnet. Gefällt Ihnen das?
Ja. Denn dafür habe ich mich sehr engagiert, schon seit den Fünfzigerjahren. Das tue ich auch weiterhin und halte es für sehr wichtig. Die Bio-Bewegung ist nicht von einer Partei ausgegangen, sondern von der Wirtschaft.

Nehmen Sie uns doch mal hinein in das Jahr 1956, in dem Sie den organisch-biologischen Landbau für Ihr Unternehmen vorangetrieben haben.
Es geht sogar noch weiter zurück. Meine Mutter war Schweizerin und hat nach dem Krieg meinen Vater gedrängt, auch in der Schweiz Babynahrung zu verkaufen. Die Schweizer wollten aber kein deutsches Produkt und schon gar keine Babynahrung. Dass die Idee nicht funktioniert hat, hat sich unser damaliger Geschäftsführer so zu Herzen genommen, dass er krank wurde. Sein Arzt, Dr. Bircher-Benner, riet ihm dazu, seine Ernährung umzustellen und morgens mit einem Müesli anzufangen. Da sagte mein Vater: „Wenn es für Sie gut ist, ist es für andere auch gut“. Daraufhin haben wir in Deutschland das erste Müesli entwickelt, das wir dann in der Schweiz verkauft haben.

Weg von den Pestiziden

Das ist ja schon ein bisschen frech.
Durch Zufall sind wir dabei auf Dr. Hans Müller in Großhöchstetten gekommen, den Pionier des ökologischen Landbaus in der Schweiz. Er hat uns mit Getreide und Obst beliefert. Er war viel bei uns, hat mich oft bis spät in die Nacht unterrichtet und mich für biologischen Landbau begeistert. Damals habe ich als Schüler unseren Hof geleitet. Auf seinen Rat hin haben wir unsere Landwirtschaft auf bio umgestellt. Er hat uns auch davon überzeugt, Babynahrung aus Bio-Rohstoffen herzustellen, denn wir wollten in unserer Babynahrung keine Pestizid-Rückstände haben. Unser Schluss war: Wenn sie in der Rohstofferzeugung nicht angewandt werden, ist das die größte Sicherheit dafür, dass sie im Endprodukt nicht drin sind.

Hat Ihnen dieser Weg gleich eingeleuchtet?
Ja. Aber es war natürlich schwierig, weil die Umgebung nicht reif dafür war. Als erste Tätigkeit nach der Schule habe ich Bauern beraten und konnte sie davon überzeugen, biologischen Landbau zu betreiben. Ausschlaggebend war, dass die Gesundheit des ganzen Hofes zunimmt, wenn nicht mit Gift gespritzt wird. „Gesunde Pflanzen, gesundes Tier, gesunde Menschen“ – das hatte Albrecht Thaer schon 1750 gepredigt. Die Bauern wollten natürlich wissen, wie es mit dem Ertrag aussieht. Wir haben ihnen versprochen, Ernteausfälle zu vergüten, wenn sie weniger ernten würden. Dadurch haben dann manche Landwirte damit angefangen. Später wurden es immer mehr.

Nie gezweifelt

Sie haben die Produktion schrittweise auf Bio umgestellt. Gab es auch Momente, in denen Sie dachten: Was ist, wenn es nicht funktioniert oder wenn wir doch falsch liegen?
Nein, denn ich war überzeugt davon, dass es der richtige Weg ist. Und mit der nötigen Konsequenz im Handeln hat es dann auch geklappt.

Woher haben Sie den Mut genommen, es anders zu machen? Noch als Schüler entließen Sie den Verwalter Ihres Hofs, weil er ihn nicht so biologisch führen wollte wie Ihre Familie. Ist dieser Mut angeboren?
Unternehmer müssen immer weiter schauen. Bereit sein, Dinge anders zu machen und bestrebt sein, besser zu sein als die Mitbewerber.

Das hat Sie angetrieben.
Ja. Aber ich war auch überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist. Viele Jahre später hatten wir einen harten Wettbewerb mit Nestlé und deren Marke Alete. Mit unserer Umstellung auf Bio haben wir dem Handel gesagt: „Wir bringen etwas Neues, aber wir werden teurer.“ Der Handel hat das eingesehen, mit Ausnahme unseres Hauptkunden. Daraufhin haben wir 20 Prozent unseres Umsatzes von heute auf morgen verloren. Das war eine harte Zeit. Der übrige Handel hat unsere Haltung aber honoriert. Nach zwei Jahren hatten wir dieses Minus wieder aufgeholt.

Natur erholt sich schnell

Der Ehrensberger Hof, auf dem Sie mit Ihrer Familie leben, gilt als Musterbetrieb für Biodiversität. Welche Maßnahmen entwickeln Sie dort und wie profitieren Ihre 8.000 HiPP-Bio-Erzeuger davon?
Auf dem Ehrensberger Hof erforschen wir in Kooperation mit Wissenschaftlern und Naturschutzverbänden Methoden, die sich in der Landwirtschaft positiv auf Bodenfruchtbarkeit und die Artenvielfalt auswirken. Die Ergebnisse geben wir an unsere Bio-Bauern weiter und erhöhen damit die Anzahl besonders biodiversitätsfreundlicher Erzeuger. Gerade führen wir eine mehrjährige Studie durch, bei der wir die Insektenvielfalt auf ökologisch und konventionell bewirtschafteten Flächen untersuchen. Dabei konnten wir auf dem Ehrensberger Hof insgesamt 21 Prozent mehr Insektenarten sowie 60 Prozent mehr Schmetterlingsarten als auf der konventionellen Vergleichsfläche feststellen, darüber hinaus die doppelte Anzahl laut Roter Liste gefährdeter Arten.

Zudem konnten wir nachweisen, dass sich die Natur schnell erholt. Bereits ein Jahr nach der Umsetzung biodiversitätsfördernder Maßnahmen nimmt die Vielfalt auf den bislang konventionell betriebenen Flächen wieder zu. Mit ganz einfachen und pragmatischen Mitteln können wir das Artensterben verhindern. Wir müssen es nur wollen.

Was bedeutet es für Sie, im Einklang mit der Schöpfung zu leben?
Es heißt, ich erkenne an, dass es einen Schöpfer gibt, der über allem steht. Einen Schöpfer, dem wir auch Rechenschaft schuldig sind. Wir müssen alles unterlassen, bei dem wir seine Schöpfung schädigen oder ihr Dinge entnehmen, die unserer Generation gar nicht zustehen.

Fleisch „Die Menge macht’s“

Auf welche Dinge verzichten Sie selbst?
Beim Essen verzichte ich zum Beispiel auf einen zu hohen Fleischkonsum. Grundsätzlich soll jeder Fleisch essen dürfen, aber die Menge macht’s – und entscheidend ist auch die Qualität. Wenn wir sehen, dass die Stadt Wien täglich so viel Brot wegschmeißt wie die Stadt Linz verbraucht, dann stimmt etwas nicht. Seit vielen Jahren bin ich Schirmherr der Münchner Tafel: Dort vermitteln wir an unsere Gäste Lebensmittel, die verzehrfähig sind, aber vielleicht nicht mehr verkehrsfähig. Und da bewegen wir in der Woche Lebensmittel im Wert von über 100.000 Euro.

Wer war Ihnen ein Vorbild im Glauben?
Das waren meine Eltern. In der Familie haben wir gebetet und viel über Glaubensfragen erzählt bekommen. Wir sind in die Kirche gegangen und das war ganz normal.

Arbeit als Gebet

Sie schließen morgens in aller Frühe die Kapelle Herrnrast auf und beten dort. Gleichzeitig sagen Sie, Arbeit ist auch Gebet. Wie meinen Sie das?
Meine Arbeit kann ich als Aufgabe sehen, die mir von oben gestellt wurde. Dann ist es Gebet. Wenn ich aber in erster Linie möglichst viel Geld zusammenraffen möchte, ist es kein Gebet mehr. Ich kann schon schauen, Gewinne zu machen. Aber es kommt dann darauf an, was ich damit anfange und wie sozial ich die Mittel wieder einsetze.

Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Alltag?
Glauben heißt, etwas für wahr halten, was man nicht sehen oder verstehen kann. Es ist ein Akt des Willens. Wenn ich alles diskutiere und hinterfrage und mir alles logisch erscheint, dann ist es Wissen. Dann bleibt für den Glauben nichts mehr übrig. Wenn ich mich in einem kindlichen Vertrauen fallen lasse, fühle ich mich im Glauben geborgen und aufgehoben. Damit kann ich mehr tun als jemand, der nicht glaubt: Ich kann beten und hoffen, dass es gut wird.

Ja, und trotzdem erleben wir aber auch, dass manches eben nicht so läuft, wie wir beten oder worauf wir hoffen.
Ja, sicher. Die Welt besteht aus Gutem und Bösen. Sie ist so geschaffen und damit müssen wir zurechtkommen. Auch bei Paulus [in der Bibel, Anm. d. Red.] lesen wir, wie er sich selbst als Schwachen und Sünder bezeichnet, der gegen das Böse zu kämpfen hat. Wenn es ein Apostel schon machen muss, dann steht es uns auch zu.

Talente nicht vergraben

Gibt es einen Bibelvers, zu dem Sie einen besonderen Bezug haben?
„Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische!“ aus Kolosser 3,2. Das sagt eigentlich alles. Diesen Vers fand ich schon immer gut. Es hat in meinem Leben Situationen gegeben, in denen ich schwerwiegende Entscheidungen zu treffen hatte. In denen ich nach Gewissen, nach meinem Wertebewusstsein und meinen Überzeugungen entschieden habe. Und das war richtig.

