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Forschende warnen: Wir müssen jetzt die Insekten retten!

Libellen, Hummeln, Käfer & Co. sind für unser Ökosystem lebenswichtig. Experten verraten, was sie bedroht und was wir dagegen tun können.

„Meine Freunde“ habe ich sie als Kind liebevoll genannt. Wenn ich ruhig blieb, setzten sie sich auf meine Handfläche und wir genossen jeweils die Gegenwart des anderen. Zumindest dachte ich das gern in meiner kindlichen Fantasie, wenn ich Schwebfliegen beobachtete. Bis zu 300 Flügelschläge schaffen sie pro Sekunde und können damit auch längere Zeit auf einer Stelle in der Luft schweben – was ihnen ihren Namen verschaffte. Wahre Flugkünstler sind sie auch auf Langstrecken: Zahlreiche Schwebfliegenarten ziehen jeden Herbst in die Mittelmeerregion – und überqueren dabei sogar die Alpen! Wegen ihrer schwarz-gelben Streifen werden sie oft mit Wespen verwechselt. In Wirklichkeit sind sie völlig harmlos: Sie haben keinen Stachel – nur eine gute Strategie, um sich vor Fressfeinden zu schützen.

Insektenbestand um 80 Prozent zurückgegangen

Vielen ist schon aufgefallen, dass nach einer Autofahrt heute viel weniger Insekten an der Frontscheibe kleben als früher. Dass die Wälder stiller und die Wiesen eintöniger geworden sind. Insekten begegnen uns heute vor allem als störende Mücken oder Wespen im Sommer. Spätestens seit 2017 ist klar, dass das nicht nur vage Vermutungen sind. Damals erschien die „Krefelder Studie“, eine Langzeituntersuchung, die seither weite Kreise zog. Über 27 Jahre lang hat der Entomologische Verein Krefeld mit Hilfe von Insektenfallen Fluginsekten in verschiedenen Naturschutzgebieten im Rheinland eingefangen. Die Daten wurden von wissenschaftlichen Teams ausgewertet. Caspar Hallmann und sein Team machten dabei eine alarmierende Entdeckung: Der Bestand von fliegenden Insekten war seit 1989 um rund 80 Prozent zurückgegangen. Und aus allen Enden der Welt hören wir Nachrichten, die das Insektensterben bestätigen.

Bei den Schwebfliegen sieht es besonders dramatisch aus: Rund ein Drittel der 463 in Deutschland vorkommenden Arten sind bestandsgefährdet. Und eine Studie von der Schwäbischen Alb ergab 2020, dass die wandernden Schwebfliegen in den vergangenen 50 Jahren sogar um bis zu 97 Prozent zurückgegangen sind.

Ohne Insekten kein Ökosystem

Jetzt, fünf Jahre nach der Studie, bin ich mit Caspar Hallmann von der Radboud Universität in Nijmegen zu einem Telefonat verabredet, um etwas über seine aktuellen Untersuchungen zu erfahren. Seine Begeisterung über die Insektenwelt ist ihm in fast jedem Satz anzuhören: „Insekten sind, abgesehen von der Tiefsee, an so ziemlich jedem Teil des Ökosystems beteiligt“, schwärmt er. „Unsere Ökosysteme können nicht ohne Insekten funktionieren.“ Denn Insekten seien Teil vieler natürlicher Prozesse: Sie bestäuben mehr als ein Drittel unserer Nahrungspflanzen und drei Viertel aller Wildpflanzen. Damit ermöglichen sie überhaupt erst die Vermehrung eines großen Teils der Pflanzenwelt. Und anschließend räumen sie auf: Sie verwandeln abgefallene Blätter wieder zu Nährstoffen und zersetzen Kadaver von toten Tieren.

Und sie fressen Schädlinge. Die Larven der Schwebfliege beispielsweise schlagen sich gern die Bäuche an Blattläusen voll. Mehrere hundert Läuse kann eine einzige Schwebfliegenlarve in ihrem Leben fressen. Deshalb sind sie bei Landwirtinnen und Gärtnern gern gesehene Besucher – und ich lernte Jahre nach meiner kindlichen Begegnung mit den Schwebfliegen, dass sie tatsächlich unsere „Freunde“ sind. Umgekehrt sind Insekten selbst auch ein wichtiger Teil der Nahrungskette: Viele andere Arten ernähren sich von ihnen. Daher erstaunt es nicht, dass infolge des Insektensterbens auch insektenfressende Vögel im Rückgang begriffen sind.

Alles in der Natur ist miteinander verbunden

„Ich verstehe, dass Insekten – abgesehen von ein paar Schmetterlingen – nicht sehr charismatisch sind“, bedauert Caspar Hallmann, „aber ohne Insekten geht gar nichts, so einfach ist das.“

„Die kleinen Dinger, die die Welt regieren“, hat der Biologe Edward O. Wilson die Insekten deshalb einmal treffend bezeichnet. Über eine Million Arten wurden bislang beschrieben, hierzulande schätzt man die Zahl auf rund 35.000 Insektenarten. Im Vergleich dazu: Vögel kommen bei uns in 500 Arten vor. „Da wird einem klar, dass man bei Artenvielfalt eigentlich über Insekten spricht – zumindest was die mit bloßem Auge sichtbare Vielfalt anbetrifft“, sagt Caspar Hallmann.

Artenvielfalt ist deshalb so wichtig, weil in der Natur alles miteinander verbunden ist: Jede Art hat ihre Funktion, jede Art ist abhängig von anderen, jede Art steht durch die Nahrungskette in Verbundenheit mit anderen Arten. Je mehr verschiedene Arten es gibt, desto widerstandsfähiger und produktiver sind Ökosysteme.

Ackerflächen bieten keine Nahrung für Insekten

Doch was ist es eigentlich, dass unseren kleinen fliegenden Freunden so zu schaffen macht?

Noch ist das Gesamtbild nicht ganz eindeutig, aber Forschende tragen nach und nach die Puzzleteile zusammen und enthüllen, was zu diesem dramatischen Insektensterben führen konnte. Die wichtigsten Faktoren sind sicherlich die Zerstörung und Zerstückelung von Lebensräumen und die intensive Landwirtschaft. Wo vor 100 Jahren noch vielfältige dörfliche Strukturen mit kleinen Äckern, Hecken, Streuobstwiesen und bunten Wiesen vorherrschten, erstrecken sich heute die Ackerflächen bis zum Horizont – soweit das Auge reicht nichts als Mais, Weizen oder Zuckerrüben. Nahrungsangebot oder Lebensraum für Insekten? Fehlanzeige. Zudem vertilgen in diesen grünen Wüsten nicht mehr Nützlinge wie etwa die Schwebfliegen die Läuse, sondern man setzt auf Pestizide – chemische Stoffe, die Organismen abtöten, um Schäden etwa durch Fraß, Pilzbefall oder Beiwuchs zu verhindern.

Insekten sind oft eng spezialisiert

Die Folge: Die Artenvielfalt von Ackerunkräutern hat seit 1950 um 70 Prozent abgenommen. Viele Unkrautarten, die früher sehr häufig waren, sind heute praktisch ausgestorben. Die fehlende Pflanzenvielfalt hat natürlich Auswirkungen auf die Insekten. Manche Insekten sind so eng spezialisiert, dass sie nur von einer einzigen oder einigen wenigen Pflanzenarten leben können. Sterben sie aus, sterben die Insekten mit.

Der Tatzenkäfer beispielsweise ernährt sich ausschließlich vom Klettenlabkraut. Sein Leibgericht verteidigt er mit rabiaten Methoden: Macht ihm jemand sein Kraut streitig, würgt er ein rötliches Gift hervor. Gegen die Vernichtung seiner Fresspflanze durch den Menschen hilft ihm das leider nicht.

Unkraut hilft den Tieren

Bärbel Gerowitt, Professorin für Phytomedizin an der Universität Rostock, fasst es in ihrer trockenen, humorvollen Art so zusammen: „Die Insekten verhungern eher, als dass sie tot gespritzt werden.“ Die Agrarwissenschaftlerin forscht am Institut für Landnutzung an der Universität Rostock und war dort während des Studiums auch meine Professorin und Mentorin. Ich frage sie danach, wie die Landwirtschaft helfen kann, die Insektenwelt wiederherzustellen. „Ich glaube, dass man für die Insektenvielfalt tatsächlich am besten etwas tun kann, indem man eine große Fruchtarten-Diversität hat“, erklärt sie, „dass man Fruchtarten dabei hat, die Insekten nützen.“

Das können etwa Eiweißpflanzen wie Erbsen oder Lupinen sein, deren Blüte wild lebenden Insekten Nahrung bietet. Und auf Feldern mit Früchten, die den Insekten nicht direkt zugutekommen, wie zum Beispiel dem Weizen, sollte auf dem Feld dennoch Pflanzenvielfalt zugelassen werden. „Ich glaube, wir werden in der Landwirtschaft dahinkommen, auch ein wenig Verlust durch Unkräuter in Kauf zu nehmen, weil uns die Insekten so wichtig sind.“ Blühstreifen an den Ackerrändern helfen ebenso wie eine Unterteilung großer Agrarflächen in kleinere Felder, zwischen denen Hecken oder Blühflächen angelegt würden. Denn neben der Menge an Nahrungsangebot spielen auch durchgehende Pflanzenkorridore eine Rolle: Viele Insekten können einfach keine großen Entfernungen überbrücken.

Licht schadet nachtaktiven Insekten

Auf knapp der Hälfte der gesamten Fläche in Deutschland wird Landwirtschaft betrieben, Ackerbau nimmt davon etwa 70 Prozent der Fläche ein. Das ist ein großer Teil unseres Landes, in dem Insekten kaum Lebensraum finden. Und auf dem Rest sieht es meist nicht besser aus. Neben den leergeräumten Landschaften stiehlt auch die Versiegelung von Flächen den Insekten Platz und Nahrung. Laut Statistischem Bundesamt werden deutschlandweit jeden Tag im Schnitt 52 Hektar Boden in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt: Asphaltwüsten, die alles andere als Insektenparadiese sind.

