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Kathrin Lederer backt Brote, Foto: Johanna Ewald

Kathrin will grüner leben – mit fünf Kindern!

Kathrin Lederer möchte in ihrer Großfamilie nachhaltig leben. In manchen Aspekten klappt das super, in anderen so gar nicht.

Den Tag X, an dem wir beschlossen, unser Leben komplett umzustellen, gibt es nicht. Nachhaltiger zu leben, war eine langsame Entwicklung, die uns auch heute mal mehr und mal weniger gut gelingt. Ein nachhaltigeres Leben verstehe ich dabei allumfassend: Es geht mir nicht nur darum, weniger gelbe Säcke an die Straße zu stellen, um mich gut zu fühlen.

Mein Herzensanliegen ist, die Menschen hinter den Produkten zu sehen, weniger Ressourcen zu verbrauchen, so gut es eben geht, nicht auf Kosten anderer zu leben, soziale Gerechtigkeit zu fördern und dabei realistisch weiter unseren Familienalltag mit meinem Mann Frank und unseren fünf Kindern zwischen zwei und 18 Jahren zu leben. Anfänglich war ich die treibende Kraft unseres Wandlungsprozesses. Inzwischen ist es ein Familienprojekt – oder vielmehr eine Familienhaltung – geworden.

Suppe, Seife, Seelenheil

Als Jugendliche hörte ich zum ersten Mal vom alten Leitsatz der Heilsarmee: „Suppe, Seife, Seelenheil“. Erst sollen die elementaren Grundbedürfnisse eines hilfesuchenden Menschen gesichert werden („Suppe“), dann soll dieser Mensch Unterstützung darin bekommen, Ordnung in sein Leben zu bringen und sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren („Seife“) und erst wenn eine Beziehung zu dem Menschen aufgebaut wurde, vom Glauben zu erzählen („Seelenheil“).

Diesen Ansatz finde ich großartig und gut übertragbar auf das, was mich immer wieder antreibt: Es ist mir ein Anliegen, dass alle Menschen dieser Erde satt werden („Suppe“), dass jeder Mensch ein Dach über dem Kopf und Zugang zu Medizin und Bildung bekommt („Seife“) und jeder Mensch frei entscheiden darf, an wen und was er glaubt („Seelenheil“). Dazu möchte ich meinen kleinen Beitrag leisten – wohlwissend, dass ich die Welt nicht komplett verändern werde durch mein Verhalten. 

Haarseife statt Shampoo war ein No-Go

Ich wünsche mir, dass wir es als Eltern durch praktisches Vorleben schaffen, unsere Kinder dafür zu sensibilisieren, woher unsere Nahrung kommt und dass es viele Menschen gibt, die es so viel schlechter haben als wir. Ich würde ihnen gern zeigen, dass wir einen kleinen Beitrag leisten wollen, um diese Ungerechtigkeit zu lindern, zum Beispiel durch unser nachhaltigeres Leben, aber auch durch Kinderpatenschaften, Spenden an Hilfsprojekte und unsere Gebete. Ich glaube, es ist wie bei allen Dingen im Leben: Wofür wir uns interessieren, das prägt unser Denken, unser Handeln. Womit wir uns im Internet beschäftigen, wen wir bei Instagram abonnieren, das formt uns mit. 

In den letzten Jahren haben wir als Familie sehr viel ausprobiert. Einiges haben wir auch wieder verworfen. Haarseife statt Shampoo zum Beispiel ging gar nicht. Danach probierten wir festes Shampoo. Das funktioniert bei manchen der Familienmitglieder, bei anderen nicht. Jetzt haben wir festes Shampoo und zusätzlich flüssiges im Zehn-Liter-Kanister, das wir selber abfüllen. Auch Zahnputztabletten fanden wir alle fürchterlich. Dank Unverpacktladen kaufen wir jetzt Zahnpasta, die wir uns in eine Glaspumpflasche abfüllen.

Die mit viel Liebe von mir zubereitete Hafermilch wurde von allen verschmäht, ebenso der selbst gemachte Frischkäse (obwohl ich ihn schon ganz hinterlistig in einer leeren Frischkäsedose serviert habe!). Viele andere Ideen, um nachhaltiger zu leben, sind aber inzwischen zur Routine geworden und gar nicht mehr anders denkbar für uns. 

Keine Erdbeeren im Winter

Wir begannen damit, Schokolade und Brotaufstriche nur noch fair gehandelt zu kaufen. Die Kinder haben es sich inzwischen zur Challenge gemacht, wer zuerst die Fairtrade-Marken im Regal findet. Wir beschäftigten uns damit, woher Obst und Gemüse kommen und verzichten beispielsweise auf weit gereiste Erdbeeren im Winter. Für mich war es irgendwann eine logische Konsequenz, Vegetarierin zu werden. Der Rest der Familie isst nun sehr wenig und dafür gutes Fleisch direkt vom Erzeuger.

Und dank Milchtankstelle und Supermärkten, in denen man eigene Dosen mitbringen kann, ist es mittlerweile viel einfacher geworden, nachhaltig einzukaufen. Vor allem in den überall eröffnenden Unverpacktläden hole ich mir ganz viele Ideen und auch als Neuling kann man ganz unkompliziert mit zwei bis drei Produkten anfangen, die man sich abfüllt.

Schnäppchen gibt es Secondhand

Bei sieben Personen, von denen fünf noch in der Wachstumsphase stecken, sind Kleidung und Schuhe ein großes Thema. Vor vielen Jahren startete ich den Selbstversuch, in der Fastenzeit keine Kleidung für mich zu shoppen. Ich fand das damals megaschwer auszuhalten. Als ich für mich reflektierte, warum mir das Einkaufen von Kleidung so viel bedeutete, habe ich festgestellt, dass Shoppen ein Belohnungsprinzip für mich war nach dem Motto: „Du hast die letzten Wochen so viel für die Prüfungen gelernt, jetzt darfst du dir auch was Schönes kaufen.“ Das Wissen um all die Kleidermüllberge in der Welt und das Betrachten meines völlig überfüllten Kleiderschrankes hat mich dann überzeugt, etwas zu ändern.

Schnell habe ich festgestellt, dass ich dank Klamottenbörsen, Secondhandläden und Webseiten wie Kleiderkreisel trotzdem nicht in den immer selben Outfits herumlaufen muss. Heute kaufen wir fast ausschließlich Secondhandkleidung oder selten auch Fairtrade-Neuware. Selbst die Kinder (wir haben drei sehr modebewusste Pubertiere zu Hause!) finden es völlig ok, sich im Internet und Secondhandladen einzudecken. Auch Möbel, Fahrräder und Küchengeräte finden wir eigentlich fast immer gebraucht über Ebay-Kleinanzeigen und freuen uns total, wenn wir geniale Schnäppchen machen. 

