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Forschende warnen: Wir müssen jetzt die Insekten retten!

Libellen, Hummeln, Käfer & Co. sind für unser Ökosystem lebenswichtig. Experten verraten, was sie bedroht und was wir dagegen tun können.

„Meine Freunde“ habe ich sie als Kind liebevoll genannt. Wenn ich ruhig blieb, setzten sie sich auf meine Handfläche und wir genossen jeweils die Gegenwart des anderen. Zumindest dachte ich das gern in meiner kindlichen Fantasie, wenn ich Schwebfliegen beobachtete. Bis zu 300 Flügelschläge schaffen sie pro Sekunde und können damit auch längere Zeit auf einer Stelle in der Luft schweben – was ihnen ihren Namen verschaffte. Wahre Flugkünstler sind sie auch auf Langstrecken: Zahlreiche Schwebfliegenarten ziehen jeden Herbst in die Mittelmeerregion – und überqueren dabei sogar die Alpen! Wegen ihrer schwarz-gelben Streifen werden sie oft mit Wespen verwechselt. In Wirklichkeit sind sie völlig harmlos: Sie haben keinen Stachel – nur eine gute Strategie, um sich vor Fressfeinden zu schützen.

Insektenbestand um 80 Prozent zurückgegangen

Vielen ist schon aufgefallen, dass nach einer Autofahrt heute viel weniger Insekten an der Frontscheibe kleben als früher. Dass die Wälder stiller und die Wiesen eintöniger geworden sind. Insekten begegnen uns heute vor allem als störende Mücken oder Wespen im Sommer. Spätestens seit 2017 ist klar, dass das nicht nur vage Vermutungen sind. Damals erschien die „Krefelder Studie“, eine Langzeituntersuchung, die seither weite Kreise zog. Über 27 Jahre lang hat der Entomologische Verein Krefeld mit Hilfe von Insektenfallen Fluginsekten in verschiedenen Naturschutzgebieten im Rheinland eingefangen. Die Daten wurden von wissenschaftlichen Teams ausgewertet. Caspar Hallmann und sein Team machten dabei eine alarmierende Entdeckung: Der Bestand von fliegenden Insekten war seit 1989 um rund 80 Prozent zurückgegangen. Und aus allen Enden der Welt hören wir Nachrichten, die das Insektensterben bestätigen.

Bei den Schwebfliegen sieht es besonders dramatisch aus: Rund ein Drittel der 463 in Deutschland vorkommenden Arten sind bestandsgefährdet. Und eine Studie von der Schwäbischen Alb ergab 2020, dass die wandernden Schwebfliegen in den vergangenen 50 Jahren sogar um bis zu 97 Prozent zurückgegangen sind.

Ohne Insekten kein Ökosystem

Jetzt, fünf Jahre nach der Studie, bin ich mit Caspar Hallmann von der Radboud Universität in Nijmegen zu einem Telefonat verabredet, um etwas über seine aktuellen Untersuchungen zu erfahren. Seine Begeisterung über die Insektenwelt ist ihm in fast jedem Satz anzuhören: „Insekten sind, abgesehen von der Tiefsee, an so ziemlich jedem Teil des Ökosystems beteiligt“, schwärmt er. „Unsere Ökosysteme können nicht ohne Insekten funktionieren.“ Denn Insekten seien Teil vieler natürlicher Prozesse: Sie bestäuben mehr als ein Drittel unserer Nahrungspflanzen und drei Viertel aller Wildpflanzen. Damit ermöglichen sie überhaupt erst die Vermehrung eines großen Teils der Pflanzenwelt. Und anschließend räumen sie auf: Sie verwandeln abgefallene Blätter wieder zu Nährstoffen und zersetzen Kadaver von toten Tieren.

Und sie fressen Schädlinge. Die Larven der Schwebfliege beispielsweise schlagen sich gern die Bäuche an Blattläusen voll. Mehrere hundert Läuse kann eine einzige Schwebfliegenlarve in ihrem Leben fressen. Deshalb sind sie bei Landwirtinnen und Gärtnern gern gesehene Besucher – und ich lernte Jahre nach meiner kindlichen Begegnung mit den Schwebfliegen, dass sie tatsächlich unsere „Freunde“ sind. Umgekehrt sind Insekten selbst auch ein wichtiger Teil der Nahrungskette: Viele andere Arten ernähren sich von ihnen. Daher erstaunt es nicht, dass infolge des Insektensterbens auch insektenfressende Vögel im Rückgang begriffen sind.

Alles in der Natur ist miteinander verbunden

„Ich verstehe, dass Insekten – abgesehen von ein paar Schmetterlingen – nicht sehr charismatisch sind“, bedauert Caspar Hallmann, „aber ohne Insekten geht gar nichts, so einfach ist das.“

„Die kleinen Dinger, die die Welt regieren“, hat der Biologe Edward O. Wilson die Insekten deshalb einmal treffend bezeichnet. Über eine Million Arten wurden bislang beschrieben, hierzulande schätzt man die Zahl auf rund 35.000 Insektenarten. Im Vergleich dazu: Vögel kommen bei uns in 500 Arten vor. „Da wird einem klar, dass man bei Artenvielfalt eigentlich über Insekten spricht – zumindest was die mit bloßem Auge sichtbare Vielfalt anbetrifft“, sagt Caspar Hallmann.

Artenvielfalt ist deshalb so wichtig, weil in der Natur alles miteinander verbunden ist: Jede Art hat ihre Funktion, jede Art ist abhängig von anderen, jede Art steht durch die Nahrungskette in Verbundenheit mit anderen Arten. Je mehr verschiedene Arten es gibt, desto widerstandsfähiger und produktiver sind Ökosysteme.

Ackerflächen bieten keine Nahrung für Insekten

Doch was ist es eigentlich, dass unseren kleinen fliegenden Freunden so zu schaffen macht?

Noch ist das Gesamtbild nicht ganz eindeutig, aber Forschende tragen nach und nach die Puzzleteile zusammen und enthüllen, was zu diesem dramatischen Insektensterben führen konnte. Die wichtigsten Faktoren sind sicherlich die Zerstörung und Zerstückelung von Lebensräumen und die intensive Landwirtschaft. Wo vor 100 Jahren noch vielfältige dörfliche Strukturen mit kleinen Äckern, Hecken, Streuobstwiesen und bunten Wiesen vorherrschten, erstrecken sich heute die Ackerflächen bis zum Horizont – soweit das Auge reicht nichts als Mais, Weizen oder Zuckerrüben. Nahrungsangebot oder Lebensraum für Insekten? Fehlanzeige. Zudem vertilgen in diesen grünen Wüsten nicht mehr Nützlinge wie etwa die Schwebfliegen die Läuse, sondern man setzt auf Pestizide – chemische Stoffe, die Organismen abtöten, um Schäden etwa durch Fraß, Pilzbefall oder Beiwuchs zu verhindern.

Insekten sind oft eng spezialisiert

Die Folge: Die Artenvielfalt von Ackerunkräutern hat seit 1950 um 70 Prozent abgenommen. Viele Unkrautarten, die früher sehr häufig waren, sind heute praktisch ausgestorben. Die fehlende Pflanzenvielfalt hat natürlich Auswirkungen auf die Insekten. Manche Insekten sind so eng spezialisiert, dass sie nur von einer einzigen oder einigen wenigen Pflanzenarten leben können. Sterben sie aus, sterben die Insekten mit.

Der Tatzenkäfer beispielsweise ernährt sich ausschließlich vom Klettenlabkraut. Sein Leibgericht verteidigt er mit rabiaten Methoden: Macht ihm jemand sein Kraut streitig, würgt er ein rötliches Gift hervor. Gegen die Vernichtung seiner Fresspflanze durch den Menschen hilft ihm das leider nicht.

Unkraut hilft den Tieren

Bärbel Gerowitt, Professorin für Phytomedizin an der Universität Rostock, fasst es in ihrer trockenen, humorvollen Art so zusammen: „Die Insekten verhungern eher, als dass sie tot gespritzt werden.“ Die Agrarwissenschaftlerin forscht am Institut für Landnutzung an der Universität Rostock und war dort während des Studiums auch meine Professorin und Mentorin. Ich frage sie danach, wie die Landwirtschaft helfen kann, die Insektenwelt wiederherzustellen. „Ich glaube, dass man für die Insektenvielfalt tatsächlich am besten etwas tun kann, indem man eine große Fruchtarten-Diversität hat“, erklärt sie, „dass man Fruchtarten dabei hat, die Insekten nützen.“

Das können etwa Eiweißpflanzen wie Erbsen oder Lupinen sein, deren Blüte wild lebenden Insekten Nahrung bietet. Und auf Feldern mit Früchten, die den Insekten nicht direkt zugutekommen, wie zum Beispiel dem Weizen, sollte auf dem Feld dennoch Pflanzenvielfalt zugelassen werden. „Ich glaube, wir werden in der Landwirtschaft dahinkommen, auch ein wenig Verlust durch Unkräuter in Kauf zu nehmen, weil uns die Insekten so wichtig sind.“ Blühstreifen an den Ackerrändern helfen ebenso wie eine Unterteilung großer Agrarflächen in kleinere Felder, zwischen denen Hecken oder Blühflächen angelegt würden. Denn neben der Menge an Nahrungsangebot spielen auch durchgehende Pflanzenkorridore eine Rolle: Viele Insekten können einfach keine großen Entfernungen überbrücken.

Licht schadet nachtaktiven Insekten

Auf knapp der Hälfte der gesamten Fläche in Deutschland wird Landwirtschaft betrieben, Ackerbau nimmt davon etwa 70 Prozent der Fläche ein. Das ist ein großer Teil unseres Landes, in dem Insekten kaum Lebensraum finden. Und auf dem Rest sieht es meist nicht besser aus. Neben den leergeräumten Landschaften stiehlt auch die Versiegelung von Flächen den Insekten Platz und Nahrung. Laut Statistischem Bundesamt werden deutschlandweit jeden Tag im Schnitt 52 Hektar Boden in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt: Asphaltwüsten, die alles andere als Insektenparadiese sind.

Und sie bringen die sogenannte Lichtverschmutzung mit sich: Künstliches Licht durch die Beleuchtung von Straßen, Gebäuden, aber auch privaten Gärten hat fatale Folgen für nachtaktive Insekten. Und dazu gehört immerhin die Hälfte aller Insektenarten. Eine Studie des Leibniz-Instituts fand heraus, dass die künstlich erhellte Nacht die natürliche Orientierung, Nahrungssuche und Fortpflanzung vieler Insekten stört. Dabei muss ich an die riesige, grelle Leuchtreklame denken, die jede Nacht in meine Wohnung und den nahegelegenen Park hineinleuchtet. Ob ein freundlicher Beschwerdebrief das nächtliche Abschalten bewirken kann? In der Politik scheint man die Notwendigkeit zum Handeln erkannt zu haben. Am 1. März 2022 wurde das Bundesnaturschutzgesetz in Deutschland verschärft. Erstmals wird der Begriff „Lichtverschmutzung“ als Tatbestandsmerkmal genannt. In Naturschutzgebieten gilt künftig ein grundsätzliches Verbot für neue Straßenbeleuchtungen und für leuchtende Werbeanlagen.