Und sie bringen die sogenannte Lichtverschmutzung mit sich: Künstliches Licht durch die Beleuchtung von Straßen, Gebäuden, aber auch privaten Gärten hat fatale Folgen für nachtaktive Insekten. Und dazu gehört immerhin die Hälfte aller Insektenarten. Eine Studie des Leibniz-Instituts fand heraus, dass die künstlich erhellte Nacht die natürliche Orientierung, Nahrungssuche und Fortpflanzung vieler Insekten stört. Dabei muss ich an die riesige, grelle Leuchtreklame denken, die jede Nacht in meine Wohnung und den nahegelegenen Park hineinleuchtet. Ob ein freundlicher Beschwerdebrief das nächtliche Abschalten bewirken kann? In der Politik scheint man die Notwendigkeit zum Handeln erkannt zu haben. Am 1. März 2022 wurde das Bundesnaturschutzgesetz in Deutschland verschärft. Erstmals wird der Begriff „Lichtverschmutzung“ als Tatbestandsmerkmal genannt. In Naturschutzgebieten gilt künftig ein grundsätzliches Verbot für neue Straßenbeleuchtungen und für leuchtende Werbeanlagen.

Politik hat große Pläne

Problematisch für manche Insekten sind auch invasive Arten. In Teilen Südamerikas beispielsweise hat die nach dort eingeführte Europäische Hummel die dortige große Hummelart Bombus dahlbomii vollständig verdrängt – und im Schlepptau auch noch einen für Bienen gefährlichen Krankheitserreger mitgebracht. Wenn invasive Pflanzenarten heimische Pflanzenarten verdrängen, finden Insekten, die auf diese heimischen Pflanzen spezialisiert sind, keine Nahrung mehr. Auch der Klimawandel mit sich ändernden Niederschlagsmustern, Erhitzung und Dürren wirkt sich auf manche Insektenarten aus. In den Tropen beispielsweise wird es für viele Insektenarten wohl mittlerweile einfach zu heiß. Im Endeffekt ist es vermutlich die Kombination all dieser Faktoren, die zum aktuellen Kollaps führt.

Im Koalitionsvertrag der deutschen Ampel-Regierung wird Artenvielfalt als Menschheitsaufgabe und ethische Verpflichtung bezeichnet. Umweltministerin Steffi Lemke spricht von einem „Zeitalter der Renaturierung“, das eingeläutet wird. Bis 2030 soll der Ökolandbau 20 Prozent der gesamten Landwirtschaft ausmachen und der Pestizideinsatz um 50 Prozent gesenkt werden. Ein neues Konzept für die EU-Agrarpolitik soll erarbeitet werden, damit Subventionen nicht mehr allein nach Fläche vergeben werden, sondern etwa an Maßnahmen für die Artenvielfalt, wie beispielsweise Blühstreifen, gekoppelt werden.

Als ich Bärbel Gerowitt frage, ob wir auf einem guten Weg sind, bekomme ich die ernüchternde Einschätzung: „Wir haben uns die Schuhe angezogen – losgegangen sind wir noch nicht.“ Denn eine Absichtserklärung zu verfassen, sei eine Sache, sie dann aber umzusetzen, eine ganz andere. Wir können also gespannt sein, wie viele Impulse aus der Politik in den nächsten Jahren wirklich kommen.

Helfen kann jeder

Ideen gibt es viele. In Frankreich ist seit Anfang 2020 der Verkauf von Pestiziden nur noch an registrierte Landwirte erlaubt. Das heißt: Für Landschaftsbau und private Gärten sind sie nicht mehr erhältlich. Auch begrünte Dächer helfen Insekten. Hier könnte die Politik Vorgaben machen und bei eigenen Gebäuden vorangehen. Grünflächen in Städten sollten geschützt oder möglichst erweitert, Parks mit heimischen blühenden Strauch- und Baumarten bepflanzt werden. Der britische Naturschützer und Biologieprofessor Dave Goulsen schreibt in seinem neuesten Buch „Stumme Erde – Warum wir die Insekten retten müssen“ (Hanser): „Jüngste Untersuchungen zeigen, dass man die Insektenvielfalt in Städten am effektivsten mit Schrebergärten und Kleingärten erhöht.“

Das heißt auch: Wir alle können uns die Schuhe anziehen und losmarschieren. Wer einen Garten hat, kann Lebensräume für eine möglichst große Vielfalt an Insekten schaffen: einheimische Blumen und Hecken pflanzen, Laub und Totholz als Winterquartier und Brutstätte liegenlassen, wilde Ecken mit Löwenzahn und Brennnesseln erlauben, seltener mähen, Insektenhotels aufstellen und Kies-Sand-Hügel an sonnigen Orten als Insektenburgen errichten. Auch Trockenmauern – aus losen Steinen gebaute Einfassungen – oder Steinhaufen bieten bestimmten Insektenarten den sicheren Rückzugsort, den sie brauchen.

Mehr Lob für Bauern

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Ein Stadtmensch kann neben dem Aufstellen blühender Blumenkästen vor allem etwas über sein Einkaufs- und Ernährungsverhalten bewirken. Ich hake noch einmal bei Bärbel Gerowitt nach: Wie kann ich als Verbraucherin zu einer insektenfreundlichen Landwirtschaft beitragen? „Ich würde als Erstes immer sagen: So wenig wie möglich Convenience Food essen. Von Lebensmitteln, die naturbelassen sind, kommt noch ein bisschen mehr bei den Landwirten an, als wenn sie stark verarbeitet sind.“ Heißt: Bei einer Tüte Chips oder Tiefkühlpommes ist der Anteil, den der Bauer oder die Bäuerin bekommt, viel geringer als bei einer Tüte Kartoffeln. Auch Bio-Lebensmittel helfen Insekten: „Es gibt genug Studien, die sagen, dass die biologische Vielfalt auf Öko-Äckern größer ist“, bekräftigt Bärbel Gerowitt.

Und einen letzten wichtigen Rat gibt mir die Wissenschaftlerin, die selbst auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen ist, mit auf den Weg: Wer auf dem Land wohnt, sollte Landwirten Wertschätzung entgegenbringen. Denn aktuell bekämen sie von allen Seiten Kritik und Vorwürfe zu hören. „Doch je mehr negatives Feedback sie kriegen, desto mehr orientieren sie sich an dem Selbstverständnis ‚Ich bin ein guter Unternehmer‘“, gibt Bärbel Gerowitt zu bedenken. Je weniger sie für die Versorgung und Pflege der Landschaft wertgeschätzt werden, desto mehr spielten Gedanken eine Rolle wie: „Die Leute mögen mich nicht mehr, aber ich verdiene wenigstens ordentlich Geld.“ Interesse an ihnen zu zeigen, auch ihre Situation verstehen zu wollen und ihre Sorgen zu hören, sei wichtig: „Da ist viel Musik drin, glaube ich. Man darf Landwirte schon kritisieren, aber sie sollten auch positives Feedback hören und das Gefühl haben, dass sie mit ihrer Wirtschaftsweise Teil der dörflichen Struktur sind.“

Stimme für den Goldkäfer

Der US-amerikanische Biologe Paul Ehrlich hat das Artensterben einmal damit verglichen, dass Nieten aus den Tragflächen eines Flugzeugs entfernt werden. Eine Weile wird das Flugzeug noch fliegen, aber irgendwann droht der Absturz. Ohne Insekten kann unser System Erde nicht existieren. Aber wir können die Wende noch schaffen – quer durch unsere Dörfer, unsere Städte, unsere Gärten hindurch. Dafür brauchen sie unsere Stimme und unser Handeln. Denn der Große Goldkäfer und die Scharlachlibelle, Ameisenjungfern und Kreiselwespen, Höckerschrecken, Grünwidderchen und all die anderen Arten, die vom Aussterben bedroht sind, können nicht für sich selbst sprechen. Sie sind darauf angewiesen, dass wir für vielfältige Landschaften, starke Dorfgemeinschaften, regionalen und ökologischen Landbau und insektenfreundliche Kommunen aufstehen. Dann bleibt das Summen und Brummen erhalten.

Naomi Bosch lebt in Kroatien, macht ihren Master in Ökologischer Landwirtschaft, schreibt an einem Buch über Glauben und Nachhaltigkeit und bloggt auf plentiful-lands.com

Dr. Eckart von Hirschhausen, Foto: Dominik Butzmann / Gesunde Erde - Gesunde Menschen

Dr. Eckart von Hirschhausen: „Jedes Zehntel Grad zählt!“

Im Interview wettert Dr. Eckart von Hirschhausen gegen Klimaleugner und erzählt, warum er sich für den Klimawandel einsetzt. Sein Credo: Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend.

Herr Hirschhausen, manche bezweifeln den menschengemachten Klimawandel ja noch immer. Haben Sie dafür Verständnis?
Nein. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Es ist wahnsinnig anstrengend, mit Klimaleugnern zu diskutieren. Aber es ist dringend nötig, immer wieder zu betonen: Der Klimawandel ist real und menschengemacht. Und deshalb können und müssen wir Menschen etwas dagegen tun.

Wie dramatisch schätzen Sie die Lage ein?
Nach den drastischen Bildern der Flutkatastrophe im Sommer ist hoffentlich jedem klar: Wir müssen nicht aus Mitleid mit Eisbären das Klima retten – wir müssen uns Menschen retten. Die Klimakrise ist die größte Gesundheitsgefahr im 21. Jahrhundert – mit Hitzetoten, Extremwetterereignissen und auch neuen Infektionskrankheiten. Wir sind die erste Generation, die hautnah miterlebt, wie instabil das Erdsystem wird. Und die letzte, die verhindern kann, dass weitere Kipppunkte überschritten werden. Wer jetzt noch ein „Weiter so“ für einen gangbaren Weg hält, hat wirklich den Schuss nicht gehört.