Waschmittel zum Selbermachen

Ich habe festgestellt: Je länger ich mich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftige, desto einfacher wird die Umsetzung. Vieles stelle ich heute völlig routiniert und ohne weiteren Aufwand selber her: Kastanienwaschmittel (den Kindern macht das Sammeln ohnehin Spaß) und flüssiges Waschmittel (da können die Kids super die Seife raspeln …). Ich backe Brot und Brötchen (das spart unheimlich viel Geld!) und stelle Nudeln selber her.

Mit dem Obst zweiter Wahl vom Wochenmarkt, das supergünstig und dabei immer noch richtig gut ist, koche ich Marmeladen ein. Unser Eigenanbau im Garten war bisher nur sehr mäßig erfolgreich, deshalb freue ich mich über Felder, auf denen wir je nach Saison Erdbeeren oder Heidelbeeren selber pflücken. Dazwischen blüht noch der Holunder und ich kenne keine günstigere, köstlichere Limonade als kaltes Mineralwasser mit Holunderblütensirup und Zitronenscheiben – und alle unsere Gäste lieben sie ebenfalls. 

Gespräche über modernen Sklavenhandel

Ich freue mich immer sehr, wenn die Kinder beim Ernten sehen, wie die Früchte wachsen, wir uns die Bäuche vollschlagen mit Vitaminen und danach gemeinsam im Auto besprechen, was wir mit unserer Ernte nun alles anstellen können. In diesem Sommer war die Erdbeerernte etwas ganz Besonderes: Bewaffnet mit Getränken, Sonnenschutz und unseren Körben betraten wir das Feld zum Selberpflücken und begegneten vielen fremdländisch aussehenden Erntehelfern.

Unsere elfjährige Tochter war ganz verwundert, all diese Menschen zu sehen, die in der prallen Sonne pflückten, und sie fragte mich, warum sie denn alle hier seien. Es folgte ein langes Gespräch über die Bedingungen von Erntehelfern, über die Gründe, warum viele dieser Menschen extra für die Ernten nach Deutschland kommen, über soziale Ungerechtigkeit und modernen Sklavenhandel. Es war noch tagelang Thema bei uns. 

Abschminkpads für Menschen in Not

Beim Selbermachen frage ich mich oft: Was kann ich damit Gutes tun? Irgendwann habe ich meine Stapel alter Handtücher betrachtet und angefangen, daraus waschbare Abschminkpads zu nähen.

Das geht total schnell und ich freue mich inzwischen jeden Tag beim Reinigen meines Gesichtes über diese tollen, bunten Mini-Quadrate, die Wegwerf-Pads überflüssig machen. Über Facebook habe ich sie außerdem gegen eine Spende für ein soziales Projekt verkauft. Unsere Kinder durften die bestellte Ware mit einpacken und zur Post bringen. Sie freuen sich bei diesen Projekten immer riesig, wenn wir Bilder anschauen können, die zeigen, was mit dem Geld Sinnvolles passiert ist und wie Menschen in Not konkret Hilfe erfahren haben.

Einkochen wie zu Omas Zeiten

Ich freue mich sehr, dass es immer noch neue Ideen gibt, die ich ausprobieren kann. Mein neuestes Projekt ist das Einkochen wie zu Omas Zeiten. In unserem Großfamilienhaushalt stehe ich ohnehin oft in der Küche, große Töpfe habe ich sowieso und Marmeladengläser sammle ich schon seit Jahren.

Dem Internet und seinen Interessengruppen sei Dank, füllen sich unsere Vorratsschränke nun immer mehr mit eingelegtem Paprika, Apfelmus, fertigen Rinderrouladen, gebackenen Kuchen, Pflaumenkompott … Ich jedenfalls freue mich darüber wie bekloppt. Und nachhaltig zu leben, darf ja auch ein bisschen glücklich machen, finde ich.

Kathrin Lederer ist Sozialpädagogin und lebt mit ihren fünf angenommenen Kindern und Ehemann Frank in Delmenhorst in der Nähe von Bremen. Auf Instagram ist sie zu finden unter @dielederers, außerdem bloggt sie unter herzeltern.de.

Mimi Sewalski, Foto: Florian Gobbetz

Avocadostore-Leiterin: Kleine Label können sich oft kein Nachhaltigkeits-Siegel leisten

Mimi Sewalski ist Geschäftsführerin von Avocadostore, Deutschlands größtem grünen Online-Marktplatz. Im Interview erzählt die 32-Jährige, warum gesunder Menschenverstand oft wichtiger als Siegel ist und wie sie selbst prüft, von welchen Firmen sie Produkte kaufen möchte.

Du bist bereits in der Gründungsphase von Avocadostore eingestiegen und hast die Plattform mit aufgebaut. Was hat dich daran gereizt?
Nach meinem Studium habe ich erst fast fünf Jahre bei E-Commerce-Unternehmen in Israel und danach hier in Deutschland in der Werbung gearbeitet. Das fand ich allerdings völlig sinnlos. Später habe ich die Gründer von Avocadostore kennengelernt, die mir erzählten: „Es gibt sehr viele nachhaltige Label – aber keiner kennt sie. Wir haben deshalb eine Online-Plattform gegründet, wo wir alle versammeln wollen. Dort gibt’s dann für jedes herkömmliche Produkt eine nachhaltige Alternative.“ Dieser Satz hat mich entflammt. Viele Leute bekommen ja bei den Stichworten „Öko“ und „Reformhaus“ Gänsehaut, weil sie so viele Vorurteile haben. Kurz gesagt: Ich habe als Mission für mich gesehen, zu zeigen, dass Nachhaltigkeit Spaß macht.

Euer Erkennungszeichen ist die Avocado. Die ist nicht besonders klimafreundlich. Warum habt ihr gerade sie gewählt?
Den Namen gabs schon, als ich eingestiegen bin. Sie stand als Symbolfrucht für die vegane Bewegung. Zu der Zeit war auch noch nicht klar, wie umweltschädlich der Anbau von Avocados sein kann. Natürlich könnten wir uns umbenennen. Aber einmal wäre das markentechnisch sehr unklug. Und ich finde es auch deshalb gut, sie zu behalten, weil Nachhaltigkeit eben nie Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß bedeutet. Dafür steht die Avocado auch. Denn sie hat die guten Fette und ist eine super Alternative zum Fleischkonsum. Genau diesen Diskurs wollen wir führen. Die Leute dazu bringen, Fragen zu stellen.

Auswahl mit Menschenverstand

Welche Nachhaltigkeitskriterien müssen Produkte erfüllen, damit ihr sie verkauft? 
Wir sind kein Ökotest oder Stiftung Warentest: Wir prüfen nicht, sondern machen eine Vorauswahl, um Transparenz zu schaffen und Orientierung zu geben. Label oder Ladengeschäfte, die bei uns verkaufen wollen, bewerben sich und wir schauen dann im Dialog, ob das Unternehmen nachhaltig ist. Wofür steht es? Welche Produkte gibt es? Wenn wir dann grünes Licht geben, schauen wir uns noch mal jedes einzelne Produkt an, das bei uns hochgeladen wird. Neben diesen beiden Stufen haben wir zehn Nachhaltigkeitskriterien, von denen mindestens eins erfüllt sein muss.