Politik hat große Pläne

Problematisch für manche Insekten sind auch invasive Arten. In Teilen Südamerikas beispielsweise hat die nach dort eingeführte Europäische Hummel die dortige große Hummelart Bombus dahlbomii vollständig verdrängt – und im Schlepptau auch noch einen für Bienen gefährlichen Krankheitserreger mitgebracht. Wenn invasive Pflanzenarten heimische Pflanzenarten verdrängen, finden Insekten, die auf diese heimischen Pflanzen spezialisiert sind, keine Nahrung mehr. Auch der Klimawandel mit sich ändernden Niederschlagsmustern, Erhitzung und Dürren wirkt sich auf manche Insektenarten aus. In den Tropen beispielsweise wird es für viele Insektenarten wohl mittlerweile einfach zu heiß. Im Endeffekt ist es vermutlich die Kombination all dieser Faktoren, die zum aktuellen Kollaps führt.

Im Koalitionsvertrag der deutschen Ampel-Regierung wird Artenvielfalt als Menschheitsaufgabe und ethische Verpflichtung bezeichnet. Umweltministerin Steffi Lemke spricht von einem „Zeitalter der Renaturierung“, das eingeläutet wird. Bis 2030 soll der Ökolandbau 20 Prozent der gesamten Landwirtschaft ausmachen und der Pestizideinsatz um 50 Prozent gesenkt werden. Ein neues Konzept für die EU-Agrarpolitik soll erarbeitet werden, damit Subventionen nicht mehr allein nach Fläche vergeben werden, sondern etwa an Maßnahmen für die Artenvielfalt, wie beispielsweise Blühstreifen, gekoppelt werden.

Als ich Bärbel Gerowitt frage, ob wir auf einem guten Weg sind, bekomme ich die ernüchternde Einschätzung: „Wir haben uns die Schuhe angezogen – losgegangen sind wir noch nicht.“ Denn eine Absichtserklärung zu verfassen, sei eine Sache, sie dann aber umzusetzen, eine ganz andere. Wir können also gespannt sein, wie viele Impulse aus der Politik in den nächsten Jahren wirklich kommen.

Helfen kann jeder

Ideen gibt es viele. In Frankreich ist seit Anfang 2020 der Verkauf von Pestiziden nur noch an registrierte Landwirte erlaubt. Das heißt: Für Landschaftsbau und private Gärten sind sie nicht mehr erhältlich. Auch begrünte Dächer helfen Insekten. Hier könnte die Politik Vorgaben machen und bei eigenen Gebäuden vorangehen. Grünflächen in Städten sollten geschützt oder möglichst erweitert, Parks mit heimischen blühenden Strauch- und Baumarten bepflanzt werden. Der britische Naturschützer und Biologieprofessor Dave Goulsen schreibt in seinem neuesten Buch „Stumme Erde – Warum wir die Insekten retten müssen“ (Hanser): „Jüngste Untersuchungen zeigen, dass man die Insektenvielfalt in Städten am effektivsten mit Schrebergärten und Kleingärten erhöht.“

Das heißt auch: Wir alle können uns die Schuhe anziehen und losmarschieren. Wer einen Garten hat, kann Lebensräume für eine möglichst große Vielfalt an Insekten schaffen: einheimische Blumen und Hecken pflanzen, Laub und Totholz als Winterquartier und Brutstätte liegenlassen, wilde Ecken mit Löwenzahn und Brennnesseln erlauben, seltener mähen, Insektenhotels aufstellen und Kies-Sand-Hügel an sonnigen Orten als Insektenburgen errichten. Auch Trockenmauern – aus losen Steinen gebaute Einfassungen – oder Steinhaufen bieten bestimmten Insektenarten den sicheren Rückzugsort, den sie brauchen.

Mehr Lob für Bauern

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Ein Stadtmensch kann neben dem Aufstellen blühender Blumenkästen vor allem etwas über sein Einkaufs- und Ernährungsverhalten bewirken. Ich hake noch einmal bei Bärbel Gerowitt nach: Wie kann ich als Verbraucherin zu einer insektenfreundlichen Landwirtschaft beitragen? „Ich würde als Erstes immer sagen: So wenig wie möglich Convenience Food essen. Von Lebensmitteln, die naturbelassen sind, kommt noch ein bisschen mehr bei den Landwirten an, als wenn sie stark verarbeitet sind.“ Heißt: Bei einer Tüte Chips oder Tiefkühlpommes ist der Anteil, den der Bauer oder die Bäuerin bekommt, viel geringer als bei einer Tüte Kartoffeln. Auch Bio-Lebensmittel helfen Insekten: „Es gibt genug Studien, die sagen, dass die biologische Vielfalt auf Öko-Äckern größer ist“, bekräftigt Bärbel Gerowitt.

Und einen letzten wichtigen Rat gibt mir die Wissenschaftlerin, die selbst auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen ist, mit auf den Weg: Wer auf dem Land wohnt, sollte Landwirten Wertschätzung entgegenbringen. Denn aktuell bekämen sie von allen Seiten Kritik und Vorwürfe zu hören. „Doch je mehr negatives Feedback sie kriegen, desto mehr orientieren sie sich an dem Selbstverständnis ‚Ich bin ein guter Unternehmer‘“, gibt Bärbel Gerowitt zu bedenken. Je weniger sie für die Versorgung und Pflege der Landschaft wertgeschätzt werden, desto mehr spielten Gedanken eine Rolle wie: „Die Leute mögen mich nicht mehr, aber ich verdiene wenigstens ordentlich Geld.“ Interesse an ihnen zu zeigen, auch ihre Situation verstehen zu wollen und ihre Sorgen zu hören, sei wichtig: „Da ist viel Musik drin, glaube ich. Man darf Landwirte schon kritisieren, aber sie sollten auch positives Feedback hören und das Gefühl haben, dass sie mit ihrer Wirtschaftsweise Teil der dörflichen Struktur sind.“

Stimme für den Goldkäfer

Der US-amerikanische Biologe Paul Ehrlich hat das Artensterben einmal damit verglichen, dass Nieten aus den Tragflächen eines Flugzeugs entfernt werden. Eine Weile wird das Flugzeug noch fliegen, aber irgendwann droht der Absturz. Ohne Insekten kann unser System Erde nicht existieren. Aber wir können die Wende noch schaffen – quer durch unsere Dörfer, unsere Städte, unsere Gärten hindurch. Dafür brauchen sie unsere Stimme und unser Handeln. Denn der Große Goldkäfer und die Scharlachlibelle, Ameisenjungfern und Kreiselwespen, Höckerschrecken, Grünwidderchen und all die anderen Arten, die vom Aussterben bedroht sind, können nicht für sich selbst sprechen. Sie sind darauf angewiesen, dass wir für vielfältige Landschaften, starke Dorfgemeinschaften, regionalen und ökologischen Landbau und insektenfreundliche Kommunen aufstehen. Dann bleibt das Summen und Brummen erhalten.

Naomi Bosch lebt in Kroatien, macht ihren Master in Ökologischer Landwirtschaft, schreibt an einem Buch über Glauben und Nachhaltigkeit und bloggt auf plentiful-lands.com

Dr. Eckart von Hirschhausen, Foto: Dominik Butzmann / Gesunde Erde - Gesunde Menschen

Dr. Eckart von Hirschhausen: „Jedes Zehntel Grad zählt!“

Im Interview wettert Dr. Eckart von Hirschhausen gegen Klimaleugner und erzählt, warum er sich für den Klimawandel einsetzt. Sein Credo: Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend.

Herr Hirschhausen, manche bezweifeln den menschengemachten Klimawandel ja noch immer. Haben Sie dafür Verständnis?
Nein. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Es ist wahnsinnig anstrengend, mit Klimaleugnern zu diskutieren. Aber es ist dringend nötig, immer wieder zu betonen: Der Klimawandel ist real und menschengemacht. Und deshalb können und müssen wir Menschen etwas dagegen tun.

Wie dramatisch schätzen Sie die Lage ein?
Nach den drastischen Bildern der Flutkatastrophe im Sommer ist hoffentlich jedem klar: Wir müssen nicht aus Mitleid mit Eisbären das Klima retten – wir müssen uns Menschen retten. Die Klimakrise ist die größte Gesundheitsgefahr im 21. Jahrhundert – mit Hitzetoten, Extremwetterereignissen und auch neuen Infektionskrankheiten. Wir sind die erste Generation, die hautnah miterlebt, wie instabil das Erdsystem wird. Und die letzte, die verhindern kann, dass weitere Kipppunkte überschritten werden. Wer jetzt noch ein „Weiter so“ für einen gangbaren Weg hält, hat wirklich den Schuss nicht gehört.

Die nächsten zehn Jahren entscheiden über die nächsten 10.000 Jahren

Können wir der Folgen des Klimawandels noch Herr werden?
Die nächsten zehn Jahre werden darüber entscheiden, wie die nächsten 10.000 Jahre für unsere Zivilisation werden. Deswegen müssen wir schnell handeln – und zwar nicht jeder für sich allein, sondern überregional, europäisch und global. Es ist naiv zu glauben, wir würden in den nächsten Jahren eine Zaubermaschine erfinden, die das CO2 verschwinden lässt. Viel wichtiger ist es, endlich mit der dreckigen und teuren Kohleverstromung aufzuhören, denn die Atmosphäre ist eben nicht eine unendliche Müllhalde für Treibhausgase, sondern eine sehr dünne und empfindliche Haut der Erde. Und diese Schutzschicht macht den Unterschied, ob wir auf der Erde leben können oder nicht.

Gab es für Sie persönlich einen Moment, in dem Sie gedacht haben: So kann es nicht weitergehen. Ich muss selbst aktiv werden?
Es mag pathetisch klingen, aber eine Frau hat mein Leben verändert: Jane Goodall. Sie ist mit über 85 Jahren immer noch unermüdlich unterwegs in ihrer Herzensangelegenheit: das Überleben von Menschen und Tieren zu sichern. Bei einem Interview stellte sie mir die Frage, die mein Leben veränderte: „Wie kann es sein, dass die schlaueste Kreatur, die jemals auf diesem Planeten gewandelt ist, dabei ist, ihr eigenes Zuhause zu zerstören?“ Das war der Startschuss für meine Reise auf der Suche nach guten Antworten und mein aktuelles Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ ist so etwas wie das Fahrtenbuch.

Darin geht es um die Folgen des Klimawandels für unsere Gesundheit. Kurz zusammengefasst: Worin bestehen die?
Wenn das kurz ginge, hätte ich ja nicht 521 Seiten schreiben müssen! Ich habe die Buchkapitel nach Körperfunktionen gegliedert. Das wirkt ungewöhnlich, macht aber Sinn, da ich mich als Arzt am besten mit dem Körper auskenne. Und weil jeder von uns atmen, trinken, essen und schwitzen aus eigener Anschauung kennt. Und weil Feinstaub das Atmen, Mikroplastik das Trinken, industrielle Landwirtschaft das Essen und Hitze die Temperaturregulation massiv beeinträchtigen. Wer meint, dass die Wirtschaft wichtiger ist als die Gesundheit, kann ja mal versuchen, beim Geldzählen eine Weile lang die Luft anzuhalten!