Die nächsten zehn Jahren entscheiden über die nächsten 10.000 Jahren

Können wir der Folgen des Klimawandels noch Herr werden?
Die nächsten zehn Jahre werden darüber entscheiden, wie die nächsten 10.000 Jahre für unsere Zivilisation werden. Deswegen müssen wir schnell handeln – und zwar nicht jeder für sich allein, sondern überregional, europäisch und global. Es ist naiv zu glauben, wir würden in den nächsten Jahren eine Zaubermaschine erfinden, die das CO2 verschwinden lässt. Viel wichtiger ist es, endlich mit der dreckigen und teuren Kohleverstromung aufzuhören, denn die Atmosphäre ist eben nicht eine unendliche Müllhalde für Treibhausgase, sondern eine sehr dünne und empfindliche Haut der Erde. Und diese Schutzschicht macht den Unterschied, ob wir auf der Erde leben können oder nicht.

Gab es für Sie persönlich einen Moment, in dem Sie gedacht haben: So kann es nicht weitergehen. Ich muss selbst aktiv werden?
Es mag pathetisch klingen, aber eine Frau hat mein Leben verändert: Jane Goodall. Sie ist mit über 85 Jahren immer noch unermüdlich unterwegs in ihrer Herzensangelegenheit: das Überleben von Menschen und Tieren zu sichern. Bei einem Interview stellte sie mir die Frage, die mein Leben veränderte: „Wie kann es sein, dass die schlaueste Kreatur, die jemals auf diesem Planeten gewandelt ist, dabei ist, ihr eigenes Zuhause zu zerstören?“ Das war der Startschuss für meine Reise auf der Suche nach guten Antworten und mein aktuelles Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ ist so etwas wie das Fahrtenbuch.

Darin geht es um die Folgen des Klimawandels für unsere Gesundheit. Kurz zusammengefasst: Worin bestehen die?
Wenn das kurz ginge, hätte ich ja nicht 521 Seiten schreiben müssen! Ich habe die Buchkapitel nach Körperfunktionen gegliedert. Das wirkt ungewöhnlich, macht aber Sinn, da ich mich als Arzt am besten mit dem Körper auskenne. Und weil jeder von uns atmen, trinken, essen und schwitzen aus eigener Anschauung kennt. Und weil Feinstaub das Atmen, Mikroplastik das Trinken, industrielle Landwirtschaft das Essen und Hitze die Temperaturregulation massiv beeinträchtigen. Wer meint, dass die Wirtschaft wichtiger ist als die Gesundheit, kann ja mal versuchen, beim Geldzählen eine Weile lang die Luft anzuhalten!

Jede vermiedene Tonne CO2 zählt

Der Klimawandel stellt auch die drängende Frage nach der globalen Gerechtigkeit. Was empfinden Sie als besonders ungerecht?
Der Klimawandel bremst die Fortschritte der wirtschaftlichen Entwicklung zusehends aus. Forschende haben ermittelt, dass die Kluft zwischen armen und reichen Ländern heute um ca. 25 Prozent größer ist, als sie es ohne die Erderwärmung wäre. Das Bruttoinlandsprodukt geht in den ärmsten Ländern der Welt nach vielen Jahren der positiven Entwicklung wieder zurück. Der Welthunger-Index, der die Ernährungslage in 107 Ländern berechnet, zeigt: 14 Länder weisen heute höhere Hungerwerte auf als noch 2012. Die Schätzungen, wie viele Menschen dort, wo sie leben, nicht bleiben können und zur Flucht gezwungen sind, reichen von 140 Millionen bis zu 400 Millionen bis zum Jahr 2050. Klimaschutz, globale Gesundheit und Gerechtigkeit gehören zusammen.

Was möchten Sie Menschen mit auf den Weg geben?
Jedes Zehntel Grad zählt! Jede vermiedene Tonne CO2. Jede Stimme, die sich erhebt. Und jede Spende. Es ist nicht einfach, optimistisch zu bleiben, aber zwei Punkte geben mir Anlass zu Hoffnung. Erstens: Wir können noch etwas ändern, bevor globale Kipppunkte erreicht werden. Und zweitens: Wir sind viele. Das Thema ist im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Jugendliche gehen mit „Fridays for Future“ auf die Straße, Eltern und Großeltern unterstützen sie. Und auch die Politik kommt an dem Thema nicht mehr vorbei. Wenn ich mir jetzt noch ein Drittens wünschen dürfte: dass die ganze Diskussion mit ein bisschen Humor geführt wird, damit das Ganze nicht so verbiestert rüberkommt. Ich liebe die Plakate mit Augenzwinkern: „Kurzstreckenflüge nur für Insekten“, „Wozu Bildung, wenn keiner auf die Wissenschaft hört?“ oder „Klima ist wie Bier – zu warm ist doof!“

Klimakrise ist auch eine spirituelle Krise

Sie unterstützen auch immer wieder kirchliche Organisationen wie etwa Brot für die Welt. Was treibt Sie dabei an?
Für mich ist die Klimakrise auch eine spirituelle Krise, und die Kirchen und konfessionelle Einrichtungen könnten mehr als bisher Teil der Lösung sein. Denn: Wir haben eine positive Vision zu bieten! Die Abkehr von einem materialistischen Weltbild braucht eine positive Vision. Diese visionäre Kraft im Glauben gilt es wieder freizulegen und spürbar zu machen. Momentan kommen Veränderungsprozesse in die Sackgasse, weil Menschen zuallererst ihren Nachteil, ihren Verlust, ihren „Verzicht“ im Fokus haben. Die Diskussion wird von Katastrophendenken auf der einen Seite und der Angst vor einer „Ökodiktatur“ auf der anderen bestimmt. Wo wir Christen einen echten Dienst tun können: mehr über die Welt zu reden, in der wir leben wollen, eine positive Vision eines gerechten, solidarischen und friedlichen Miteinanders ins Zentrum zu stellen.

Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Wissenschaftsjournalist und Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“, deren Ziel es ist, die Zusammenhänge von Klimawandel, Umwelt und Gesundheit anschaulich zu machen. Neben seinen Aufgaben als Moderator und Autor („Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“) setzt er sich seit 2018 für eine medizinisch und wissenschaftlich fundierte Klimapolitik ein, unter anderem als Mitglied der „Scientists for Future“.

Thorsten Lichtblau ist Redakteur des evangelischen Entwicklungswerks Brot für die Welt, für das dieses Interview entstanden ist.

"Dafür stehe ich mit meinem Namen." Dieser Satz hat Claus Hipp berühmt gemacht. Zum 83. Geburtstag erzählt der Unternehmer, wie er die Landwirtschaft revolutionierte und was der Glaube für ihn bedeutet.

Claus Hipp im Interview: Das treibt den Kult-Unternehmer an

Claus Hipp war Vorreiter beim Thema Babynahrung. Im Interview erzählt der 83-jährige Unternehmer, wie er die Landwirtschaft revolutionierte und was der Glaube für ihn bedeutet.

Auf dem Weg ins Büro kommt Claus Hipp immer an der Wiege des Unternehmens vorbei: Der Reibstein, in dem sein Großvater 1899 Zwieback für den Brei seiner Zwillinge mahlte, steht im Foyer der Unternehmenszentrale. Umrahmt ist er von einem Kruzifix und großflächigen abstrakten Ölbildern, die Claus Hipp am Feierabend in seinem Forsthaus-Atelier malt. Nach rund 50 Jahren in der Unternehmensleitung hat er den Staffelstab mittlerweile an seine beiden Söhne abgegeben. Seitdem schläft er an manchen Tagen auch mal ein bisschen länger als bis 4:30 Uhr. So richtig zurücklehnen mag er sich trotzdem nicht: „Der Schreibtisch ist voll und die Arbeit geht weiter. Ich komme rein, helfe, wo ich kann, und bin wie ein Austragsbauer“, sagt er und spielt damit auf Landwirte an, die ihren Hof an die nächste Generation überschrieben haben. Hipp lebt immer noch auf dem Bauernhof seiner Familie, um dessen landwirtschaftlichen Betrieb er sich schon als Schüler gekümmert hat.

Bio seit den 1950ern

Herr Prof. Hipp, Sie werden oft als Bio-Pionier bezeichnet. Gefällt Ihnen das?
Ja. Denn dafür habe ich mich sehr engagiert, schon seit den Fünfzigerjahren. Das tue ich auch weiterhin und halte es für sehr wichtig. Die Bio-Bewegung ist nicht von einer Partei ausgegangen, sondern von der Wirtschaft.

Nehmen Sie uns doch mal hinein in das Jahr 1956, in dem Sie den organisch-biologischen Landbau für Ihr Unternehmen vorangetrieben haben.
Es geht sogar noch weiter zurück. Meine Mutter war Schweizerin und hat nach dem Krieg meinen Vater gedrängt, auch in der Schweiz Babynahrung zu verkaufen. Die Schweizer wollten aber kein deutsches Produkt und schon gar keine Babynahrung. Dass die Idee nicht funktioniert hat, hat sich unser damaliger Geschäftsführer so zu Herzen genommen, dass er krank wurde. Sein Arzt, Dr. Bircher-Benner, riet ihm dazu, seine Ernährung umzustellen und morgens mit einem Müesli anzufangen. Da sagte mein Vater: „Wenn es für Sie gut ist, ist es für andere auch gut“. Daraufhin haben wir in Deutschland das erste Müesli entwickelt, das wir dann in der Schweiz verkauft haben.

Weg von den Pestiziden

Das ist ja schon ein bisschen frech.
Durch Zufall sind wir dabei auf Dr. Hans Müller in Großhöchstetten gekommen, den Pionier des ökologischen Landbaus in der Schweiz. Er hat uns mit Getreide und Obst beliefert. Er war viel bei uns, hat mich oft bis spät in die Nacht unterrichtet und mich für biologischen Landbau begeistert. Damals habe ich als Schüler unseren Hof geleitet. Auf seinen Rat hin haben wir unsere Landwirtschaft auf bio umgestellt. Er hat uns auch davon überzeugt, Babynahrung aus Bio-Rohstoffen herzustellen, denn wir wollten in unserer Babynahrung keine Pestizid-Rückstände haben. Unser Schluss war: Wenn sie in der Rohstofferzeugung nicht angewandt werden, ist das die größte Sicherheit dafür, dass sie im Endprodukt nicht drin sind.