Das klingt auf den ersten Blick nicht sehr anspruchsvoll …
Einerseits ja – aber wir haben noch ein elftes Kriterium und das heißt gesunder Menschenverstand. Das heißt, wenn ein Anbieter sagt: Die Bratpfanne ist vegan, dann würden wir sagen: Ganz ehrlich – jede Bratpfanne ist vegan, das reicht uns nicht. Außerdem gibt es einzelne Kriterien, die so stark sind, dass kein anderes mehr erfüllt sein muss – wie z. B. bei „Cradle to Cradle“, das für Kreislaufwirtschaft steht.

Wo wird jeder Euro eingesetzt?

Wäre es nicht einfacher, auf bekannte Zertifikate und Siegel zu setzen?
Es gibt viele kleine Label, die Unglaubliches leisten und von Anfang an die Nachhaltigkeit in ihrer DNA haben und alles Mögliche beachten – aber sich eben kein Siegel leisten können. Wir wollen auch für diese Marken die Tür offen halten. Deshalb verlassen wir den typischen Zertifizierungsansatz und gehen vielmehr in die Transparenz, geben aber auch durch die Vorauswahl Orientierung.

Vor der Herausforderung zu prüfen, stehen wir als Privatpersonen ja auch im Alltag. Viele Firmen werben inzwischen damit, nachhaltig oder grün zu sein. Wie erkenne ich, ob die Produkte wirklich nachhaltig produziert sind – oder die Firma nur Greenwashing betreibt?
Das wird tatsächlich immer schwieriger. Für mich selbst bedeutet Nachhaltigkeit Ganzheitlichkeit. Das heißt, wenn ich etwas kaufe, überlege ich: Wenn ich Aktionärin wäre und diesem Unternehmen einen Euro geben würde – was würde mit diesem Euro passieren? Und bei einem ganzheitlich nachhaltigen Unternehmen habe ich das Gefühl: Egal, was die mit dem Euro machen – es ist etwas Gutes. Das heißt: Die produzieren nicht nur tolle Produkte, sondern achten auch auf Umweltschutz und auf ein faires Miteinander – auch in ihrem Team hier in Deutschland und nicht nur in dem Land, in dem produziert wird.
Wenn ich das vergleiche mit einem Unternehmen, das sagt: Ich habe hier eine Kollektion mit zwanzig Prozent grünen Produkten – dann heißt das eben auch, dass achtzig Prozent ihrer Produkte nicht grün sind. Und der Euro, den ich dieser Firma gebe, finanziert eben auch die achtzig Prozent schlechter Produkte.

„Warum gibt es noch nicht den nachhaltigen Computer?“

Euer Ziel bei Avodastore ist es, für jedes herkömmliche Produkt eine nachhaltige Alternative zu finden. Wo gelingt das gut – wo ist es schwierig?
Im Modebereich hat sich in den letzten zehn Jahren wahnsinnig viel getan. Da gibt es inzwischen sowohl sportliche als auch elegante Marken und das Ganze auch in verschiedenen Preisklassen. Schwierig ist der ganze Elektronik-Bereich. Warum gibt es noch nicht den nachhaltigen Computer? Immerhin gibt es schon nachhaltige Mäuse und Stromkabel.

Welche Produkte sind bei euren Kundinnen und Kunden am beliebtesten?
Eco-Sneaker waren ein großes Thema in den letzten Jahren, auch die faire Jeans, die lange hält, gut sitzt, fair produziert ist und keine Chemie an die Haut lässt. Und dann alle Produkte, die helfen, das Leben plastikfreier zu gestalten – wie z. B. Brotbeutel oder Aufbewahrungsgläser.

Weniger, aber besser kaufen

Man sagt ja immer „Der beste Konsum ist der, der nicht stattfindet“. Ist es dann nicht widersprüchlich, eine Onlineplattform zu betreiben, die zwar mit nachhaltigen, aber dennoch schönen Produkten Anreize zum Kaufen gibt?
Natürlich sind wir ein Geschäftsmodell und leben vom Verkauf, aber wenn man unsere Seite mal genauer anschaut, dann findet man dort ganz viele Informationen rund um nachhaltiges Leben, die gar nichts mit Verkaufen zu tun haben. Unser Ziel ist es, Leute zu motivieren, weniger, aber besser zu kaufen. Das hat viel mit dem Prozess der Nachhaltigkeit überhaupt zu tun. Wenn man erst mal angefangen hat, wird man immer weitermachen und neue Bereiche für sich entdecken.

Was hat dich selbst dazu motiviert, auf Nachhaltigkeit zu achten und deinen Lebensstil umzustellen?
Mein Opa war Jäger, das war sicherlich ein wichtiger Einstieg für mich. Wir haben zusammen Heinz Sielmann-Filme angeguckt und sind gemeinsam auf die Jagd gegangen. Er hat mir dann immer die Zusammenhänge in der Natur erklärt, dadurch habe ich einen Bezug zum Naturschutz bekommen. Außerdem gab es so einen Moment der Erkenntnis, in dem ich dachte: Schon krass, was man alles besitzt! Wo kommt das eigentlich alles her? Seit diesem Moment höre ich nicht auf, mich bei allem, was ich täglich in der Hand habe, benutze oder kaufe, zu fragen: Was verursacht mein Kauf? Und will ich das so unterstützen? Davon kommt man dann auch nicht mehr los.

Kaufende machen den Unterschied

Jetzt bemühen sich viele, in ihrem Alltag nachhaltiger zu leben – aber gleichzeitig sieht man, wie die Industrie weiterhin große Mengen an Schadstoffen ausstößt. Da denkt man doch oft: Ob ich jetzt eine Zahnbürste aus Bambus oder Plastik benutze, macht doch keinen großen Unterschied. Was motiviert dich, trotzdem nachhaltig zu leben?
Mich motiviert total die Tatsache, dass in den letzten zehn Jahren unglaublich viel passiert ist. Ich erinnere mich daran, dass ich vor ein paar Jahren mal in einem Interview gesagt habe: Also wenn Zalando mal grüne Mode verkauft – das schien mir so absurd und so weit weg – dann habe ich mein Ziel erreicht. Und jetzt machen die das immerhin schon teilweise.
Noch ein Beispiel, das mich motiviert: Der Hambacher Forst war ja sehr präsent in den Medien und auch die Frage, warum und wofür die Leute dort demonstrieren. Und genau in der Zeit haben sich so viele Menschen wie noch nie in Deutschland neu für Ökostrom angemeldet. Somit hatten viele einzelne in der Summe einen richtig großen Einfluss, weil dadurch viele Tonnen CO2 eingespart wurden. Einfach, weil so viele Leute einen kleinen Schritt gemacht haben und ihren Stromanbieter gewechselt haben.
Das hat mich beeindruckt zu sehen, wie viele Leute plötzlich etwas ändern. Dass die großen E-Commercer nachhaltige Mode verkaufen, machen sie ja nicht, weil es ihnen plötzlich ein Bedürfnis ist, sondern, weil die Nachfrage da ist. Das heißt, weil wir Konsumentinnen und Konsumenten Entscheidungen treffen, fangen die Großen an, sich danach zu richten. Und das ist doch großartig! Ich glaube wirklich, dass an dem Satz „Jeder Kauf ist ein Stimmzettel“ was dran ist. Wir können etwas bewegen!