Jede vermiedene Tonne CO2 zählt

Der Klimawandel stellt auch die drängende Frage nach der globalen Gerechtigkeit. Was empfinden Sie als besonders ungerecht?
Der Klimawandel bremst die Fortschritte der wirtschaftlichen Entwicklung zusehends aus. Forschende haben ermittelt, dass die Kluft zwischen armen und reichen Ländern heute um ca. 25 Prozent größer ist, als sie es ohne die Erderwärmung wäre. Das Bruttoinlandsprodukt geht in den ärmsten Ländern der Welt nach vielen Jahren der positiven Entwicklung wieder zurück. Der Welthunger-Index, der die Ernährungslage in 107 Ländern berechnet, zeigt: 14 Länder weisen heute höhere Hungerwerte auf als noch 2012. Die Schätzungen, wie viele Menschen dort, wo sie leben, nicht bleiben können und zur Flucht gezwungen sind, reichen von 140 Millionen bis zu 400 Millionen bis zum Jahr 2050. Klimaschutz, globale Gesundheit und Gerechtigkeit gehören zusammen.

Was möchten Sie Menschen mit auf den Weg geben?
Jedes Zehntel Grad zählt! Jede vermiedene Tonne CO2. Jede Stimme, die sich erhebt. Und jede Spende. Es ist nicht einfach, optimistisch zu bleiben, aber zwei Punkte geben mir Anlass zu Hoffnung. Erstens: Wir können noch etwas ändern, bevor globale Kipppunkte erreicht werden. Und zweitens: Wir sind viele. Das Thema ist im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Jugendliche gehen mit „Fridays for Future“ auf die Straße, Eltern und Großeltern unterstützen sie. Und auch die Politik kommt an dem Thema nicht mehr vorbei. Wenn ich mir jetzt noch ein Drittens wünschen dürfte: dass die ganze Diskussion mit ein bisschen Humor geführt wird, damit das Ganze nicht so verbiestert rüberkommt. Ich liebe die Plakate mit Augenzwinkern: „Kurzstreckenflüge nur für Insekten“, „Wozu Bildung, wenn keiner auf die Wissenschaft hört?“ oder „Klima ist wie Bier – zu warm ist doof!“

Klimakrise ist auch eine spirituelle Krise

Sie unterstützen auch immer wieder kirchliche Organisationen wie etwa Brot für die Welt. Was treibt Sie dabei an?
Für mich ist die Klimakrise auch eine spirituelle Krise, und die Kirchen und konfessionelle Einrichtungen könnten mehr als bisher Teil der Lösung sein. Denn: Wir haben eine positive Vision zu bieten! Die Abkehr von einem materialistischen Weltbild braucht eine positive Vision. Diese visionäre Kraft im Glauben gilt es wieder freizulegen und spürbar zu machen. Momentan kommen Veränderungsprozesse in die Sackgasse, weil Menschen zuallererst ihren Nachteil, ihren Verlust, ihren „Verzicht“ im Fokus haben. Die Diskussion wird von Katastrophendenken auf der einen Seite und der Angst vor einer „Ökodiktatur“ auf der anderen bestimmt. Wo wir Christen einen echten Dienst tun können: mehr über die Welt zu reden, in der wir leben wollen, eine positive Vision eines gerechten, solidarischen und friedlichen Miteinanders ins Zentrum zu stellen.

Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Wissenschaftsjournalist und Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“, deren Ziel es ist, die Zusammenhänge von Klimawandel, Umwelt und Gesundheit anschaulich zu machen. Neben seinen Aufgaben als Moderator und Autor („Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“) setzt er sich seit 2018 für eine medizinisch und wissenschaftlich fundierte Klimapolitik ein, unter anderem als Mitglied der „Scientists for Future“.

Thorsten Lichtblau ist Redakteur des evangelischen Entwicklungswerks Brot für die Welt, für das dieses Interview entstanden ist.

Tearfund will den Müllbergen in Pakistan die Stirn bieten. Foto: Tearfund

Pakistan: Innovatives Projekt verwandelt Abfall in Dünger

In den Slums von Karachi sorgen Müllberge für Krankheiten. Das Hilfswerk Tearfund will dem Problem mit einer ungewöhnlichen Idee ein Ende bereiten.

Kommt der leere Pizzakarton in den Papiermüll oder in den Restmüll? Und muss ich meinen Joghurtbecher ausspülen, bevor ich ihn entsorge? Vor diesen Fragen stehen wir hierzulande gelegentlich, seitdem Anfang der 90er-Jahre die Mülltrennung eingeführt wurde. Zehn Anbieter regeln heute Abtransport und Verwertung von Verkaufsverpackungen. Die gesetzlich vorgeschriebenen Recycling-Quoten steigen regelmäßig.

Nicht so in Pakistan. Rubina ist 25 und lebt in einem Slum. Sie arbeitet hart, um genug Geld für sich und ihre drei Kinder zu verdienen. Der neunjährige Javed ist Rubinas ältester Sohn und mit einer Behinderung zur Welt gekommen. Seine Atmung macht ihm Probleme. Obwohl Rubina Mühe hat, die zusätzlichen Rechnungen zu bezahlen, muss sie ihn regelmäßig mit dem Taxi ins Krankenhaus bringen. Einer der Gründe: Müll.

Müllberge vor der Haustür

Da es in ihrem Slum keine Müllabfuhr gibt, sammelt sich der Müll auch vor Rubinas Haustür und verbreitet Krankheiten wie Cholera. Die Müllberge werden regelmäßig verbrannt, wobei giftige Dämpfe freigesetzt werden, die zu Lungenproblemen führen. Rubina macht sich große Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder. Als ihr jüngerer Sohn drei Jahre alt war, hat er sich beim Spielen im Müll schwer verletzt.

Für Menschen, die ohnehin bereits in Armut leben, stellen die Müllberge ein unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zu einem Leben in Würde dar. Nach öffentlichen Angaben werden nur 50 bis 60 Prozent der Müllabfälle auf offiziellen Halden gelagert. Moderne Deponietechnik? Fehlanzeige. Und das bei jährlich etwa 20 Millionen Tonnen Haushaltsmüll, der die Straßen Pakistans zur Müllhalde werden lässt. Sondermüll wird selten separat gesammelt, geschweige denn fachgerecht entsorgt. Die Entsorgungswirtschaft steht buchstäblich in den Kinderschuhen: In dem Land, in dem das Durchschnittsalter bei 22,5 Jahren liegt und fast ein Drittel der Bevölkerung in Armut lebt, sammeln in erster Linie Kinder wiederverwertbare Gegenstände wie Glas, Plastikflaschen, Dosen oder Metall, um sie an Schrotthändler oder Firmen weiterzuverkaufen.

Überschwemmungen sind Nährboden für Ungeziefer

Gigantische Mengen an Müll übersäen in Pakistan nicht nur ganze Landschaften, sondern auch Teile des Meeres. Müll wird häufig einfach in den nahegelegenen Fluss geworfen. Von dort aus bahnt er sich seinen Weg ins Meer, blockiert unterwegs Flussmündungen und sorgt somit für Überschwemmungen. Die wiederum sind Nährboden für Fliegen, Mücken und Ratten, durch die sich Krankheitserreger ausbreiten. Was nicht verrottet, landet meist als Plastikmüll im Meer, wo es sich über die Jahre zu Mikroplastik zersetzt und von Fischen und anderen Meeresbewohnern aufgenommen wird.

Was also tun?

Weniger Müll, mehr Jobs

Damit besonders die Menschen in Slums nicht im Müll versinken, wird in Karachi, der zweitgrößten Stadt Pakistans, an einer innovativen Lösung gearbeitet. Das große Ziel: den Müll zu Dünger verwandeln. Das Projekt „Hariyali Hub“ (übersetzt: Grünes Zentrum) ging im Januar an den Start. Neben einem lokalen Partner der Abfallwirtschaft ist auch das Hilfswerk Tearfund beteiligt. „Hariyali Hub“ und seine geplanten Ableger in verschiedenen Städten sollen neben dem Müllproblem auch die Armut bekämpfen. Jedes Zentrum schafft 25 neue Arbeitsplätze für Menschen aus den Slums. Sie sammeln Nass- und Trockenmüll, der anschließend mithilfe von Maschinen verarbeitet und recycelt wird.

Vorläuferprojekte haben gezeigt, dass auf diese Weise 80 bis 90 Prozent der Abfälle recycelt und dabei unter anderem zu fruchtbarem Dünger umgewandelt werden können. Durch seinen Verkauf kann sich ein Projekt nach kürzester Zeit wirtschaftlich selbst tragen. Was nicht wiederverwertet werden kann, wird zu einer regulären Mülldeponie außerhalb der Stadt gebracht. Menschen wie Rubina erhalten auf diese Weise eine Zukunftsperspektive und ihre Kinder eine sauberere und sicherere Umgebung zum Aufwachsen.

Videos zeigen Lösungen auf

Aber ist das auch mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein? Klar ist: Um das riesige Müllproblem in einzelnen Slums und Stadtteilen Pakistans in den Griff zu bekommen, braucht es mehr als kleine, innovative Recyclingzentren allein. Nötig ist ein langfristiges Umdenken vieler Menschen. Es braucht das Bewusstsein, dass Müll und seine Verbrennung Menschenleben bedroht und die Natur zerstört.

Als christliches Hilfswerk setzt Tearfund dabei auf die Zusammenarbeit mit den Kirchen vor Ort. Ehrenamtliche und Pastoren erhalten Fortbildungen zum Müllproblem. Pastor Amir Shahzad hat in seiner St.-Lukas-Kirche in Karachi schon die kleinen animierten Videos gezeigt, die für diesen Zweck probeweise produziert wurden. Er berichtet begeistert von den positiven Reaktionen der Gemeindemitglieder – und möchte diese Erklärvideos nun auch außerhalb des Gottesdienstes verwenden, um noch mehr Menschen aufmerksam zu machen auf das Problem und vor allem auf die Lösungen, zu denen sie durch Mülltrennung und ordnungsgemäße Entsorgung beitragen können.

Jelena Scharnowski ist Theologin und leitet die Kommunikationsabteilung des christlichen Hilfswerks Tearfund Deutschland e. V. (tearfund.de).

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Mitarbeiterin verrät: So gelingt Nachhaltigkeit im Unternehmen

Wie kann es gelingen, als Firma Umweltschutz zu fördern? Mara Hermann erzählt von Learnings aus der Praxis.

Wir sind ein mittelständisches IT-Projekthaus mit rund 450 Mitarbeitenden und mehreren Standorten in ganz Deutschland. Nachhaltigkeit war in unserem Unternehmen schon immer ein Begriff. Früher allerdings wurden darunter eher langfristige Kundenbeziehungen und langlebige Software-Lösungen verstanden. Mittlerweile ist durch Eigeninitiative der Mitarbeiterschaft ein Team entstanden, das sich um die ökologischen und sozialen Aspekte kümmert – ein Zeichen dafür, dass sich Angestellte gerade in der IT-Branche zunehmend mit ihrem Unternehmen identifizieren können möchten. Dazu gehören auch Bemühungen in Sachen Nachhaltigkeit.