Was macht Ihrer Meinung nach ein erfülltes Leben aus?
Jeder bekommt Talente und die soll man nicht vergraben. In meinem Leben habe ich mich bemüht, es gut zu machen. Aber ich hätte es auch sicher besser machen können.

Inwiefern hätte man es besser machen können?
Alles lässt sich besser machen. Es ist nicht so, dass ich in irgendeiner Weise stolz bin. Sondern ich bin mir meiner Schwächen bewusst und weiß, dass ich manchmal hätte mehr machen können. Und dass die eigene Trägheit oft davor steht.

Claus Hipp, der Tausendsassa

Es hätte ja gereicht, das Unternehmen zu leiten. Sie sind darüber hinaus Künstler und Kunstprofessor, Georgischer Honorarkonsul für Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen, spielen im Behördenorchester Oboe. Warum diese Vielfalt?
Erstmal wird es mir schnell langweilig. Und vielleicht ist es schon ein Bedürfnis, Bestätigung auch woanders zu suchen. Aber es war richtig, die Firma zu leiten. Mein Vater war auch ein sehr musischer Mensch. Er hat wunderbare Bilder gemalt, aber er hat zu mir gesagt, als wir über Berufe diskutiert haben: „Da hast du ein Unternehmen, aus dem du noch etwas machen kannst. Ob die Welt auf dich als Künstler wartet, kannst du vorher nicht wissen.“ Und da hat er Recht gehabt.

Ihr Vater ist gestorben, als Sie 29 Jahre alt waren. Inwiefern hat Sie das geprägt und welche Rolle spielt die Perspektive auf die Ewigkeit für Sie?
Dass das Leben kurz sein kann, ist ein Gedanke, der uns immer bewegt. Ich bin dankbar dafür, dass mein Leben schon so lange währt, aber es kann schnell vorbei sein. Manchmal diskutiere ich darüber mit meiner Frau. Sie wüsste immer gern, wie alt sie wird. Und ich frage dann: Was würdest du dann anders machen? Dann hat sie irgendwelche Ideen. Ich sage, lebe jeden Tag so, als ob er der letzte ist. Und wenn sich meine Mitmenschen einmal mit Wohlwollen an mich erinnern, bin ich zufrieden.

Interview: Debora Kuder

Das Unternehmen
HiPP wird von mehr als 8.000 Bio-Landwirten beliefert und ist damit einer der weltweit größten Verarbeiter biologisch erzeugter Rohstoffe. An allen HiPP-Standorten in der EU wird klimaneutral produziert, am Stammsitz in Pfaffenhofen und in Österreich bereits seit 2011. Bis 2025 will das Unternehmen klimapositiv werden und über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg mehr Treibhausgase ausgleichen als verursachen.

Susanne in Montur, Foto: Privat

Honig-Start-up: Susanne und Markus besuchen spontan einen Imker – und krempeln danach ihr Leben um

Eigentlich wollten Susanne und Markus Müller nur Urlaub machen. Doch der Ausflug überzeugt sie, eine Imkerei aufzubauen.

Eigentlich wollten sie nur „im Vorüberfahren“ eine Salbe kaufen, damals im Österreichurlaub 2014. Doch sie landeten bei jenem Imker, der sie schließlich mit seiner Begeisterung ansteckte. Susanne und Markus Müller beschäftigten sich gerade intensiv mit ihrer Zukunft. Susanne hatte Kommunikationsdesign und Markus Maschinenbau studiert. Aber als engagierte Christen wollten sie nicht nur eigenen Plänen folgen, sondern sich an Gott und seinen Gedanken ausrichten. Kaum etwas lag ihnen ferner als Honig. Den hatten sie noch nicht mal im Haus!

Doch dann blieben sie bei jenem Imker in Österreich hängen, der nicht ahnen konnte, was er mit seiner „Bienenschwärmerei“ auslöste. Susanne und Markus hörten zu, sahen sich um, ließen sich den Betrieb zeigen. Anschließend sahen sich die beiden im Auto an und wussten: Honigbienen – das wird unser Ding!

Völlige Überforderung

Zuhause in Brackenheim, 40 Kilometer nördlich von Stuttgart, krempelten die beiden Mittzwanziger gleich die Ärmel hoch: Parallel zum Imkerkurs und dem Studium von Bienenlektüre zogen bereits zwei Völker im Garten der Müllers ein. „Wir waren völlig überfordert“, lachen die beiden, als ich sie in ihrem Wohnhaus im Zabergäu besuche. Im Keller sind auch ihre zertifizierte Bioland-Imkerei und die Abfüllstation untergebracht. So einiges machte ihnen anfangs zu schaffen und vieles mussten sie erst mühsam durch Trial and Error lernen. Varroamilbe, Drohnenschneiden, Königinnenzucht – am Beginn alles noch Fremdwörter.

„Obwohl es sehr stressig war, haben sich für uns ganz viele Türen geöffnet“, staunt Markus im Rückblick. Was zunächst als Hobbyimkerei beginnt, weitet sich mit den Jahren aus. Als die drei Kinder dazukommen, nutzt Markus die Elternzeit unter anderem zum Ausbau des Betriebs, der immer mehr Raum im Leben der beiden einnimmt. Schließlich reduziert Markus seine Arbeitszeit als Ingenieur auf 80 Prozent.

Jede Menge Gottvertrauen

Dann kommt Corona und damit Kurzarbeit für Markus, was sich überraschend als eine weitere geöffnete Tür entpuppt, die sie als himmlisches Angebot wahrnehmen, den Übergang vom Neben- zum Vollerwerb anzupacken. Ihre Bienen bringen sie je nach Blütezeit an ganz unterschiedliche Standorte, manche mehrere Stunden Fahrt entfernt. „Unser Ziel sind 160 Völker“, erklären die beiden. Für ein neues Wirtschaftsgebäude haben sie gerade die Baugenehmigung erhalten. Und dabei soll es nicht bleiben, erzählt Susanne: „Ich träume von einem Naturgarten mit Bienenlehrpfad, der Stauden, Sträucher, Obstbäume sowie Rückzugsorte für Tiere und Insekten bieten soll.“

Das erste Jahr als Berufsimker stellte sie in diesem Jahr aber auch vor Zweifel und innere Kämpfe: Das Frühjahr und der Sommer waren extrem verregnet, die Ausbeute war wesentlich geringer als erhofft. Doch sie bleiben dran und ich staune über ihren Mut, den sie aus ihrem Glauben beziehen: „Wir setzen unser ganzes Vertrauen in Gottes Zusagen“, erklärt Markus.

Jeder Honigname hat eine Bedeutung

Und davon soll auch ihr Name „Werthonig“ erzählen. Am Esstisch der Müllers darf ich das Bienengold testen. Vor mir aufgereiht stehen Gläser, versehen mit Etiketten, die Wertmarken ähneln. Jede Honigsorte trägt einen besonderen Namen. Der duftige Lindenblütenhonig zum Beispiel heißt „Friede“. Markus erntet diesen Honig am Heilbronner Neckarufer unter Linden – und wo könnte man mehr Frieden finden als abseits von Straßenlärm? Der dunkle Weißtannenhonig trägt den Namen „Geduld“, weil dieser nur alle paar Jahre geerntet werden kann. Ihr Akazienhonig heißt „Hoffnung“, eine Anspielung auf die Empfindlichkeit der Blüte. Zudem steht auf jedem Etikett ein zu den jeweiligen Namen passender Bibelvers. Müllers hoffen vor allem, dass ihr Honig verschenkt wird: „Ein Glas Hoffnung oder Geduld für einen Freund im Krankenhaus: Das spricht seine eigene Sprache“, erklärt Susanne den Kern ihrer Vision. Honig ist hier also nicht nur süßer Brotaufstrich, sondern ein greif- und schmeckbarer Beweis für Gottes Fürsorge in jeglicher Hinsicht.

Und auch ich werde versorgt. Susanne und Markus schenken mir von jeder Honigsorte ein Glas und als ich nach Hause fahre, haben auf dem Beifahrersitz Vertrauen, Geduld, Hoffnung, Fülle, Trost, Freude, Liebe, Kraft und Geborgenheit Platz genommen. Letzteres, eine Honig-Zimt-Mischung, rühre ich abends meinen Kindern in ihre heiße Milch und muss denken, wie sehr sie göttliche Geborgenheit gebrauchen können und wie schön es ist, dass es Menschen gibt, die gleich mehrere Leidenschaften so sympathisch zusammenbringen.

Veronika Smoor ist Autorin, Referentin und Hobbygärtnerin. Mehr über Werthonig: werthonig.de

Die Geschwister Sharon und Kevin Keiderling kümmern sich um den landwirtschaftlichen Betrieb. Foto: Verena Schnitzhofer, Monika Faes

Ein Konto für alle: Diese Biohof-Bewohner teilen sich fast alles

Seit zwei Jahren lebt die kleine Lebensgemeinschaft des Bruderhofs in Niederösterreich. Gemeinsam betreiben sie Biogemüseanbau und teilen nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihren gesamten Besitz.

Das Weinviertel in Niederösterreich, unweit der tschechischen Grenze, liegt eingebettet zwischen der letzten betriebsfähigen Windmühle Österreichs, idyllischen Weinbergen, malerischen Stadthäusern und den längsten Kellergassen Mitteleuropas. In diese seit der Ur- und Frühgeschichte besiedelte Gegend ist im Sommer 2019 eine kleine Lebensgemeinschaft gezogen, die ihr Eigentum teilt, für ihren Lebensunterhalt Gemüse anbaut und dabei nachhaltige Prinzipien anwendet.

