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Die Geschwister Sharon und Kevin Keiderling kümmern sich um den landwirtschaftlichen Betrieb. Foto: Verena Schnitzhofer, Monika Faes

Ein Konto für alle: Diese Biohof-Bewohner teilen sich fast alles

Seit zwei Jahren lebt die kleine Lebensgemeinschaft des Bruderhofs in Niederösterreich. Gemeinsam betreiben sie Biogemüseanbau und teilen nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihren gesamten Besitz.

Das Weinviertel in Niederösterreich, unweit der tschechischen Grenze, liegt eingebettet zwischen der letzten betriebsfähigen Windmühle Österreichs, idyllischen Weinbergen, malerischen Stadthäusern und den längsten Kellergassen Mitteleuropas. In diese seit der Ur- und Frühgeschichte besiedelte Gegend ist im Sommer 2019 eine kleine Lebensgemeinschaft gezogen, die ihr Eigentum teilt, für ihren Lebensunterhalt Gemüse anbaut und dabei nachhaltige Prinzipien anwendet.

Der erste Bruderhof entstand vor rund 100 Jahren in Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg suchten viele Menschen Halt, lebensbejahende Werte und Arbeit. Das junge Ehepaar Eberhard und Emmy Arnold, das sich im Zuge der „Jugendbewegung“ in Halle an der Saale kennengelernt hatte, wollte wenigstens für einige Personen eine stabile Lebensgrundlage schaffen und sammelte Leute um sich. Diese freiwillig gewählte, im Vergleich zum allgemeinen Mainstream auffallend „andere“ Lebensweise der Gemeinschaft, stützte sich dabei auf ihre christliche Wertebasis und gemeinsamen Güterbesitz. So konnte mit vereinten Kräften ein deutscher Hof in der Rhön als erster Standort gekauft werden. Als „Brüder unter Brüdern“ machten sie unter härtesten Bedingungen den kargen Boden fruchtbar. In der Folge bürgerte sich landläufig der Name „Bruderhof“ ein.

Flucht vor dem NS-Regime

Kurz vor seinem Tod 1936 konstatierte Eberhard Arnold, seines Zeichens tatkräftiger Herausgeber gesellschaftsrelevanter Magazine, „wenn wir nicht mehr für alle Menschen da sein können, wenn wir uns nicht mehr mit der Not und dem Leiden der ganzen Welt befassen können, hat unser Bruderhof keine Existenzberechtigung mehr.“

Gegen die „lebenszerstörenden Strömungen unserer heutigen Gesellschaftskultur, aber auch gegen unsere eigenen Schwächen und den Egoismus, der uns immer wieder im Weg steht“ suchten die Bruderhofbewohner von Anfang an eine friedliche Alternative. Während des NS-Regimes beispielsweise entzog man sich in der hauseigenen Schule der aufoktroyierten Lehrerschaft, indem alle Schulkinder samt ihrer Erzieher kurzerhand nach Liechtenstein flohen, um ihre Prinzipien zu wahren.

Manch ein Bruderhof hat über 200 Mitglieder

Bis dato werden sie nicht müde, sich für Gerechtigkeit, Glaubens- und Gewissensfreiheit einzusetzen. Die Gemeinschaft wächst – auch dank großer Familien – stetig. In manchen Bruderhöfen leben heute über 200 Personen. Weltweit verteilen sich etwa 2500 Mitglieder auf Niederlassungen in England, den USA, Paraguay und anderen Ländern.

Mitglied kann man frühestens mit 21 Jahren werden und nur nach eigener, freier Entscheidung. Viele haben ursprünglich einen deutschen Hintergrund, aber man assimiliert sich, wächst mit Englisch und Deutsch gleichermaßen auf. Diese Zweisprachigkeit hilft dann auch bei internationalen Neugründungen und beschleunigt die Integration in eine neue Umgebung. Da sich jeder neu gegründete Bruderhof selbstständig für ein Business entscheidet, von dem er leben will, spannt sich der Bogen mittlerweile von Herstellung innovativer Tischlerware über Produktdesign und Marketing bis hin zur Landwirtschaft.