Interview: Melanie Carstens

Mimi Sewalski (32) ist Soziologin, Autorin des Buches „Nachhaltig leben JETZT“ (Knesebeck) und hat den 2010 gegründeten grünen Online-Marktplatz Avocadostore seit 2011 mit aufgebaut. Heute ist sie Geschäftsführerin des Unternehmens mit 70 Mitarbeitenden, das 350.000 Produkte von über 4.000 Marken anbietet. Avocadostore agiert als Vermittler und bekommt 17 Prozent vom Verkaufspreis, die von Miete über Personal bis Marketing alles abdecken müssen. Produkte, die ins Sortiment aufgenommen werden, müssen mindestens eins von zehn Nachhaltigkeitskriterien erfüllen: Rohstoffe aus Bio-Anbau, haltbar, made in Germany, Ressourcen schonend, Cradle to Cradle, fair und sozial, recycelt und recycelbar, CO2-sparend, schadstoffreduzierte Herstellung, vegan. Im Web: avocadostore.de

Susanne in Montur, Foto: Privat

Honig-Start-up: Susanne und Markus besuchen spontan einen Imker – und krempeln danach ihr Leben um

Eigentlich wollten Susanne und Markus Müller nur Urlaub machen. Doch der Ausflug überzeugt sie, eine Imkerei aufzubauen.

Eigentlich wollten sie nur „im Vorüberfahren“ eine Salbe kaufen, damals im Österreichurlaub 2014. Doch sie landeten bei jenem Imker, der sie schließlich mit seiner Begeisterung ansteckte. Susanne und Markus Müller beschäftigten sich gerade intensiv mit ihrer Zukunft. Susanne hatte Kommunikationsdesign und Markus Maschinenbau studiert. Aber als engagierte Christen wollten sie nicht nur eigenen Plänen folgen, sondern sich an Gott und seinen Gedanken ausrichten. Kaum etwas lag ihnen ferner als Honig. Den hatten sie noch nicht mal im Haus!

Doch dann blieben sie bei jenem Imker in Österreich hängen, der nicht ahnen konnte, was er mit seiner „Bienenschwärmerei“ auslöste. Susanne und Markus hörten zu, sahen sich um, ließen sich den Betrieb zeigen. Anschließend sahen sich die beiden im Auto an und wussten: Honigbienen – das wird unser Ding!

Völlige Überforderung

Zuhause in Brackenheim, 40 Kilometer nördlich von Stuttgart, krempelten die beiden Mittzwanziger gleich die Ärmel hoch: Parallel zum Imkerkurs und dem Studium von Bienenlektüre zogen bereits zwei Völker im Garten der Müllers ein. „Wir waren völlig überfordert“, lachen die beiden, als ich sie in ihrem Wohnhaus im Zabergäu besuche. Im Keller sind auch ihre zertifizierte Bioland-Imkerei und die Abfüllstation untergebracht. So einiges machte ihnen anfangs zu schaffen und vieles mussten sie erst mühsam durch Trial and Error lernen. Varroamilbe, Drohnenschneiden, Königinnenzucht – am Beginn alles noch Fremdwörter.

„Obwohl es sehr stressig war, haben sich für uns ganz viele Türen geöffnet“, staunt Markus im Rückblick. Was zunächst als Hobbyimkerei beginnt, weitet sich mit den Jahren aus. Als die drei Kinder dazukommen, nutzt Markus die Elternzeit unter anderem zum Ausbau des Betriebs, der immer mehr Raum im Leben der beiden einnimmt. Schließlich reduziert Markus seine Arbeitszeit als Ingenieur auf 80 Prozent.

Jede Menge Gottvertrauen

Dann kommt Corona und damit Kurzarbeit für Markus, was sich überraschend als eine weitere geöffnete Tür entpuppt, die sie als himmlisches Angebot wahrnehmen, den Übergang vom Neben- zum Vollerwerb anzupacken. Ihre Bienen bringen sie je nach Blütezeit an ganz unterschiedliche Standorte, manche mehrere Stunden Fahrt entfernt. „Unser Ziel sind 160 Völker“, erklären die beiden. Für ein neues Wirtschaftsgebäude haben sie gerade die Baugenehmigung erhalten. Und dabei soll es nicht bleiben, erzählt Susanne: „Ich träume von einem Naturgarten mit Bienenlehrpfad, der Stauden, Sträucher, Obstbäume sowie Rückzugsorte für Tiere und Insekten bieten soll.“

Das erste Jahr als Berufsimker stellte sie in diesem Jahr aber auch vor Zweifel und innere Kämpfe: Das Frühjahr und der Sommer waren extrem verregnet, die Ausbeute war wesentlich geringer als erhofft. Doch sie bleiben dran und ich staune über ihren Mut, den sie aus ihrem Glauben beziehen: „Wir setzen unser ganzes Vertrauen in Gottes Zusagen“, erklärt Markus.

Jeder Honigname hat eine Bedeutung

Und davon soll auch ihr Name „Werthonig“ erzählen. Am Esstisch der Müllers darf ich das Bienengold testen. Vor mir aufgereiht stehen Gläser, versehen mit Etiketten, die Wertmarken ähneln. Jede Honigsorte trägt einen besonderen Namen. Der duftige Lindenblütenhonig zum Beispiel heißt „Friede“. Markus erntet diesen Honig am Heilbronner Neckarufer unter Linden – und wo könnte man mehr Frieden finden als abseits von Straßenlärm? Der dunkle Weißtannenhonig trägt den Namen „Geduld“, weil dieser nur alle paar Jahre geerntet werden kann. Ihr Akazienhonig heißt „Hoffnung“, eine Anspielung auf die Empfindlichkeit der Blüte. Zudem steht auf jedem Etikett ein zu den jeweiligen Namen passender Bibelvers. Müllers hoffen vor allem, dass ihr Honig verschenkt wird: „Ein Glas Hoffnung oder Geduld für einen Freund im Krankenhaus: Das spricht seine eigene Sprache“, erklärt Susanne den Kern ihrer Vision. Honig ist hier also nicht nur süßer Brotaufstrich, sondern ein greif- und schmeckbarer Beweis für Gottes Fürsorge in jeglicher Hinsicht.