Als internes strategisches Team setzen wir uns aus freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen, die neben ihrer Haupttätigkeit in Teilzeit an den Nachhaltigkeitsthemen arbeiten. Zudem sind wir Teammitglieder auf verschiedene Standorte verteilt. Um uns abzustimmen und unsere Themen voranzutreiben, tauschen wir uns hauptsächlich über den Firmen-Messenger Slack aus und treffen uns zusätzlich zu regelmäßigen Orga-Terminen oder freiwilligen Coworking-Sessions per Videocall.

Nachhaltigkeits-Tipp des Monats

Da wir alle keine ausgebildeten Fachleute auf diesem Gebiet sind, legen wir Wert darauf, ausgiebig zu recherchieren und zu evaluieren, welche Maßnahmen für uns sinnvoll, wirksam und umsetzbar sein können. So sind wir zum Beispiel auf den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) und die Änderungsvorschläge der EU-Kommission für die verpflichtende Nachhaltigkeitsberichterstattung, die sogenannte „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD), gestoßen. Damit können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen wollen wir Erfolge im Bereich Nachhaltigkeit ohnehin gern messbar machen, Schwachstellen offenlegen und die Ergebnisse teilen. Zum anderen können wir uns durch unsere frühe Recherche proaktiv auf die neue Richtlinie, die für Unternehmen wie uns ab 2024 verpflichtend sein wird, vorbereiten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist der Austausch mit anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dadurch stärken wir bei ihnen das Bewusstsein für unsere Arbeit und profitieren außerdem von lebendigen Diskussionen und konstruktivem Feedback. Beispielsweise veröffentlichen wir über Slack einen Nachhaltigkeits-Tipp des Monats und haben zudem ein Austauschformat über Fragen der Nachhaltigkeit in der Mittagspause gestartet. Neben unserer eigenen Recherche ist die Mitarbeiterschaft eine wichtige Quelle für neue Ideen zu nachhaltigen Maßnahmen. Außerdem nehmen wir gelegentlich sowohl methodische als auch inhaltliche Unterstützung von externen Beratungen, die sich auf das Thema Nachhaltigkeit spezialisiert haben, in Anspruch.

Einige konkrete Maßnahmen haben wir in den letzten drei Jahren im Unternehmen erfolgreich umgesetzt:

1. Arbeitsalltag: Gegen Lebensmittelverschwendung

Das Fundament unserer Nachhaltigkeitsbemühungen sind die Maßnahmen, die schnell und zentral umgesetzt werden können. Das waren vor allem Änderungen in unserem Arbeitsalltag, zum Beispiel:

• Energieversorgung: Außer an einem beziehen wir mittlerweile an allen Standorten Ökostrom und werden auch bei dem einen wechseln, sobald vertraglich möglich.
• Lebensmittel: Bei der Versorgung an den Standorten und bei Events achten wir auch verstärkt darauf, zumindest nachhaltige Alternativen anzubieten oder sogar ganz auf nachhaltigere Produkte (bio, regional, pflanzlich, …) umzusteigen. Um unnötigen Essensmüll zu vermeiden, haben wir in den Kühlschränken unserer Büros ein sogenanntes „Shared Shelf” eingeführt – ein Fach, in dem übrig gebliebene Lebensmittel der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden können.
• Plastikflaschen: An einem unserer Standorte haben wir Wasserflaschen komplett durch einen am Wasserhahn installierten Wasserspender ersetzt und prüfen aktuell die Akzeptanz und die Umsetzbarkeit für weitere Standorte.
• Projekte: Gerne unterstützen wir auch soziale oder regionale Projekte und beziehen zum Beispiel Getränke von Viva con Agua, Fritz und Charitea sowie an einigen Standorten Klopapier von Goldeimer.
• Neben der schnellen und zentralen Umsetzung konnten wir durch solche Maßnahmen eine Verankerung des Themas Nachhaltigkeit im Unternehmen schaffen, ohne direkt eine Verhaltensänderung der Mitarbeitenden zu fordern. Letzten Endes wird eine solche Änderung aber erforderlich sein, wenn ein tiefgreifender Wandel geschehen soll: Als Dienstleistungsunternehmen besteht unser Fußabdruck nicht nur aus den Faktoren, die unsere eigene Arbeitsumgebung ausmachen.

2. Mobilität: Bahn statt Flugzeug

Ein wichtiger Punkt sind deshalb auch unsere Reisen. Regelmäßig prüfen wir die Option, Nahverkehrstickets an den jeweiligen Standorten zu unterstützen und wollen gern Roller-Sharing anbieten. Generell wird (auch ohne Corona) darauf geachtet, die Reisezeit zwischen den Standorten und zum Kunden möglichst gering zu halten, ohne das Projekt zu beeinträchtigen. Außerdem wird bei Buchungen angeregt, Reisen möglichst mit dem Zug statt mit dem Flugzeug anzutreten. Da wir keine Verbots-Kultur pflegen möchten, macht sich hier unsere jahrelange Arbeit immer mehr bezahlt: Die Akzeptanz für nachhaltigere Ansätze ist in der Mitarbeiterschaft deutlich gestiegen.

3. Weitere Felder: Langlebige Software

Maßgeblich für unseren Fußabdruck ist auch die Projektarbeit, die wir bei unseren Kunden verrichten. Dabei stellen sich beispielsweise Fragen wie: Sind die Softwarelösungen effizient und langlebig konzipiert? Welchem Zweck dienen unsere Produkte? Als Team Nachhaltigkeit versuchen wir in unseren Austauschformaten und durch Abschlussarbeiten Querschnittsthemen wie z. B. nachhaltige Programmierung im Unternehmen voranzutreiben. Während wir uns mit Maßnahmen zum Arbeitsalltag, zur Mobilität und zum internen Austausch schon eingehend beschäftigt haben, stehen wir hier noch relativ am Anfang. Gerade diese projektbezogenen Querschnittsthemen aus Digitalisierung/IT und Nachhaltigkeit werden voraussichtlich in Zukunft ein zentraler Teil unserer Arbeit sein.

Mara Hermann arbeitet als Data Scientist sowie Data Engineer bei der Firma inovex am Standort Hamburg.

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Earthship: Was sich hinter diesen alienhaften Häusern verbirgt

Nein, dieses Haus ist kein Filmset. Wir erklären, was Earthships sind und wie sie uns helfen können, die Welt zu retten.

Sie klingen wie eine Erfindung aus Star Wars und sehen auf ersten Blick auch so aus: Earthships sind Passivhäuser aus recycelten Materialien. Das Konzept wurde in den 70er-Jahren von dem US-amerikanischen Architekten Michael Reynolds entwickelt, heute soll es weltweit etwa 1.000 Earthships geben. Bei aller Variation kennzeichnen einige Eigenschaften fast alle dieser Gebäude:

Passivhaus aus Erde und Glas: Tragende Wände bestehen aus gestapelten Autoreifen, die mit verdichteter Erde gefüllt sind. Das wird mit einer Glaswand auf der Sonnenseite des Hauses kombiniert. So heizen sich die Wände tagsüber auf und geben die Wärme nachts wieder ab. Das ermöglicht eine stabile Raumtemperatur.

Recycelt: Statt neuer Baumaterialien wird Material kreativ weiterverwendet, allein für die Mauern mehrere hundert alte Autoreifen. Eine Sitzbank besteht zum Beispiel aus Coladosen, und alte Glasflaschen werden zum bunten Mosaikfenster oder zur Füllung von Holzkonstruktionen für Innenwände.

Strom aus eigener Herstellung

Autark: Nicht nur die Bauweise, auch die Nutzung des Hauses soll umweltfreundlich sein. Statt aus konventionellen Strom-, Wasser- oder Heiznetzen kommt die Energie aus eigener Produktion. Trinkwasser wird nur dort verwendet, wo es wirklich gebraucht wird. Das nur wenig verschmutzte Grauwasser etwa aus der Waschmaschine wird durch Pflanzen in einem Indoor-Gewächshaus gefiltert und anschließend in Spülkasten oder Dusche geleitet. Stark verdrecktes Abwasser etwa aus der Toilette fließt in einen Abwassertank und wird in Biogas und Dünger für die Gärten verwandelt.

Eigene Lebensmittel: Drinnen wie draußen wird eigenes Obst und Gemüse angebaut.

Die ersten Earthships wurden im Wüstenklima des US-Bundesstaats New Mexico errichtet; dessen klimatische Verhältnisse sind für diese Bauweise ideal. Im kühleren Mitteleuropa herrschen andere Bedingungen, die Temperierung ist schwieriger, es besteht die Gefahr von Schimmelbildung, was mehr Dämmung nötig macht. Ein erstes genehmigtes Projekt in Deutschland hat die Gemeinschaft Tempelhof in Baden-Württemberg umgesetzt.

Text: Nicole Heymann

"Dafür stehe ich mit meinem Namen." Dieser Satz hat Claus Hipp berühmt gemacht. Zum 83. Geburtstag erzählt der Unternehmer, wie er die Landwirtschaft revolutionierte und was der Glaube für ihn bedeutet.

Claus Hipp im Interview: Das treibt den Kult-Unternehmer an

Claus Hipp war Vorreiter beim Thema Babynahrung. Im Interview erzählt der 83-jährige Unternehmer, wie er die Landwirtschaft revolutionierte und was der Glaube für ihn bedeutet.

Auf dem Weg ins Büro kommt Claus Hipp immer an der Wiege des Unternehmens vorbei: Der Reibstein, in dem sein Großvater 1899 Zwieback für den Brei seiner Zwillinge mahlte, steht im Foyer der Unternehmenszentrale. Umrahmt ist er von einem Kruzifix und großflächigen abstrakten Ölbildern, die Claus Hipp am Feierabend in seinem Forsthaus-Atelier malt. Nach rund 50 Jahren in der Unternehmensleitung hat er den Staffelstab mittlerweile an seine beiden Söhne abgegeben. Seitdem schläft er an manchen Tagen auch mal ein bisschen länger als bis 4:30 Uhr. So richtig zurücklehnen mag er sich trotzdem nicht: „Der Schreibtisch ist voll und die Arbeit geht weiter. Ich komme rein, helfe, wo ich kann, und bin wie ein Austragsbauer“, sagt er und spielt damit auf Landwirte an, die ihren Hof an die nächste Generation überschrieben haben. Hipp lebt immer noch auf dem Bauernhof seiner Familie, um dessen landwirtschaftlichen Betrieb er sich schon als Schüler gekümmert hat.

Bio seit den 1950ern

Herr Prof. Hipp, Sie werden oft als Bio-Pionier bezeichnet. Gefällt Ihnen das?
Ja. Denn dafür habe ich mich sehr engagiert, schon seit den Fünfzigerjahren. Das tue ich auch weiterhin und halte es für sehr wichtig. Die Bio-Bewegung ist nicht von einer Partei ausgegangen, sondern von der Wirtschaft.