Hat Ihnen dieser Weg gleich eingeleuchtet?
Ja. Aber es war natürlich schwierig, weil die Umgebung nicht reif dafür war. Als erste Tätigkeit nach der Schule habe ich Bauern beraten und konnte sie davon überzeugen, biologischen Landbau zu betreiben. Ausschlaggebend war, dass die Gesundheit des ganzen Hofes zunimmt, wenn nicht mit Gift gespritzt wird. „Gesunde Pflanzen, gesundes Tier, gesunde Menschen“ – das hatte Albrecht Thaer schon 1750 gepredigt. Die Bauern wollten natürlich wissen, wie es mit dem Ertrag aussieht. Wir haben ihnen versprochen, Ernteausfälle zu vergüten, wenn sie weniger ernten würden. Dadurch haben dann manche Landwirte damit angefangen. Später wurden es immer mehr.

Nie gezweifelt

Sie haben die Produktion schrittweise auf Bio umgestellt. Gab es auch Momente, in denen Sie dachten: Was ist, wenn es nicht funktioniert oder wenn wir doch falsch liegen?
Nein, denn ich war überzeugt davon, dass es der richtige Weg ist. Und mit der nötigen Konsequenz im Handeln hat es dann auch geklappt.

Woher haben Sie den Mut genommen, es anders zu machen? Noch als Schüler entließen Sie den Verwalter Ihres Hofs, weil er ihn nicht so biologisch führen wollte wie Ihre Familie. Ist dieser Mut angeboren?
Unternehmer müssen immer weiter schauen. Bereit sein, Dinge anders zu machen und bestrebt sein, besser zu sein als die Mitbewerber.

Das hat Sie angetrieben.
Ja. Aber ich war auch überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist. Viele Jahre später hatten wir einen harten Wettbewerb mit Nestlé und deren Marke Alete. Mit unserer Umstellung auf Bio haben wir dem Handel gesagt: „Wir bringen etwas Neues, aber wir werden teurer.“ Der Handel hat das eingesehen, mit Ausnahme unseres Hauptkunden. Daraufhin haben wir 20 Prozent unseres Umsatzes von heute auf morgen verloren. Das war eine harte Zeit. Der übrige Handel hat unsere Haltung aber honoriert. Nach zwei Jahren hatten wir dieses Minus wieder aufgeholt.

Natur erholt sich schnell

Der Ehrensberger Hof, auf dem Sie mit Ihrer Familie leben, gilt als Musterbetrieb für Biodiversität. Welche Maßnahmen entwickeln Sie dort und wie profitieren Ihre 8.000 HiPP-Bio-Erzeuger davon?
Auf dem Ehrensberger Hof erforschen wir in Kooperation mit Wissenschaftlern und Naturschutzverbänden Methoden, die sich in der Landwirtschaft positiv auf Bodenfruchtbarkeit und die Artenvielfalt auswirken. Die Ergebnisse geben wir an unsere Bio-Bauern weiter und erhöhen damit die Anzahl besonders biodiversitätsfreundlicher Erzeuger. Gerade führen wir eine mehrjährige Studie durch, bei der wir die Insektenvielfalt auf ökologisch und konventionell bewirtschafteten Flächen untersuchen. Dabei konnten wir auf dem Ehrensberger Hof insgesamt 21 Prozent mehr Insektenarten sowie 60 Prozent mehr Schmetterlingsarten als auf der konventionellen Vergleichsfläche feststellen, darüber hinaus die doppelte Anzahl laut Roter Liste gefährdeter Arten.

Zudem konnten wir nachweisen, dass sich die Natur schnell erholt. Bereits ein Jahr nach der Umsetzung biodiversitätsfördernder Maßnahmen nimmt die Vielfalt auf den bislang konventionell betriebenen Flächen wieder zu. Mit ganz einfachen und pragmatischen Mitteln können wir das Artensterben verhindern. Wir müssen es nur wollen.

Was bedeutet es für Sie, im Einklang mit der Schöpfung zu leben?
Es heißt, ich erkenne an, dass es einen Schöpfer gibt, der über allem steht. Einen Schöpfer, dem wir auch Rechenschaft schuldig sind. Wir müssen alles unterlassen, bei dem wir seine Schöpfung schädigen oder ihr Dinge entnehmen, die unserer Generation gar nicht zustehen.

Fleisch „Die Menge macht’s“

Auf welche Dinge verzichten Sie selbst?
Beim Essen verzichte ich zum Beispiel auf einen zu hohen Fleischkonsum. Grundsätzlich soll jeder Fleisch essen dürfen, aber die Menge macht’s – und entscheidend ist auch die Qualität. Wenn wir sehen, dass die Stadt Wien täglich so viel Brot wegschmeißt wie die Stadt Linz verbraucht, dann stimmt etwas nicht. Seit vielen Jahren bin ich Schirmherr der Münchner Tafel: Dort vermitteln wir an unsere Gäste Lebensmittel, die verzehrfähig sind, aber vielleicht nicht mehr verkehrsfähig. Und da bewegen wir in der Woche Lebensmittel im Wert von über 100.000 Euro.

Wer war Ihnen ein Vorbild im Glauben?
Das waren meine Eltern. In der Familie haben wir gebetet und viel über Glaubensfragen erzählt bekommen. Wir sind in die Kirche gegangen und das war ganz normal.

Arbeit als Gebet

Sie schließen morgens in aller Frühe die Kapelle Herrnrast auf und beten dort. Gleichzeitig sagen Sie, Arbeit ist auch Gebet. Wie meinen Sie das?
Meine Arbeit kann ich als Aufgabe sehen, die mir von oben gestellt wurde. Dann ist es Gebet. Wenn ich aber in erster Linie möglichst viel Geld zusammenraffen möchte, ist es kein Gebet mehr. Ich kann schon schauen, Gewinne zu machen. Aber es kommt dann darauf an, was ich damit anfange und wie sozial ich die Mittel wieder einsetze.

Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Alltag?
Glauben heißt, etwas für wahr halten, was man nicht sehen oder verstehen kann. Es ist ein Akt des Willens. Wenn ich alles diskutiere und hinterfrage und mir alles logisch erscheint, dann ist es Wissen. Dann bleibt für den Glauben nichts mehr übrig. Wenn ich mich in einem kindlichen Vertrauen fallen lasse, fühle ich mich im Glauben geborgen und aufgehoben. Damit kann ich mehr tun als jemand, der nicht glaubt: Ich kann beten und hoffen, dass es gut wird.

Ja, und trotzdem erleben wir aber auch, dass manches eben nicht so läuft, wie wir beten oder worauf wir hoffen.
Ja, sicher. Die Welt besteht aus Gutem und Bösen. Sie ist so geschaffen und damit müssen wir zurechtkommen. Auch bei Paulus [in der Bibel, Anm. d. Red.] lesen wir, wie er sich selbst als Schwachen und Sünder bezeichnet, der gegen das Böse zu kämpfen hat. Wenn es ein Apostel schon machen muss, dann steht es uns auch zu.

Talente nicht vergraben

Gibt es einen Bibelvers, zu dem Sie einen besonderen Bezug haben?
„Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische!“ aus Kolosser 3,2. Das sagt eigentlich alles. Diesen Vers fand ich schon immer gut. Es hat in meinem Leben Situationen gegeben, in denen ich schwerwiegende Entscheidungen zu treffen hatte. In denen ich nach Gewissen, nach meinem Wertebewusstsein und meinen Überzeugungen entschieden habe. Und das war richtig.

Was macht Ihrer Meinung nach ein erfülltes Leben aus?
Jeder bekommt Talente und die soll man nicht vergraben. In meinem Leben habe ich mich bemüht, es gut zu machen. Aber ich hätte es auch sicher besser machen können.

Inwiefern hätte man es besser machen können?
Alles lässt sich besser machen. Es ist nicht so, dass ich in irgendeiner Weise stolz bin. Sondern ich bin mir meiner Schwächen bewusst und weiß, dass ich manchmal hätte mehr machen können. Und dass die eigene Trägheit oft davor steht.

Claus Hipp, der Tausendsassa

Es hätte ja gereicht, das Unternehmen zu leiten. Sie sind darüber hinaus Künstler und Kunstprofessor, Georgischer Honorarkonsul für Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen, spielen im Behördenorchester Oboe. Warum diese Vielfalt?
Erstmal wird es mir schnell langweilig. Und vielleicht ist es schon ein Bedürfnis, Bestätigung auch woanders zu suchen. Aber es war richtig, die Firma zu leiten. Mein Vater war auch ein sehr musischer Mensch. Er hat wunderbare Bilder gemalt, aber er hat zu mir gesagt, als wir über Berufe diskutiert haben: „Da hast du ein Unternehmen, aus dem du noch etwas machen kannst. Ob die Welt auf dich als Künstler wartet, kannst du vorher nicht wissen.“ Und da hat er Recht gehabt.

Ihr Vater ist gestorben, als Sie 29 Jahre alt waren. Inwiefern hat Sie das geprägt und welche Rolle spielt die Perspektive auf die Ewigkeit für Sie?
Dass das Leben kurz sein kann, ist ein Gedanke, der uns immer bewegt. Ich bin dankbar dafür, dass mein Leben schon so lange währt, aber es kann schnell vorbei sein. Manchmal diskutiere ich darüber mit meiner Frau. Sie wüsste immer gern, wie alt sie wird. Und ich frage dann: Was würdest du dann anders machen? Dann hat sie irgendwelche Ideen. Ich sage, lebe jeden Tag so, als ob er der letzte ist. Und wenn sich meine Mitmenschen einmal mit Wohlwollen an mich erinnern, bin ich zufrieden.

Interview: Debora Kuder

Das Unternehmen
HiPP wird von mehr als 8.000 Bio-Landwirten beliefert und ist damit einer der weltweit größten Verarbeiter biologisch erzeugter Rohstoffe. An allen HiPP-Standorten in der EU wird klimaneutral produziert, am Stammsitz in Pfaffenhofen und in Österreich bereits seit 2011. Bis 2025 will das Unternehmen klimapositiv werden und über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg mehr Treibhausgase ausgleichen als verursachen.

Susanne in Montur, Foto: Privat

Honig-Start-up: Susanne und Markus besuchen spontan einen Imker – und krempeln danach ihr Leben um

Eigentlich wollten Susanne und Markus Müller nur Urlaub machen. Doch der Ausflug überzeugt sie, eine Imkerei aufzubauen.