Der erste Bruderhof entstand vor rund 100 Jahren in Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg suchten viele Menschen Halt, lebensbejahende Werte und Arbeit. Das junge Ehepaar Eberhard und Emmy Arnold, das sich im Zuge der „Jugendbewegung“ in Halle an der Saale kennengelernt hatte, wollte wenigstens für einige Personen eine stabile Lebensgrundlage schaffen und sammelte Leute um sich. Diese freiwillig gewählte, im Vergleich zum allgemeinen Mainstream auffallend „andere“ Lebensweise der Gemeinschaft, stützte sich dabei auf ihre christliche Wertebasis und gemeinsamen Güterbesitz. So konnte mit vereinten Kräften ein deutscher Hof in der Rhön als erster Standort gekauft werden. Als „Brüder unter Brüdern“ machten sie unter härtesten Bedingungen den kargen Boden fruchtbar. In der Folge bürgerte sich landläufig der Name „Bruderhof“ ein.

Flucht vor dem NS-Regime

Kurz vor seinem Tod 1936 konstatierte Eberhard Arnold, seines Zeichens tatkräftiger Herausgeber gesellschaftsrelevanter Magazine, „wenn wir nicht mehr für alle Menschen da sein können, wenn wir uns nicht mehr mit der Not und dem Leiden der ganzen Welt befassen können, hat unser Bruderhof keine Existenzberechtigung mehr.“

Gegen die „lebenszerstörenden Strömungen unserer heutigen Gesellschaftskultur, aber auch gegen unsere eigenen Schwächen und den Egoismus, der uns immer wieder im Weg steht“ suchten die Bruderhofbewohner von Anfang an eine friedliche Alternative. Während des NS-Regimes beispielsweise entzog man sich in der hauseigenen Schule der aufoktroyierten Lehrerschaft, indem alle Schulkinder samt ihrer Erzieher kurzerhand nach Liechtenstein flohen, um ihre Prinzipien zu wahren.

Manch ein Bruderhof hat über 200 Mitglieder

Bis dato werden sie nicht müde, sich für Gerechtigkeit, Glaubens- und Gewissensfreiheit einzusetzen. Die Gemeinschaft wächst – auch dank großer Familien – stetig. In manchen Bruderhöfen leben heute über 200 Personen. Weltweit verteilen sich etwa 2500 Mitglieder auf Niederlassungen in England, den USA, Paraguay und anderen Ländern.

Mitglied kann man frühestens mit 21 Jahren werden und nur nach eigener, freier Entscheidung. Viele haben ursprünglich einen deutschen Hintergrund, aber man assimiliert sich, wächst mit Englisch und Deutsch gleichermaßen auf. Diese Zweisprachigkeit hilft dann auch bei internationalen Neugründungen und beschleunigt die Integration in eine neue Umgebung. Da sich jeder neu gegründete Bruderhof selbstständig für ein Business entscheidet, von dem er leben will, spannt sich der Bogen mittlerweile von Herstellung innovativer Tischlerware über Produktdesign und Marketing bis hin zur Landwirtschaft.

In den letzten Jahren streckte man die Fühler zurück in den deutschsprachigen Raum aus, pflegte Kontakte zu Christen verschiedener Konfessionen in Österreich. Letztlich eröffnete der Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn, persönlich vom tiefen Anliegen der Versöhnung geprägt, die Möglichkeit für den Kauf des Retzer Gutshofes. Damit schließt sich ein Kreis, denn genau aus diesem Gebiet wurden vor rund 500 Jahren die sogenannten „Täufer“ im Zuge der Gegenreformation aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen vertrieben. In ihren Überzeugungen können sie als geistliche Vorfahren des Bruderhofs gesehen werden.

Nur ein Bankkonto

Nachdem der Gutshof bereits früher biologisch geführt wurde, war die Art der Selbstversorgung für diesen Standort rasch geklärt: Biogemüseanbau mit Ab-Hof-Verkauf. Und so nährt heute der Boden diese „alten“ Wurzeln und lässt neues Leben erblühen.

Der Ort erwies sich von Anfang an als optimal: der Dreiseithof besteht aus mehreren Hof- und Wirtschaftsgebäuden, die für Gemeinschaftsräume, Großküche, Büros, Arbeits- und Kühlräume adaptiert werden konnten. Seit 2019 zogen einzelne Bruderhofleute und ganze Familien von anderen internationalen „Settlements“ hierher, im Moment sind es 25.

Kinder und Eltern leben im Familienverband, Singles nach Geschlechtern getrennt in Gemeinschaftszimmern. Dass die Gruppe „alles gemeinsam“ besitzt, ist vielleicht der ungewöhnlichste Aspekt des Zusammenlebens. Persönlicher Besitz sowie Erträge, die man für den gemeinschaftlichen Lebensunterhalt erwirtschaftet, wandern in die gemeinsame Kasse. Es existiert auch nur ein einziges Bankkonto pro Bruderhof. Für Kleidung, Unterkunft und Essen wird gesorgt. Der Einzelne bringt sich seinen Gaben und Interessen gemäß ein, erhält aber weder Lohn noch Taschengeld. Nur für Schüler gibt es der Einfachheit halber Wochengeld. „Das heißt aber nicht, dass man auf alles verzichten müsse, was Konsum angeht“, erklärt Andi Zimmerman, der Leiter der österreichischen Niederlassung. Will jemand beispielsweise ein Buch kaufen oder mit Besuchern eine kalte Jause mit heurigem Wein genießen, geht er zum lokalen Finanzverwalter und bekommt die benötigte Summe. Im Prinzip kann auch jeder kaufen, was er will. Die Gemeinschaft hält sich gegenseitig in der Mäßigung verbindlich.

Aus dem Weg gehen kann man sich nicht

Natürlich kommt es auch immer wieder zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. „Das wichtigste ist, ehrlich mit- und untereinander zu sein. Egal welches mitmenschliche Problem auftaucht, es gilt, dieses anzusprechen“, meint Andi. Es sei wichtig, eine Lösung zu suchen: „Man kann sich schließlich auf engem Raum kaum länger aus dem Weg gehen.“ Gemeinsam mit seiner Frau Priscilla und den drei Kindern lebt er in einem ehemaligen Dominikanerkloster in der Nähe. Denn der Raum am Hof wurde bereits zu knapp. Ein im Kloster zur Verfügung gestellter Trakt beherbergt auch ein Gästehaus für Besucher wie uns, die in dieses „andere Leben“ hineinschnuppern wollen.

Wie andere junge Erwachsene erkunden auch Bruderhöfler gerne die Welt. Bewusst lässt man sie ziehen, ihre eigenen Wege gehen und Ausbildungen machen. So kam Terrence Meier, 21, vor etwa zehn Monaten alleine von einer englischen Niederlassung hierher, um bei diversen Bau- und Renovierungsaufgaben Hand anzulegen. Später will er im nahen Wien Musikwissenschaften studieren. „Wir haben bereits einiges umgesetzt: zwei Gästezimmer, ein Badezimmer und Büros. Nun bauen wir eine Werkstatt auf, um für weitere Bauvorhaben und kleine Tischlerarbeiten gerüstet zu sein.“ Dafür bietet das große Gelände genug Einsatzmöglichkeiten.

Aidan Manke, 18, hingegen zog mit seiner ganzen Familie von England hierher. Er schätzt die kleinere Community, die nach dem Abendessen viel spielt und singt. Nächstes Jahr will er gerne vor Ort als Rettungssanitäter mit dem Roten Kreuz aushelfen.

Bio-Anbau im Garten

Die Geschwister Kevin und Sharon Keiderling zeigen uns schließlich das Herzstück des Gutshofs: den Garten. Für Sharon war das der eigentliche Grund, von England nach Österreich umzusiedeln: „Ich bin sehr an regenerativer Landwirtschaft interessiert und möchte gern mehr darüber lernen.“ So geht es uns auch. Kevin, der wiederum mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern hier lebt, verwaltet den gesamten Ablauf der alternativen Versorgung. Fachmännisch führt uns der gelernte Landwirt in die für uns neue Welt des „Market Gardening“ ein, einer biointensiven Anbautechnik aus dem 19. Jahrhundert, bei der Gemüse auf kleinem Raum dicht gepflanzt wird.

Während uns draußen der Wind um die Ohren pfeift, erfüllt uns beim Betreten des Gewächshauses eine angenehme, warme Stille. Hier werden beispielsweise Paprika und Paradeiser, also Tomaten, vorgezogen. Alle zwei Wochen werden neue Salate gepflanzt – im Laufe des Jahres zehn verschiedene Sorten. Für die Wintersaison werden bereits Vitamin-C-reiche Kohlarten produziert. Der Folientunnel wurde selbst ausgeklügelt und gebaut. Über den Winter kann er beheizt werden, um ein dauerhaftes Sprießen der Sämlinge zu gewährleisten. In den kleinen Keimzellen, wo jeweils vier Samen eingelegt werden, entdecken wir die Beschriftung „Rubinetto“ und denken an Lieblingsapfel – aber damit liegen wir falsch, wie sich noch herausstellen wird.

Natürlicher Kompost hilft beim Wachsen

Vor dem Gewächshaus fasst Sharon in einen großen Behälter. Reiner, dunkler Kompost rieselt durch ihre Finger: So sieht also die wertvolle Umsetzung von Pflanzresten, Holzspänen, altem Heu und Pferdemist aus, die hier drin ein gutes Jahr unberührt ruhten. Aus diesen Resten wird Neues! Das Kompostierungssystem ist lediglich auf Luft und Wasser angewiesen („aerob“). „Optimal ist ein Wassergehalt von 70 Prozent“, erklärt uns Kevin. Wenn nicht gewendet wird, können sich zudem Bodenpilze und andere Mikroorganismen besser entwickeln. Das Endergebnis wird später als natürlicher Dünger in kleinsten Mengen dem Gießwasser beigemengt.