Nehmen Sie uns doch mal hinein in das Jahr 1956, in dem Sie den organisch-biologischen Landbau für Ihr Unternehmen vorangetrieben haben.
Es geht sogar noch weiter zurück. Meine Mutter war Schweizerin und hat nach dem Krieg meinen Vater gedrängt, auch in der Schweiz Babynahrung zu verkaufen. Die Schweizer wollten aber kein deutsches Produkt und schon gar keine Babynahrung. Dass die Idee nicht funktioniert hat, hat sich unser damaliger Geschäftsführer so zu Herzen genommen, dass er krank wurde. Sein Arzt, Dr. Bircher-Benner, riet ihm dazu, seine Ernährung umzustellen und morgens mit einem Müesli anzufangen. Da sagte mein Vater: „Wenn es für Sie gut ist, ist es für andere auch gut“. Daraufhin haben wir in Deutschland das erste Müesli entwickelt, das wir dann in der Schweiz verkauft haben.

Weg von den Pestiziden

Das ist ja schon ein bisschen frech.
Durch Zufall sind wir dabei auf Dr. Hans Müller in Großhöchstetten gekommen, den Pionier des ökologischen Landbaus in der Schweiz. Er hat uns mit Getreide und Obst beliefert. Er war viel bei uns, hat mich oft bis spät in die Nacht unterrichtet und mich für biologischen Landbau begeistert. Damals habe ich als Schüler unseren Hof geleitet. Auf seinen Rat hin haben wir unsere Landwirtschaft auf bio umgestellt. Er hat uns auch davon überzeugt, Babynahrung aus Bio-Rohstoffen herzustellen, denn wir wollten in unserer Babynahrung keine Pestizid-Rückstände haben. Unser Schluss war: Wenn sie in der Rohstofferzeugung nicht angewandt werden, ist das die größte Sicherheit dafür, dass sie im Endprodukt nicht drin sind.

Hat Ihnen dieser Weg gleich eingeleuchtet?
Ja. Aber es war natürlich schwierig, weil die Umgebung nicht reif dafür war. Als erste Tätigkeit nach der Schule habe ich Bauern beraten und konnte sie davon überzeugen, biologischen Landbau zu betreiben. Ausschlaggebend war, dass die Gesundheit des ganzen Hofes zunimmt, wenn nicht mit Gift gespritzt wird. „Gesunde Pflanzen, gesundes Tier, gesunde Menschen“ – das hatte Albrecht Thaer schon 1750 gepredigt. Die Bauern wollten natürlich wissen, wie es mit dem Ertrag aussieht. Wir haben ihnen versprochen, Ernteausfälle zu vergüten, wenn sie weniger ernten würden. Dadurch haben dann manche Landwirte damit angefangen. Später wurden es immer mehr.

Nie gezweifelt

Sie haben die Produktion schrittweise auf Bio umgestellt. Gab es auch Momente, in denen Sie dachten: Was ist, wenn es nicht funktioniert oder wenn wir doch falsch liegen?
Nein, denn ich war überzeugt davon, dass es der richtige Weg ist. Und mit der nötigen Konsequenz im Handeln hat es dann auch geklappt.

Woher haben Sie den Mut genommen, es anders zu machen? Noch als Schüler entließen Sie den Verwalter Ihres Hofs, weil er ihn nicht so biologisch führen wollte wie Ihre Familie. Ist dieser Mut angeboren?
Unternehmer müssen immer weiter schauen. Bereit sein, Dinge anders zu machen und bestrebt sein, besser zu sein als die Mitbewerber.

Das hat Sie angetrieben.
Ja. Aber ich war auch überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist. Viele Jahre später hatten wir einen harten Wettbewerb mit Nestlé und deren Marke Alete. Mit unserer Umstellung auf Bio haben wir dem Handel gesagt: „Wir bringen etwas Neues, aber wir werden teurer.“ Der Handel hat das eingesehen, mit Ausnahme unseres Hauptkunden. Daraufhin haben wir 20 Prozent unseres Umsatzes von heute auf morgen verloren. Das war eine harte Zeit. Der übrige Handel hat unsere Haltung aber honoriert. Nach zwei Jahren hatten wir dieses Minus wieder aufgeholt.

Natur erholt sich schnell

Der Ehrensberger Hof, auf dem Sie mit Ihrer Familie leben, gilt als Musterbetrieb für Biodiversität. Welche Maßnahmen entwickeln Sie dort und wie profitieren Ihre 8.000 HiPP-Bio-Erzeuger davon?
Auf dem Ehrensberger Hof erforschen wir in Kooperation mit Wissenschaftlern und Naturschutzverbänden Methoden, die sich in der Landwirtschaft positiv auf Bodenfruchtbarkeit und die Artenvielfalt auswirken. Die Ergebnisse geben wir an unsere Bio-Bauern weiter und erhöhen damit die Anzahl besonders biodiversitätsfreundlicher Erzeuger. Gerade führen wir eine mehrjährige Studie durch, bei der wir die Insektenvielfalt auf ökologisch und konventionell bewirtschafteten Flächen untersuchen. Dabei konnten wir auf dem Ehrensberger Hof insgesamt 21 Prozent mehr Insektenarten sowie 60 Prozent mehr Schmetterlingsarten als auf der konventionellen Vergleichsfläche feststellen, darüber hinaus die doppelte Anzahl laut Roter Liste gefährdeter Arten.

Zudem konnten wir nachweisen, dass sich die Natur schnell erholt. Bereits ein Jahr nach der Umsetzung biodiversitätsfördernder Maßnahmen nimmt die Vielfalt auf den bislang konventionell betriebenen Flächen wieder zu. Mit ganz einfachen und pragmatischen Mitteln können wir das Artensterben verhindern. Wir müssen es nur wollen.

Was bedeutet es für Sie, im Einklang mit der Schöpfung zu leben?
Es heißt, ich erkenne an, dass es einen Schöpfer gibt, der über allem steht. Einen Schöpfer, dem wir auch Rechenschaft schuldig sind. Wir müssen alles unterlassen, bei dem wir seine Schöpfung schädigen oder ihr Dinge entnehmen, die unserer Generation gar nicht zustehen.

Fleisch „Die Menge macht’s“

Auf welche Dinge verzichten Sie selbst?
Beim Essen verzichte ich zum Beispiel auf einen zu hohen Fleischkonsum. Grundsätzlich soll jeder Fleisch essen dürfen, aber die Menge macht’s – und entscheidend ist auch die Qualität. Wenn wir sehen, dass die Stadt Wien täglich so viel Brot wegschmeißt wie die Stadt Linz verbraucht, dann stimmt etwas nicht. Seit vielen Jahren bin ich Schirmherr der Münchner Tafel: Dort vermitteln wir an unsere Gäste Lebensmittel, die verzehrfähig sind, aber vielleicht nicht mehr verkehrsfähig. Und da bewegen wir in der Woche Lebensmittel im Wert von über 100.000 Euro.

Wer war Ihnen ein Vorbild im Glauben?
Das waren meine Eltern. In der Familie haben wir gebetet und viel über Glaubensfragen erzählt bekommen. Wir sind in die Kirche gegangen und das war ganz normal.

Arbeit als Gebet

Sie schließen morgens in aller Frühe die Kapelle Herrnrast auf und beten dort. Gleichzeitig sagen Sie, Arbeit ist auch Gebet. Wie meinen Sie das?
Meine Arbeit kann ich als Aufgabe sehen, die mir von oben gestellt wurde. Dann ist es Gebet. Wenn ich aber in erster Linie möglichst viel Geld zusammenraffen möchte, ist es kein Gebet mehr. Ich kann schon schauen, Gewinne zu machen. Aber es kommt dann darauf an, was ich damit anfange und wie sozial ich die Mittel wieder einsetze.

Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Alltag?
Glauben heißt, etwas für wahr halten, was man nicht sehen oder verstehen kann. Es ist ein Akt des Willens. Wenn ich alles diskutiere und hinterfrage und mir alles logisch erscheint, dann ist es Wissen. Dann bleibt für den Glauben nichts mehr übrig. Wenn ich mich in einem kindlichen Vertrauen fallen lasse, fühle ich mich im Glauben geborgen und aufgehoben. Damit kann ich mehr tun als jemand, der nicht glaubt: Ich kann beten und hoffen, dass es gut wird.

Ja, und trotzdem erleben wir aber auch, dass manches eben nicht so läuft, wie wir beten oder worauf wir hoffen.
Ja, sicher. Die Welt besteht aus Gutem und Bösen. Sie ist so geschaffen und damit müssen wir zurechtkommen. Auch bei Paulus [in der Bibel, Anm. d. Red.] lesen wir, wie er sich selbst als Schwachen und Sünder bezeichnet, der gegen das Böse zu kämpfen hat. Wenn es ein Apostel schon machen muss, dann steht es uns auch zu.

Talente nicht vergraben

Gibt es einen Bibelvers, zu dem Sie einen besonderen Bezug haben?
„Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische!“ aus Kolosser 3,2. Das sagt eigentlich alles. Diesen Vers fand ich schon immer gut. Es hat in meinem Leben Situationen gegeben, in denen ich schwerwiegende Entscheidungen zu treffen hatte. In denen ich nach Gewissen, nach meinem Wertebewusstsein und meinen Überzeugungen entschieden habe. Und das war richtig.

Was macht Ihrer Meinung nach ein erfülltes Leben aus?
Jeder bekommt Talente und die soll man nicht vergraben. In meinem Leben habe ich mich bemüht, es gut zu machen. Aber ich hätte es auch sicher besser machen können.

Inwiefern hätte man es besser machen können?
Alles lässt sich besser machen. Es ist nicht so, dass ich in irgendeiner Weise stolz bin. Sondern ich bin mir meiner Schwächen bewusst und weiß, dass ich manchmal hätte mehr machen können. Und dass die eigene Trägheit oft davor steht.

Claus Hipp, der Tausendsassa

Es hätte ja gereicht, das Unternehmen zu leiten. Sie sind darüber hinaus Künstler und Kunstprofessor, Georgischer Honorarkonsul für Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen, spielen im Behördenorchester Oboe. Warum diese Vielfalt?
Erstmal wird es mir schnell langweilig. Und vielleicht ist es schon ein Bedürfnis, Bestätigung auch woanders zu suchen. Aber es war richtig, die Firma zu leiten. Mein Vater war auch ein sehr musischer Mensch. Er hat wunderbare Bilder gemalt, aber er hat zu mir gesagt, als wir über Berufe diskutiert haben: „Da hast du ein Unternehmen, aus dem du noch etwas machen kannst. Ob die Welt auf dich als Künstler wartet, kannst du vorher nicht wissen.“ Und da hat er Recht gehabt.

Ihr Vater ist gestorben, als Sie 29 Jahre alt waren. Inwiefern hat Sie das geprägt und welche Rolle spielt die Perspektive auf die Ewigkeit für Sie?
Dass das Leben kurz sein kann, ist ein Gedanke, der uns immer bewegt. Ich bin dankbar dafür, dass mein Leben schon so lange währt, aber es kann schnell vorbei sein. Manchmal diskutiere ich darüber mit meiner Frau. Sie wüsste immer gern, wie alt sie wird. Und ich frage dann: Was würdest du dann anders machen? Dann hat sie irgendwelche Ideen. Ich sage, lebe jeden Tag so, als ob er der letzte ist. Und wenn sich meine Mitmenschen einmal mit Wohlwollen an mich erinnern, bin ich zufrieden.