Und auch ich werde versorgt. Susanne und Markus schenken mir von jeder Honigsorte ein Glas und als ich nach Hause fahre, haben auf dem Beifahrersitz Vertrauen, Geduld, Hoffnung, Fülle, Trost, Freude, Liebe, Kraft und Geborgenheit Platz genommen. Letzteres, eine Honig-Zimt-Mischung, rühre ich abends meinen Kindern in ihre heiße Milch und muss denken, wie sehr sie göttliche Geborgenheit gebrauchen können und wie schön es ist, dass es Menschen gibt, die gleich mehrere Leidenschaften so sympathisch zusammenbringen.

Veronika Smoor ist Autorin, Referentin und Hobbygärtnerin. Mehr über Werthonig: werthonig.de

Symbolbild: Getty Images / iStock / Getty Images Plus / dolgachov

Bio-Siegel oder Leih-Tanne: So finden Sie nachhaltige Weihnachtsbäume

Gibt es nachhaltige Alternativen zur klassischen Weihnachtstanne? Und ob: Sechs Ideen für umweltschonende Festtage.

Nordmanntannen sind die klassischen Weihnachtsbäume, wachsen aber meist in Monokulturen, werden mit Pestiziden behandelt und haben manchmal weite Wege aus dem Ausland hinter sich, bevor sie unsere Stube verschönern. Es gibt jedoch Alternativen.

Bio-Bäume: Sie wachsen in Mischkulturen auf und werden nicht mit Herbiziden behandelt. Zu erkennen sind sie an den Bio-Siegeln etwa von Bioland oder Naturland. Auch viele Baumärkte bieten sie mittlerweile an. Eine Liste mit Verkaufsstellen hat die Organisation Robin Wood zusammengestellt.

„Fair Tree“: Das dänische Siegel zeigt an, dass die Umwelt geschont, vor allem aber die georgischen Zapfenpflücker fair bezahlt und für ihre Kletteraktionen gut ausgerüstet werden.

Mieten Sie Ihren Baum

Vor Ort: Bäume aus regionaler Forstwirtschaft haben immerhin kurze Transportwege und über ihren Anbau kann man sich informieren.

Leih-Bäume: Einige Betriebe bieten Bäume auch zur Miete an. Sie sind eingetopft, werden nach den Feiertagen zurückgegeben und wieder in die Erde gepflanzt (z. B. über „Green Tree“).

Im Topf: Wer den Baum selbst im Topf kauft und nach Weihnachten draußen einpflanzt, kann in den kommenden Jahren gleich dort schmücken. Gartenbesitzer können ihren eigenen Baum natürlich schon als Setzling pflanzen und ein paar Jahre pflegen, bevor sie ihn ins Wohnzimmer holen.

Plastik rentiert sich nicht

Plastikbäume: Dabei sollte man nicht nur bedenken, dass sie in Fernost produziert werden und eine weite Strecke zurücklegen, sondern auch Rohstoffe verbrauchen und meist doch nach wenigen Jahren im Müll landen. Gegenüber einem gefällten Baum pro Jahr gleicht sich die Ökobilanz eines Plastikbaums erst nach etwa 20 Jahren aus.

Do it yourself: Wer auch ohne gewachsenen Baum auskommt, kann sich aus Ästen Schnur und natürlichen Dekomaterialien auch eine eigene, nachhaltige Kreation schaffen.

Foto: ArtMarie / E+ / gettyimages

Weitergeben statt Wegwerfen: Wie Kreislaufwirtschaft Müllprobleme lösen will

Die Kreislaufwirtschaft soll helfen, Müll zu vermeiden und Produkte so lange wie möglich zu gebrauchen. Damit der Systemwandel gelingt, benötigt es jedoch ein Umdenken.

Unsere herkömmliche Wirtschaftsform funktioniert linear. Das heißt: Es werden Ressourcen abgebaut, zu einem Produkt verarbeitet, es wird verkauft, verwendet und entsorgt – wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Die problematischen Folgen davon sehen wir überall: Abfall, Umweltbelastungen, Rohstoffverknappung.

Produkte möglichst lange gebrauchen

Die Kreislaufwirtschaft oder Circular Economy geht von endlichen Ressourcen aus und möchte Materialkreisläufe möglichst schließen. Ziel dieses ganzheitlichen Ansatzes ist, Müll zu vermeiden, Lebenszyklen von Material und Produkten zu verlängern und Ressourcen so lange wie möglich und mit dem höchstmöglichen Wert in Gebrauch zu halten.

Die gemeinnützige Ellen MacArthur Foundation, die Kreislaufwirtschaft fördert, beschreibt sie als ein System mit dem Ziel, „Wachstum neu zu definieren und sich auf den positiven Nutzen für die gesamte Gesellschaft zu konzentrieren. Dazu gehört die schrittweise Entkopplung der Wirtschaft vom Verbrauch endlicher Ressourcen und die Reduzierung von Abfall.“ Vorbild ist die Natur, etwa wenn abgestorbene Pflanzen zu Humus werden und wiederum Nährstoffe für neue Pflanzen liefern.

Wert eines Produkts schützt vor Entsorgen

Ein Grundprinzip der Kreislaufwirtschaft ist es, Material und Produkten einen Wert beizumessen, statt sie als Abfall zu deklarieren. Dinge, die einen Wert haben, werden wir nicht einfach entsorgen. Wenn wir so denken, dann ist beispielsweise ein Kleidungsstück plötzlich so wertvoll, dass Wegwerfen nur im äußersten Notfall eine Option ist. Vorher kann Weitergeben, Flicken, Upcyceln, Wiederaufbereiten oder als letzte Möglichkeit auch Recyceln erwogen werden, um die Ressourcen daraus für neue Kleidungsstücke zu verwenden.

Die Kreislaufwirtschaft beginnt bereits beim Designen und Entwickeln von Produkten. Wie sie reparaturfähig und dauerhaft einsatzfähig sind, muss beispielsweise von Anfang an mitgedacht werden. Fehlt dieser Gedanke beim Entwickeln der Produkte und Dienstleistungen, dann kratzen wir nur an Symptomen.

Systemwandel nötig, damit Kreislaufwirtschaft gelingt

Verschiedene Aspekte sind wichtig:

  • Verwendung nachwachsender, klima- und umweltfreundlich gewonnener Rohstoffe
  • Einsatz erneuerbarer Energien
  • Auf Langlebigkeit angelegte Waren
  • Reparaturfähigkeit (z. B. Elektronikgeräte)
  • Wiederverwendbarkeit (z. B. Pfandflaschen)
  • Trennbarkeit der enthaltenen Rohstoffe für das Recycling
  • Anbindung an Recycling-Systeme

Im linearen Wirtschaftssystem werden einzelne Produkte und Dienstleistungen isoliert behandelt. Die Baumwollernte für eine Jeans hat beispielsweise nichts mit ihrem Verkauf zu tun. Im zirkularen Denken hingegen gilt jeder Schritt als Teil eines Systems, an dem verschiedene Akteure beteiligt sind: Jemand designt ein Kleidungsstück mit dem Ziel einer langen Nutzungsdauer, andere übernehmen die umwelt- und sozialverträgliche Herstellung, weitere Akteure kümmern sich um Verkauf und schließlich den möglichst langen Gebrauch, etwa durch Reparatur, Weitergabe im Secondhandshop oder einen Verleih. Jeder einzelne Schritt wird wertgeschätzt, weil er zum Gelingen der Kreislaufwirtschaft beiträgt.