Auch zum Neuanpflanzen ist der Kompost wichtig: „Wenn man ein neues Beet anfängt, verteilt man einfach Kompost auf der Oberfläche, das unterdrückt erst einmal die Unkräuter“, sagt Kevin. Dadurch werde der Boden humoser und könne Wasser und Nährstoffe besser speichern. „Dann pflanzt man direkt in den Kompost rein. Reifes Gemüse wird abgeerntet, indem man es einfach an der Oberfläche abschneidet.“ Die Wurzeln werden im Boden belassen, darauf kommt eine kleine Schicht Humus, in die wiederum direkt gesät oder gepflanzt wird. Das Boden(innen)leben wird auf diese Weise bewahrt und kann sich optimal vermehren.

Ohne Chemie, dafür viel Handarbeit

Das „Market Gardening“ geht auf die Gärtner Jean-Martin Fortier und Eliot Coleman zurück. Es beschränkt sich auf die Größe, die noch in Handarbeit zu bewältigen ist. Der Traktor wird nur für den Abtransport der geernteten Schätze verwendet. Klug werden daher Gemüsearten ausgewählt, die den besten Ertrag pro Quadratmeter erzielen. Dabei achtet man besonders auf Diversität und Symbiosen von Pflanzen, die einander im Wachstum unterstützen.

„Landbau ohne Chemie kann nur funktionieren, wenn alle zusammen helfen und mit anpacken“, folgert Kevin. „So ist es öfter nötig, dass wir abends noch alle aufs Feld gehen und die Beete durchjäten.“ Die Gartenarbeit hat aber auch einen gemeinschaftsfördernden Aspekt, findet die 22-jährige Felicity Goodwin, die mit ihrem „grünen Daumen“ in diesem Metier heimisch ist.

Schließlich bewundern wir ein Beet mit allerlei Salaten. Kevin wählt einen Kopf aus und reicht ihn uns: „Das ist ein Rubinetto!“ Kein Apfel also, sondern ein kunstvoll gebildeter roter Eichblattsalat.

Im Gemüsewaschraum wird gerade das saisonal geerntete Gemüse gesäubert, Microgreens werden abgewogen und eingetütet sowie in die beliebten Abokisten verpackt. Auch selbstgemachte Aufstriche, Pies, Cookies, frische Hühnereier und Honig sind im Angebot.

Alle essen gemeinsam

Mittlerweile ist es Mittag geworden und uns knurrt der Magen. So kommen wir noch in den Genuss eines leckeren, frisch zubereiteten Essens. Und auch hier ist der Betrieb bestens eingespielt: Mehrere Köche der Gemeinschaft bereiten regelmäßig alle Mahlzeiten zu. Wer sich gerade im gemeinschaftlichen Essraum aufhält, deckt den Tisch. Wenn möglich, essen alle gemeinsam. Als Besucher erleben wir das als eine wohltuende Unterbrechung des Alltags und ein bewusstes Ruhen der Arbeit. Es wird Wert auf persönlichen Austausch gelegt. Zum Schluss stürzen sich besonders die Jungen lachend in den Wasserspaß und waschen den Geschirrberg händisch ab.

Uns fasziniert bei unserem Besuch immer wieder die authentische Freude von Jung und Alt. Eine Ausgeglichenheit und auch eine tiefe Wertschätzung füreinander sind zu spüren. Eberhard Arnolds Gedanken aus der Gründungszeit sind sichtbar lebendig geblieben: „Alles in unserem Leben sollte Ausdruck der gegenseitigen Liebe sein. So ist Arbeit nicht von unserem Leben getrennt, sondern wird aus Freude am Dienst füreinander getan. Dazu gehören auch die Arbeit in der Waschküche, die Zubereitung der Mahlzeiten, die Sorge für die Kinder und Alten, und nicht zuletzt die Arbeit in Feld und Garten.“

Verena Schnitzhofer vernetzt Vordenkende im Quo Vadis Institut in Salzburg. Monika Fees ist Lehrerin und stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Evangelischen Allianz.

Die Produkte des Gutshofs sind unter gutesvomgutshof.at zu finden, Infos zum Bruderhof gibt es unter bruderhof.com.

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Bio-Siegel oder Leih-Tanne: So finden Sie nachhaltige Weihnachtsbäume

Gibt es nachhaltige Alternativen zur klassischen Weihnachtstanne? Und ob: Sechs Ideen für umweltschonende Festtage.

Nordmanntannen sind die klassischen Weihnachtsbäume, wachsen aber meist in Monokulturen, werden mit Pestiziden behandelt und haben manchmal weite Wege aus dem Ausland hinter sich, bevor sie unsere Stube verschönern. Es gibt jedoch Alternativen.

Bio-Bäume: Sie wachsen in Mischkulturen auf und werden nicht mit Herbiziden behandelt. Zu erkennen sind sie an den Bio-Siegeln etwa von Bioland oder Naturland. Auch viele Baumärkte bieten sie mittlerweile an. Eine Liste mit Verkaufsstellen hat die Organisation Robin Wood zusammengestellt.

„Fair Tree“: Das dänische Siegel zeigt an, dass die Umwelt geschont, vor allem aber die georgischen Zapfenpflücker fair bezahlt und für ihre Kletteraktionen gut ausgerüstet werden.

Mieten Sie Ihren Baum

Vor Ort: Bäume aus regionaler Forstwirtschaft haben immerhin kurze Transportwege und über ihren Anbau kann man sich informieren.

Leih-Bäume: Einige Betriebe bieten Bäume auch zur Miete an. Sie sind eingetopft, werden nach den Feiertagen zurückgegeben und wieder in die Erde gepflanzt (z. B. über „Green Tree“).

Im Topf: Wer den Baum selbst im Topf kauft und nach Weihnachten draußen einpflanzt, kann in den kommenden Jahren gleich dort schmücken. Gartenbesitzer können ihren eigenen Baum natürlich schon als Setzling pflanzen und ein paar Jahre pflegen, bevor sie ihn ins Wohnzimmer holen.

Plastik rentiert sich nicht

Plastikbäume: Dabei sollte man nicht nur bedenken, dass sie in Fernost produziert werden und eine weite Strecke zurücklegen, sondern auch Rohstoffe verbrauchen und meist doch nach wenigen Jahren im Müll landen. Gegenüber einem gefällten Baum pro Jahr gleicht sich die Ökobilanz eines Plastikbaums erst nach etwa 20 Jahren aus.

Do it yourself: Wer auch ohne gewachsenen Baum auskommt, kann sich aus Ästen Schnur und natürlichen Dekomaterialien auch eine eigene, nachhaltige Kreation schaffen.

Symbolbild: Getty Images / E+ / pixelfit

Nachhaltige Mode: Mit diesen Tipps finden Sie sich im Fairtrade-Dschungel zurecht

Umweltsiegel, Second Hand und Capsule Wardrobe: Fairtrade-Mode kann überfordern. Dabei helfen schon kleine Tricks beim nachhaltigen Kleiderschrank.

Wie viele Kleidungsstücke besitze ich eigentlich? Diese Frage stellte ich mir vor ein paar Wochen, als ich mit der frisch gefalteten Wäsche vor meiner Kommode stand und erfolglos versuchte, alle Klamotten darin zu verstauen. Egal, wie sehr ich versuchte, zu quetschen und zu puzzeln: Meine Kommode ging nicht mehr zu. Der Stapel mit Pullis passte einfach nicht hinein.

5,8 Millionen Tonnen Kleidung landen im Müll

Etwa 60 neue Kleidungsstücke kaufen wir hierzulande jährlich, sagt die Umweltorganisation Greenpeace. Ich würde mich in Sachen Kleidung eigentlich als eher sparsam bezeichnen, und trotzdem haben sich in meinem Schrank 116 Teile angesammelt, von denen ich die Hälfte im letzten Jahr nicht einmal getragen habe. Nimmt man Socken und Unterwäsche dazu, wird die Zahl noch viel größer. 5,8 Millionen Tonnen Kleidung landen in Europa im Müll – pro Jahr. Nur ein kleiner Teil davon wird recycelt, weil die Fasern für die Wiederaufbereitung nicht geeignet sind oder die Kleidungsstücke aus Fasergemischen bestehen, die sich nicht sauber voneinander trennen lassen. Das meiste landet deshalb auf der Müllkippe oder wird verbrannt.

Wie genau es in der Fashion-Industrie aussieht, habe ich bei Sandra Dusch Silva erfragt. Sie ist Expertin für nachhaltige Lieferketten bei der Christlichen Initiative Romero (CIR), einem Verein, der sich mit Kampagnen- und Bildungsarbeit für ein gerechtes Wirtschaftssystem engagiert. Die Zahlen sind gigantisch: Die Fashion-Industrie verbraucht weltweit pro Jahr 98 Millionen Tonnen Erdöl, 79 Milliarden Kubikmeter Wasser – etwa anderthalb Mal so viel, wie der Bodensee fasst – und stößt fast 1.500 Tonnen CO2 aus. Zudem werden mehrere Millionen Tonnen umweltschädlicher Materialien produziert.