In den letzten Jahren streckte man die Fühler zurück in den deutschsprachigen Raum aus, pflegte Kontakte zu Christen verschiedener Konfessionen in Österreich. Letztlich eröffnete der Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn, persönlich vom tiefen Anliegen der Versöhnung geprägt, die Möglichkeit für den Kauf des Retzer Gutshofes. Damit schließt sich ein Kreis, denn genau aus diesem Gebiet wurden vor rund 500 Jahren die sogenannten „Täufer“ im Zuge der Gegenreformation aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen vertrieben. In ihren Überzeugungen können sie als geistliche Vorfahren des Bruderhofs gesehen werden.

Nur ein Bankkonto

Nachdem der Gutshof bereits früher biologisch geführt wurde, war die Art der Selbstversorgung für diesen Standort rasch geklärt: Biogemüseanbau mit Ab-Hof-Verkauf. Und so nährt heute der Boden diese „alten“ Wurzeln und lässt neues Leben erblühen.

Der Ort erwies sich von Anfang an als optimal: der Dreiseithof besteht aus mehreren Hof- und Wirtschaftsgebäuden, die für Gemeinschaftsräume, Großküche, Büros, Arbeits- und Kühlräume adaptiert werden konnten. Seit 2019 zogen einzelne Bruderhofleute und ganze Familien von anderen internationalen „Settlements“ hierher, im Moment sind es 25.

Kinder und Eltern leben im Familienverband, Singles nach Geschlechtern getrennt in Gemeinschaftszimmern. Dass die Gruppe „alles gemeinsam“ besitzt, ist vielleicht der ungewöhnlichste Aspekt des Zusammenlebens. Persönlicher Besitz sowie Erträge, die man für den gemeinschaftlichen Lebensunterhalt erwirtschaftet, wandern in die gemeinsame Kasse. Es existiert auch nur ein einziges Bankkonto pro Bruderhof. Für Kleidung, Unterkunft und Essen wird gesorgt. Der Einzelne bringt sich seinen Gaben und Interessen gemäß ein, erhält aber weder Lohn noch Taschengeld. Nur für Schüler gibt es der Einfachheit halber Wochengeld. „Das heißt aber nicht, dass man auf alles verzichten müsse, was Konsum angeht“, erklärt Andi Zimmerman, der Leiter der österreichischen Niederlassung. Will jemand beispielsweise ein Buch kaufen oder mit Besuchern eine kalte Jause mit heurigem Wein genießen, geht er zum lokalen Finanzverwalter und bekommt die benötigte Summe. Im Prinzip kann auch jeder kaufen, was er will. Die Gemeinschaft hält sich gegenseitig in der Mäßigung verbindlich.

Aus dem Weg gehen kann man sich nicht

Natürlich kommt es auch immer wieder zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. „Das wichtigste ist, ehrlich mit- und untereinander zu sein. Egal welches mitmenschliche Problem auftaucht, es gilt, dieses anzusprechen“, meint Andi. Es sei wichtig, eine Lösung zu suchen: „Man kann sich schließlich auf engem Raum kaum länger aus dem Weg gehen.“ Gemeinsam mit seiner Frau Priscilla und den drei Kindern lebt er in einem ehemaligen Dominikanerkloster in der Nähe. Denn der Raum am Hof wurde bereits zu knapp. Ein im Kloster zur Verfügung gestellter Trakt beherbergt auch ein Gästehaus für Besucher wie uns, die in dieses „andere Leben“ hineinschnuppern wollen.

Wie andere junge Erwachsene erkunden auch Bruderhöfler gerne die Welt. Bewusst lässt man sie ziehen, ihre eigenen Wege gehen und Ausbildungen machen. So kam Terrence Meier, 21, vor etwa zehn Monaten alleine von einer englischen Niederlassung hierher, um bei diversen Bau- und Renovierungsaufgaben Hand anzulegen. Später will er im nahen Wien Musikwissenschaften studieren. „Wir haben bereits einiges umgesetzt: zwei Gästezimmer, ein Badezimmer und Büros. Nun bauen wir eine Werkstatt auf, um für weitere Bauvorhaben und kleine Tischlerarbeiten gerüstet zu sein.“ Dafür bietet das große Gelände genug Einsatzmöglichkeiten.