Text: Debora Alder-Gasser

Symbolbild: Getty Images / E+ / pixelfit

Nachhaltige Mode: Mit diesen Tipps finden Sie sich im Fairtrade-Dschungel zurecht

Umweltsiegel, Second Hand und Capsule Wardrobe: Fairtrade-Mode kann überfordern. Dabei helfen schon kleine Tricks beim nachhaltigen Kleiderschrank.

Wie viele Kleidungsstücke besitze ich eigentlich? Diese Frage stellte ich mir vor ein paar Wochen, als ich mit der frisch gefalteten Wäsche vor meiner Kommode stand und erfolglos versuchte, alle Klamotten darin zu verstauen. Egal, wie sehr ich versuchte, zu quetschen und zu puzzeln: Meine Kommode ging nicht mehr zu. Der Stapel mit Pullis passte einfach nicht hinein.

5,8 Millionen Tonnen Kleidung landen im Müll

Etwa 60 neue Kleidungsstücke kaufen wir hierzulande jährlich, sagt die Umweltorganisation Greenpeace. Ich würde mich in Sachen Kleidung eigentlich als eher sparsam bezeichnen, und trotzdem haben sich in meinem Schrank 116 Teile angesammelt, von denen ich die Hälfte im letzten Jahr nicht einmal getragen habe. Nimmt man Socken und Unterwäsche dazu, wird die Zahl noch viel größer. 5,8 Millionen Tonnen Kleidung landen in Europa im Müll – pro Jahr. Nur ein kleiner Teil davon wird recycelt, weil die Fasern für die Wiederaufbereitung nicht geeignet sind oder die Kleidungsstücke aus Fasergemischen bestehen, die sich nicht sauber voneinander trennen lassen. Das meiste landet deshalb auf der Müllkippe oder wird verbrannt.

Wie genau es in der Fashion-Industrie aussieht, habe ich bei Sandra Dusch Silva erfragt. Sie ist Expertin für nachhaltige Lieferketten bei der Christlichen Initiative Romero (CIR), einem Verein, der sich mit Kampagnen- und Bildungsarbeit für ein gerechtes Wirtschaftssystem engagiert. Die Zahlen sind gigantisch: Die Fashion-Industrie verbraucht weltweit pro Jahr 98 Millionen Tonnen Erdöl, 79 Milliarden Kubikmeter Wasser – etwa anderthalb Mal so viel, wie der Bodensee fasst – und stößt fast 1.500 Tonnen CO2 aus. Zudem werden mehrere Millionen Tonnen umweltschädlicher Materialien produziert.

Die Angestellten seien diesen Chemikalien oft ohne ausreichende Schutzkleidung ausgesetzt, ihre Löhne reichten kaum zur Existenzsicherung und wer sich für bessere Arbeitsbedingungen in Gewerkschaften organisieren wolle, verlöre leicht seinen Job, erzählt Sandra Dusch Silva. Und in der Coronazeit habe sich diese Situation noch verschärft: „Es zeichnet sich ab, dass viele während der Pandemie dort nicht arbeiten konnten und damit auch nicht entlohnt wurden. Das hat die ökonomische Abhängigkeit noch verstärkt – die Schere zwischen Arm und Reich geht so global immer weiter auseinander.“

Welches Nachhaltigkeitssiegel ist passend?

Wenn ich das so höre, vergeht mir die Lust auf neue Kleidung. Aber gar nichts zu kaufen, ist natürlich keine Lösung, schließlich sind Kleidungsstücke Verbrauchsgegenstände – irgendwann gehen sie kaputt und müssen ersetzt werden. Auch wenn das bei meiner vollen Kommode womöglich noch ein Weilchen dauert. Was aber kann ich tun, um meinen Kauf möglichst nachhaltig zu gestalten? Weil ich als Endverbraucherin kaum selbst herausfinden kann, wo und wie Kleidung produziert wurde, sind Siegel eine gute Hilfe. Sie werden von Prüforganisationen vergeben, die die Herstellungsbedingungen der Kleidung überwachen.

Meist konzentriert sich ein Siegel nur auf einen Aspekt der Herstellung, zum Beispiel die Herkunft der Rohstoffe oder die faire Bezahlung. „Ein Siegel bedeutet nicht, dass es gar keine Probleme mehr in der Wertschöpfungskette gibt“, sagt Sandra Dusch Silva, „aber es stellt sicher, dass einige soziale oder ökologische Knackpunkte angegangen werden und dort nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht wird.“ Deshalb hält sie Siegel grundsätzlich für einen guten Hinweis auf fairere Mode. Allerdings gibt es viele verschiedene und nicht alle sind gleich aussagekräftig.

„Einige Unternehmen setzen sie ein, haben aber nicht wirklich ein Interesse an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen im globalen Süden“, gibt Sandra Dusch Silva zu bedenken. Manchmal gehe es nur darum, Imageschäden zu reduzieren oder den Ruf aufzuhübschen. „Da fließt dann viel Geld, aber am Ende verspricht so ein Siegel dann nur die Einhaltung nationaler Gesetze – was ja eigentlich ohnehin Standard sein sollte“, findet sie und gibt mir ein paar Tipps mit auf den Weg, woran ich gute Siegel erkenne. Um einen Blick auf die jeweiligen Webseiten komme ich nicht herum: „Wichtig ist die Transparenz. Wenn mir nicht gesagt wird, wie man die Einhaltung der Kriterien überprüft und durch wen, dann sollte man das Siegel mit Vorsicht genießen.“ Außerdem sei die Frage wichtig: Wer setzt den Standard, den das Siegel vorgibt? Wer trifft die Entscheidungen dafür?

Webseiten helfen bei der Siegel-Suche

Sandra Dusch Silva wirbt für Siegel-Initiativen, bei denen verschiedene Akteure mit am Tisch sitzen und Probleme in der Wertschöpfungskette aus verschiedenen Perspektiven angehen. Auf Webseiten wie siegelklarheit.de und labelchecker.org werden die wichtigsten Siegel erklärt und eingeordnet. Dort kann man auch nach bestimmten Initiativen suchen.