Die Angestellten seien diesen Chemikalien oft ohne ausreichende Schutzkleidung ausgesetzt, ihre Löhne reichten kaum zur Existenzsicherung und wer sich für bessere Arbeitsbedingungen in Gewerkschaften organisieren wolle, verlöre leicht seinen Job, erzählt Sandra Dusch Silva. Und in der Coronazeit habe sich diese Situation noch verschärft: „Es zeichnet sich ab, dass viele während der Pandemie dort nicht arbeiten konnten und damit auch nicht entlohnt wurden. Das hat die ökonomische Abhängigkeit noch verstärkt – die Schere zwischen Arm und Reich geht so global immer weiter auseinander.“

Welches Nachhaltigkeitssiegel ist passend?

Wenn ich das so höre, vergeht mir die Lust auf neue Kleidung. Aber gar nichts zu kaufen, ist natürlich keine Lösung, schließlich sind Kleidungsstücke Verbrauchsgegenstände – irgendwann gehen sie kaputt und müssen ersetzt werden. Auch wenn das bei meiner vollen Kommode womöglich noch ein Weilchen dauert. Was aber kann ich tun, um meinen Kauf möglichst nachhaltig zu gestalten? Weil ich als Endverbraucherin kaum selbst herausfinden kann, wo und wie Kleidung produziert wurde, sind Siegel eine gute Hilfe. Sie werden von Prüforganisationen vergeben, die die Herstellungsbedingungen der Kleidung überwachen.

Meist konzentriert sich ein Siegel nur auf einen Aspekt der Herstellung, zum Beispiel die Herkunft der Rohstoffe oder die faire Bezahlung. „Ein Siegel bedeutet nicht, dass es gar keine Probleme mehr in der Wertschöpfungskette gibt“, sagt Sandra Dusch Silva, „aber es stellt sicher, dass einige soziale oder ökologische Knackpunkte angegangen werden und dort nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht wird.“ Deshalb hält sie Siegel grundsätzlich für einen guten Hinweis auf fairere Mode. Allerdings gibt es viele verschiedene und nicht alle sind gleich aussagekräftig.

„Einige Unternehmen setzen sie ein, haben aber nicht wirklich ein Interesse an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen im globalen Süden“, gibt Sandra Dusch Silva zu bedenken. Manchmal gehe es nur darum, Imageschäden zu reduzieren oder den Ruf aufzuhübschen. „Da fließt dann viel Geld, aber am Ende verspricht so ein Siegel dann nur die Einhaltung nationaler Gesetze – was ja eigentlich ohnehin Standard sein sollte“, findet sie und gibt mir ein paar Tipps mit auf den Weg, woran ich gute Siegel erkenne. Um einen Blick auf die jeweiligen Webseiten komme ich nicht herum: „Wichtig ist die Transparenz. Wenn mir nicht gesagt wird, wie man die Einhaltung der Kriterien überprüft und durch wen, dann sollte man das Siegel mit Vorsicht genießen.“ Außerdem sei die Frage wichtig: Wer setzt den Standard, den das Siegel vorgibt? Wer trifft die Entscheidungen dafür?

Webseiten helfen bei der Siegel-Suche

Sandra Dusch Silva wirbt für Siegel-Initiativen, bei denen verschiedene Akteure mit am Tisch sitzen und Probleme in der Wertschöpfungskette aus verschiedenen Perspektiven angehen. Auf Webseiten wie siegelklarheit.de und labelchecker.org werden die wichtigsten Siegel erklärt und eingeordnet. Dort kann man auch nach bestimmten Initiativen suchen.

Wer sich neben den Siegeln für die allgemeine Nachhaltigkeitsbilanz einzelner Modemarken interessiert, kann einen Blick auf das Projekt „Good on You” werfen: Dort werden Marken aufgrund ihrer ökologischen und sozialen Produktionsbedingungen bewertet. Die zugehörige App funktioniert gut, um im Laden kurz einzelne Marken abzuchecken. Allerdings stammt sie aus den USA, die erklärenden Texte gibt es nur auf Englisch und nicht jede deutsche Marke findet sich dort. Ein Angebot zum Checken der Löhne ist fashionchecker.org. Dort wird erklärt, welche Bekleidungsunternehmen existenzsichernde Löhne zahlen und wo produziert wird. Auch wer nach fair produzierenden Marken sucht, wird auf diesen Seiten fündig.

Wie sinnvoll ist der „Grüne Knopf“?

Schon lange haben Umweltorganisationen die Einführung eines umfassenden Siegels gefordert. Mit dem „Grünen Knopf” existiert nun seit zwei Jahren das erste staatliche deutsche Textilsiegel, das sowohl Unternehmen als auch deren Produkte auf ihre soziale und ökologische Nachhaltigkeit überprüft. Allerdings gibt es auch Kritik: „Der Grüne Knopf ist nicht weitreichend genug“, findet Sandra Dusch Silva. „Zum Beispiel werden existenzsichernde Löhne und das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen nicht aktiv gefördert. Außerdem sind die Prüfverfahren viel zu intransparent – gerade bei einem staatlichen Siegel sollte es eigentlich das absolute Minimum sein, Kontrollberichte und Ähnliches zu veröffentlichen.“

Wie nachhaltig ist meine Jeans?

Neben Siegeln helfen auch ein paar Grundregeln beim Einkauf. Zum Beispiel sind natürliche Stoffe wie Baumwolle umweltfreundlicher als synthetische Materialien wie Polyester, bei denen sich beim Waschen Mikrofasern lösen und in den Wasserkreislauf gelangen. Aber auch Baumwolle ist nicht gleich Baumwolle: Genetisch veränderte Monokulturen gefährden die natürlichen Ökosysteme und brauchen deutlich mehr Wasser als Pflanzen aus biologischem Anbau. Deshalb ist Bio-Baumwolle immer die bessere Wahl.

Bei Jeansstoffen gilt die Faustregel: Je heller, desto schlechter. Denn für die Bleichvorgänge kommen häufig umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien zum Einsatz. Das gilt nicht für alle Marken, ist aber eine gute Orientierung für Jeansartikel, bei denen über die Herkunft nicht viel bekannt ist.

Diese Regeln helfen beim Kleiderkauf

Ganz grundlegend muss sich aber vor allem unsere Einstellung zu Kleidung ändern. Denn egal, ob bio oder nicht, ausgebeutet oder fair bezahlt: Die Masse an Kleidung, die wir konsumieren, ist einfach zu groß. Unser Planet ist überfordert mit den Ressourcen, die wir für unseren aktuellen Lebensstil verbrauchen und dem Müll, den wir hinterlassen. Deshalb sollten wir einen anderen Weg einschlagen, weg von Fast Fashion und hin zu einem bewussteren Modekonsum. Ein erster Schritt könnte zum Beispiel sein: keine Impulskäufe mehr. Bevor ein Teil an der Kasse landet, stelle ich mir die Fragen: Brauche ich das wirklich? Welchen Mehrwert bringt es in meinen Kleiderschrank? Welches Kleidungsstück erfüllt die Rolle dieses Neuzugangs momentan? Manchmal hilft es auch, den Laden nach der Anprobe wieder zu verlassen und erst später zurückzukommen und über den Kauf zu entscheiden. Oder – wie beim Wocheneinkauf im Supermarkt – vorher festzulegen, was ich eigentlich brauche und mich dann von Schnäppchen und Trends nicht beirren zu lassen.

Ein beliebtes Konzept ist die sogenannte „Capsule Wardrobe“. Die Londoner Boutiquenbesitzerin Susie Faux prägte den Begriff in den 1970er Jahren, als sie einige klassische Basics zusammenstellte, die bewusst zeitlos gehalten waren und mit einigen jahreszeitlichen Stücken ergänzt werden konnten. Heute suchen sich viele für eine bestimmte Zeit aus ihrer eigenen Kleidung eine Anzahl an Teilen aus, die sich gut kombinieren lassen. Die restliche Kleidung wird für diese Zeit weggepackt. Die christliche Social Media Managerin und Sinnfluencerin Larissa McMahon organisiert ihre Garderobe schon seit mehreren Jahren auf diese Weise. Sie findet, dieser bewusste Minimalismus kann das eigene Verhältnis zu Mode verändern: „Eine Capsule Wardrobe kann helfen, den eigenen Stil zu finden und entspannter mit Kleidung umzugehen.“ Sie hat gute Erfahrungen damit gemacht, ein Board bei Pinterest anzulegen und dort Kleidungsstücke zu pinnen, die ihr gefallen. „Daran konnte ich meinen eigenen Stil ganz klar erkennen und daran orientiere ich mich nun. Denn auch, wenn ich das ein oder andere Trendteil toll finde, oder den Stil von anderen, fühle ich mich doch in meinem Stil am wohlsten. Und das sind die Kleidungsstücke, die wir am Ende wirklich tragen.“

Wo kann ich nachhaltig einkaufen?

Soll der Kleiderschrank aber doch mal erweitert werden, lassen sich Jeans oder T-Shirts sehr gut in Second-Hand-Läden, über Ebay oder die Plattform vinted.de finden. Je länger Kleidung getragen wird, umso besser, denn das spart Material, Wasser und Energie. Dass gebrauchte Stücke meist auch günstiger sind, ist da ein netter Nebeneffekt.