Aidan Manke, 18, hingegen zog mit seiner ganzen Familie von England hierher. Er schätzt die kleinere Community, die nach dem Abendessen viel spielt und singt. Nächstes Jahr will er gerne vor Ort als Rettungssanitäter mit dem Roten Kreuz aushelfen.

Bio-Anbau im Garten

Die Geschwister Kevin und Sharon Keiderling zeigen uns schließlich das Herzstück des Gutshofs: den Garten. Für Sharon war das der eigentliche Grund, von England nach Österreich umzusiedeln: „Ich bin sehr an regenerativer Landwirtschaft interessiert und möchte gern mehr darüber lernen.“ So geht es uns auch. Kevin, der wiederum mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern hier lebt, verwaltet den gesamten Ablauf der alternativen Versorgung. Fachmännisch führt uns der gelernte Landwirt in die für uns neue Welt des „Market Gardening“ ein, einer biointensiven Anbautechnik aus dem 19. Jahrhundert, bei der Gemüse auf kleinem Raum dicht gepflanzt wird.

Während uns draußen der Wind um die Ohren pfeift, erfüllt uns beim Betreten des Gewächshauses eine angenehme, warme Stille. Hier werden beispielsweise Paprika und Paradeiser, also Tomaten, vorgezogen. Alle zwei Wochen werden neue Salate gepflanzt – im Laufe des Jahres zehn verschiedene Sorten. Für die Wintersaison werden bereits Vitamin-C-reiche Kohlarten produziert. Der Folientunnel wurde selbst ausgeklügelt und gebaut. Über den Winter kann er beheizt werden, um ein dauerhaftes Sprießen der Sämlinge zu gewährleisten. In den kleinen Keimzellen, wo jeweils vier Samen eingelegt werden, entdecken wir die Beschriftung „Rubinetto“ und denken an Lieblingsapfel – aber damit liegen wir falsch, wie sich noch herausstellen wird.

Natürlicher Kompost hilft beim Wachsen

Vor dem Gewächshaus fasst Sharon in einen großen Behälter. Reiner, dunkler Kompost rieselt durch ihre Finger: So sieht also die wertvolle Umsetzung von Pflanzresten, Holzspänen, altem Heu und Pferdemist aus, die hier drin ein gutes Jahr unberührt ruhten. Aus diesen Resten wird Neues! Das Kompostierungssystem ist lediglich auf Luft und Wasser angewiesen („aerob“). „Optimal ist ein Wassergehalt von 70 Prozent“, erklärt uns Kevin. Wenn nicht gewendet wird, können sich zudem Bodenpilze und andere Mikroorganismen besser entwickeln. Das Endergebnis wird später als natürlicher Dünger in kleinsten Mengen dem Gießwasser beigemengt.

Auch zum Neuanpflanzen ist der Kompost wichtig: „Wenn man ein neues Beet anfängt, verteilt man einfach Kompost auf der Oberfläche, das unterdrückt erst einmal die Unkräuter“, sagt Kevin. Dadurch werde der Boden humoser und könne Wasser und Nährstoffe besser speichern. „Dann pflanzt man direkt in den Kompost rein. Reifes Gemüse wird abgeerntet, indem man es einfach an der Oberfläche abschneidet.“ Die Wurzeln werden im Boden belassen, darauf kommt eine kleine Schicht Humus, in die wiederum direkt gesät oder gepflanzt wird. Das Boden(innen)leben wird auf diese Weise bewahrt und kann sich optimal vermehren.