Eigentlich wollten sie nur „im Vorüberfahren“ eine Salbe kaufen, damals im Österreichurlaub 2014. Doch sie landeten bei jenem Imker, der sie schließlich mit seiner Begeisterung ansteckte. Susanne und Markus Müller beschäftigten sich gerade intensiv mit ihrer Zukunft. Susanne hatte Kommunikationsdesign und Markus Maschinenbau studiert. Aber als engagierte Christen wollten sie nicht nur eigenen Plänen folgen, sondern sich an Gott und seinen Gedanken ausrichten. Kaum etwas lag ihnen ferner als Honig. Den hatten sie noch nicht mal im Haus!

Doch dann blieben sie bei jenem Imker in Österreich hängen, der nicht ahnen konnte, was er mit seiner „Bienenschwärmerei“ auslöste. Susanne und Markus hörten zu, sahen sich um, ließen sich den Betrieb zeigen. Anschließend sahen sich die beiden im Auto an und wussten: Honigbienen – das wird unser Ding!

Völlige Überforderung

Zuhause in Brackenheim, 40 Kilometer nördlich von Stuttgart, krempelten die beiden Mittzwanziger gleich die Ärmel hoch: Parallel zum Imkerkurs und dem Studium von Bienenlektüre zogen bereits zwei Völker im Garten der Müllers ein. „Wir waren völlig überfordert“, lachen die beiden, als ich sie in ihrem Wohnhaus im Zabergäu besuche. Im Keller sind auch ihre zertifizierte Bioland-Imkerei und die Abfüllstation untergebracht. So einiges machte ihnen anfangs zu schaffen und vieles mussten sie erst mühsam durch Trial and Error lernen. Varroamilbe, Drohnenschneiden, Königinnenzucht – am Beginn alles noch Fremdwörter.

„Obwohl es sehr stressig war, haben sich für uns ganz viele Türen geöffnet“, staunt Markus im Rückblick. Was zunächst als Hobbyimkerei beginnt, weitet sich mit den Jahren aus. Als die drei Kinder dazukommen, nutzt Markus die Elternzeit unter anderem zum Ausbau des Betriebs, der immer mehr Raum im Leben der beiden einnimmt. Schließlich reduziert Markus seine Arbeitszeit als Ingenieur auf 80 Prozent.

Jede Menge Gottvertrauen

Dann kommt Corona und damit Kurzarbeit für Markus, was sich überraschend als eine weitere geöffnete Tür entpuppt, die sie als himmlisches Angebot wahrnehmen, den Übergang vom Neben- zum Vollerwerb anzupacken. Ihre Bienen bringen sie je nach Blütezeit an ganz unterschiedliche Standorte, manche mehrere Stunden Fahrt entfernt. „Unser Ziel sind 160 Völker“, erklären die beiden. Für ein neues Wirtschaftsgebäude haben sie gerade die Baugenehmigung erhalten. Und dabei soll es nicht bleiben, erzählt Susanne: „Ich träume von einem Naturgarten mit Bienenlehrpfad, der Stauden, Sträucher, Obstbäume sowie Rückzugsorte für Tiere und Insekten bieten soll.“

Das erste Jahr als Berufsimker stellte sie in diesem Jahr aber auch vor Zweifel und innere Kämpfe: Das Frühjahr und der Sommer waren extrem verregnet, die Ausbeute war wesentlich geringer als erhofft. Doch sie bleiben dran und ich staune über ihren Mut, den sie aus ihrem Glauben beziehen: „Wir setzen unser ganzes Vertrauen in Gottes Zusagen“, erklärt Markus.

Jeder Honigname hat eine Bedeutung

Und davon soll auch ihr Name „Werthonig“ erzählen. Am Esstisch der Müllers darf ich das Bienengold testen. Vor mir aufgereiht stehen Gläser, versehen mit Etiketten, die Wertmarken ähneln. Jede Honigsorte trägt einen besonderen Namen. Der duftige Lindenblütenhonig zum Beispiel heißt „Friede“. Markus erntet diesen Honig am Heilbronner Neckarufer unter Linden – und wo könnte man mehr Frieden finden als abseits von Straßenlärm? Der dunkle Weißtannenhonig trägt den Namen „Geduld“, weil dieser nur alle paar Jahre geerntet werden kann. Ihr Akazienhonig heißt „Hoffnung“, eine Anspielung auf die Empfindlichkeit der Blüte. Zudem steht auf jedem Etikett ein zu den jeweiligen Namen passender Bibelvers. Müllers hoffen vor allem, dass ihr Honig verschenkt wird: „Ein Glas Hoffnung oder Geduld für einen Freund im Krankenhaus: Das spricht seine eigene Sprache“, erklärt Susanne den Kern ihrer Vision. Honig ist hier also nicht nur süßer Brotaufstrich, sondern ein greif- und schmeckbarer Beweis für Gottes Fürsorge in jeglicher Hinsicht.

Und auch ich werde versorgt. Susanne und Markus schenken mir von jeder Honigsorte ein Glas und als ich nach Hause fahre, haben auf dem Beifahrersitz Vertrauen, Geduld, Hoffnung, Fülle, Trost, Freude, Liebe, Kraft und Geborgenheit Platz genommen. Letzteres, eine Honig-Zimt-Mischung, rühre ich abends meinen Kindern in ihre heiße Milch und muss denken, wie sehr sie göttliche Geborgenheit gebrauchen können und wie schön es ist, dass es Menschen gibt, die gleich mehrere Leidenschaften so sympathisch zusammenbringen.

Veronika Smoor ist Autorin, Referentin und Hobbygärtnerin. Mehr über Werthonig: werthonig.de

Symbolbild: Getty Images / E+ / lindsay_imagery

Ende der Plastik-Ära: Diese Beispiele zeigen, dass es vorangeht

Noch kann unsere Gesellschaft ohne Einweg-Verpackungen nicht leben. Aber es gibt gleich mehrere Hoffnungsschimmer.

Packung aufreißen, Folie abwickeln, Tetrapack leeren: Manchmal ist es zum Verzweifeln, wie schnell sich die Gelbe Tonne füllt. Von der eingeschweißten Gurke über abgepackten Käse bis zum Flüssigwaschmittel: kaum ein Produkt ohne Kunststoffhülle. Unser Planet ist plastifiziert. 4,3 Millionen Kunststoffverpackungen wurden 2020 in Deutschland produziert, die jährlichen Kunststoffabfälle haben sich seit 1995 mehr als verdoppelt. Vergangenes Jahr haben unsere Müllabfuhren wieder sechs Prozent mehr Plastik aus unseren Haushalten weggekarrt – insgesamt rund 40 Kilo pro Kopf jedes Jahr. Dabei landen die Becher, Folien und Behälter gar nicht immer in der Tonne. Allein die Elbe befördert jährlich 42 Tonnen Kunststoff in die Nordsee.

Dass die Menge an Plastikmüll steigt, hat verschiedene Gründe: Unsere Gesellschaft wird älter und mehr Menschen leben in Single-Haushalten. Senioren und Alleinstehende kaufen aber eher kleinere Portionen und die Verpackungen sind im Vergleich aufwändiger. Zudem nimmt der Trend zu Fertiggerichten, To-Go-Waren und sogenannten Convenience-Produkten zu: fertig geschmierte Sandwiches oder Salate etwa in Plastikboxen. Auch Einwegflaschen werden immer beliebter: Die Mehrwegquote ist seit 1997 von 72 auf 41 Prozent gesunken.

Pfandpflicht auch auf Energy-Drinks

Doch es tut sich was. Ideen zur Reduzierung und gesetzliche Änderungen für neue Rahmenbedingungen machen Hoffnung, dass der Abschied aus der Plastik-Ära zumindest denkbar ist. Ab 2022 wird beispielsweise die Pfandpflicht ausgeweitet. Für Saft, Smoothies, Apfelwein und Energy-Drinks galten bislang Ausnahmeregelungen, die nun entfallen. 25 Cent Pfand werden dann pro Flasche fällig. Darüber hinaus müssen ab 2025 Plastikflaschen mindestens zu einem Viertel aus recyceltem Kunststoff bestehen. Ab 2023 müssen größere Cafés und Restaurants Waren zum Mitnehmen auch in wiederverwendbaren Verpackungen anbieten.

Die Erwartung an solche gesetzlichen Bestimmungen ist immer auch, dass sie neue Entwicklungen auslösen wie etwa Mehrwegsysteme und verpackungsfreie Alternativen. Der durch seine Porter-Hypothese bekannt gewordene amerikanische Ökonom Michael E. Porter nennt in seinen Aufsätzen mehrere Fallstudien, die zeigen, wie umweltpolitische Maßnahmen sowohl zur Reduktion der Kosten wie auch zu Innovationen geführt haben. Er erwähnt beispielsweise japanische Recyclingbestimmungen, die beigetragen haben, den Produktionsaufwand bei Hitachi zu senken. Bei deutschen Unternehmen sieht er Wettbewerbsvorteile, weil Recycling-Gesetze einen Entwicklungsvorsprung ausgelöst hätten.

Start-ups gehen mit gutem Beispiel voran

Gerade kleinere Unternehmen gehen da oft mit guten Ideen voran. Das Hamburger Label Sea Me bietet beispielsweise Handseife, Spül- und Desinfektionsmittel in Pfandglasflaschen an. Sind sie leer, können sie über den Lebensmitteleinzelhandel zurück in den Mehrwegkreislauf gegeben werden. Das Start-up Repaq stellt seine Verpackungen aus pflanzlicher Zellulose, Wasser und Glyzerin her, die kompostierbar sind, ebenso wie die aus Jute hergestellte Versandkiste der Neugründung kompackt61. Das kleine Kieler Unternehmen Umtüten verkauft nachhaltige Brotbeutel und Lunchbags aus ökologischer Baumwolle aus Tansania und recycelten Jeansresten.

Doch auch große Unternehmen beginnen umzudenken. Der Konzern Henkel verwendet für die Flaschen mancher seiner Haarpflegeprodukte bis zu 98 Prozent Altplastik. Für seine Marke Nature Box verwendet er sogar sogenanntes „Social Plastic“, also Kunststoff aus Müll, der etwa vom Sozialunternehmen Plastic Bank an Stränden gesammelt wurde.

