Nach US‑Ausstieg und steigenden Emissionen: Kann das Pariser Abkommen noch funktionieren?
Mit dem erneuten Austritt der USA bekommt das globale Klimaabkommen einen schweren Schlag. Gleichzeitig wächst die Kritik an den großen Klimakonferenzen. Stefanie Tornow zeigt, warum das Abkommen dennoch unverzichtbar bleibt – und welche Länder jetzt liefern müssen.
12. Dezember 2015 in Paris, auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Le Bourget. Das Bild ging um die Welt: Ban Ki-moon, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen, Christiana Figueres, damalige Exekutivsekretärin der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), und Laurent Fabius, Präsident der Klimakonferenz COP21, reckten die Hände in die Luft – das Pariser Klimaabkommen und damit das 1,5-Grad-Ziel waren beschlossen. Den Verhandlern fiel sichtlich ein Stein vom Herzen, nach Jahren war es geglückt, über 190 Länder zu einem Abkommen zu bringen.
Zehn Jahre danach ist die Freude einer großen Ernüchterung gewichen. Die Emissionen und Temperaturen steigen immer weiter an. Viele Länder haben die Fristen für ihre Klimapläne gerissen. Und jedes Jahr wird die Frage immer lauter, ob sich Klimakonferenzen in dieser Form überhaupt noch lohnen. Eine gute Gelegenheit, sich noch mal mit dem Pariser Klimaabkommen auseinanderzusetzen. Wie steht es um das Abkommen und das 1,5-Grad-Ziel? Wie zielführend waren seitdem die Klimakonferenzen? Und: Wie kann das Abkommen noch sein Ziel erfüllen?
Für mich persönlich war die COP21 im Jahr 2015 meine allererste Klimakonferenz, die ich für den World YMCA als Beobachterin mit begleiten durfte – also nicht selbst mitverhandeln konnte, aber gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen sicherstellen durfte, dass bestimmte Themen genügend Aufmerksamkeit bekamen und somit die Verhandlungen auch in eine gewisse Richtung gelenkt wurden.
Insgesamt war ich auf sechs Klimakonferenzen und auch bei einigen Zwischenverhandlungen dabei und habe in dieser Zeit viel über die Positionen der Staaten, die Verhandlungen selbst und die Auswirkungen der COP lernen können.
Beschlüsse treffen auf Realität
Wie steht es um das Abkommen und das 1,5-Grad-Ziel? Die ehrliche Antwort: nicht ganz so gut. 2015 hatte sich das Pariser Klimaabkommen folgende Hauptziele gesetzt. Erstens: Die Beschränkung des Anstiegs der weltweiten Durchschnittstemperatur. Zweitens: Die Senkung der Emissionen und Anpassung an den Klimawandel. Und drittens: Die Lenkung von Finanzmitteln im Einklang mit den Klimaschutzzielen.
2024 lag die globale Durchschnittstemperatur erstmalig über der 1,5-Grad-Marke und wird sich höchstwahrscheinlich in den nächsten Jahren weiter steigern. Auch die Emissionen sind in den letzten zehn Jahren vor allem im fossilen Verbrauch gestiegen, so das Global Carbon Project (GCP), das alljährlich das Emissionsbudget betrachtet. Und wie das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) erklärt, „gibt es genügend globales Kapital, um die globalen Investitionslücken zu schließen … aber es gibt Hindernisse für die Umlenkung von Kapital in den Klimaschutz“. Artikel 2.1(c) des internationalen Pariser Abkommens zum Klimawandel zielt darauf ab, genau das zu tun, aber acht Jahre, nachdem praktisch alle Länder das Pariser Abkommen unterzeichnet haben, sind sie immer noch uneins über den Geltungsbereich von Artikel 2.1(c) und wie er umgesetzt werden soll.
Es gibt aber auch gute Nachrichten: In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Thema Klimawandel stark in der internationalen Politik etabliert. Aufgrund des Pariser Klimaabkommens konnte der Ausbau Erneuerbarer Energien massiv beschleunigt werden sowie derjenige von Batterien, Wärmepumpen und der Elektromobilität. Fast alle großen Volkswirtschaften setzen auf Sonne, Wind und Wasserkraft. Und auch in Entwicklungsländern führt der Boom der Erneuerbaren zu neuen Möglichkeiten.
Erfolge und Niederlagen
Ein großer Zwischenerfolg war 2022 der Beschluss zum Klimakatastrophenfonds (Loss and Damage Fund) im Rahmen der COP27 im ägyptischen Sharm-el-Sheik und die rasante Umsetzung direkt am ersten Tag der COP28 in Dubai das Jahr darauf. Seit rund 30 Jahren fordern Länder des globalen Südens einen Fonds, in den reiche Staaten einzahlen – vor allem, weil sie auch für die meisten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Das Geld soll dann an ärmere Staaten nach klimabedingten Katastrophen und Schäden gezahlt werden, um ihnen dabei zu helfen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. Viele hatten lange Verhandlungen erwartet – dass es dann schneller ging, wurde als Erfolg gewertet.