Wer sich neben den Siegeln für die allgemeine Nachhaltigkeitsbilanz einzelner Modemarken interessiert, kann einen Blick auf das Projekt „Good on You” werfen: Dort werden Marken aufgrund ihrer ökologischen und sozialen Produktionsbedingungen bewertet. Die zugehörige App funktioniert gut, um im Laden kurz einzelne Marken abzuchecken. Allerdings stammt sie aus den USA, die erklärenden Texte gibt es nur auf Englisch und nicht jede deutsche Marke findet sich dort. Ein Angebot zum Checken der Löhne ist fashionchecker.org. Dort wird erklärt, welche Bekleidungsunternehmen existenzsichernde Löhne zahlen und wo produziert wird. Auch wer nach fair produzierenden Marken sucht, wird auf diesen Seiten fündig.

Wie sinnvoll ist der „Grüne Knopf“?

Schon lange haben Umweltorganisationen die Einführung eines umfassenden Siegels gefordert. Mit dem „Grünen Knopf” existiert nun seit zwei Jahren das erste staatliche deutsche Textilsiegel, das sowohl Unternehmen als auch deren Produkte auf ihre soziale und ökologische Nachhaltigkeit überprüft. Allerdings gibt es auch Kritik: „Der Grüne Knopf ist nicht weitreichend genug“, findet Sandra Dusch Silva. „Zum Beispiel werden existenzsichernde Löhne und das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen nicht aktiv gefördert. Außerdem sind die Prüfverfahren viel zu intransparent – gerade bei einem staatlichen Siegel sollte es eigentlich das absolute Minimum sein, Kontrollberichte und Ähnliches zu veröffentlichen.“

Wie nachhaltig ist meine Jeans?

Neben Siegeln helfen auch ein paar Grundregeln beim Einkauf. Zum Beispiel sind natürliche Stoffe wie Baumwolle umweltfreundlicher als synthetische Materialien wie Polyester, bei denen sich beim Waschen Mikrofasern lösen und in den Wasserkreislauf gelangen. Aber auch Baumwolle ist nicht gleich Baumwolle: Genetisch veränderte Monokulturen gefährden die natürlichen Ökosysteme und brauchen deutlich mehr Wasser als Pflanzen aus biologischem Anbau. Deshalb ist Bio-Baumwolle immer die bessere Wahl.

Bei Jeansstoffen gilt die Faustregel: Je heller, desto schlechter. Denn für die Bleichvorgänge kommen häufig umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien zum Einsatz. Das gilt nicht für alle Marken, ist aber eine gute Orientierung für Jeansartikel, bei denen über die Herkunft nicht viel bekannt ist.

Diese Regeln helfen beim Kleiderkauf

Ganz grundlegend muss sich aber vor allem unsere Einstellung zu Kleidung ändern. Denn egal, ob bio oder nicht, ausgebeutet oder fair bezahlt: Die Masse an Kleidung, die wir konsumieren, ist einfach zu groß. Unser Planet ist überfordert mit den Ressourcen, die wir für unseren aktuellen Lebensstil verbrauchen und dem Müll, den wir hinterlassen. Deshalb sollten wir einen anderen Weg einschlagen, weg von Fast Fashion und hin zu einem bewussteren Modekonsum. Ein erster Schritt könnte zum Beispiel sein: keine Impulskäufe mehr. Bevor ein Teil an der Kasse landet, stelle ich mir die Fragen: Brauche ich das wirklich? Welchen Mehrwert bringt es in meinen Kleiderschrank? Welches Kleidungsstück erfüllt die Rolle dieses Neuzugangs momentan? Manchmal hilft es auch, den Laden nach der Anprobe wieder zu verlassen und erst später zurückzukommen und über den Kauf zu entscheiden. Oder – wie beim Wocheneinkauf im Supermarkt – vorher festzulegen, was ich eigentlich brauche und mich dann von Schnäppchen und Trends nicht beirren zu lassen.

Ein beliebtes Konzept ist die sogenannte „Capsule Wardrobe“. Die Londoner Boutiquenbesitzerin Susie Faux prägte den Begriff in den 1970er Jahren, als sie einige klassische Basics zusammenstellte, die bewusst zeitlos gehalten waren und mit einigen jahreszeitlichen Stücken ergänzt werden konnten. Heute suchen sich viele für eine bestimmte Zeit aus ihrer eigenen Kleidung eine Anzahl an Teilen aus, die sich gut kombinieren lassen. Die restliche Kleidung wird für diese Zeit weggepackt. Die christliche Social Media Managerin und Sinnfluencerin Larissa McMahon organisiert ihre Garderobe schon seit mehreren Jahren auf diese Weise. Sie findet, dieser bewusste Minimalismus kann das eigene Verhältnis zu Mode verändern: „Eine Capsule Wardrobe kann helfen, den eigenen Stil zu finden und entspannter mit Kleidung umzugehen.“ Sie hat gute Erfahrungen damit gemacht, ein Board bei Pinterest anzulegen und dort Kleidungsstücke zu pinnen, die ihr gefallen. „Daran konnte ich meinen eigenen Stil ganz klar erkennen und daran orientiere ich mich nun. Denn auch, wenn ich das ein oder andere Trendteil toll finde, oder den Stil von anderen, fühle ich mich doch in meinem Stil am wohlsten. Und das sind die Kleidungsstücke, die wir am Ende wirklich tragen.“

Wo kann ich nachhaltig einkaufen?

Soll der Kleiderschrank aber doch mal erweitert werden, lassen sich Jeans oder T-Shirts sehr gut in Second-Hand-Läden, über Ebay oder die Plattform vinted.de finden. Je länger Kleidung getragen wird, umso besser, denn das spart Material, Wasser und Energie. Dass gebrauchte Stücke meist auch günstiger sind, ist da ein netter Nebeneffekt.

Durch unsere Kaufentscheidungen nehmen wir Einfluss darauf, dass sich in der Modeindustrie etwas wandelt: Wenn Billigmodemarken auf ihren Klamotten sitzenbleiben, müssen sie etwas ändern. Häufig haben nachhaltig produzierte Kleidungsstücke aber ein großes Manko: Sie kosten deutlich mehr als die Konkurrenzprodukte aus der Fast-Fashion-Industrie. Nicht für alle ist es eine Option, 40 Euro für ein T-Shirt oder 120 Euro für eine Jeans auszugeben. Deshalb muss das langfristige Ziel sein, faire Kleidung zum normalen Standard und damit für alle zugänglich zu machen. T-Shirts für zwei und Hosen für acht Euro werden aber zu umweltverträglichen Bedingungen und fairen Löhnen nicht zu machen sein.