Interview: Debora Kuder

Das Unternehmen
HiPP wird von mehr als 8.000 Bio-Landwirten beliefert und ist damit einer der weltweit größten Verarbeiter biologisch erzeugter Rohstoffe. An allen HiPP-Standorten in der EU wird klimaneutral produziert, am Stammsitz in Pfaffenhofen und in Österreich bereits seit 2011. Bis 2025 will das Unternehmen klimapositiv werden und über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg mehr Treibhausgase ausgleichen als verursachen.

Symbolbild: Getty Images / E+ / lindsay_imagery

Ende der Plastik-Ära: Diese Beispiele zeigen, dass es vorangeht

Noch kann unsere Gesellschaft ohne Einweg-Verpackungen nicht leben. Aber es gibt gleich mehrere Hoffnungsschimmer.

Packung aufreißen, Folie abwickeln, Tetrapack leeren: Manchmal ist es zum Verzweifeln, wie schnell sich die Gelbe Tonne füllt. Von der eingeschweißten Gurke über abgepackten Käse bis zum Flüssigwaschmittel: kaum ein Produkt ohne Kunststoffhülle. Unser Planet ist plastifiziert. 4,3 Millionen Kunststoffverpackungen wurden 2020 in Deutschland produziert, die jährlichen Kunststoffabfälle haben sich seit 1995 mehr als verdoppelt. Vergangenes Jahr haben unsere Müllabfuhren wieder sechs Prozent mehr Plastik aus unseren Haushalten weggekarrt – insgesamt rund 40 Kilo pro Kopf jedes Jahr. Dabei landen die Becher, Folien und Behälter gar nicht immer in der Tonne. Allein die Elbe befördert jährlich 42 Tonnen Kunststoff in die Nordsee.

Dass die Menge an Plastikmüll steigt, hat verschiedene Gründe: Unsere Gesellschaft wird älter und mehr Menschen leben in Single-Haushalten. Senioren und Alleinstehende kaufen aber eher kleinere Portionen und die Verpackungen sind im Vergleich aufwändiger. Zudem nimmt der Trend zu Fertiggerichten, To-Go-Waren und sogenannten Convenience-Produkten zu: fertig geschmierte Sandwiches oder Salate etwa in Plastikboxen. Auch Einwegflaschen werden immer beliebter: Die Mehrwegquote ist seit 1997 von 72 auf 41 Prozent gesunken.

Pfandpflicht auch auf Energy-Drinks

Doch es tut sich was. Ideen zur Reduzierung und gesetzliche Änderungen für neue Rahmenbedingungen machen Hoffnung, dass der Abschied aus der Plastik-Ära zumindest denkbar ist. Ab 2022 wird beispielsweise die Pfandpflicht ausgeweitet. Für Saft, Smoothies, Apfelwein und Energy-Drinks galten bislang Ausnahmeregelungen, die nun entfallen. 25 Cent Pfand werden dann pro Flasche fällig. Darüber hinaus müssen ab 2025 Plastikflaschen mindestens zu einem Viertel aus recyceltem Kunststoff bestehen. Ab 2023 müssen größere Cafés und Restaurants Waren zum Mitnehmen auch in wiederverwendbaren Verpackungen anbieten.

Die Erwartung an solche gesetzlichen Bestimmungen ist immer auch, dass sie neue Entwicklungen auslösen wie etwa Mehrwegsysteme und verpackungsfreie Alternativen. Der durch seine Porter-Hypothese bekannt gewordene amerikanische Ökonom Michael E. Porter nennt in seinen Aufsätzen mehrere Fallstudien, die zeigen, wie umweltpolitische Maßnahmen sowohl zur Reduktion der Kosten wie auch zu Innovationen geführt haben. Er erwähnt beispielsweise japanische Recyclingbestimmungen, die beigetragen haben, den Produktionsaufwand bei Hitachi zu senken. Bei deutschen Unternehmen sieht er Wettbewerbsvorteile, weil Recycling-Gesetze einen Entwicklungsvorsprung ausgelöst hätten.

Start-ups gehen mit gutem Beispiel voran

Gerade kleinere Unternehmen gehen da oft mit guten Ideen voran. Das Hamburger Label Sea Me bietet beispielsweise Handseife, Spül- und Desinfektionsmittel in Pfandglasflaschen an. Sind sie leer, können sie über den Lebensmitteleinzelhandel zurück in den Mehrwegkreislauf gegeben werden. Das Start-up Repaq stellt seine Verpackungen aus pflanzlicher Zellulose, Wasser und Glyzerin her, die kompostierbar sind, ebenso wie die aus Jute hergestellte Versandkiste der Neugründung kompackt61. Das kleine Kieler Unternehmen Umtüten verkauft nachhaltige Brotbeutel und Lunchbags aus ökologischer Baumwolle aus Tansania und recycelten Jeansresten.

Doch auch große Unternehmen beginnen umzudenken. Der Konzern Henkel verwendet für die Flaschen mancher seiner Haarpflegeprodukte bis zu 98 Prozent Altplastik. Für seine Marke Nature Box verwendet er sogar sogenanntes „Social Plastic“, also Kunststoff aus Müll, der etwa vom Sozialunternehmen Plastic Bank an Stränden gesammelt wurde.

Auch dm geht voran: In 150 Filialen der Drogeriemarktkette können seit Oktober in einem Pilotprojekt leere Kunststoffflaschen von Pflege- und Reinigungsmitteln zurückgegeben werden. Damit will der Konzern testen, ob Kunden und Kundinnen dazu bereit sind.

Keine verpackten Gurken in Frankreich

Im August hat die Umweltorganisation WWF gerade ihre Studie „Verpackungswende jetzt“ vorgestellt. Fazit: „Eine kreislauforientierte und nachhaltigere Verpackungswirtschaft [ist] in Reichweite, wenn wir alle Hebel umsetzen und einen Systemwandel einleiten.“ Die Autoren schlagen etwa vor, einheitliche Richtlinien zu schaffen, um unnötige und überdimensionierte Verpackungen im Handel zu vermeiden, oder essbare Hüllen für Obst und Gemüse einzusetzen, um Schalen und Folien zu vermeiden, wenn die Sorten nicht ohnehin von Natur aus eine robuste Hülle haben.

In Frankreich dürfen schon ab 2022 rund 30 Obst- und Gemüsesorten nur noch ohne Plastikverpackung verkauft werden. Beispielsweise Äpfel, Gurken, Kartoffeln und Blumenkohl gibt es dann nur noch plastikfrei. Ab 2030 müssen dort Einzelhändler mit einer Ladenfläche von mehr als 400 Quadratmetern mindestens ein Fünftel ihrer Fläche für Mehrweg- und Nachfüllprodukte nutzen.

QR-Code macht Plastik sortierbar

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Auch die Recyclingquote ließe sich erhöhen, wie die WWF-Studie zeigt. Wirtschaftliche Anreize für Verpackungen aus recyceltem Plastik könnten dabei helfen, denn die Produktion ganz neuer Kunststoffe sei immer noch zu billig.

Die EU hat beschlossen, dass bis 2030 Verpackungen zu 55 Prozent wiederverwertet werden sollen. Derzeit liegt die Quote EU-weit bei rund 40 Prozent. Helfen soll dabei auch ein digitales Wasserzeichen – eine Art QR-Code in Briefmarkengröße, der verschiedene Informationen enthält und aufgedruckt wird auf Joghurtbecher & Co. Im Recyclingunternehmen erkennt die Kamera daran die Materialzusammensetzung, sodass die Verpackungen sortenrein sortiert werden können. Derzeit wird das Projekt in Kopenhagen getestet, 2022 soll es auch in Recyclingbetrieben in Deutschland und Frankreich eingesetzt werden. Mehr als 130 Unternehmen, darunter Beiersdorf, Dr. Oetker und Lidl, sind beteiligt.

Ein solches Engagement der Industrie, gestützt von Vorgaben der Politik und befürwortet von Bürgerinnen und Bürgern, macht Hoffnung, dass eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft möglich sein wird.

Von Anja Schäfer

Symbolbild: Getty Images / iStock / Getty Images Plus / dolgachov

Bio-Siegel oder Leih-Tanne: So finden Sie nachhaltige Weihnachtsbäume

Gibt es nachhaltige Alternativen zur klassischen Weihnachtstanne? Und ob: Sechs Ideen für umweltschonende Festtage.

Nordmanntannen sind die klassischen Weihnachtsbäume, wachsen aber meist in Monokulturen, werden mit Pestiziden behandelt und haben manchmal weite Wege aus dem Ausland hinter sich, bevor sie unsere Stube verschönern. Es gibt jedoch Alternativen.

Bio-Bäume: Sie wachsen in Mischkulturen auf und werden nicht mit Herbiziden behandelt. Zu erkennen sind sie an den Bio-Siegeln etwa von Bioland oder Naturland. Auch viele Baumärkte bieten sie mittlerweile an. Eine Liste mit Verkaufsstellen hat die Organisation Robin Wood zusammengestellt.

„Fair Tree“: Das dänische Siegel zeigt an, dass die Umwelt geschont, vor allem aber die georgischen Zapfenpflücker fair bezahlt und für ihre Kletteraktionen gut ausgerüstet werden.

Mieten Sie Ihren Baum

Vor Ort: Bäume aus regionaler Forstwirtschaft haben immerhin kurze Transportwege und über ihren Anbau kann man sich informieren.

Leih-Bäume: Einige Betriebe bieten Bäume auch zur Miete an. Sie sind eingetopft, werden nach den Feiertagen zurückgegeben und wieder in die Erde gepflanzt (z. B. über „Green Tree“).

Im Topf: Wer den Baum selbst im Topf kauft und nach Weihnachten draußen einpflanzt, kann in den kommenden Jahren gleich dort schmücken. Gartenbesitzer können ihren eigenen Baum natürlich schon als Setzling pflanzen und ein paar Jahre pflegen, bevor sie ihn ins Wohnzimmer holen.

Plastik rentiert sich nicht

Plastikbäume: Dabei sollte man nicht nur bedenken, dass sie in Fernost produziert werden und eine weite Strecke zurücklegen, sondern auch Rohstoffe verbrauchen und meist doch nach wenigen Jahren im Müll landen. Gegenüber einem gefällten Baum pro Jahr gleicht sich die Ökobilanz eines Plastikbaums erst nach etwa 20 Jahren aus.

Do it yourself: Wer auch ohne gewachsenen Baum auskommt, kann sich aus Ästen Schnur und natürlichen Dekomaterialien auch eine eigene, nachhaltige Kreation schaffen.

Freiwillige helfen bei der Begrünung des Luthergartens. Foto: tatkraeftig.org

Ehrenamt für einen Tag: Dieses Hamburger Konzept feiert gerade Erfolge

Miriam Schwartz veranstaltet mit dem Verein „tatkräftig“ eintägige Hilfseinsätze in Hamburg. Ihre Arbeit macht Ehrenamt auch für Vollzeitjobber möglich, wie sie im Interview erzählt.