Durch unsere Kaufentscheidungen nehmen wir Einfluss darauf, dass sich in der Modeindustrie etwas wandelt: Wenn Billigmodemarken auf ihren Klamotten sitzenbleiben, müssen sie etwas ändern. Häufig haben nachhaltig produzierte Kleidungsstücke aber ein großes Manko: Sie kosten deutlich mehr als die Konkurrenzprodukte aus der Fast-Fashion-Industrie. Nicht für alle ist es eine Option, 40 Euro für ein T-Shirt oder 120 Euro für eine Jeans auszugeben. Deshalb muss das langfristige Ziel sein, faire Kleidung zum normalen Standard und damit für alle zugänglich zu machen. T-Shirts für zwei und Hosen für acht Euro werden aber zu umweltverträglichen Bedingungen und fairen Löhnen nicht zu machen sein.

Diese Schwachstellen hat das Lieferkettengesetz

Die Arbeit in den Nähereien der Kleidungsindustrie bildet für einen Großteil der Bevölkerung von Bangladesch und benachbarten Ländern die Lebensgrundlage. Gleiches gilt für diejenigen, die auf den Baumwollfarmen schuften, Garne spinnen, Stoffe färben und Reißverschlüsse einsetzen. All diese Menschen sind auf eine sozial und ökologisch faire und vor allem transparente Lieferkette angewiesen. Mit dem neuen Lieferkettengesetz ist dafür ein erster Grundstein gelegt. In den Augen von Sandra Dusch Silva hat das Gesetz allerdings noch erhebliche Schwachstellen. „Es ist toll, dass Unternehmen jetzt für Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung in gewissem Maße haftbar gemacht werden können, dass das jetzt kein gesetzesfreier wilder Westen mehr ist. Allerdings hat die Wirtschaft dafür gesorgt, dass es Abschwächungen gibt, zum Beispiel Ausnahmeregelungen bei Sorgfaltspflichten. Deshalb greift das Gesetz am Ende nicht weit genug.“

Die Entscheidungen zum Lieferkettengesetz haben gezeigt, dass der Einsatz vieler Initiativen und Einzelpersonen gewirkt hat, aber auch, dass der Druck auf die Wirtschaft größer werden muss. Kritische Nachfragen an der Kasse oder – noch besser – in einem Brief ans Unternehmen machen klar, dass Produktionsbedingungen für uns als Kunden und Kundinnen ein wichtiges Thema sind. „Von Betriebsräten aus größeren Modeunternehmen bekommen wir die Rückmeldung, dass solche Fragen nochmal auf einer ganz anderen Ebene auf das Unternehmen wirken“, sagt Sandra Dusch Silva.

Außerdem gibt es immer wieder Aktionen, um auf Probleme in der Kleidungsindustrie aufmerksam zu machen, zum Beispiel von der Kampagne für saubere Kleidung. Der oder dem Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises zu schreiben, ist zum Beispiel ein leichter Weg, Anliegen direkt in die tagesaktuelle Politik einzubringen. Auf jeden Fall gilt: hartnäckig bleiben. Die Modeindustrie ist riesig und die aktuellen Profiteure haben kaum Gründe, ihr Verhalten zu ändern. Deshalb müssen wir unsere Chance nutzen, ihnen diese Gründe zu liefern. Und Sandra Dusch Silva ermutigt, auch das eigene Umfeld für das Thema zu sensibilisieren – durch Gespräche oder auch Aktionen wie eine Kleidertauschparty, bei der alle ausrangierte Kleidung mitbringen, tauschen und über Probleme der Modeindustrie nachdenken – und darüber, wie sie nachhaltiger werden kann.

Marie Gundlach studiert Wissenschaftsjournalismus in Dortmund und liebt Second-Hand-Onlineshopping.

Thomas und Mirjam Junginger, Foto: Privat

Nachhaltigkeit: Dieses Paar betreibt eine Foodsharing-Station im Keller

In ihrem NachhaltigkeitsNetzwerk wollen Mirjam und Thomas Junginger nicht nur Lebensmittel teilen, sondern auch Ideen und Know-How. 350 Kilogramm an Essen geben sie jede Woche ab.

Angefangen hat alles mit einer kleinen Frage im Bioladen: „Habt ihr Salat, der sich nicht mehr verkaufen lässt?“ Mirjam und Thomas Junginger suchten ihn ursprünglich als Futter für ihre Kaninchen und Hühner. Zum Salat bekamen sie nach und nach Heidelbeeren, Spargel und anderes, das sich nicht mehr verkaufen ließ. Einige Gespräche und Anfragen später stand die Familie mit Bergen von Obst und Gemüse da.

Foodsharing-Station im Keller

Zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel wandern jedes Jahr in Deutschlands Mülltonnen. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft stammen davon mehr als die Hälfte aus unseren privaten Haushalten. Aber auch im Handel wird eine halbe Million Tonnen vernichtet: Lebensmittel, die noch genießbar wären, sich aber nicht mehr verkaufen lassen – wie Gemüse und Obst mit Druckstellen, verpackte Lebensmittel mit ablaufendem Mindesthaltbarkeitsdatum oder scheinbaren Mängeln.

Solche Lebensmittel landen nun bei Thomas und Mirjam in einem kleinen Dorf in der Nähe von Stuttgart, in dem ich sie für ein Gespräch besuche. Als sie privat so viele Lebensmittel erhielten, dass sie mit dem Verarbeiten nicht mehr hinterherkamen, stolperten sie über die Internetplattform Foodsharing.de, über die mittlerweile 200.000 registrierte Ehrenamtliche noch genießbare Lebensmittel retten und verteilen. Jungingers fanden: Das ist die Lösung! 2016 schlossen sie sich der Foodsharing-Community an und aus ihrem kleinen Kellerraum wurde ein sogenannter Fairteiler. In diese Stationen können gerettete Lebensmittel gebracht und von allen kostenlos mitgenommen werden.

350 Kilogramm Essen pro Woche

Mittlerweile ist aus ihrem Fairteiler der „NetzwerkLaden“ geworden. Rund 350 Kilogramm Lebensmittel geben sie von dort pro Woche weiter. Dahinter steht zudem ein Netzwerk, das noch mehr will als Lebensmittel retten: „Wir wollen Menschen verbinden“, erzählt Thomas. „Nachhaltigkeit ist uns wichtig, aber es geht uns auch darum, mit dem Laden einen Raum zu schaffen, in dem Menschen sich begegnen können.“ Und auch ihr Glaube an Gott ist ihnen wichtig. So wichtig, dass sie letztendlich nicht mehr zur religions- und werteneutralen Foodsharing-Plattform passten. Hinter dem Konzept stehen sie nach wie vor, doch sie möchten auch über den Glauben ins Gespräch kommen. „Wir sind Christen, das ist unsere Motivation und das möchten wir auch kommunizieren“, sagt Mirjam.

Wer Teil der Gruppe ist, packt mit an

Neben dem Laden starten sie immer wieder verschiedene Aktionen, die die Menschen miteinander verbinden und auf das Thema Nachhaltigkeit aufmerksam machen. Es gibt Arbeits- und Ideengruppen, aber normalerweise auch ein monatliches Feierabendgrillen und Flohmärkte im April und Juni.

Das alles bedeutet eine Menge Arbeit: Lebensmittel müssen abgeholt, verarbeitet und sortiert, der Laden muss sauber gehalten werden. Deshalb gilt der Grundsatz: Alle helfen mit! Wer fester Teil des Netzwerkes ist und regelmäßig über Lebensmittellieferungen informiert werden will, ist auch Teil einer Arbeitsgruppe, die beispielsweise den Transport der Lebensmittel oder das Putzen übernimmt. „Manchmal sitzen wir auch zusammen und sortieren körbeweise Erdbeeren oder verarbeiten gerettete Lebensmittel“, erzählt Thomas. Arbeiten und Gemeinschaft, beides gehört hier zusammen.

Nachhaltigkeit heißt Wertschätzung

Nachhaltig leben kostet viel Zeit und bedeutet einen Mehraufwand, da sind sich Mirjam und Thomas einig – aber auch darin, dass es sich lohnt: „Nachhaltigkeit hat ganz viel mit dem Thema Wertschätzung zu tun“, meint Thomas. „Wir haben kein Verhältnis mehr zum Aufwand, der hinter den Dingen steckt.“ Es gehe darum, hinzuschauen und den Preis zu sehen, den andere Menschen und die Umwelt für unseren Konsum zahlen. Wir wollen heute alle Produkte möglichst billig und dauerhaft verfügbar haben. „Wenn man das wahrgenommen hat, kann man schrittweise nach einer Alternative suchen, die den Menschen und den Schöpfer in seiner Arbeit wertschätzt und damit auch ehrt“, sagt Thomas. Lebensmittel nicht einfach wegzuwerfen, sondern so gut es geht weiterzuverwenden, ist für ihn einer dieser praktischen Schritte.

Das Paar stößt an Grenzen

Eine besondere Idee waren ihre Monats-Challenges, die sie in einem Jahr angeboten haben. Was sie als kleine Familienaktion begonnen hatten, sprang aufs Netzwerk über: kleine Anregungen, von denen man sich jeweils einen Monat lang herausfordern lassen kann, nachhaltiger zu leben.