Auch dm geht voran: In 150 Filialen der Drogeriemarktkette können seit Oktober in einem Pilotprojekt leere Kunststoffflaschen von Pflege- und Reinigungsmitteln zurückgegeben werden. Damit will der Konzern testen, ob Kunden und Kundinnen dazu bereit sind.

Keine verpackten Gurken in Frankreich

Im August hat die Umweltorganisation WWF gerade ihre Studie „Verpackungswende jetzt“ vorgestellt. Fazit: „Eine kreislauforientierte und nachhaltigere Verpackungswirtschaft [ist] in Reichweite, wenn wir alle Hebel umsetzen und einen Systemwandel einleiten.“ Die Autoren schlagen etwa vor, einheitliche Richtlinien zu schaffen, um unnötige und überdimensionierte Verpackungen im Handel zu vermeiden, oder essbare Hüllen für Obst und Gemüse einzusetzen, um Schalen und Folien zu vermeiden, wenn die Sorten nicht ohnehin von Natur aus eine robuste Hülle haben.

In Frankreich dürfen schon ab 2022 rund 30 Obst- und Gemüsesorten nur noch ohne Plastikverpackung verkauft werden. Beispielsweise Äpfel, Gurken, Kartoffeln und Blumenkohl gibt es dann nur noch plastikfrei. Ab 2030 müssen dort Einzelhändler mit einer Ladenfläche von mehr als 400 Quadratmetern mindestens ein Fünftel ihrer Fläche für Mehrweg- und Nachfüllprodukte nutzen.

QR-Code macht Plastik sortierbar

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Auch die Recyclingquote ließe sich erhöhen, wie die WWF-Studie zeigt. Wirtschaftliche Anreize für Verpackungen aus recyceltem Plastik könnten dabei helfen, denn die Produktion ganz neuer Kunststoffe sei immer noch zu billig.

Die EU hat beschlossen, dass bis 2030 Verpackungen zu 55 Prozent wiederverwertet werden sollen. Derzeit liegt die Quote EU-weit bei rund 40 Prozent. Helfen soll dabei auch ein digitales Wasserzeichen – eine Art QR-Code in Briefmarkengröße, der verschiedene Informationen enthält und aufgedruckt wird auf Joghurtbecher & Co. Im Recyclingunternehmen erkennt die Kamera daran die Materialzusammensetzung, sodass die Verpackungen sortenrein sortiert werden können. Derzeit wird das Projekt in Kopenhagen getestet, 2022 soll es auch in Recyclingbetrieben in Deutschland und Frankreich eingesetzt werden. Mehr als 130 Unternehmen, darunter Beiersdorf, Dr. Oetker und Lidl, sind beteiligt.

Ein solches Engagement der Industrie, gestützt von Vorgaben der Politik und befürwortet von Bürgerinnen und Bürgern, macht Hoffnung, dass eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft möglich sein wird.

Von Anja Schäfer

Die Geschwister Sharon und Kevin Keiderling kümmern sich um den landwirtschaftlichen Betrieb. Foto: Verena Schnitzhofer, Monika Faes

Ein Konto für alle: Diese Biohof-Bewohner teilen sich fast alles

Seit zwei Jahren lebt die kleine Lebensgemeinschaft des Bruderhofs in Niederösterreich. Gemeinsam betreiben sie Biogemüseanbau und teilen nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihren gesamten Besitz.

Das Weinviertel in Niederösterreich, unweit der tschechischen Grenze, liegt eingebettet zwischen der letzten betriebsfähigen Windmühle Österreichs, idyllischen Weinbergen, malerischen Stadthäusern und den längsten Kellergassen Mitteleuropas. In diese seit der Ur- und Frühgeschichte besiedelte Gegend ist im Sommer 2019 eine kleine Lebensgemeinschaft gezogen, die ihr Eigentum teilt, für ihren Lebensunterhalt Gemüse anbaut und dabei nachhaltige Prinzipien anwendet.

Der erste Bruderhof entstand vor rund 100 Jahren in Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg suchten viele Menschen Halt, lebensbejahende Werte und Arbeit. Das junge Ehepaar Eberhard und Emmy Arnold, das sich im Zuge der „Jugendbewegung“ in Halle an der Saale kennengelernt hatte, wollte wenigstens für einige Personen eine stabile Lebensgrundlage schaffen und sammelte Leute um sich. Diese freiwillig gewählte, im Vergleich zum allgemeinen Mainstream auffallend „andere“ Lebensweise der Gemeinschaft, stützte sich dabei auf ihre christliche Wertebasis und gemeinsamen Güterbesitz. So konnte mit vereinten Kräften ein deutscher Hof in der Rhön als erster Standort gekauft werden. Als „Brüder unter Brüdern“ machten sie unter härtesten Bedingungen den kargen Boden fruchtbar. In der Folge bürgerte sich landläufig der Name „Bruderhof“ ein.

Flucht vor dem NS-Regime

Kurz vor seinem Tod 1936 konstatierte Eberhard Arnold, seines Zeichens tatkräftiger Herausgeber gesellschaftsrelevanter Magazine, „wenn wir nicht mehr für alle Menschen da sein können, wenn wir uns nicht mehr mit der Not und dem Leiden der ganzen Welt befassen können, hat unser Bruderhof keine Existenzberechtigung mehr.“

Gegen die „lebenszerstörenden Strömungen unserer heutigen Gesellschaftskultur, aber auch gegen unsere eigenen Schwächen und den Egoismus, der uns immer wieder im Weg steht“ suchten die Bruderhofbewohner von Anfang an eine friedliche Alternative. Während des NS-Regimes beispielsweise entzog man sich in der hauseigenen Schule der aufoktroyierten Lehrerschaft, indem alle Schulkinder samt ihrer Erzieher kurzerhand nach Liechtenstein flohen, um ihre Prinzipien zu wahren.

Manch ein Bruderhof hat über 200 Mitglieder

Bis dato werden sie nicht müde, sich für Gerechtigkeit, Glaubens- und Gewissensfreiheit einzusetzen. Die Gemeinschaft wächst – auch dank großer Familien – stetig. In manchen Bruderhöfen leben heute über 200 Personen. Weltweit verteilen sich etwa 2500 Mitglieder auf Niederlassungen in England, den USA, Paraguay und anderen Ländern.

Mitglied kann man frühestens mit 21 Jahren werden und nur nach eigener, freier Entscheidung. Viele haben ursprünglich einen deutschen Hintergrund, aber man assimiliert sich, wächst mit Englisch und Deutsch gleichermaßen auf. Diese Zweisprachigkeit hilft dann auch bei internationalen Neugründungen und beschleunigt die Integration in eine neue Umgebung. Da sich jeder neu gegründete Bruderhof selbstständig für ein Business entscheidet, von dem er leben will, spannt sich der Bogen mittlerweile von Herstellung innovativer Tischlerware über Produktdesign und Marketing bis hin zur Landwirtschaft.

In den letzten Jahren streckte man die Fühler zurück in den deutschsprachigen Raum aus, pflegte Kontakte zu Christen verschiedener Konfessionen in Österreich. Letztlich eröffnete der Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn, persönlich vom tiefen Anliegen der Versöhnung geprägt, die Möglichkeit für den Kauf des Retzer Gutshofes. Damit schließt sich ein Kreis, denn genau aus diesem Gebiet wurden vor rund 500 Jahren die sogenannten „Täufer“ im Zuge der Gegenreformation aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen vertrieben. In ihren Überzeugungen können sie als geistliche Vorfahren des Bruderhofs gesehen werden.

Nur ein Bankkonto

Nachdem der Gutshof bereits früher biologisch geführt wurde, war die Art der Selbstversorgung für diesen Standort rasch geklärt: Biogemüseanbau mit Ab-Hof-Verkauf. Und so nährt heute der Boden diese „alten“ Wurzeln und lässt neues Leben erblühen.

Der Ort erwies sich von Anfang an als optimal: der Dreiseithof besteht aus mehreren Hof- und Wirtschaftsgebäuden, die für Gemeinschaftsräume, Großküche, Büros, Arbeits- und Kühlräume adaptiert werden konnten. Seit 2019 zogen einzelne Bruderhofleute und ganze Familien von anderen internationalen „Settlements“ hierher, im Moment sind es 25.

Kinder und Eltern leben im Familienverband, Singles nach Geschlechtern getrennt in Gemeinschaftszimmern. Dass die Gruppe „alles gemeinsam“ besitzt, ist vielleicht der ungewöhnlichste Aspekt des Zusammenlebens. Persönlicher Besitz sowie Erträge, die man für den gemeinschaftlichen Lebensunterhalt erwirtschaftet, wandern in die gemeinsame Kasse. Es existiert auch nur ein einziges Bankkonto pro Bruderhof. Für Kleidung, Unterkunft und Essen wird gesorgt. Der Einzelne bringt sich seinen Gaben und Interessen gemäß ein, erhält aber weder Lohn noch Taschengeld. Nur für Schüler gibt es der Einfachheit halber Wochengeld. „Das heißt aber nicht, dass man auf alles verzichten müsse, was Konsum angeht“, erklärt Andi Zimmerman, der Leiter der österreichischen Niederlassung. Will jemand beispielsweise ein Buch kaufen oder mit Besuchern eine kalte Jause mit heurigem Wein genießen, geht er zum lokalen Finanzverwalter und bekommt die benötigte Summe. Im Prinzip kann auch jeder kaufen, was er will. Die Gemeinschaft hält sich gegenseitig in der Mäßigung verbindlich.

Aus dem Weg gehen kann man sich nicht

Natürlich kommt es auch immer wieder zu Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. „Das wichtigste ist, ehrlich mit- und untereinander zu sein. Egal welches mitmenschliche Problem auftaucht, es gilt, dieses anzusprechen“, meint Andi. Es sei wichtig, eine Lösung zu suchen: „Man kann sich schließlich auf engem Raum kaum länger aus dem Weg gehen.“ Gemeinsam mit seiner Frau Priscilla und den drei Kindern lebt er in einem ehemaligen Dominikanerkloster in der Nähe. Denn der Raum am Hof wurde bereits zu knapp. Ein im Kloster zur Verfügung gestellter Trakt beherbergt auch ein Gästehaus für Besucher wie uns, die in dieses „andere Leben“ hineinschnuppern wollen.