Ohne Chemie, dafür viel Handarbeit

Das „Market Gardening“ geht auf die Gärtner Jean-Martin Fortier und Eliot Coleman zurück. Es beschränkt sich auf die Größe, die noch in Handarbeit zu bewältigen ist. Der Traktor wird nur für den Abtransport der geernteten Schätze verwendet. Klug werden daher Gemüsearten ausgewählt, die den besten Ertrag pro Quadratmeter erzielen. Dabei achtet man besonders auf Diversität und Symbiosen von Pflanzen, die einander im Wachstum unterstützen.

„Landbau ohne Chemie kann nur funktionieren, wenn alle zusammen helfen und mit anpacken“, folgert Kevin. „So ist es öfter nötig, dass wir abends noch alle aufs Feld gehen und die Beete durchjäten.“ Die Gartenarbeit hat aber auch einen gemeinschaftsfördernden Aspekt, findet die 22-jährige Felicity Goodwin, die mit ihrem „grünen Daumen“ in diesem Metier heimisch ist.

Schließlich bewundern wir ein Beet mit allerlei Salaten. Kevin wählt einen Kopf aus und reicht ihn uns: „Das ist ein Rubinetto!“ Kein Apfel also, sondern ein kunstvoll gebildeter roter Eichblattsalat.

Im Gemüsewaschraum wird gerade das saisonal geerntete Gemüse gesäubert, Microgreens werden abgewogen und eingetütet sowie in die beliebten Abokisten verpackt. Auch selbstgemachte Aufstriche, Pies, Cookies, frische Hühnereier und Honig sind im Angebot.

Alle essen gemeinsam

Mittlerweile ist es Mittag geworden und uns knurrt der Magen. So kommen wir noch in den Genuss eines leckeren, frisch zubereiteten Essens. Und auch hier ist der Betrieb bestens eingespielt: Mehrere Köche der Gemeinschaft bereiten regelmäßig alle Mahlzeiten zu. Wer sich gerade im gemeinschaftlichen Essraum aufhält, deckt den Tisch. Wenn möglich, essen alle gemeinsam. Als Besucher erleben wir das als eine wohltuende Unterbrechung des Alltags und ein bewusstes Ruhen der Arbeit. Es wird Wert auf persönlichen Austausch gelegt. Zum Schluss stürzen sich besonders die Jungen lachend in den Wasserspaß und waschen den Geschirrberg händisch ab.

Uns fasziniert bei unserem Besuch immer wieder die authentische Freude von Jung und Alt. Eine Ausgeglichenheit und auch eine tiefe Wertschätzung füreinander sind zu spüren. Eberhard Arnolds Gedanken aus der Gründungszeit sind sichtbar lebendig geblieben: „Alles in unserem Leben sollte Ausdruck der gegenseitigen Liebe sein. So ist Arbeit nicht von unserem Leben getrennt, sondern wird aus Freude am Dienst füreinander getan. Dazu gehören auch die Arbeit in der Waschküche, die Zubereitung der Mahlzeiten, die Sorge für die Kinder und Alten, und nicht zuletzt die Arbeit in Feld und Garten.“

Verena Schnitzhofer vernetzt Vordenkende im Quo Vadis Institut in Salzburg. Monika Fees ist Lehrerin und stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Evangelischen Allianz.

Die Produkte des Gutshofs sind unter gutesvomgutshof.at zu finden, Infos zum Bruderhof gibt es unter bruderhof.com.

Ein ausgetrocknetes Flussbett wirkt, als wäre nie Wasser hindurchgeflossen, Foto: ora Kinderhilfe / Markus Malbach

„Frost kannten wir nicht“ – Klimawandel trifft Kenia besonders hart

Hunger ist in Kenia ein großes Problem, das durch den Klimawandel noch verstärkt wird. Die Bäuerinnen und Bauern wissen mit den neuen Bedingungen nicht umzugehen. Aber es gibt Lösungen.

Energisch schieben die kleinen Weißkohlpflänzchen ihre grünen Blätter aus dem groben Ackerboden. Neben ihnen sind in regelmäßigen Reihen dünne, schwarze Schläuche mit kleinen Löchern verlegt und benetzen die Erde direkt an den Wurzeln. Gepumpt wird das Wasser ganzjährig mit Solarkraft aus 250 Metern Tiefe. Hier in Ilbisil, im trockenen Süden Kenias, wird durch die Umsetzung dieser Idee der Gemüseanbau möglich.