Dass Mirjam und Thomas dabei auch schnell an ihre Grenzen stoßen, geben sie gerne zu. Gerade auf Plastik und Verpackungsmüll zu verzichten, ist mit geretteten Lebensmitteln schwer. Aber das nehmen sie gelassen: „Wenn nur Nachhaltigkeit unser Ding, unsere Ideologie, wäre, würden wir an unseren Grenzen verzweifeln“, sagt Thomas. Immer wieder würden sie ihrem eigenen Maßstab nicht gerecht oder rutschten zurück in alte Gewohnheiten. Das kenne ich auch gut. Trotz aller vorbildlicher Vorsätze kaufe ich dann doch immer wieder mal billig und schnell ein, einfach aus Bequemlichkeit, obwohl ich weiß, dass Umwelt oder Menschen darunter leiden. Für Mirjam wird an dieser Stelle ihr Glaube lebendig: „Wir müssen uns für Rückschläge oder eigene Grenzen nicht selbst fertig machen, sondern können damit in aller Freiheit zu Gott kommen und sagen: Ich habe es nicht geschafft.“ Bei aller Motivation für den Einsatz im Alltag ist bei ihnen so auch ganz viel Platz für Gnade. Als ich am Mittag den Hof des Netzwerkladens verlasse, gehe ich voll bepackt und reich beschenkt: Gerettete Schokolade, eine Packung Feldsalat, eingemachte Ananas und selbst gebackenen Brotpudding packe ich in mein Auto. Außerdem nehme ich praktische Ideen und vor allem die Motivation mit, kleine Dinge nach und nach zu verändern.

Mirjam und Thomas vergleichen das Nachhaltigkeitsnetzwerk gerne mit einem Büfett: „Es deckt einen Tisch mit leckeren Ideen, die Lust machen auf Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Glaube!“ Alle packen sich auf den Teller, was sie möchten – und dann wird gemeinsam gegessen und gefeiert.

Anne Gorges ist Theologin, Schrebergärtnerin, Mama und Bloggerin (kleineweggedanken.de).

Zwei Vertreter des Yanesha-Volkes, das seit Jahrtausenden das Land bewohnt, aber nun mehrere Generationen lang verdrängt und versklavt wurde. Jens Bergmann und sein Verein Chance e. V. haben mit mehreren Yanesha-Gemeinschaften Kooperationen begonnen. Foto: Chance e. V.

Wie ein deutscher Verein den Regenwald und Indigene schützt

Der Verein Chance e. V. unterhält eines der größten privaten Naturschutzgebiete in Peru. Dort kämpft die Organisation gegen Monokulturen und die Ausrottung indigener Völker.

Wenn Jens Bergmann von seiner Reise in die südliche Amazonasregion Madre de Dios erzählt, hört man noch sein Entsetzen: „Es war so schrecklich, was wir dort gesehen haben. Ich war schon vorher dort gewesen und damals war es noch ein unberührter, artenreicher Teil Amazoniens – heute ist diese Gegend von mafiamäßig organisierten Goldgräbern völlig zerstört worden.“

Peru ist der größte Goldproduzent in Lateinamerika. Neben den legalen Minen sind hier schon seit Langem auch illegale Goldgräbertrupps am Werk. Mithilfe von hochgiftigem Quecksilber wird das Gold vom Gestein getrennt. Zurück bleiben vergiftete Schlammlöcher und abgeholzte Mondlandschaften, von denen sich die Ökosysteme ein Menschenleben lang nicht erholen werden. „Allein in dieser Gegend gibt es 20.000 Quadratkilometer quecksilberverseuchte Sandflächen, wo vor 15 Jahren noch Primärregenwald war“, erzählt Jens Bergmann, Gründer und erster Vorsitzender des Vereins Chance e. V. mit Sitz in Köln.

Waldhüter mit Satellitentechnik

Er und Elizabeth Luque, die Leiterin der peruanischen Partnerorganisation, waren 2013 in Peru unterwegs, um neue Einsatzmöglichkeiten für ihren Verein zu finden, den sie 2003 gegründet hatten. Nach dieser Reise beschlossen sie, sich in Amazonien für den Schutz von Regenwald zu engagieren und ließen sich fortbilden vom ehemaligen Leiter dreier großer Naturschutzgebiete.

Heute überwacht der Verein mit einer staatlichen Lizenz und 25 Mitarbeitenden wahrscheinlich das größte von einer christlichen Organisation betriebene Naturschutzgebiet der Welt. Mit Waldhütern, Kontrollposten und Satellitentechnik sichern sie ein 200 Quadratkilometer großes Gebiet vor Wilderern und Landräubern. Eine halb so große Fläche steht nochmals in Aussicht. „Mittlerweile haben wir eine sehr gute Arbeitsbeziehung zur Forstbehörde“, sagt Jens Bergmann. „Wenn sie von freien Flächen erfährt, weist sie uns darauf hin.“

20 Prozent des Landes soll Wildnis bleiben

Fast die gesamte Landesfläche in Peru ist konzessioniert: Der Staat bleibt immer Eigentümer, vergibt aber verschiedene Nutzungsrechte – für Erdöl, Erdgas, Tourismus, Bergbau, Landwirtschaft und auch für den Naturschutz. Mindestens zwanzig Prozent der Landesfläche will die Regierung auch langfristig als Wildnis erhalten. Zum Vergleich: In Deutschland sollen in Zukunft zwei Prozent unbewirtschaftet bleiben, nicht einmal das wird aber aktuell erreicht.

Damit eine Naturschutzkonzession beantragt werden kann, müssen Bedingungen erfüllt sein: Keine indigene Bevölkerung darf dort leben, kein Bergbau darf betrieben werden. Eine Konzession wird für vierzig Jahre übertragen und kann bei gutem Management verlängert werden.

Im Behördendschungel

Für die Antragstellung war viel Ausdauer erforderlich. Als Jens Bergmann und sein Verein von einem freien Stück Regenwald erfahren hatten, begannen zweieinhalb Jahre schwieriger Verhandlungen. Die Mitarbeitenden der Forstbehörde gelten als schlecht ausgebildet, sind fast immer unterbezahlt und nicht selten korrupt. Hinzu kommt in Peru ein Zuständigkeitswirrwarr: Gesetze und Verordnungen widersprechen sich mitunter, selbst die Mitarbeitenden steigen oft nicht durch. Nachdem der Verein den ersten Antrag mit allen Unterlagen und Unterschriften für die Naturschutzkonzession gestellt hatte, wurde ein neues Forstgesetz verabschiedet. Nun war zusätzlich ein Dekret des Staatspräsidenten notwendig und konnte erst nach dem Zusammenschluss mit anderen NGOs erwirkt werden. „Dann wurde plötzlich der Leiter der Behörde in einer Nacht- und Nebel-Aktion festgenommen, weil er Chef einer illegalen Holzmafia war“, erinnert sich Jens Bergmann, „und daraufhin lag der Antrag erstmal rum.“ Der Verein schaltete bekannte Umweltanwälte aus Lima ein. Sie arrangierten ein Treffen mit der Chefin der nationalen Forstbehörde, drohten mit juristischen Schritten – und erhielten zwei Tage später die unterzeichneten Verträge.

Die Regenwaldfläche wurde auf die peruanische Partnerorganisation übertragen und die Arbeiten konnten beginnen: Die Grenzen des Gebiets mussten markiert und Bestandsaufnahmen gemacht werden. Lokale Waldhüter wurden ausgebildet, Kontrollposten an den Zugangswegen eingerichtet. Überwacht wird alles von der gut finanzierten Kontrollbehörde der Forstbehörde.

Ananas in der Monokulturwüste

Im Süden grenzt das Regenwaldgebiet an das staatliche Waldschutzgebiet Pui Pui, auf der anderen Seite an ein kleineres privates Schutzgebiet. So beschirmen sie sich nicht nur gegenseitig, sondern vergrößern auch den biologischen Korridor für die Tier- und Pflanzenarten.

Im Norden und Nordwesten liegen zehn Walddörfer, die vom Kaffeeanbau leben. Jenseits dieses Grüngürtels beginnt die Ananaszone: Monokulturwüste, wo vor dreißig Jahren noch dichter Regenwald wuchs. Ananas brauchen Vollsonne und reagieren sehr empfindlich auf Schädlinge und Nährstoffmangel. Deshalb wird der Dschungel bis auf den nackten Boden brandgerodet, der Lebensraum der Pflanzen und Tiere vernichtet. Die endlosen Reihen stachliger Gewächse werden mit Kunstdünger vollgepumpt und mit Pestiziden behandelt, die durch die häufigen Regenfälle weggespült werden und das Trink- und Grundwasser der umliegenden Region vergiften. Gegen die Fruchtfliege werden sie zudem in weiße Plastikfolie verpackt. „Das sind apokalyptische Landschaften“, sagt Jens Bergmann.

Umso wichtiger ist es, mit den Kaffee-Kleinbauern zusammenzuarbeiten, ihnen den Wert des Regenwaldes zu zeigen und sie darin zu bestärken, ihn zu schützen. Ein eigener Kaffeespezialist des Vereins schult sie zudem in nachhaltigem und hochqualitativem Anbau von Bio-Kaffee, für den geringere Anbauflächen nötig sind und der dennoch ein höheres Einkommen erzielt als eine konventionelle Erzeugung.

Indigene Gemeinschaften drohen auszusterben

Gute Kontakte unterhält der Verein auch zu etlichen indigenen Gemeinschaften des Yanesha-Volkes, die rund 50 Kilometer entfernt leben. Nachdem sie Generationen lang vertrieben, entrechtet, vergewaltigt und versklavt worden sind, drohen Kultur und Sprache dieses Volkes nun auszusterben. Noch etwa 40 Gemeinschaften gibt es, nur in etwa zehn wird die Sprache noch an die Kinder weitergegeben. Manche Gemeinschaften sind dem Drogenhandel erlegen. Es gibt große Zerfallserscheinungen. Die Zusammenarbeit von Chance e. V. mit den indigenen Gemeinschaften unterscheidet sich mittlerweile von der Arbeit anderer NGOs. „Wir wollen indigene Gemeinschaften von innen stark machen“, erklärt Jens Bergmann, „also nicht Straßen, Schulen oder Spitäler bauen, sondern die Menschen begleiten, die in eine Welt geworfen sind, die sie gar nicht verstehen.“

Die Vereinten Nationen haben 2007 eine Erklärung über die Rechte indigener Völker verabschiedet, der sich Peru angeschlossen hat. Dazu gehört das Recht, eigene Institutionen, Kulturen und Traditionen zu bewahren und sich an allen Angelegenheiten, von denen sie betroffen sind, wirksam zu beteiligen. „Die Autonomie, die ihnen zugesprochen wird, ist erstaunlich groß. Die Regierung muss den indigenen Gemeinschaften beispielsweise zweisprachige Lehrer zur Verfügung stellen, tut das aber nicht“, erläutert Jens Bergmann.