Eine große Niederlage ist der Austritt der Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Pariser Klimaabkommen, nicht nur einmal, sondern nun auch zum zweiten Mal unter Donald Trump. Damit fällt ein wichtiger Emittent, aber auch Finanzierer wichtiger Klimaprojekte weg und verlangsamt somit die Umsetzung des Klimaabkommens. Der Rückzug der USA birgt zudem die Gefahr, dass andere Länder dem Beispiel folgen könnten – und damit das Momentum des Abkommens vollends verloren geht.
Kleine Schritte in die Zukunft
Jedes Jahr aufs Neue werden Stimmen laut, die Klimakonferenzen abzuschaffen oder aber in einer anderen Form stattfinden zu lassen. Und wenn man sich die Quote der erfolgreichen Klimakonferenzen ansieht, ist manche Kritik durchaus berechtigt – nur drei der 29 Konferenzen hatten erhebliche Auswirkungen auf die Klimapolitik der Länder (COP3 in Kyoto, COP21 in Paris und COP28 in Dubai). Viele führende Stimmen in der Klimapolitik bezeichnen die Konferenzen als ineffizient und zu groß – und mit den bisher nur erreichten Absichtserklärungen ließe sich kaum das Klima retten. Klimaforscher wie beispielsweise Mojib Latif fordern daher eine engere Zusammenarbeit einzelner Staaten – wie etwa zwischen USA und China – sowie kleinere, regionale Konferenzen.
Allerdings muss man sich immer wieder vor Augen führen, wie so eine internationale Klimakonferenz aufgebaut ist. 195 Länder entsenden ihre Delegationen zu Verhandlungen. Jedes Land oder jeder Staatenverbund verfolgt eigene Interessen, seien es wirtschaftliche oder politische Ziele. Hinzu kommen starke Lobbygruppen, die die Staaten ebenfalls beeinflussen wollen. Die Öl-Lobby ist hier besonders hervorzuheben. Industriestaaten haben generell andere Interessen als Entwicklungsländer. Und diese unterschiedlichen Perspektiven gilt es nun unter einen Hut zu bekommen und einen Kompromiss zu erzielen, der für alle Länder akzeptierbar ist.
Die Länder machen also einen kleinen Schritt nach vorn und wieder zwei zurück – und das jedes Jahr aufs Neue. Das ist auf jeden Fall frustrierend und dennoch möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für die Klimakonferenzen brechen. Ich verfolge jetzt seit zehn Jahren diese Verhandlungen und habe auch durchaus meine Phasen, in denen ich mich über die Prozesse aufrege. Wenn tagelang darüber diskutiert wird, ob man den Bericht des IPCC „willkommen heißt“ oder „anerkennt“, dann fragt man sich schon, ob die Staaten die Dringlichkeit des Klimawandels nicht begriffen haben. Klimakonferenzen sind aber trotzdem sinnvoll, weil sie eine Plattform bieten, auf der die fast 200 Länder gemeinsam Lösungen finden können. Sie haben den Vorteil, dass sie globalen Druck erzeugen und alle Länder dazu zwingen, sich mit Klimaschutzmaßnahmen auseinanderzusetzen. Besonders kleinere Inselstaaten, die durch den Klimawandel bedroht sind, aber auch Aktivistinnen und Aktivisten erhalten durch die mediale Berichterstattung während dieser Konferenzen weltweite Aufmerksamkeit.
Und um direkt mal das Argument zu entkräften, dass man diese ganzen Konferenzen doch auch digital abhalten könnte: Die Corona-Pandemie hat uns drastisch vor Augen geführt, dass internationale Verhandlungen nur gleichberechtigt stattfinden können, wenn man sich face-to-face gegenübersitzt. Während der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass gerade die vulnerabelsten Staaten nicht die Möglichkeit haben, sich an der Diskussion zu beteiligen, weil beispielsweise die Infrastruktur aus Internet, Kabeln und Hardware fehlt. Um gleiche Chancen für alle zu bieten, müssen Verhandlungen in Präsenz stattfinden. Und zwar alle an einem Ort, um zu vermeiden, dass Staaten aufgrund der Zeitverschiebung in wichtigen Diskussionen nicht beteiligt sind.
Gemeinsam zum Erfolg
Das Pariser Abkommen ist noch nicht gescheitert. Es bedarf einer starken Gemeinschaft, die sich zusammenrauft, um die Ziele des Abkommens zu erreichen, gerade nach dem Austritt der USA. Dazu gehören nicht nur die Länder, die das Abkommen unterzeichnet haben, sondern auch viele andere Gruppierungen aus der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Wissenschaft – nur gemeinsam kann das Abkommen noch Erfolg haben. Die Politik muss dazu ambitionierter werden, vor allem die Industriestaaten sind hier in der Pflicht. Sie müssen mehr Gelder in den Klimaschutz, sei es national oder international, investieren. Und sie müssen Allianzen untereinander schmieden, um den Markt der Zukunftstechnologien nicht an China zu verlieren. Die letzten Jahre haben uns gezeigt, dass der Klimawandel nicht vor Grenzen Halt macht – er ist schon längst auch bei uns angekommen.
Stefanie Tornow ist ehrenamtlich im Umweltbereich des World YMCA aktiv und setzt sich seit 2015 dafür ein, dass junge Menschen in die Klimaverhandlungen mit eingebunden werden.