Projekte wie dieses vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierte Tröpfchenbewässerungssystem machen Hoffnung. Denn die Folgen des Klimawandels sind überall im Land zu spüren: Die Temperaturen sind in den letzten Jahrzehnten gestiegen, erstmals herrschen Bedingungen, in denen Wirbelstürme entstehen. Die Winde werden stärker, die Regenphasen kürzer, im Norden gibt es Überschwemmungen, im Süden bleiben die Niederschläge aus.

Bevölkerungswachstum wird zum Problem

Während meiner zweiwöchigen Reise durch Kenia begegne ich allen diesen Phänomenen und kann nun besser verstehen, welche Mühen sie den Menschen bereiten. Der Klimawandel ist nicht die einzige Ursache für viele Probleme im Land. Eine weitere ist das schnelle Bevölkerungswachstum, durch das die ohnehin begrenzten Ressourcen noch knapper werden. Doch der Klimawandel verstärkt eindeutig die Herausforderungen im Land.

Elvis Mutahi G. zeigt mir ein Projekt in Kinari, etwa 80 Kilometer nördlich von Nairobi, das hilfsbedürftige Bauernfamilien unterstützt. Auf einem halben Hektar Land bauen zehn landwirtschaftliche Gruppen aus jeweils 15 Personen Kohl, Spinat und Kartoffeln an. Von der Ernte wird jeweils ein Teil verbraucht, ein Teil verkauft und ein weiterer als Saatgut zurückbehalten.

Schädliches Pflanzenschutzmittel aus Verzweiflung

Es ist kalt und regnerisch, als ich die Menschen dort treffe. Während wir in einem Zelt zusammensitzen und süßen heißen Tee trinken, berichtet uns Fidelis D. von den klimatischen Herausforderungen in diesem Jahr. „Es ist mit 17 Grad Celsius viel zu kalt für diese Jahreszeit“, erzählt sie. „Es regnet entweder zu viel oder zu wenig. Derzeit macht der Frost die Pflanzen kaputt.“ Die anderen Mitglieder der Community bestätigen ihre Worte mit traurigem Nicken. Einer ergänzt: „Frost ist für uns ein neues Phänomen, das kennen wir nicht und wissen damit nicht umzugehen.“ Derzeit begegnen die Bauern der Kälte, indem sie mehr Pflanzenschutzmittel sprühen. „Wir wissen, dass das schädlich ist“, sagt Elvis. „Doch die Bauern sind verzweifelt. Sie möchten die Ernte retten, die Pflanzen schützen und denken, wenn sie die Blätter genügend einsprühen, werden sie umhüllt und bleiben vom Frost verschont.“

Mehr Pestizide verursachen weitere Probleme. Nachweislich befinden sich mehr Rückstände im Grundwasser. Elvis berichtet, dass mehr und mehr Kinder aus der Gegend rund um Kinari unter Magen-Darm-Erkrankungen leiden; Bauchschmerzen und Durchfall haben zugenommen. Auch Geschwüre und mehr Krebsleiden sind unter den Erwachsenen bereits aufgetreten. Ob das nur an den Pestiziden liegt, vermag Elvis nicht zu beurteilen. Ganz ausschließen will er es nicht.

„Die Menschen hungern“

Er und sein Kollege John Gitau N. haben es als lokale Projektverantwortliche gerade nicht leicht. Für über 400 Familien sind sie verantwortlich, viele Klagen und Hilferufe hören sie sich an. „Die Menschen hungern“, berichtet John. „Natürlich wenden sie sich dann an uns. Sie wollen Hilfe – und am besten, dass wir das Wetter ändern“, sagt er und sein Lachen klingt ein wenig resigniert.