Melanie Carstens: Euer Motto bei „tatkräftig“ ist: „Ein Team, ein Tag, ein Ziel.“ Was bedeutet das konkret?
Miriam Schwartz: Das ist quasi Engagement in das kleinstmögliche Format gepresst. Wir möchten für Leute, die im normalen Leben sehr eingespannt sind, einen Einstieg ins Ehrenamt schaffen. Der Einsatz ist auf einen Tag beschränkt und man engagiert sich als Gruppe. So können wir Hemmschwellen bei den Freiwilligen abbauen: Wenn ich weiß, ich kann Freunde mitbringen oder ich treffe vor Ort auf Gleichgesinnte, die sich mit engagieren, ist es viel einfacher, den ersten Schritt zu wagen. Als „tatkräftig“-Team bereiten wir im Vorfeld alles sehr gut vor: Wir haben verschiedenste Einsatzpartner, mit denen wir vorher absprechen, was an dem Tag geschafft werden soll. Die Freiwilligen bekommen dann ein Projektdatenblatt mit den Aufgaben und wissen vorher genau: Das ist heute unser Ziel.

Du hast den Verein 2012 gegründet. Wie fing das alles an?
Der Impuls kam ursprünglich vom Hamburg-Projekt, einer Freikirche, die gerade relativ neu gegründet worden war. Den Pastoren war wichtig, dass Menschen praktisch anpacken und einen Beitrag leisten, damit es den Menschen in der Stadt besser geht. Zu dieser Zeit war ich selbst noch gar nicht in Hamburg. Als ich später dazukam, habe ich dann ein Konzept geschrieben, wie wir diese Idee umsetzen können. Einer aus der Gemeinde hat dieses Konzept dann einem Unternehmen vorgelegt und gesagt: „Ihr könnt Steuern sparen, wenn ihr uns regelmäßig Geld spendet.“ Das Unternehmen hat tatsächlich zugesagt und daraus wurde die erste Minijob-Stelle, nämlich meine. Nach einem Gottesdienst habe ich eine Ansage gemacht: „Wir wollen hier etwas Neues aufbauen, wir wollen eine Plattform für Freiwillige schaffen, die sich in der Stadt engagieren.“ Offenbar hatten viele darauf gewartet, denn nach dem Gottesdienst kamen 15 Leute auf mich zu und hatten Lust mitzumachen. Das war unser Gründungsteam und wir haben dann 2012 den Verein „tatkräftig“ gegründet.

Ehrenamt betrifft jeden

War dein Glaube für dich eine Motivation, dich in der Stadt zu engagieren?
Ja, für mich steht die Nächstenliebe im Glauben über fast allem. Ich hatte mich, bevor ich „tatkräftig“ gegründet habe, auch schon selbst viel engagiert, denn ich möchte dazu beitragen, dass es anderen Menschen besser geht. Wir haben aber schnell gemerkt, dass das Konzept auch nicht gläubige Menschen anspricht. Viele haben das Bedürfnis, anderen zu helfen.

Nach diesem Gottesdienst hattet ihr schon mal 15 Freiwillige. Wie habt ihr die Leute gefunden, denen ihr etwas Gutes tun wollt?
Wir haben uns in den Niederlanden das Projekt „Stichting Present“ angeschaut, das bereits etwas Ähnliches umsetzt. Das Konzept beruht darauf, dass man in den Austausch mit verschiedensten gemeinnützigen Einrichtungen geht und guckt, wo dort der Bedarf ist, um dann mit anzupacken. Also weniger, dass man einzelne Menschen ausfindig macht, denen man hilft, sondern sich eher auf Organisationsebene vernetzt.

Wie habt ihr dann losgelegt?
Wir sind voller Ideen und Begeisterung nach Hamburg zurückgekommen und haben uns umgeschaut: Welche gemeinnützigen Einrichtungen gibt es überhaupt in Hamburg? Was sind Zielgruppen, die man unterstützen könnte? Ich habe mich mit interessierten gemeinnützigen Organisationen getroffen, um ihnen von unserer Idee zu erzählen. Die meisten Organisationen dachten aber noch in den klassischen Ehrenamts-Strukturen und mussten erstmal davon überzeugt werden, dass man auch an einem Tag viel schaffen kann und dass es sich lohnt, sich auf so eine Gruppe einzulassen. Seit den ersten erfolgreichen Testprojekten fragen uns viele Organisationen an, ob sie nicht auch Hilfe bekommen können.

Unternehmen fragen fürs Team-Building an

Und wie findet ihr weitere Freiwillige, die bei den Einsätzen mitmachen?
Anfangs kamen sehr viele aus dem Hamburg-Projekt, viele Kleingruppen haben sich mit uns engagiert. Dann hat sich das so seinen Weg gebahnt: Diese Leute haben auf der Arbeit davon erzählt, daraufhin haben wiederum die ersten Firmen bei uns angefragt, die mit ihren Mitarbeitenden einen Einsatz zum Teambuilding machen wollten. Weil die Einsätze sehr viel Begeisterung bei den Freiwilligen ausgelöst haben, haben sie das wiederum in ihrem Freundeskreis weitererzählt und so hat es sich sehr schnell herumgesprochen.

Okay, jetzt gibt es also Organisationen, die einen Bedarf haben – und Teams von Freiwilligen, die sich für einen Tag einsetzen wollen: Wie kommen die zusammen?
Es gibt zwei Wege: Entweder meldet sich eine Einrichtung oder eine Organisation bei uns. Zum Beispiel arbeiten wir regelmäßig mit dem Ronald McDonald-Haus in Hamburg-Altona zusammen. Dort können Eltern schwerkranker Kinder wohnen, während ihre Kinder im Altonaer Kinderkrankenhaus behandelt werden. Das ist natürlich eine sehr belastende Situation für sie. Dieses Haus hatte sich gewünscht, dass wir dort einmal im Monat für die Eltern kochen, um sie mal ein bisschen zu verwöhnen. Bei vielen Sommerfesten werden Freiwillige gesucht, die helfen, Essen vorzubereiten oder die Hüpfburg und andere Spielstationen zu betreuen, damit die Mitarbeitenden frei sind, sich mit den Gästen zu unterhalten.

Und was ist der zweite Weg?
Der andere Weg ist, dass ein Team aus einem Unternehmen, eine Schulklasse oder eine private Gruppe sich bei uns meldet. Daraufhin nehmen wir mit einigen dazu passenden Einrichtungen Kontakt auf, stellen der Freiwilligen-Gruppe zwei bis drei Einsatzideen vor und die dürfen sich dann ihr Lieblingsprojekt auswählen. Dadurch ist auch gewährleistet, dass die Gruppe richtig Lust auf den Einsatz hat.

Und die anderen beiden Organisationen müssen damit leben, dass es dieses Mal nicht gepasst hat?
Die bleiben dann bei uns auf der Liste, bis die nächste passende Gruppe anfragt. Wir vergessen da niemanden.

„tätkräftig“ fördert Verständnis füreinander

Was motiviert Leute, sich bei euch als Freiwillige zu melden?
Diejenigen, die privat auf uns zukommen, wollen einfach mal helfen und etwas Gutes tun, wissen aber meist nicht, wo sie anfangen sollen. Durch uns können sie den ersten Schritt ins Ehrenamt schaffen. Häufig kommen sie wieder, machen mehrmals mit und bleiben manchmal sogar langfristig irgendwo.

Welches Feedback habt ihr nach Einsätzen schon bekommen?
Ganz oft entsteht die Erkenntnis: „Mann, mir geht’s eigentlich echt gut und ich müsste viel öfter helfen.“ Oder Leute sagen: „Ich hatte noch nie mit Menschen mit Behinderung zu tun, aber es war viel einfacher, als ich dachte.“ Oft organisieren wir auch Projekte mit dem christlichen Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“. Dort erleben unsere Freiwilligen, unter welch schwierigen Lebensverhältnissen die Kinder leben, und wie beeindruckend es ist, was die Mitarbeiter leisten. Deshalb sage ich auch immer: Bei „tatkräftig“ geht es nicht darum, das Ehrenamt zu fördern, sondern wir stärken den Zusammenhalt zwischen den Menschen, indem wir Verständnis füreinander schaffen. Weil wir die Leute dahin bringen, wo sie sonst nicht hinkommen würden.

Herausforderung Spenden

Wer bezahlt euch für eure Arbeit? Die Einrichtungen vermutlich nicht, oder?
Nein, die Einrichtungen können sich das nicht leisten. Und wenn die Freiwilligen irgendwo hingehen und helfen, wollen sie natürlich nicht auch noch bezahlen. Das ist eine große Herausforderung für uns als organisierender Verein. Deshalb sind wir zum allergrößten Teil durch Spenden finanziert, damit wir diese ehrenamtliche Hilfe kostenlos anbieten können.

Was begeistert dich selbst am meisten bei eurem Projekt?
Wir versuchen immer, ehrenamtliche Projektbegleiter, die von uns ausgebildet wurden, zum Einsatz mitzuschicken, um vor Ort dafür zu sorgen, dass alles gut läuft. In dieser Rolle bin ich selbst auch ehrenamtlich bei Projekten dabei und erlebe diesen Spirit live vor Ort. Egal, wie die Umstände sind, die Stimmung im Team entwickelt sich immer sehr schnell sehr positiv. Da kann dann auch mal ein Regenguss kommen oder Material fehlen. Man schafft es irgendwie trotzdem als Team immer, das gut zu Ende zu bringen und fühlt sich hinterher bestätigt und bestärkt. Das liebe ich total.

„Wir verändern mit jedem Einsatz die Menschen, die sich einsetzen“

Und wie erleben die Hilfeempfänger das?
Die Bewohner einer Behinderteneinrichtung wünschten sich, beim „Hamburg-räumt-auf“-Tag mit Müll zu sammeln, brauchten aber Assistenz dabei. Das haben wir schon öfter organisiert. Durch die gemeinsame Arbeit auf Augenhöhe merkt man einfach, dass keiner über dem anderen steht. Ich bin nicht der Helfende und das ist der Hilfeempfänger, sondern man hat einfach gemeinsam eine gute Zeit. Das treibt uns auch als Team an: Dass wir nicht einfach nur irgendwo Hilfe hinschicken, sondern wir verändern auch mit jedem Einsatz die Menschen, die sich einsetzen. Wir machen nicht nur Hamburg ein bisschen besser, sondern auch die Freiwilligen bekommen eine neue Einstellung zum Ehrenamt oder zu anderen Gruppen, die sie sonst nicht kennenlernen würden.

Während der Corona-Zeit habt ihr noch einen neuen Arbeitszweig gegründet: „tatkräftig fürs Klima“, mit dem ihr Projekte im Bereich Natur- und Umweltschutz unterstützt. Wie kam es dazu?
Ich selbst habe eine sehr soziale Ader, daher ging es mir bisher immer um Menschen. Den Blick für Natur und Tiere hatte ich ganz lange nicht. Aber vor drei Jahren hat es auf einmal „klick“ gemacht. Ich begriff, wie schlimm es um die Welt steht, und dass sich wirklich etwas tun muss. Daraufhin habe ich angefangen, bei mir persönlich sehr viel zu verändern: Müllvermeidung, Gebrauchtes kaufen, weniger Fleisch – die ganze Palette. Das ging auch vielen in unserem Team so und wir dachten: Es wäre doch cool, wenn wir nicht nur persönlich an Stellschrauben drehen, sondern auch auf Organisationsebene einen Beitrag leisten könnten. So waren wir uns schnell einig, dass wir auch mit „tatkräftig“ dafür sorgen möchten, dass es der Welt besser geht.