Diese Schwachstellen hat das Lieferkettengesetz

Die Arbeit in den Nähereien der Kleidungsindustrie bildet für einen Großteil der Bevölkerung von Bangladesch und benachbarten Ländern die Lebensgrundlage. Gleiches gilt für diejenigen, die auf den Baumwollfarmen schuften, Garne spinnen, Stoffe färben und Reißverschlüsse einsetzen. All diese Menschen sind auf eine sozial und ökologisch faire und vor allem transparente Lieferkette angewiesen. Mit dem neuen Lieferkettengesetz ist dafür ein erster Grundstein gelegt. In den Augen von Sandra Dusch Silva hat das Gesetz allerdings noch erhebliche Schwachstellen. „Es ist toll, dass Unternehmen jetzt für Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung in gewissem Maße haftbar gemacht werden können, dass das jetzt kein gesetzesfreier wilder Westen mehr ist. Allerdings hat die Wirtschaft dafür gesorgt, dass es Abschwächungen gibt, zum Beispiel Ausnahmeregelungen bei Sorgfaltspflichten. Deshalb greift das Gesetz am Ende nicht weit genug.“

Die Entscheidungen zum Lieferkettengesetz haben gezeigt, dass der Einsatz vieler Initiativen und Einzelpersonen gewirkt hat, aber auch, dass der Druck auf die Wirtschaft größer werden muss. Kritische Nachfragen an der Kasse oder – noch besser – in einem Brief ans Unternehmen machen klar, dass Produktionsbedingungen für uns als Kunden und Kundinnen ein wichtiges Thema sind. „Von Betriebsräten aus größeren Modeunternehmen bekommen wir die Rückmeldung, dass solche Fragen nochmal auf einer ganz anderen Ebene auf das Unternehmen wirken“, sagt Sandra Dusch Silva.

Außerdem gibt es immer wieder Aktionen, um auf Probleme in der Kleidungsindustrie aufmerksam zu machen, zum Beispiel von der Kampagne für saubere Kleidung. Der oder dem Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises zu schreiben, ist zum Beispiel ein leichter Weg, Anliegen direkt in die tagesaktuelle Politik einzubringen. Auf jeden Fall gilt: hartnäckig bleiben. Die Modeindustrie ist riesig und die aktuellen Profiteure haben kaum Gründe, ihr Verhalten zu ändern. Deshalb müssen wir unsere Chance nutzen, ihnen diese Gründe zu liefern. Und Sandra Dusch Silva ermutigt, auch das eigene Umfeld für das Thema zu sensibilisieren – durch Gespräche oder auch Aktionen wie eine Kleidertauschparty, bei der alle ausrangierte Kleidung mitbringen, tauschen und über Probleme der Modeindustrie nachdenken – und darüber, wie sie nachhaltiger werden kann.

Marie Gundlach studiert Wissenschaftsjournalismus in Dortmund und liebt Second-Hand-Onlineshopping.

Symbolbild: Getty Images / The Image Bank / Joos Mind

Bio oder Fairtrade? Veronika verzweifelt beim nachhaltigen Einkauf

Für Veronika Smoor ist der Wocheneinkauf eine Qual. Denn die beste Lösung gibt es beim Thema Nachhaltigkeit oft nicht.

Gerade bricht im Obstgang die Welt eines Zweijährigen zusammen. Tim, so heißt er. Das erfahre ich aus der gepressten Stimme der Mutter: „Tim, nein, ich kaufe keine Ananas! Die kommt aus Südafrika. Das ist ganz schlecht für unser Klima.“ Tim ist nicht überzeugt und heult und schreit, was das Zeug hält. Die einheimischen Äpfel, mit der die Mutter ihn locken will, entschärfen die Situation keineswegs. Tim liegt nun auf dem Boden. Ich mache einen Bogen um ihn und lächle der Mutter aufmunternd zu. Es ist noch nicht lange her, da lagen meine Töchter auch auf Supermarktböden rum, weil ich ihnen gezuckertes Müsli verweigert hatte.

Wer ist wichtiger: Umwelt oder Bauer?

Auf meiner Einkaufsliste steht unter anderem: Bananen, Birnen, Salat, Zwiebeln und Möhren. Letztere gibt es in vier Variationen und die Wahl wird mich drei Minuten meines Lebens kosten: Bio, in Plastik verpackt. Die Krummen Dinger, nicht Bio, unverpackt. Möhren mit Möhrengrün, nicht bio, unverpackt. Konventionelle Möhren im Plastiksack. Letztendlich entscheide ich mich aus Mitleid für die Krummen Dinger. Niemand will euch, nur weil ihr etwas zu kurz oder lang geraten seid und die hier hat sogar zwei Beine. Wie niedlich. Kommt her zu Mama! 

Nun auf zu den Bananen, wobei ich wieder einen Bogen um Tim mache, der den Apfelstreik auf dem Boden fortführt. Ich widme mich dem Bananendilemma: Fairtrade-Banane in Plastik verpackt, unfaire Bio-Bananen unverpackt, konventionelle Bananen unverpackt. Ich wäge ab. Ist mir der Bauer in Lateinamerika wichtiger oder die Umwelt? Ich will mich für das kleinere Übel entscheiden, wenn ich nur wüsste, welches das ist. Am liebsten möchte ich mich schreiend neben Tim auf den Boden legen. Ich greife nach den Fair-Trade-Bananen. Die Zwiebeln lassen mich fast in Tränen ausbrechen, denn meine Lieblingssorte (rot, klein, süß) gibt es weder in Bio noch unverpackt. Die einzige Variante, die noch in Frage käme, sind die Zwiebeln eines Bio-Lebensmittel-Anbieters, deren Preis man mit Gold aufwiegen könnte. Seit wann sind Zwiebeln bitteschön Luxusartikel? Beim Salat und den Birnen gebe ich auf und greife nach plastikverpackter konventioneller Ware. Energisch schiebe ich den Wagen zum nächsten Schlachtfeld: der Wursttheke. Die inneren Gewissenskämpfe erspare ich dir an dieser Stelle. Es sei nur soviel gesagt: Ich habe heute viel Plastik gespart, aber dafür keine Bio-Wurst im Wagen.

Wir können es nie ganz richtig machen

An der Kasse treffe ich Tim und seine Mutter wieder. Seine Hand steckt in einer Tüte Erdnussflips, die er Richtung rotfleckiges, verquollenes Gesicht wandern lässt. Die Mutter hat im Snackgang kapitulieren müssen.

Sacht lege ich meine Einkäufe aufs Band und bin wie so oft unglücklich. So gerne würde ich bewusst einkaufen, dabei aber auch meinen Geldbeutel nicht überstrapazieren und mit einem Gefühl von moralischer Überlegenheit nach Hause fahren. Aber solange es noch keine verbindlichen Standards für Supermärkte hinsichtlich von Plastikvermeidung und Bioprodukten und Zweite-Wahl-Ware gibt, wird unserem Gewissen viel Flexibilität abverlangt. Wir können es momentan nie ganz richtig machen. Aber es ist die Annäherung, die so wichtig ist. Vielleicht können wir im Wechsel eine Woche lang Plastik vermeiden, in der anderen nur Bio kaufen? Und Supermarktketten mit Protestmails fluten! Oder wir steigen um auf die Ökokiste, welche bereits in vielen Regionen von Biohöfen angeboten wird.

Ein bisschen was möchte ich aber auch von Tims Mama lernen. Zu den einheimischen Äpfeln greifen und mir öfter mal die Bananen verkneifen.

Text: Veronika Smoor