Wie andere junge Erwachsene erkunden auch Bruderhöfler gerne die Welt. Bewusst lässt man sie ziehen, ihre eigenen Wege gehen und Ausbildungen machen. So kam Terrence Meier, 21, vor etwa zehn Monaten alleine von einer englischen Niederlassung hierher, um bei diversen Bau- und Renovierungsaufgaben Hand anzulegen. Später will er im nahen Wien Musikwissenschaften studieren. „Wir haben bereits einiges umgesetzt: zwei Gästezimmer, ein Badezimmer und Büros. Nun bauen wir eine Werkstatt auf, um für weitere Bauvorhaben und kleine Tischlerarbeiten gerüstet zu sein.“ Dafür bietet das große Gelände genug Einsatzmöglichkeiten.

Aidan Manke, 18, hingegen zog mit seiner ganzen Familie von England hierher. Er schätzt die kleinere Community, die nach dem Abendessen viel spielt und singt. Nächstes Jahr will er gerne vor Ort als Rettungssanitäter mit dem Roten Kreuz aushelfen.

Bio-Anbau im Garten

Die Geschwister Kevin und Sharon Keiderling zeigen uns schließlich das Herzstück des Gutshofs: den Garten. Für Sharon war das der eigentliche Grund, von England nach Österreich umzusiedeln: „Ich bin sehr an regenerativer Landwirtschaft interessiert und möchte gern mehr darüber lernen.“ So geht es uns auch. Kevin, der wiederum mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern hier lebt, verwaltet den gesamten Ablauf der alternativen Versorgung. Fachmännisch führt uns der gelernte Landwirt in die für uns neue Welt des „Market Gardening“ ein, einer biointensiven Anbautechnik aus dem 19. Jahrhundert, bei der Gemüse auf kleinem Raum dicht gepflanzt wird.

Während uns draußen der Wind um die Ohren pfeift, erfüllt uns beim Betreten des Gewächshauses eine angenehme, warme Stille. Hier werden beispielsweise Paprika und Paradeiser, also Tomaten, vorgezogen. Alle zwei Wochen werden neue Salate gepflanzt – im Laufe des Jahres zehn verschiedene Sorten. Für die Wintersaison werden bereits Vitamin-C-reiche Kohlarten produziert. Der Folientunnel wurde selbst ausgeklügelt und gebaut. Über den Winter kann er beheizt werden, um ein dauerhaftes Sprießen der Sämlinge zu gewährleisten. In den kleinen Keimzellen, wo jeweils vier Samen eingelegt werden, entdecken wir die Beschriftung „Rubinetto“ und denken an Lieblingsapfel – aber damit liegen wir falsch, wie sich noch herausstellen wird.

Natürlicher Kompost hilft beim Wachsen

Vor dem Gewächshaus fasst Sharon in einen großen Behälter. Reiner, dunkler Kompost rieselt durch ihre Finger: So sieht also die wertvolle Umsetzung von Pflanzresten, Holzspänen, altem Heu und Pferdemist aus, die hier drin ein gutes Jahr unberührt ruhten. Aus diesen Resten wird Neues! Das Kompostierungssystem ist lediglich auf Luft und Wasser angewiesen („aerob“). „Optimal ist ein Wassergehalt von 70 Prozent“, erklärt uns Kevin. Wenn nicht gewendet wird, können sich zudem Bodenpilze und andere Mikroorganismen besser entwickeln. Das Endergebnis wird später als natürlicher Dünger in kleinsten Mengen dem Gießwasser beigemengt.

Auch zum Neuanpflanzen ist der Kompost wichtig: „Wenn man ein neues Beet anfängt, verteilt man einfach Kompost auf der Oberfläche, das unterdrückt erst einmal die Unkräuter“, sagt Kevin. Dadurch werde der Boden humoser und könne Wasser und Nährstoffe besser speichern. „Dann pflanzt man direkt in den Kompost rein. Reifes Gemüse wird abgeerntet, indem man es einfach an der Oberfläche abschneidet.“ Die Wurzeln werden im Boden belassen, darauf kommt eine kleine Schicht Humus, in die wiederum direkt gesät oder gepflanzt wird. Das Boden(innen)leben wird auf diese Weise bewahrt und kann sich optimal vermehren.

Ohne Chemie, dafür viel Handarbeit

Das „Market Gardening“ geht auf die Gärtner Jean-Martin Fortier und Eliot Coleman zurück. Es beschränkt sich auf die Größe, die noch in Handarbeit zu bewältigen ist. Der Traktor wird nur für den Abtransport der geernteten Schätze verwendet. Klug werden daher Gemüsearten ausgewählt, die den besten Ertrag pro Quadratmeter erzielen. Dabei achtet man besonders auf Diversität und Symbiosen von Pflanzen, die einander im Wachstum unterstützen.

„Landbau ohne Chemie kann nur funktionieren, wenn alle zusammen helfen und mit anpacken“, folgert Kevin. „So ist es öfter nötig, dass wir abends noch alle aufs Feld gehen und die Beete durchjäten.“ Die Gartenarbeit hat aber auch einen gemeinschaftsfördernden Aspekt, findet die 22-jährige Felicity Goodwin, die mit ihrem „grünen Daumen“ in diesem Metier heimisch ist.

Schließlich bewundern wir ein Beet mit allerlei Salaten. Kevin wählt einen Kopf aus und reicht ihn uns: „Das ist ein Rubinetto!“ Kein Apfel also, sondern ein kunstvoll gebildeter roter Eichblattsalat.

Im Gemüsewaschraum wird gerade das saisonal geerntete Gemüse gesäubert, Microgreens werden abgewogen und eingetütet sowie in die beliebten Abokisten verpackt. Auch selbstgemachte Aufstriche, Pies, Cookies, frische Hühnereier und Honig sind im Angebot.

Alle essen gemeinsam

Mittlerweile ist es Mittag geworden und uns knurrt der Magen. So kommen wir noch in den Genuss eines leckeren, frisch zubereiteten Essens. Und auch hier ist der Betrieb bestens eingespielt: Mehrere Köche der Gemeinschaft bereiten regelmäßig alle Mahlzeiten zu. Wer sich gerade im gemeinschaftlichen Essraum aufhält, deckt den Tisch. Wenn möglich, essen alle gemeinsam. Als Besucher erleben wir das als eine wohltuende Unterbrechung des Alltags und ein bewusstes Ruhen der Arbeit. Es wird Wert auf persönlichen Austausch gelegt. Zum Schluss stürzen sich besonders die Jungen lachend in den Wasserspaß und waschen den Geschirrberg händisch ab.

Uns fasziniert bei unserem Besuch immer wieder die authentische Freude von Jung und Alt. Eine Ausgeglichenheit und auch eine tiefe Wertschätzung füreinander sind zu spüren. Eberhard Arnolds Gedanken aus der Gründungszeit sind sichtbar lebendig geblieben: „Alles in unserem Leben sollte Ausdruck der gegenseitigen Liebe sein. So ist Arbeit nicht von unserem Leben getrennt, sondern wird aus Freude am Dienst füreinander getan. Dazu gehören auch die Arbeit in der Waschküche, die Zubereitung der Mahlzeiten, die Sorge für die Kinder und Alten, und nicht zuletzt die Arbeit in Feld und Garten.“

Verena Schnitzhofer vernetzt Vordenkende im Quo Vadis Institut in Salzburg. Monika Fees ist Lehrerin und stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Evangelischen Allianz.

Die Produkte des Gutshofs sind unter gutesvomgutshof.at zu finden, Infos zum Bruderhof gibt es unter bruderhof.com.

Ein ausgetrocknetes Flussbett wirkt, als wäre nie Wasser hindurchgeflossen, Foto: ora Kinderhilfe / Markus Malbach

„Frost kannten wir nicht“ – Klimawandel trifft Kenia besonders hart

Hunger ist in Kenia ein großes Problem, das durch den Klimawandel noch verstärkt wird. Die Bäuerinnen und Bauern wissen mit den neuen Bedingungen nicht umzugehen. Aber es gibt Lösungen.

Energisch schieben die kleinen Weißkohlpflänzchen ihre grünen Blätter aus dem groben Ackerboden. Neben ihnen sind in regelmäßigen Reihen dünne, schwarze Schläuche mit kleinen Löchern verlegt und benetzen die Erde direkt an den Wurzeln. Gepumpt wird das Wasser ganzjährig mit Solarkraft aus 250 Metern Tiefe. Hier in Ilbisil, im trockenen Süden Kenias, wird durch die Umsetzung dieser Idee der Gemüseanbau möglich.

Projekte wie dieses vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierte Tröpfchenbewässerungssystem machen Hoffnung. Denn die Folgen des Klimawandels sind überall im Land zu spüren: Die Temperaturen sind in den letzten Jahrzehnten gestiegen, erstmals herrschen Bedingungen, in denen Wirbelstürme entstehen. Die Winde werden stärker, die Regenphasen kürzer, im Norden gibt es Überschwemmungen, im Süden bleiben die Niederschläge aus.

Bevölkerungswachstum wird zum Problem

Während meiner zweiwöchigen Reise durch Kenia begegne ich allen diesen Phänomenen und kann nun besser verstehen, welche Mühen sie den Menschen bereiten. Der Klimawandel ist nicht die einzige Ursache für viele Probleme im Land. Eine weitere ist das schnelle Bevölkerungswachstum, durch das die ohnehin begrenzten Ressourcen noch knapper werden. Doch der Klimawandel verstärkt eindeutig die Herausforderungen im Land.

Elvis Mutahi G. zeigt mir ein Projekt in Kinari, etwa 80 Kilometer nördlich von Nairobi, das hilfsbedürftige Bauernfamilien unterstützt. Auf einem halben Hektar Land bauen zehn landwirtschaftliche Gruppen aus jeweils 15 Personen Kohl, Spinat und Kartoffeln an. Von der Ernte wird jeweils ein Teil verbraucht, ein Teil verkauft und ein weiterer als Saatgut zurückbehalten.