Kampf für die Rechte der Indigenen

Doch eigene Rechte kann nur einfordern, wer sie kennt – nicht selbstverständlich für eine Kultur, die sich schon darin unterscheidet, dass sie nicht schriftbasiert ist. In diese Lücke springt der Verein durch Kooperationen mit jenen indigenen Gemeinschaften, die dafür offen sind. „Das ist eine komplizierte Arbeit, die langen Atem erfordert. Viele Workshops und Gespräche sind dafür nötig“, beschreibt Jens Bergmann. Sie feiern Feste der kulturellen Identität, veranstalten Kochwettbewerbe mit einheimischem Essen und starten Arbeitsgruppen, etwa zum Thema Schule oder Dorfgesetze. „Wir begleiten diese Gemeinschaften dabei, sich selbst eine politische Verfassung zu geben, um sich nach innen und außen zu definieren und zu festigen und ihre Rechte verteidigen zu können. Und wir geben viel Geld für Anwälte aus, die die Indigenen befähigen, ihre Territorialrechte zu verteidigen. Und in der zweiten Phase unserer Begleitung entwickelt jede Gemeinschaft für sich einen nachhaltigen Entwicklungsplan.“

Und da schließt sich der Kreis: Denn wenn die indigenen Gemeinschaften ihre Territorien schützen, verstärken sie damit auch den Schutz für die großen staatlichen Regenwaldgebiete, die an ihre Gebiete grenzen.

Mit Gott im Regenwald

In Deutschland ist der Verein eng mit Kirchen und Gemeinden aus ganz verschiedenen Richtungen verbunden, bietet Workshops und Predigten in Gottesdiensten an, etwa zum Thema „Schutz der Schöpfung in der Bibel“. „Unser christlicher Glaube steht im Zentrum unserer Motivation und auch unserer Identität als Organisation“, sagt Jens Bergmann. „Was unsere Methoden angeht, spielt das eine weniger große Rolle. Wenn ein Christ Mathelehrer ist, ändert sich der Matheunterricht dadurch nicht. Der muss einfach fachlich gut sein. Und so sehen wir das für unsere Arbeit auch.“

Durch spanische Missionarsmönche, die im Lauf der Kolonialgeschichte nach Peru kamen, und auch pfingstchristliche Missionare, die seit den 70er Jahren aktiv waren, sind viele Yanesha christlich geprägt. „Aber da wurde nicht immer das positive und im ganzheitlichen Sinne erlösende Potenzial gepredigt“, formuliert Jens Bergmann vorsichtig. „Wenn wir mit ihnen Gottesdienste feiern, versuchen wir, das ganz anders zu machen, stärker in ihrer Kultur verortet. Und man muss ja auch nicht zwingend Kirchen bauen, sondern kann im Wald Gottesdienst feiern – der wurde schon von Gott gemacht.“ Alles hängt zusammen: Das Bewusstsein für die Schöpfung, Bildung, Gemeinschaft und ein gelingendes Leben. „Wir versuchen, in unserem ganzen Arbeiten, die Adlerperspektive einzunehmen“, sagt Jens Bergmann deshalb. Es geht darum, dass Menschen innerlich gestärkt werden und Verantwortung übernehmen können für sich selbst, für ihre Familien und für einen intakten, geschützten Lebensraum, der wiederum die Grundlage ist für das Wohlergehen aller Menschen – nicht zuletzt von uns, auf der anderen Seite der Erdkugel.

Text: Anja Schäfer

Der Verein
Mit Freunden aus Deutschland und Peru gründete Jens Bergmann 2003 den Verein Chance e. V. Nach Projekten in Peru kamen 2010 Projekte in abgelegenen Maasai-Dörfern in Kenia hinzu. 2013 wurde die Arbeit in Peru nach Amazonien verlagert, um Regenwald und damit die Lebensgrundlage für Menschen und Dorfgemeinschaften zu schützen. Der Verein bietet die Möglichkeit, Waldpatenschaften zu übernehmen. Auch ein Patenkinderprogramm wurde aufgebaut, in dem die Kinder nicht nur praktisch unterstützt werden, sondern in Waldprojekten und bei Ausflügen lernen, soziale und ökologische Verantwortung zu übernehmen.
Infos:
mein-regenwald.de
chance-international.org
Der Kaffee aus der Region ist erhältlich über: kuuna-kaffee.de

Symbolbild: Getty Images / The Image Bank / Joos Mind

Bio oder Fairtrade? Veronika verzweifelt beim nachhaltigen Einkauf

Für Veronika Smoor ist der Wocheneinkauf eine Qual. Denn die beste Lösung gibt es beim Thema Nachhaltigkeit oft nicht.

Gerade bricht im Obstgang die Welt eines Zweijährigen zusammen. Tim, so heißt er. Das erfahre ich aus der gepressten Stimme der Mutter: „Tim, nein, ich kaufe keine Ananas! Die kommt aus Südafrika. Das ist ganz schlecht für unser Klima.“ Tim ist nicht überzeugt und heult und schreit, was das Zeug hält. Die einheimischen Äpfel, mit der die Mutter ihn locken will, entschärfen die Situation keineswegs. Tim liegt nun auf dem Boden. Ich mache einen Bogen um ihn und lächle der Mutter aufmunternd zu. Es ist noch nicht lange her, da lagen meine Töchter auch auf Supermarktböden rum, weil ich ihnen gezuckertes Müsli verweigert hatte.

Wer ist wichtiger: Umwelt oder Bauer?

Auf meiner Einkaufsliste steht unter anderem: Bananen, Birnen, Salat, Zwiebeln und Möhren. Letztere gibt es in vier Variationen und die Wahl wird mich drei Minuten meines Lebens kosten: Bio, in Plastik verpackt. Die Krummen Dinger, nicht Bio, unverpackt. Möhren mit Möhrengrün, nicht bio, unverpackt. Konventionelle Möhren im Plastiksack. Letztendlich entscheide ich mich aus Mitleid für die Krummen Dinger. Niemand will euch, nur weil ihr etwas zu kurz oder lang geraten seid und die hier hat sogar zwei Beine. Wie niedlich. Kommt her zu Mama! 

Nun auf zu den Bananen, wobei ich wieder einen Bogen um Tim mache, der den Apfelstreik auf dem Boden fortführt. Ich widme mich dem Bananendilemma: Fairtrade-Banane in Plastik verpackt, unfaire Bio-Bananen unverpackt, konventionelle Bananen unverpackt. Ich wäge ab. Ist mir der Bauer in Lateinamerika wichtiger oder die Umwelt? Ich will mich für das kleinere Übel entscheiden, wenn ich nur wüsste, welches das ist. Am liebsten möchte ich mich schreiend neben Tim auf den Boden legen. Ich greife nach den Fair-Trade-Bananen. Die Zwiebeln lassen mich fast in Tränen ausbrechen, denn meine Lieblingssorte (rot, klein, süß) gibt es weder in Bio noch unverpackt. Die einzige Variante, die noch in Frage käme, sind die Zwiebeln eines Bio-Lebensmittel-Anbieters, deren Preis man mit Gold aufwiegen könnte. Seit wann sind Zwiebeln bitteschön Luxusartikel? Beim Salat und den Birnen gebe ich auf und greife nach plastikverpackter konventioneller Ware. Energisch schiebe ich den Wagen zum nächsten Schlachtfeld: der Wursttheke. Die inneren Gewissenskämpfe erspare ich dir an dieser Stelle. Es sei nur soviel gesagt: Ich habe heute viel Plastik gespart, aber dafür keine Bio-Wurst im Wagen.

Wir können es nie ganz richtig machen

An der Kasse treffe ich Tim und seine Mutter wieder. Seine Hand steckt in einer Tüte Erdnussflips, die er Richtung rotfleckiges, verquollenes Gesicht wandern lässt. Die Mutter hat im Snackgang kapitulieren müssen.

Sacht lege ich meine Einkäufe aufs Band und bin wie so oft unglücklich. So gerne würde ich bewusst einkaufen, dabei aber auch meinen Geldbeutel nicht überstrapazieren und mit einem Gefühl von moralischer Überlegenheit nach Hause fahren. Aber solange es noch keine verbindlichen Standards für Supermärkte hinsichtlich von Plastikvermeidung und Bioprodukten und Zweite-Wahl-Ware gibt, wird unserem Gewissen viel Flexibilität abverlangt. Wir können es momentan nie ganz richtig machen. Aber es ist die Annäherung, die so wichtig ist. Vielleicht können wir im Wechsel eine Woche lang Plastik vermeiden, in der anderen nur Bio kaufen? Und Supermarktketten mit Protestmails fluten! Oder wir steigen um auf die Ökokiste, welche bereits in vielen Regionen von Biohöfen angeboten wird.

Ein bisschen was möchte ich aber auch von Tims Mama lernen. Zu den einheimischen Äpfeln greifen und mir öfter mal die Bananen verkneifen.

Text: Veronika Smoor