Miriam Schwartz ist die Vorsitzende des Vereins „tatkräftig e. V.“, der 2012 gegründet wurde und eintägige Hilfseinsätze mit Freiwilligengruppen organisiert, um sich gemeinsam für die Mitmenschen und die Natur in ihrer Heimatstadt Hamburg einzusetzen. Dabei arbeiten sie mit gemeinnützigen Organisationen aus dem sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich zusammen. Das „tatkräftig“-Team besteht momentan aus neun festen Mitarbeitenden mit vier Teilzeitstellen und fünf Minijobs, die durch Spenden und Fördermitglieder finanziert werden. Weitere Infos: tatkraeftig.org

InterviewMelanie Carstens

Familie Völkner, Foto: Gerdi Schlagner

Diese vierköpfige Familie kommt auf dem Land (fast) ohne Auto zurecht

Familie Völkner ist fast ausschließlich mit dem E-Bike unterwegs. Und das klappt auch außerhalb der Stadt erstaunlich gut.

Mit meinem Fahrrad und dem Anhänger dazu bin ich in unserem Ort eine Seltenheit. Wenn ich auf den Straßen und Feldwegen unterwegs bin, werden mir immer wieder überraschte Blicke und Kommentare zugerufen. Denn wir sind als vierköpfige Familie nahezu autofrei unterwegs. Wir glauben, dass das Leben auch anders geht. Dass vieles möglich ist. Dass es Wege gibt, wo es einen Willen gibt. Um es jedoch gleich vorweg zu nehmen: Ganz autofrei leben wir nicht. Wir wohnen neben meinen Schwiegereltern und können uns bei Bedarf ihr Auto leihen. Und falls sich für große Fahrten mal die Termine überschneiden, können wir immer noch ein Auto mieten. Allerdings ist das für uns eher die Ausnahme, nicht der Alltag.

Schneller als mit dem Auto

Das autofreie Leben begann eigentlich schon in unserer Ausbildung. Als mein heutiger Mann Michael und ich zusammenkamen, lebte er in der Schweiz und ich in Rostock. Neun Monate führten wir eine Fernbeziehung und verbrachten regelmäßig zehn bis zwölf Stunden in Zügen und auf Bahnhöfen. Die meisten Fahrten verliefen wirklich gut. Kurz nach unserer Hochzeit zogen wir dann nach Braunschweig, eine flache Stadt ohne Hügel und mit gut ausgebauten Fahrradwegen. So beschlossen wir schnell, auch weiterhin aufs Auto zu verzichten, als sich unser erster Nachwuchs ankündigte. In Braunschweig war alles sehr gut mit dem Fahrrad zu erreichen – teils sogar schneller als mit dem Auto. Wir kauften uns einen Fahrradwagen und entschieden uns für einen Einsitzer, weil wir den Wagen stets in den Keller verfrachten mussten. Schwieriger wurde das Thema, als wir nach Hessen zogen. Hier ist die Landschaft zwar nicht bergig, aber doch deutlich hügeliger. Außerdem kündigte sich unser zweites Kind bei unserem Umzug schon sehr deutlich an. Also fragten wir uns: Kann man als vierköpfige Familie auf dem Land autofrei leben? Wie aufwendig ist das? Und lohnt sich dieser Aufwand finanziell überhaupt?

Essensplan umfasst 16 Wochen

Das hessische Dorf, in dem wir wohnen, hat alles, was man zum täglichen Leben braucht, vor Ort: Kindergarten, Schule, Bahnhof, Einkaufsmöglichkeiten – alles ist vorhanden. Mein Mann arbeitet zehn Kilometer von unserem Wohnort entfernt als Allgemeinmediziner. Ich bin gelernte Erzieherin und Religions- und Gemeindepädagogin und arbeite zurzeit zu Hause mit unseren beiden Jungs. Michael fährt morgens mit dem Rad zur Arbeit und ich bringe normalerweise unseren Großen im Anhänger – mittlerweile ein Zweisitzer – zum Kindergarten. Der Kleine kommt dabei natürlich mit. Ein- bis zweimal die Woche holen wir meinen Mann von der Arbeit ab. Einfach aus Spaß. Ich bekomme Bewegung, die Jungs frische Luft. Bisher haben die Kinder das auch genossen, einträchtig nebeneinandergesessen und die vorbeiziehende Landschaft beobachtet. Aber natürlich gibt es auch mal Streitigkeiten auf dem Rücksitz.

Unseren Einkauf versuchen wir einmal in der Woche zu erledigen. Wir haben einen Essensplan über 16 Wochen festgelegt, der sich drei- bis viermal im Jahr wiederholt. So weiß ich sehr genau, was ich einkaufen muss, und kann planen, ob ich nur den Rucksack, zusätzlich die Fahrradtaschen oder sogar noch einen Anhänger zum Einkaufen mitnehmen sollte. Für größere Feiern, bei denen wir viele Getränke brauchen, leihen wir uns das Auto meiner Schwiegereltern. Liefern lassen ist auch eine Option, die wir bisher aber nur selten nutzen.

Bahnreisen ohne Pipi- oder Stillpausen

Für Reisen haben wir beide eine Bahncard 50. Unsere Kinder fahren kostenlos mit. Wir planen unsere Reisen immer sehr frühzeitig, da bei Reisen mit Kindern eine Reservierung mit Zugbindung gewünscht ist. Mittlerweile geht auch das Packen sehr gut. Für eine zweiwöchige Urlaubsreise nehmen wir einen Koffer, eine Kraxe (Anm.: ein Rückentragekorb für Kinder), einen großen Rucksack, einen Kinderwagen und je einen kleinen Rucksack für die Kinder und für Reiseproviant mit. So hat jeder von uns eine Rückenbeladung, Michael schiebt den Wagen, ich ziehe den Koffer. Beim Umsteigen werden Kinder und kleine Rucksäcke in den Wagen verfrachtet. Was das Reisen betrifft, sind wir Fans der Deutschen Bahn. Wir buchen uns häufig das Kleinkindabteil und sind beispielsweise mit nur zweimal Umsteigen an unserem Zielort in der Schweiz. Dabei müssen wir keine Pipi- oder Stillpausen machen und können uns beide um die Kinder kümmern.

Ohne Vorüberlegungen geht es nicht

Natürlich erfordert das Reisen mit der Bahn etwas Planung. Ich muss rechtzeitig Tickets besorgen und bin abhängig davon, dass die Züge pünktlich kommen. Außerdem muss ich klären, wie ich vom Bahnhof zum Zielort komme, falls es – wie bei meinen Eltern – keinen Bahnhof direkt im Ort gibt. Auch beim Packen muss ich sehr genau darauf achten, was ich mitnehme und ob wir das wirklich brauchen. Andererseits machen sich auch Autofahrer viele Gedanken: Parkplätze, Parktickets, Tanken, Versicherungen, TÜV, Werkstatt, Reifenwechsel. Um all das brauchen wir uns nicht zu kümmern. Wer Auto fährt, macht sich das häufig nur gar nicht mehr bewusst, weil es eben dazugehört. An manchen Stellen müssen andere unseren Lebensstil mittragen. Meine Eltern beispielsweise müssen uns vom Bahnhof abholen, wenn wir sie besuchen. Und meine Schwiegereltern müssen ab und an ein bis zwei Wochen auf ihr Auto verzichten, wenn wir es ausleihen. Ich betrachte mich mittlerweile als Vegetarierin der Mobilität. Auch da muss das Umfeld mitziehen. Wenn manche Familienmitglieder da sind, kocht meine Mutter beispielsweise vegetarisch. Dann macht sie sich Gedanken über mögliche Rezepte und Essenspläne. Und bei uns überlegt sie eben, wie sie uns vom Bahnhof nach Hause bekommt.

Natürlich haben wir mit der Bahn auch schon abenteuerliche Fahrten erlebt. Aber die hatten wir mit dem Auto auch. Nur lässt sich vom „im Stau stehen, während die Kinder schreien“ nicht so gut erzählen wie von der Bahnfahrt, bei der ein Laster in die Oberleitung gekracht ist und wir von Bahnhof zu Bahnhof schauen mussten, ob wir an dem Tag noch nach Hause kamen.

Auto vs. E-Bike: Die Kosten im Vergleich

Als wir umgezogen sind und entscheiden mussten, ob wir uns ein Auto kaufen oder uns zwei E-Bikes zulegen, um unsere Wege zurückzulegen, haben wir eine Tabelle aufgestellt. Diese Tabelle ist natürlich nur ein Modell. Wir haben lange hin und her überlegt, wie man die Kosten für beide Lebensweisen möglichst realistisch aufzeigen kann. Ein Blick in Rechnungsbeispiele vom ADAC sowie auf greenstorm.eu ergeben, dass eine Kilometer-Pauschale für die laufenden Kosten sinnvoll ist. Dabei wird für das Auto mit 40 Cent pro Kilometer gerechnet, die E-Bikes mit 10 Cent. Darin sind enthalten: Anschaffungskosten, Werkstattkosten, Kraftstoff/Strom, Wertverlust, Versicherung, etc. Als Beispiel wurde hier mit einem Skoda Octavia Combi gerechnet. Gegenüber diesem Modell sparen wir im Jahr über 2.000 Euro. Und wir haben entschieden, dass sich das für uns momentan durchaus lohnt. Bei einem VW Touran läge die Pauschale bei 56 statt 40 Cent und unsere Ersparnis schon bei über 4.000 Euro. Insofern ist diese Rechnung nicht ganz eindeutig, da man je nach Automodell und Versicherung zu verschiedenen Ergebnissen kommen kann. Hinzukommt, dass wir die E-Bikes über Michaels Arbeit leasen können und dadurch steuerliche Vergünstigungen haben. Somit kosten uns die Räder faktisch sogar deutlich weniger.

Ökologisch sinnvoll

Was ich gerne zugebe: Im Winter kostet es mich manchmal wirklich Überwindung, aufs Fahrrad zu steigen und loszuradeln. Aber wenn wir mitten im Regen zurückfahren und ich die ganze Schlange an Autos überhole, in denen jeweils ein einzelner Mensch im Feierabendverkehr feststeckt, fühlt sich das wiederum ziemlich gut an. Und auch ökologisch ist es natürlich sinnvoll, aufs Auto zu verzichten. Bei oben genannter Kilometerleistung sparen wir je nach Automodell rund 1,5 Tonnen CO2 pro Jahr ein.

Es ist, wie vieles im Leben, eine Frage des Wollens: Will ich diesen Lebensstil führen? Will ich die Spontaneität und Freiheit, die ein Auto bieten kann, aufgeben? Wir jedenfalls vermissen sie momentan nicht. Für uns ist der Aufwand sehr überschaubar und wir genießen dafür andere Vorteile, wie zum Beispiel die Bewegungsfreiheit in den Zügen. Das bedeutet nicht, dass sich unsere Lebensumstände nicht ändern könnten und wir uns dann möglicherweise doch irgendwann ein Auto zulegen. Doch bis dahin leben wir mit unserem Modell sehr gut.

Almut Völkner ist gelernte Erzieherin und Religions- und Gemeindepädagogin, arbeitet zurzeit zu Hause mit ihren beiden Jungs und veröffentlicht Texte unter almut-wortkunst.de