Der Norden von Kenia war dank seines gemäßigten Klimas früher einmal sehr fruchtbar. Die Menschen konnten sich auf die beiden großen Regenzeiten im Frühjahr und Herbst ebenso verlassen wie auf die konstanten Tagestemperaturen zwischen 23 und 27 Grad. In guten Jahren wurde drei bis vier Mal geerntet. Diese Zeiten sind vorbei, erklärt Timothy J. Kai Banda. Der 54-Jährige arbeitet seit 1990 als Metereologe am Kenya Meteorological Department in der Region Kilifiund hat sich auf den Klimawandel spezialisiert. Er sagt: „Die Daten, die wir über Jahre gesammelt haben, belegen eindeutig, dass die Extreme weiter zunehmen. Die Tendenz ist nicht mehr aufzuhalten, das gemäßigte Klima geht seinem Ende entgegen.“

Nationaler Notstand

Die nächsten Tage verbringe ich im Süden des Landes. Der Kontrast zum kalten und feuchten Norden könnte kaum größer sein. Der Temperaturunterschied liegt bei 13 Grad Celsius. Heiß und trocken ist es in Ilbisil, etwa 120 Kilometer südlich der Hauptstadt Nairobi.

Der Staub legt sich auf die Haut, die Kleidung und die Haare. Das Volk der Massai lebt hier. Sein traditionelles Nomadenleben kann es schon seit Jahren nicht mehr führen. Von Wasserstelle zu Wasserstelle zu ziehen, ist unmöglich geworden. Seit sechs Monaten herrscht hier eine der schlimmsten Dürren, die es jemals gegeben hat. Ich bin gerade im Land, als der kenianische Präsident Uhuru Kenyatta am Abend des 9. September 2021 wegen der Trockenheit den nationalen Notstand ausruft. Alles sieht beige und braun aus, selbst die Akazien tragen kaum noch Grün in ihren Kronen. Die Flüsse sind ausgetrocknet. Der größte Strom der Gegend, der Sarimoi River, wirkt, als wäre nie Wasser durch ihn geflossen. Staubtrocken ist der Boden, die Flussufer sind nicht einmal mehr als solche zu erkennen. Die Menschen machen einen ausgezehrten Eindruck. In den Gesichtern der Kinder sitzen die Fliegen. „Auch die Insekten haben Durst“, erklärt mir John. „Die Fliegen und Moskitos setzen sich auf die Schleimhäute, damit sie trinken können. Die Kinder sind so daran gewöhnt, dass sie sie nicht einmal mehr vertreiben.“

Es braucht eine andere Ernährung

Seit zehn Jahren arbeitet der Agronom Peterson Kimathi Ngain (39) mit Bäuerinnen und Bauern aus Kenia zusammen. Die Tröpfchenbewässerung in Ilbisil ist eins seiner Pilotprojekte. Neben Solarpumpe und Bewässerungsanlage stehen hier zudem drei Gewächshäuser für den Gemüseanbau. In verschiedenen Regionen des Landes war er schon tätig und hat noch mehr Ideen, wie sich die Situation verbessern ließe: „Wir müssen wieder mehr einheimische Pflanzenarten anbauen: Pflanzen, die dürreresistenter sind wie zum Beispiel Amaranth, Kuhbohnen oder Muskraut.“ Eine Sortenvielfalt sorgt überdies für mehr Nährstoffe und verhindert Mangelernährung. Daneben plädiert der Agronom dafür, Wissen darüber zu vermitteln, wie Lebensmittel haltbar gemacht werden können: „Die Menschen müssen lernen, wie man Feldfrüchte lagert oder so verarbeitet, dass man viele Monate davon essen kann“, sagt er und benennt damit ein Problem, das mir immer wieder in Afrika begegnet: Wenn es etwas zu ernten gibt, gibt es etwas zu essen. Kann gerade nichts geerntet werden, bleiben die Teller leer.