Schädliches Pflanzenschutzmittel aus Verzweiflung

Es ist kalt und regnerisch, als ich die Menschen dort treffe. Während wir in einem Zelt zusammensitzen und süßen heißen Tee trinken, berichtet uns Fidelis D. von den klimatischen Herausforderungen in diesem Jahr. „Es ist mit 17 Grad Celsius viel zu kalt für diese Jahreszeit“, erzählt sie. „Es regnet entweder zu viel oder zu wenig. Derzeit macht der Frost die Pflanzen kaputt.“ Die anderen Mitglieder der Community bestätigen ihre Worte mit traurigem Nicken. Einer ergänzt: „Frost ist für uns ein neues Phänomen, das kennen wir nicht und wissen damit nicht umzugehen.“ Derzeit begegnen die Bauern der Kälte, indem sie mehr Pflanzenschutzmittel sprühen. „Wir wissen, dass das schädlich ist“, sagt Elvis. „Doch die Bauern sind verzweifelt. Sie möchten die Ernte retten, die Pflanzen schützen und denken, wenn sie die Blätter genügend einsprühen, werden sie umhüllt und bleiben vom Frost verschont.“

Mehr Pestizide verursachen weitere Probleme. Nachweislich befinden sich mehr Rückstände im Grundwasser. Elvis berichtet, dass mehr und mehr Kinder aus der Gegend rund um Kinari unter Magen-Darm-Erkrankungen leiden; Bauchschmerzen und Durchfall haben zugenommen. Auch Geschwüre und mehr Krebsleiden sind unter den Erwachsenen bereits aufgetreten. Ob das nur an den Pestiziden liegt, vermag Elvis nicht zu beurteilen. Ganz ausschließen will er es nicht.

„Die Menschen hungern“

Er und sein Kollege John Gitau N. haben es als lokale Projektverantwortliche gerade nicht leicht. Für über 400 Familien sind sie verantwortlich, viele Klagen und Hilferufe hören sie sich an. „Die Menschen hungern“, berichtet John. „Natürlich wenden sie sich dann an uns. Sie wollen Hilfe – und am besten, dass wir das Wetter ändern“, sagt er und sein Lachen klingt ein wenig resigniert.

Der Norden von Kenia war dank seines gemäßigten Klimas früher einmal sehr fruchtbar. Die Menschen konnten sich auf die beiden großen Regenzeiten im Frühjahr und Herbst ebenso verlassen wie auf die konstanten Tagestemperaturen zwischen 23 und 27 Grad. In guten Jahren wurde drei bis vier Mal geerntet. Diese Zeiten sind vorbei, erklärt Timothy J. Kai Banda. Der 54-Jährige arbeitet seit 1990 als Metereologe am Kenya Meteorological Department in der Region Kilifiund hat sich auf den Klimawandel spezialisiert. Er sagt: „Die Daten, die wir über Jahre gesammelt haben, belegen eindeutig, dass die Extreme weiter zunehmen. Die Tendenz ist nicht mehr aufzuhalten, das gemäßigte Klima geht seinem Ende entgegen.“

Nationaler Notstand

Die nächsten Tage verbringe ich im Süden des Landes. Der Kontrast zum kalten und feuchten Norden könnte kaum größer sein. Der Temperaturunterschied liegt bei 13 Grad Celsius. Heiß und trocken ist es in Ilbisil, etwa 120 Kilometer südlich der Hauptstadt Nairobi.

Der Staub legt sich auf die Haut, die Kleidung und die Haare. Das Volk der Massai lebt hier. Sein traditionelles Nomadenleben kann es schon seit Jahren nicht mehr führen. Von Wasserstelle zu Wasserstelle zu ziehen, ist unmöglich geworden. Seit sechs Monaten herrscht hier eine der schlimmsten Dürren, die es jemals gegeben hat. Ich bin gerade im Land, als der kenianische Präsident Uhuru Kenyatta am Abend des 9. September 2021 wegen der Trockenheit den nationalen Notstand ausruft. Alles sieht beige und braun aus, selbst die Akazien tragen kaum noch Grün in ihren Kronen. Die Flüsse sind ausgetrocknet. Der größte Strom der Gegend, der Sarimoi River, wirkt, als wäre nie Wasser durch ihn geflossen. Staubtrocken ist der Boden, die Flussufer sind nicht einmal mehr als solche zu erkennen. Die Menschen machen einen ausgezehrten Eindruck. In den Gesichtern der Kinder sitzen die Fliegen. „Auch die Insekten haben Durst“, erklärt mir John. „Die Fliegen und Moskitos setzen sich auf die Schleimhäute, damit sie trinken können. Die Kinder sind so daran gewöhnt, dass sie sie nicht einmal mehr vertreiben.“

Es braucht eine andere Ernährung

Seit zehn Jahren arbeitet der Agronom Peterson Kimathi Ngain (39) mit Bäuerinnen und Bauern aus Kenia zusammen. Die Tröpfchenbewässerung in Ilbisil ist eins seiner Pilotprojekte. Neben Solarpumpe und Bewässerungsanlage stehen hier zudem drei Gewächshäuser für den Gemüseanbau. In verschiedenen Regionen des Landes war er schon tätig und hat noch mehr Ideen, wie sich die Situation verbessern ließe: „Wir müssen wieder mehr einheimische Pflanzenarten anbauen: Pflanzen, die dürreresistenter sind wie zum Beispiel Amaranth, Kuhbohnen oder Muskraut.“ Eine Sortenvielfalt sorgt überdies für mehr Nährstoffe und verhindert Mangelernährung. Daneben plädiert der Agronom dafür, Wissen darüber zu vermitteln, wie Lebensmittel haltbar gemacht werden können: „Die Menschen müssen lernen, wie man Feldfrüchte lagert oder so verarbeitet, dass man viele Monate davon essen kann“, sagt er und benennt damit ein Problem, das mir immer wieder in Afrika begegnet: Wenn es etwas zu ernten gibt, gibt es etwas zu essen. Kann gerade nichts geerntet werden, bleiben die Teller leer.

Das kulturelle Wissen zur Konservierung von Lebensmitteln wie salzen, fermentieren, einkochen oder räuchern gibt es vielerorts nicht. Oft ist es durch Kriege, Naturkatastrophen oder Krankheiten verloren gegangen, weil es nicht von einer Generation an die nächste weitergegeben werden konnte. Die Folge: „Wir ernten nur, was wir heute essen“, erzählt mir Elvis. Hier in Ilbisil ist unsere Organisation ora Kinderhilfe gerade dabei, mit einfachen Mitteln etwas zu ändern: Neben den Gewächshäusern wird aus Holzgestängen ein Lager errichtet, wie es im Norden in Kinari schon eine Weile steht. Dort werden erfolgreich Kartoffeln gelagert und vor dem Schimmeln bewahrt. In Ilbisil sollen Tomaten aus dem Gewächshaus die ersten Früchte sein, die im Lager Platz finden. Im Dezember sind sie erntereif.

Carmen Schöngraf ist Geschäftsführerin von ora Kinderhilfe international e. V., einer christlichen Organisation, die unter anderem in Kenia Projekte entwickelt, die Einkommen für die Menschen schaffen.

Symbolbild: Getty Images / E+ / Bartosz Hadyniak

Großprojekt: „Afrikas grüne Mauer“ soll Fluchtursachen und Klimaerwärmung bekämpfen

Mitten in Afrika entsteht gerade ein riesiger Grünstreifen. Seine Wirkung wäre enorm. Das Projekt kommt jedoch nur schleppend vorwärts.

Quer durch den afrikanischen Kontinent soll über eine Länge von 8.000 Kilometern ein Grünstreifen durch die gesamte Sahelzone gepflanzt werden: die „Great Green Wall“, auf deutsch auch „Afrikas grüne Mauer“ genannt.

Perspektive für viele

2005 wurde das Projekt von der Afrikanischen Union beschlossen und elf Nationen starteten damit. Inzwischen ist die Unterstützung auf 21 afrikanische Staaten angewachsen, zusätzlich fördern es unter anderem Weltbank, UN und EU.

Wenn dieses Menschheitsprojekt verwirklicht wird, kommt es dem Klima des ganzen Planeten zu Gute. Vor allem aber soll es die Ausbreitung der Sahara nach Süden stoppen und damit den Verlust fruchtbarer Böden. Vor Ort entstehen Arbeitsplätze, Landwirtschaft wird möglich und die ganze Region stabilisiert. Rund 50 Prozent der Bevölkerung in der Sahelzone sind unter 15 Jahre alt. 60 Millionen von ihnen könnten laut Schätzungen bis 2045 aus mangelnder Zukunftsperspektive die Flucht nach Europa antreten. Viel besser wäre es, ihnen zu Hause eine Perspektive zu verschaffen. Aufforstung, Bodenverbesserung, Arbeitsplätze vor Ort sind dafür entscheidende Mittel.

Bisher ein Mosaik

Soweit die Vision. Oder der Traum? Denn die Erfolge sind bisher bescheiden. Gerade einmal 15 bis 20 Prozent der angedachten Fläche sind nach nunmehr 15 Jahren bepflanzt worden. Sichtbare Aufforstung gibt es bisher vor allem im Senegal, dem ganz im Westen am Atlantik gelegenen Start des gedachten gigantischen Grünstreifens. Grüner wird es zudem in Burkina Faso, Nigeria und in Äthiopien, das der Aufforstung politisch große Priorität einräumt. In anderen Staaten hindern unter anderem Terrorismus und Korruption die Fortschritte.

Verantwortliche sprechen daher zurzeit weniger von einer Mauer, sondern lieber von einem großen grünen Mosaik. Und das mag in der Verwirklichung einer großartigen Vision auch sinnvoll sein: An vielen verschiedenen Stellen das Machbare tun, damit es sich stabilisiert und entwickelt. Zudem könnte eine durchgehende Mauer an solchen Orten gar nicht sinnvoll sein, wo niemand lebt, der die Bäume pflegt. Diese und weitere Lernerfahrungen gehören auch zu einem Mammutprojekt wie diesem dazu.

Text: Johannes Fähndrich. Weitere Infos: greatgreenwall.org