Das kulturelle Wissen zur Konservierung von Lebensmitteln wie salzen, fermentieren, einkochen oder räuchern gibt es vielerorts nicht. Oft ist es durch Kriege, Naturkatastrophen oder Krankheiten verloren gegangen, weil es nicht von einer Generation an die nächste weitergegeben werden konnte. Die Folge: „Wir ernten nur, was wir heute essen“, erzählt mir Elvis. Hier in Ilbisil ist unsere Organisation ora Kinderhilfe gerade dabei, mit einfachen Mitteln etwas zu ändern: Neben den Gewächshäusern wird aus Holzgestängen ein Lager errichtet, wie es im Norden in Kinari schon eine Weile steht. Dort werden erfolgreich Kartoffeln gelagert und vor dem Schimmeln bewahrt. In Ilbisil sollen Tomaten aus dem Gewächshaus die ersten Früchte sein, die im Lager Platz finden. Im Dezember sind sie erntereif.

Carmen Schöngraf ist Geschäftsführerin von ora Kinderhilfe international e. V., einer christlichen Organisation, die unter anderem in Kenia Projekte entwickelt, die Einkommen für die Menschen schaffen.

Symbolbild: Getty Images / E+ / Bartosz Hadyniak

Großprojekt: „Afrikas grüne Mauer“ soll Fluchtursachen und Klimaerwärmung bekämpfen

Mitten in Afrika entsteht gerade ein riesiger Grünstreifen. Seine Wirkung wäre enorm. Das Projekt kommt jedoch nur schleppend vorwärts.

Quer durch den afrikanischen Kontinent soll über eine Länge von 8.000 Kilometern ein Grünstreifen durch die gesamte Sahelzone gepflanzt werden: die „Great Green Wall“, auf deutsch auch „Afrikas grüne Mauer“ genannt.

Perspektive für viele

2005 wurde das Projekt von der Afrikanischen Union beschlossen und elf Nationen starteten damit. Inzwischen ist die Unterstützung auf 21 afrikanische Staaten angewachsen, zusätzlich fördern es unter anderem Weltbank, UN und EU.

Wenn dieses Menschheitsprojekt verwirklicht wird, kommt es dem Klima des ganzen Planeten zu Gute. Vor allem aber soll es die Ausbreitung der Sahara nach Süden stoppen und damit den Verlust fruchtbarer Böden. Vor Ort entstehen Arbeitsplätze, Landwirtschaft wird möglich und die ganze Region stabilisiert. Rund 50 Prozent der Bevölkerung in der Sahelzone sind unter 15 Jahre alt. 60 Millionen von ihnen könnten laut Schätzungen bis 2045 aus mangelnder Zukunftsperspektive die Flucht nach Europa antreten. Viel besser wäre es, ihnen zu Hause eine Perspektive zu verschaffen. Aufforstung, Bodenverbesserung, Arbeitsplätze vor Ort sind dafür entscheidende Mittel.

Bisher ein Mosaik

Soweit die Vision. Oder der Traum? Denn die Erfolge sind bisher bescheiden. Gerade einmal 15 bis 20 Prozent der angedachten Fläche sind nach nunmehr 15 Jahren bepflanzt worden. Sichtbare Aufforstung gibt es bisher vor allem im Senegal, dem ganz im Westen am Atlantik gelegenen Start des gedachten gigantischen Grünstreifens. Grüner wird es zudem in Burkina Faso, Nigeria und in Äthiopien, das der Aufforstung politisch große Priorität einräumt. In anderen Staaten hindern unter anderem Terrorismus und Korruption die Fortschritte.

Verantwortliche sprechen daher zurzeit weniger von einer Mauer, sondern lieber von einem großen grünen Mosaik. Und das mag in der Verwirklichung einer großartigen Vision auch sinnvoll sein: An vielen verschiedenen Stellen das Machbare tun, damit es sich stabilisiert und entwickelt. Zudem könnte eine durchgehende Mauer an solchen Orten gar nicht sinnvoll sein, wo niemand lebt, der die Bäume pflegt. Diese und weitere Lernerfahrungen gehören auch zu einem Mammutprojekt wie diesem dazu.

Text: Johannes Fähndrich. Weitere Infos: greatgreenwall.org